27. Februar 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

Wie gut ist es zu wissen, daß auch du dich von der bösen Krankheit wieder erholt hast! Unterdessen bist du ja nun sicher längst wieder in den Arbeitsstollen zurückgekehrt und gehst all den Mühsalen und Fragwürdigkeiten der Festzeit entgegen, während unsereiner nun einfach seine Ferien antreten darf. Zunächst wartet nun ein in Kopenhagen und Aarhus (ebenfalls in dem dir ja schon bekannten Lande Dänemark1) zu haltender Vortrag (am 10. und 12.) über «Das erste Gebot als theologisches Axiom».2 Im letzten Drittel des Monats fahre ich dann sicher mit Lollo südwärts, und wie sollten wir dann nicht gerne in Basel den üblichen Halt machen, um mit dir Rückblick, Einblick und Ausblick zu pflegen. Darüber erfolgt dann noch einmal Nachricht, wenn anders ein solcher Einfall euch wirklich keine allzu große Störung bedeutet.

Für heute wollte ich dir eigentlich nur die richtige Ankunft des Dossier Gollwitzer bestätigen. Man erlebt immer wieder neue Sorgen mit den Epheben. Gestern bekam ich die Nachricht, daß mein anderes Sorgenkind, der Kandidat N. N. im Seminar in Düsseldorf (der psychisch etwas Angekratzte, von dem ich dir wohl auch schon geschrieben habe), seiner hellen Entrüstung über den Geist des Direktors und der «Brüder» in jener Anstalt in der Weise Luft gemacht hat, daß er einen von diesen «Brüdern», einen langen Wingolfiten3, einfach mit einer großen Ohrfeige bedachte. Ich mußte gestern Abend stundenlang Briefe schreiben wegen dieser Sache: an den Generalsuperintendenten, an den Seminardirektor, an den hitzigen Petrus selber; aber ob ich ihn nach Allem, was er schon sonst auf dem Kerbholz hat, auch diesmal retten kann, das weiß kein Mensch.

369 Doch halt, ich habe noch einen anderen Grund, dir zu schreiben. Sag, wie kommt das nur: ich höre nun das dritte Mal — und immer von ganz verschiedenen Seiten (das eine Mal war es eine Karte meines Bruders Peter4, das andere Mal das Diktum eines hiesigen Studenten, das dritte Mal steht es nun in einem Briefe, den Nelly von … ihrer Mutter5 bekam): Eduard Thurneysen hat sich nun auch der Oxforder Bewegung angeschlossen…! «Er sei nun auch oxfordiert», meldet Peter. Der Student, den ich allerdings nicht mehr feststellen kann, erklärte bestimmt, daß die Meldung auf eine ausdrückliche Erklärung von Emil Brunner zurückgehe.6 Wie konnte diese unsinnige Nachricht nur entstehen und offenbar in dieser Breite Boden gewinnen? Und solltest du nicht etwas tun, um ihrem verheerenden Lauf Stopp zu gebieten? Mir kommt es je länger je mehr vor, man sollte dieser Sache gegenüber, so wie sie sich nun eben darstellt, unerbittlich Nein sagen. Ich hatte gestern den Besuch von Fritz Liebs russischen Freunden Marzinkowski7 |370 und Jack8, deren Reden mir wieder die ganze Heillosigkeit einer auf «Erfahrung», Geistbesitz etc. pochenden Christlichkeit vor Augen führten. Und nach dem, was ich von den Oxfordern weiß, sehe ich schlechterdings nicht, durch was sie sich grundsätzlich von irgend einer der vielen älteren Täufereien unterscheiden.

Der Brief soll weg, und ich muß mich noch einigen abschließenden Gefechten, in denen es sich um Calvin handelt, zuwenden.9 Die Vorlesung wurde heute morgen mit einer Erwägung über Kant abgeschlossen.10

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Thurneysen hatte im Juli 1925 in einem Ferienlager des Dänischen Christlichen Studentenbundes in Nyborg Strand zwei Vorträge gehalten und später in erweiterter Form veröffentlicht unter dem Titel Christoph Blumhardt, München 1926 📖; vgl. seine Reiseschilderung in: Bw.Th. II, S. 348.350-356. 📖↩
2
Mit Barths Reise anläßlich dieses Vertrags (s. oben S. 337, Anm. 6) befaßt sich der Artikel: W. B[auer], Professor Karl Barth in Kopenhagen, in: RKZ, Jg. 83 (1933), S. 155f. 📖; zahlreiche Zeitungsartikel in dänischer Sprache im Karl Barth-Archiv.↩
3
Mitglied des Wingolfsbundes, einer nicht-schlagenden deutschen Studentenverbindung.↩
4
P. Barth schrieb am 21.2.1933 (auf einer Postkarte) an K. Barth: «In Zürich wird herumgeboten, Ed. Th. sei jetzt auch von Oxford ‹überzeugt›.»↩
5
Der Brief ist nicht erhalten.↩
6
In diesem Sinn hatte sich Brunner auch Barth gegenüber am 16.1.1933 brieflich geäußert (s. Bw.Br., S. 220 📖). Trotz Thurneysens kritischer Beurteilung der Oxforder Gruppenbewegung, die z. B. in einem ausführlichen Brief an Brunner vom 3.2.1933 deutlich zum Ausdruck kommt (7 S., Durchschlag im Nachlaß Thurneysen 📖), sah sich Brunner im Februar 1933 in dieser Sache tatsächlich mit ihm auf einer Linie. Am 22.2.1933 schrieb er an Thurneysen, der offenbar gemeinsam mit ihm an einem Oxfordgruppen-«meeting» am folgenden Wochenende teilnehmen wollte: «Ich sehe mich mit dir in einer Front: Wir meinen das Erwachen der Kirche, nicht die Oxfordbewegung. Und wir sehen beides: Daß die Oxforder da einen Dienst tun können, daß aber dieser Dienst den unsrigen, den theologisch-kirchlichen, ebenso nötig hat. Es geht wirklich nur um den ‹Stoß›; wie weit wir mit ‹den Oxfordern› zusammengehen können oder nicht, hängt in erster Linie auch von ihnen ab. Ich bin — was die Bewegung im großen betrifft — durchaus nicht sicher. Aber was sie bei uns in Zürich ins Leben gerufen hat, ist allerdings, so viel ich sehe, außerordentlich erfreulich. Das möchte ich den Baslern auch gönnen, und daß du in dem mit mir gehst, weiß ich» (Nachlaß Thurneysen).↩
7
Vladimir Filimonovič Marzinkovskij (1884–1971) wurde während seines Studiums an der historisch-philologischen Fakultät in Petersburg Christ. Nachdem er, von Beruf Gymnasiallehrer, schon zuvor unter Schülern, Bauern, Arbeitern und Gefangenen als Evangelist, Sonntagsschulleiter, Referent und Fürsorger gewirkt hatte, wurde er 1913 hauptberuflich Sekretär der Russischen Christlichen Studentenbewegung, 1918 Dozent für Ethik an der neugegründeten Universität Samara (Kuibyschew). In Gegensatz zur kommunistischen Partei geraten, wurde er 1923 verbannt und ließ sich nach wechselnden Aufenthalten (u. a. in Prag und Deutschland) 1930 in Palästina/Israel nieder. Vgl. seinen Lebensbericht: Wladimir Philimowitsch Marzinkówskij, Gott-Erleben in Sowjet-Rußland. Erinnerungen aus der Freiheit und dem Gefängnis, aus dem Russischen übertragen [und mit einem Vorwort versehen] von W. L. Jack, Wernigerode 1929 📖 (Barths Exemplar trägt die handschriftliche Widmung: «Herrn Professor D. Karl Barth mit herzlichem Gruß von dem Verfasser 25.2.1933»).↩
8
Walter «Ludvigovič» Jack (1878–1939), reformierter Theologe und Missionar, lebte 1907–1917 in Rußland, dann wieder in Deutschland, wo er den Missionsbund «Licht im Osten» (Wernigerode) mitbegründete, für den er in vielfacher Weise tätig war (Betreuung der nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland verbliebenen russischen Kriegsgefangenen, Reisen, Mitwirkung am Seminar des Missionsbundes).↩
9
Die letzte Sitzung des Seminars über Calvins Institutio, 3. Buch 📖, im WS 1932/33 war am 27.2.1933.↩
10
Ein Typoskript von Barths Vorlesung aus dem WS 1932/33 (Durchschlag im Karl Barth-Archiv) endet mit dem Paragraphen über Lessing, mit dem Barth sich noch am 10.2. beschäftigte (s. oben S. 357). Beide Umstände sowie Barths Formulierung «mit einer Erwägung über Kant» lassen vermuten, daß er nicht den ganzen später in Pr.Th. (S. 237–278) 📖 abgedruckten Paragraphen über Kant vortrug.↩