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16. Februar 1933
Da bin ich wieder. Sitze bereits einigermaßen aufrecht auf meinem Stuhl, an den Füßen freilich immerhin noch «milde Schuhe», und wenn’s gegen 11 Uhr vormittags geht, sieht man mich mit meiner jüngsten Tochter Christina an der Hand wie einen Großvater der Sonne nach über den Minschterplatz däppelen1. Die Fieberlein liegen aber dahinten, das Dämmern und Duseln ist zu Ende. Auch vor mir steht zu gewisser Stunde eine Flasche Rotspon, den mir meine Mutter aus dem alten Vorrat meines Vaters noch hat zukommen lassen. Auch ich habe heute den ersten Stumpen genehmigt und habe nach dem Essen mit Marguerite das Trämlein2 bestiegen und bin vors Tor hinaus gerollt, um auf einem grünen Hügel in einem Kaffeebeizlein3 mit anderen Beschädigten oder Ausrangierten eine kleine Lust zu genießen. So komme ich langsam wieder in Lauf.
Und nun habe ich die an sich nicht unerwünschten Tage im Bett dazu benützt, um in aller Ruhe und in einem Zuge die erste Sendung deiner Vorlesung, soweit sie mir von deiner Mutter her zugekommen war, also die beiden ersten Paragraphen zu mir zu nehmen. Karl, Karl, was für eine seltene, was für eine erlesene, was für eine ausgesuchte Speise hast du da wieder bereitet! Ich habe das alles gelesen und wieder gelesen, ohne wegzukommen. Du weißt ja, ich besitze und kenne einigermaßen Troeltschs Darstellung dieser Dinge4, ich habe auch Wernle5
|365 und habe schon viel in seinen Wälzern herumgestochert — aber du liebe Zeit, was für Steinbrüche (im besten Fall! z. T. sind [es] auch einfach Ruinen) — und nun was für ein Bau! Was für Rauchfässer und Verneblungstöpfe gegenüber deiner luziden Aufrollung der entscheidenden Linie! Endlich, endlich sieht man auch da durch! Wirklich, zehn Leben solltest du noch haben, um auch diese historischen Hefte zu bereinigen. Ich begreife, daß du — das Wesentliche einmal entdeckt — mit wahrer Besessenheit deiner Spur folgtest und dich ganz hineingeben mußtest. Es hat sich auch gelohnt. Da steht er nun vor einem, der unerfindliche, seiner selbst so gewisse und getroste Mensch des 18. Jahrhunderts. Und nun wird auch im Gesicht der Gegenwart erst so vieles deutlich. Unwillkürlich zieht man beim Lesen die Linien aus, fragt sich nach dem Weiterlaufen des Zuges auf der damals gelegten Schiene. Erst recht gespannt paßt man nun auf die Brechungen und Umbiegungen und Verwandlungen und Vertiefungen, die das ganze Bild nun durch die Zeichnung der Dinge von Rousseau bis Goethe6 erfahren wird. Aber, wenn auch längst nicht mehr so ungebrochen, so zuversichtlich und getrost, irgendwie werden wir ja immer noch dieser damals in Gang gesetzte Mensch sein, heute wohl an seinem Auslaufe, aber am Auslauf des Weges, der damals begonnen hat. Wie werden Ruedi und Gerty nun diese deine Gabe entgegennehmen? Sie sollen sie nun unverzüglich erhalten. Und ich hoffe auf weitere Zusendungen von Bern her.
Nimm hier einen kleinen Schluck Basler Giftes7 zu dir. Diesmal betrifft es den «guten Eberhard», der jetzt wirklich fatale Tage durchmachen muß. Ein Leben lang hat er in bester Form seinen Weg zurückgelegt unter allgemeiner Anerkennung aller seiner wackeren Mitbürger. Und nun leert sein Zug doch noch einmal sichtlich um8. Und er hat zum Schaden den Spott. Irgendwie dauert er mich. Irgendwie geschieht ihm natürlich Recht. Warum hat er eine so schlechte Theologie, ohne |366 es zu merken, durch alle die Jahre hindurch getragen? Warum hat er über Overbeck besser Bescheid zu wissen geglaubt als du?9 Warum hat er mit Harnack zusammen gelaicht?10 Nun ist er eben der «Kimmispalter»11 geworden, der mitsamt dem anderen Fino12, dem Regierungsrat Adi Imhof (der ebenfalls das Schulgebetlein abzuschaffen herbeigeeilt ist13, obgleich er sonst sicher herzlich wenig sich um diese Dinge kümmert), von der bösen Basler Gosche angemault wird. Sein Coiffeur hat es kürzlich dem Alphons Koechlin verraten, daß er beim Rasieren den Stoßseufzer getan habe: «sind Sie au firs Schulgebät?» Der Coiffeur: «jo, die ganzi Kundschaft het sich derfir ins Zig glegt.» Eberhard: «Jä, wenn me nur vo Afang a gwißt hätt!» … Ich habe übrigens nicht viel zu lachen, indem ich dafür am Zofingerkonzärtli über die Bretter gegangen worden bin.14 Ich lag allerdings dieser Tage im Bett und konnte mir |367 nur berichten lassen. Was wartet wohl an der Fastnacht noch auf einen? O Basel! Wenn es nur auf anderen Wegen auch so rasant ins Zeug ginge!
Ich muß schließen für diesmal. Sei mit euerm ganzen Hause vielmal und herzlich gegrüßt. Für deinen ausgezeichneten Brief die Genfer Kundgebung betreffend noch besonderen Dank. Du hast natürlich zehn Mal Recht mit deinen Ausstellungen15. Ich weiß schon, ich weiß schon: es lag der ganze Wagen dieser Kundgebung viel zu sehr in der Linkskurve. Er mußte darin liegen seiner ganzen Entstehungsgeschichte nach. Aber nun stehen die Dinge so, daß die welschen Brüder nicht mittun wollen, sondern eine patriotische Gegenerklärung mitveröffentlichen wollen. Woraufhin ich nun den ganzen Rummel gestoppt habe. Denn so flankiert von einer ganz schiefen vaterländischen Kundgebung wollte ich nicht mehr marschieren. Ein Wort der Kirche wäre das erst recht nicht mehr geworden. Aber ich bin dir für deine Erwägung dieser Dinge und dein sorgfältiges Eingehen auf die ganze Sache doch einfach dankbar.