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10. Februar 1933
Das ist sehr schlimm, daß das Übel nun auch dich erfaßt hat, und ich kann wirklich nur hoffen und wünschen, daß es dich nicht zu sehr mitnehme, daß deine Krankheitszeit unter ebenso freundlichen Sternen stehe wie die meinige und daß du den Deinigen und der Kirche bald wieder genesen zurückgegeben werden möchtest. Wie schade, daß es so weit ist und ich nicht herbeieilen und das eine und andere nachdenkliche Gespräch am Bettrand mit dir führen kann. Gewiß hast du im Fieber auch ganz besondere Erleuchtungen, von denen man gerne profitieren würde. Mir sind nachher die seltsamsten Sprüche berichtet worden, die ich in diesem Zustande getan haben soll, aber bei dir ist das sicher noch ganz anders gehaltvoll und lehrreich. Also gute, gute Besserung, viel Geduld, wenn du auch so Kopfweh bekommen solltest, und viel reiche Begegnungen mit der Weisheit im Unterbewußtsein!!
Ich bin in der Tat ins Labor zurückgekehrt und bin jetzt wieder bei Lessing1, über den mir einige weitere Erkenntnisse aufgegangen sind. Würde es dich nicht auch gelüsten, ein zweites Leben als Historiker zuzubringen? Es ist doch Alles so merkwürdig, sobald man es aus der Nähe betrachtet. Aber die Jahre, wo man noch einigermaßen bei Vernunft und Kräften ist, sind jetzt schon ziemlich gezählt, und so wird man |358 wohl damit rechnen müssen, daß es sehr viele Dinge gibt, die zu ergründen man die Zeit nicht mehr finden wird, so gerne man es wollte.
Hast du die Besprechung von Emils Ethik
📖 von Werner gesehen? Der Unselige, nach dem wahrhaft vernichtenden Lob von Köberle2 nun auch noch der Ruhm, man könne seinen Offenbarungsglauben ablehnen und die darauf gebaute Ethik doch ganz gut heißen3! Merkt er denn nicht, was das bedeutet??
Aber nun möchtest du von mir wissen, was ich von der Kundgebung eurer Studienkommission zu der Genfer Sache4 halte. Ich hätte eigentlich lieber geschwiegen dazu als zu einer Angelegenheit, die ich von weitem gewiß nicht richtig zu beurteilen vermag, und du mußt also Alles, was ich sage, in die Klammer setzen, daß ich von mir aus wirklich nicht |359 den Drang gefühlt hätte, mich dazu zu äußern, und daß ich mir, hier in meinem Bonner Studierzimmer über dieses Aktenstück nachdenkend, ohne die schweizerische Situation ganz konkret vor mir zu haben, die eigentliche Kompetenz zu einer solchen Äußerung selbst wirklich nicht zusprechen kann. Aber sei es denn! — Laß mich dir also gestehen, daß ich die Blätter gleich das erste Mal und dann doch auch nachher wieder mit einer gewissen Beunruhigung gelesen habe. Ich finde keinen Satz darin, dem ich nicht an sich zustimmen könnte. Ich könnte mir auch vorstellen, daß ich gar nicht beunruhigt wäre, sondern die Sache für schlechterdings gut halten könnte, wenn es sich um die Wiedergabe eines in einer Pfarrkonferenz in einer bestimmten dialektischen Situation gefallenen Votums handeln würde. Aber nun redet doch da nicht ein Einzelner ein Diskussionswort, sondern da gibt, verkörpert in dieser Kommission, die Kirche Rede und Antwort. Der Aufruf müßte es vertragen können, als sozusagen dienstliche Kundgebung etwa neben den Rapport des Genfer Truppenkommandanten oder neben das Blau- oder Weißbuch, das der Bundesrat vielleicht zu der Sache veröffentlichen wird5, gelegt zu werden, ohne diesen Werken der Kinder dieser Welt [vgl. Lk. 16,8] gegenüber durch geringere Präzision, Bestimmtheit und Umsicht zum vornherein im Nachteil zu sein. Und da ist mir nun schon angesichts der Sprache des Schriftstücks nicht so recht wohl. Dürfte es nicht etwas weniger rhetorisch und etwas weniger gesprächig sein? Dürfte nicht etwas mehr Denkarbeit geleistet und dürfte dann nicht auch etwas kategorischer geredet werden? Müßte in einer solchen Kundgebung nicht schon formell und sprachlich sichtbar gemacht werden, daß nicht nur die wogende Reflexion eines Einzelnen oder einiger Einzelner, sondern eben ein bestimmtes Wissen der Kirche dahinter steht und daß darum der Leser nicht nur eingeladen ist, etwas zur Kenntnis zu nehmen, wie er etwa einen Artikel von Ernst Staehelin |360 über die zerstörte Schöpfung6 oder dergl. zur Kenntnis nimmt zwischen zwei Schlücken Kaffee, sondern daß ihm da etwas gesagt werden soll, was er sich freilich vielleicht nicht sagen lassen will, was aber darum nicht minder gesagt und nicht bloß so kollegial gemeint ist. (Schau, gerade hier weiß ich nicht so recht, ob ich vielleicht unbewußt schon ein wenig verpreußt bin, so daß mir die gewisse kollegial-gemütliche Beredsamkeit des Schriftstücks nicht so recht einleuchten will, obwohl sie vielleicht für die Schweiz die einzig mögliche Sprache ist.) Ich schicke dir eine in der Absicht offenbar ähnliche — allerdings nicht nur an die Pfarrer, sondern an alles Volk gerichtete — Kundgebung aus Altona7: sie ist vor gedrängt vollen Kirchen verlesen worden, und irgendwo sei die Menge beim Hinausgehen spontan in das Lied: «Erhalt uns Herr bei deinem Wort»8 ausgebrochen. Du wirst sofort sehen, daß man inhaltlich nur zum Teil einverstanden sein kann — sie gogärtelt bedenklich —, und auch sprachlich-formal möchte ich nicht sagen, daß ich nun einfach das meine. Aber du verstehst, etwas in der Richtung — in der Richtung des unbekümmert Theologischen und des ernst Bekenntnismäßigen, etwas, worauf in der Tat ein Choral die normale Antwort sein müßte — oder auch ein zünftiger Fluch, aber irgendetwas Qualifiziertes, aber nicht nur ein lässiges: «Aha, die meinen…!» (Nochmals: ich weiß nicht, ob ich nicht, indem ich auch nur in diese Richtung weise, von dort aus gesehen utopisch rede. Aber ich glaube allerdings, daß ich nach meinem jetzigen Dransein, auch wenn ich dort wäre, in dieser Richtung steuern, d. h. an dem schweizerischen Verhandlungstisch schon äußerlich das Zeichen eines kleinen strengen Fremdkörpers aufrichten würde.)
Aber nun ist mir doch auch inhaltlich, obwohl ich dem, was dasteht, im Einzelnen durchweg zustimmen kann, nicht so recht wohl bei der Sache. Kurz gesagt: das Schriftstück kippt mir zu stark um in der Richtung … nun eben doch eines typisch religiös-sozialen Pronunciamentos. |361 Weniger durch das, was es sagt, als durch das, was es nicht sagt. Der vorausgesetzte und angeredete Leser ist fast unzweideutig der Normalpfarrer des schweizerischen Bürgertums, beheimatet in der Bauern- und Bürgerpartei9, im Nebenamt wahrscheinlich Feldprediger. Er ist gefragt, er soll sich besinnen, er soll anders werden. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß dieser Neger diese Wäsche dringend nötig hätte, besonders wenn er etwa auch noch jung-reformiert10 sein sollte. Als ein kräftiges und eindringliches Wörtlein für das Ohr dieses Negers könnte ich mir das Schriftstück — am liebsten mündlich, und zwar dann gleich von dir selbst vorgetragen — äußerst wohl gefallen lassen. Aber wiederum frage ich mich, ob man, wenn man im Namen der Kirche zu reden hat, nicht besser von einem anderen Ort aus und nach einem anderen Ort hin reden würde. Müßte dann eigentlich nicht der leiseste Schein verschwinden, als seien es hier irgendwelche sozial Aufgeschlossene, die sich an die sozial Verstockten wenden? Müßte dann nicht — ohne der Wucht, mit der wahrhaftig auch jener Neger getroffen werden soll, etwas abzubrechen — viel dialektischer geredet werden? Ich habe z. B. unter Punkt 1 das mit den beiden Polen und die Empfehlung des anderen, der Bibel gegenüberliegenden Punktes mit einigem Stirnrunzeln gelesen, weil mir das, so gut ich verstehe, was gemeint und gewollt ist, irgendwie zu ragazen oder zur brunnern scheint. «Die andere Aufgabe …»11? Nein, die eine Aufgabe nun erst recht! Aus der Zeitung steigt die große Frage aus des Menschen Elend12 gewiß nicht auf, obwohl die Lektüre der Zeitung gewiß eine empfehlenswerte Sache ist, aber vielleicht doch nicht eben der links neben die Bibel gelegten Zeitung (ich weiß wohl, Eduard, daß ich früher gelegentlich verdächtig Ähnliches auch gesagt habe!!13). Wäre nicht unter Punkt 1 statt zum «Erschrecken» |362 einfach zur Sammlung oder zur Sachlichkeit aufzufordern gewesen? Wiederum ist mir Punkt 2 mit seiner offenen Spitze gegen die bürgerliche Zeitung — so gerne ich dieser diese Spitze gönne — sozusagen zu geschichtsphilosophisch, zuviel Perorieren zur Lage, zu wenig von Gen. 3 und Röm. 5 aus gedacht und geredet. Ich meine wirklich keine Flucht in die Abstraktion der allgemeinen menschlichen Sündhaftigkeit, wohl aber ein Reden mit etwas tieferem Atemholen, ein Reden, das dann vielleicht gerade den wichtigen Hinweis auf die den Genfer Ereignissen vorangegangene geschichtliche Entwicklung und die Anklage gegen die bürgerliche Zeitung konkreter (dafür vielleicht unter Verzicht auf «Blutnacht» und dergl.) hätte herausbringen können. Gerade was jetzt dasteht — ohne irgend eine Erwähnung der Erbsünde —, scheint mir an einer gewissen, allgemein und unbestimmt prophetisch grollenden, Abstraktheit zu leiden, die den Bürgerpfarrer gewiß nicht veranlassen könnte, seinen Stumpen14 einen Augenblick aus dem Maul zu nehmen. Wiederum verstehe ich unter Punkt 3 nicht recht, warum nun gerade die Verantwortlichkeit der Kirche für die Offiziere, Regierungsräte etc. so hervorgehoben wird. Problematisch war doch in jener Genfer Nacht gewiß auch das Verhalten der anonymen Menge, auf die man dann geschossen hat. Ich weiß auch, auf welche Seite der Barrikade ich mich unbedenklich stellen würde — wenn es darauf ankäme, der Stimme seines guten, mit dem Volk sympathisierenden Herzens zu folgen. Aber ist es für die Kirche sinnvoll, in einem solchen Augenblick ihre Selbstanklage dahin zu formulieren, daß sie wohl seinerzeit ausgerechnet die uniformierten und nichtuniformierten Bonzen nicht richtig unterrichtet habe? Gewiß nicht! Aber gewiß auch nicht die übrigen Teilnehmer eines solchen nächtlichen Straßenkrawalls und seiner Vor- und Nachspiele! Wären nicht auch die Bonzen, die da indirekt getroffen werden sollten, wirkungsvoller getroffen worden, wenn erwas undemagogischer gesagt worden wäre, daß wir oben und unten, in Regierung und Volk offenbar sehr wenig wissen, was Recht und Ordnung ist bzw. daß die Kirche nach beiden Seiten ihre Verantwortungen zu bedenken Anlaß hätte? Ebenso hätte, wie mir scheint, unter Punkt 4 eine umfassende Überlegung über das Gewaltproblem an die Stelle der einseitigen Visierung gerade des obrigkeitlichen Waffengebrauchs treten müssen. Das |363 Neromäßige des Staates, das Tierhafte der Staatsgesinnung, die jetzt dort offenbar nach Rache schreit, hätte darum nicht minder scharf herauszukommen brauchen, wenn in aller Ruhe gesagt worden wäre, daß, wer Pflastersteine wirft, damit rechnen muß, mit Maschinengewehren bedient zu werden, und umgekehrt. So wie die Sache jetzt gesagt wird, hat sie, hat der Aufruf zur «Barmherzigkeit» — ich weiß nicht, für mein Gefühl irgend etwas Weinerliches, das dem fürchterlichen Ernst der Lage, wie sie in einer solchen Schießerei zum Ausdruck kommt, und, wie mir scheint, auch der einfachen konkreten Tatsache, daß da nun wirklich Tote herumlagen, nicht recht gerecht wird.
Aber genug, längst genug, lieber Eduard, an Kritik dieses Schriftstücks. Ich muß dich ja wirklich in Bezug auf diesen ihren zweiten inhaltlichen Teil noch mehr als in Bezug auf den ersten dringend bitten zu bedenken, aus welcher Ferne dies alles gesagt ist. Ich kann mir denken, daß du dir alle diese Einwände selbst auch gemacht und dir dann doch gesagt hast, daß die Basler Nachrichten und die schweizerischen Bonzen und das sie stützende Bürgertum und vor Allem die Pfaffen zu Stadt und Land nun einmal so seien, daß wirklich kairosgemäß nur diese religiös-sozialen Klänge am Platze seien. Ich will wirklich nicht behaupten, daß die Kirche nur in der mir vorschwebenden überlegenen Weise reden, daß sie den Schein der Parteilichkeit unter allen Umständen vermeiden müsse. Vielleicht muß die Schweizerische Kirche wirklich noch weithin ragazen und brunnern. Nimm also meine Kritik nur als Randbemerkung des Inhalts, daß eventuell auch noch eine andere Haltung zur Diskussion stehen könnte, in der das Anliegen, das das Schriftstück allein im Auge zu haben scheint, auch wohl aufgehoben sein könnte. Ich glaube doch genug durch die Rolle gezogen15 zu sein, um zum vornherein zuzugeben, daß diese Randbemerkung praktisch hier nicht angebracht sei, das Schriftstück vielmehr als ein rebus illic sic stantibus einwandfreies Wort zur Lage zu bezeichnen sein dürfte.
Über meinem Schreiben ist der Abend hereingebrochen, und ich muß mich noch Luthers Auslegung des Sabbatgebotes zuwenden, das heute um 8 Uhr in meiner Sozietät zur Sprache kommen soll.16
Lebe wohl, grüße Marguerite, laß bald wieder von dir hören, verzeih,
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wenn ich irgendetwas in diesem Briefe zu kleinbaslerisch ausgedrückt17
haben sollte in der Eile, werde bald wieder gesund zu unser aller Freude
und sei herzlich gegrüßt von deinem