Karl Barth an Nelly Barth
Ich habe deine Antwort2 auf meinen letzten Brief mit Spannung erwartet. Nun ist sie da, ungefähr so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich verstehe ihren Sinn wohl. Aber ich kann sie nicht als das eigentliche und entscheidende Wort hinnehmen, das du mir nun zu sagen hast. Wir müssen weiterreden. Meine Gedanken sind seit meinem letzten Brief ununterbrochen in der Richtung gegangen, die sie in den Ereignissen der vorletzten Woche bekommen hatten. Ich muß den dir gemachten Vorschlag auch nach Empfang und auf Grund deiner Antwort wiederholen. Und ich möchte dich hiemit herzlich bitten, noch einmal und noch einmal mit mir darüber nachzudenken, ob er nicht das Beste, das Einzige ausspricht, was jetzt, so wie sich die Dinge entwickelt haben, mit uns geschehen kann.
Schau, für mich ist jetzt, mit dem, was vorletzte Woche nun einmal geschehen und ausgesprochen worden ist (und dieses Geschehen und Aussprechen war ja nur das Sichtbarwerden einer langen Entwicklung), mit einer Entschiedenheit, der ich mich nicht zu entziehen vermag, diejenige dritte Zeit in unserer Ehe eingetreten, in der es sich nur noch darum handeln kann, uns in guter Wei|377se (nun eben darin Treue bewährend, daß wir das gut machen) gegenseitig die Distanz und den Lebensraum zu gewähren, die man als «Ehescheidung» bezeichnet. Ich wiederhole, daß ich darunter nicht eine Aufhebung, aber die in unseren Umständen notwendig gewordene Veränderung unserer Gemeinschaft verstehe. Es gab eine erste Zeit, in der es sich um die Bewährung unseres Gegenüber zu zweit handelte; sie hat als solche mit einem Mißerfolg geendigt. Es gab dann die zweite Zeit in der Notgemeinschaft mit
Deine Antwort auf meinen letzten Brief lautet dahin, daß du nun doch lieber in die zweite Zeit, auf den Boden der Notgemeinschaft, zurücktreten möchtest. Ich kann dir gewiß nur mit menschlicher, nicht mit göttlicher Entschiedenheit sagen, daß es dazu zu spät ist. Gerade wie ich dir in den vergangenen sieben Jahren nur mit menschlicher Entschiedenheit sagen konnte, daß L. da sei und daß es zu einer guten Gestaltung unseres Gegenübers zu zweit zu spät sei. Aber dies zugegeben und also in den Schranken menschlicher Torheit und Bosheit, in denen wir nun einmal laufen, muß ich dir allerdings sagen: so wie ich dich und mich selbst und auch L. kenne, müssen wir uns, wenn wir nicht neuem Unheil rufen wollen, gestehen, daß es für eine Wiederherstellung der Notgemeinschaft jetzt zu spät ist.
Ich verstehe die Intention deiner Antwort sehr wohl. Es ist gewiß sinnvoll, vor einer so schweren Operation, wie es eine Scheidung ist, einen Augenblick zurückzuschrecken und sich noch einmal zu überlegen, ob es denn so gefährlich und ob auch Alles geschehen sei, was sie etwa als vermeidbar erscheinen lassen |378 könnte. Aber wiederum ist es erst recht sinnvoll, sich zu fragen, ob es wirklich die Aussicht und die Möglichkeit, anderswie gesund zu werden, und nicht etwa bloß die Angst vor der Operation ist, die einen im gegebenen Fall wirklich von dieser Abstand nehmen läßt. Dies Letztere scheint mir nun, so wie ich unsere Lage kenne, dein Fall zu sein. Du hast in jähem Schmerz nach der Operation gerufen. Seither hat dieser Schmerz etwas nachgelassen, jene Angst überwiegt, und du meinst, es könne und werde ohne das abgehen, was dir Angst macht. Aber hast du denn etwa Aussicht, daß es in Zukunft in der jetzigen (zweiten) Form unserer Gemeinschaft besser weitergehen werde als bisher? Bist du sicher, daß der jähe Schmerz nicht in Kürze vermehrt wiederkehren wird? Ich muß dir jetzt sagen, daß ich dessen nicht nur in keiner Weise sicher bin, sondern vielmehr erwarten muß, daß es je länger desto weniger so weitergehen wird wie bisher. Schau, an dem Punkt, an den du dich und uns alle jetzt wieder hinstellen willst, standen wir doch schon oft, zu oft, als daß wir es ohne schwerste Bedenken noch einmal tun dürften. Wenn ich mich, so gut ich es kann, in dich versetze, so muß ich sagen: die Wiederaufnahme der «alten Arbeitsteilung», von der du schreibst, bedeutet doch einfach die Wiederaufnahme eines Verhältnisses, das du nie anders denn als im Lichte einer unseligen Konkurrenz auf allen Gebieten, als eine dir zugefügte schwere Kränkung, hast verstehen können. Muß ich dich erinnern an alles das, was das praktisch für dich — und dann doch auch für mich und nicht zuletzt für L. — bedeutete? In was für einer Gewitterluft wir fast ununterbrochen miteinander leben mußten, auch wenn Alles möglichst gut ging? Was waren und sind das z. B. für Ferienwochen, die wir einander nun seit dem Tage, da du mit nach
Verstehst du mich vielleicht noch besser, wenn ich, was mir freilich schwer fällt, hinzufüge: ich habe auch keine Freudigkeit dazu, ich möchte jetzt in der Tat von der bisherigen Gestalt unseres Verhältnisses auch von mir aus lieber frei gemacht sein? Ich sage das ungern, weil damit mein Dransein nur teilweise richtig beschrieben ist, nämlich nur in dem Teil, den ich bis jetzt grundsätzlich als untergeordnet betrachtete und darum zurückdrängte. Aber freilich: wahr ist auch dieser Teil meines Dranseins. Und da es mir vorkommt, als glaubest du es mir erst dann, daß ich jetzt die Verantwortlichkeit wirklich auf mich nehme, mag es denn ausgesprochen sein: Jawohl, ich erwarte auch für mich von der Öffnung jener Türe eine gewisse Befreiung, eine Lebensmöglichkeit, die ich bis jetzt entbehrte, und habe darum bei aller Bekümmerung auch aufgeatmet, seit jene Öffnung ernsthaft in Sicht gekommen ist. Ich würde — ohne mich darum von dir «freimachen» zu wollen, du weißt, wie ich darüber denke, — gern jener Sphäre der dauernden Spannung und der öfteren akuten Aufregungen entkommen. Ich würde gerne meine Beziehung zu L. anders als bisher ordnen. Ich würde gerade in den schwierig gewordenen äußeren Umständen und Entscheidungen, mit denen ich in Bezug auf meine berufliche Stellung rechnen muß, leichter und besser dran sein, wenn mir hinsichtlich unserer gemeinsamen Not durch Scheidung und Wiederverheiratung wenigstens etwas Luft gemacht werden könnte. Ich habe in den vergangenen sieben Jahren nicht von diesem Wunsch aus gedacht und habe ihn darum auch jetzt, wo ich diese sieben Jahre wirklich für vergangen halten muß, nicht in Rechnung stellen wollen. Aber da es dir, wie mir scheint, zur Klarheit deiner Entschlüsse dienen kann, so magst du es immerhin wissen, daß ich diesen Wunsch in der Tat habe. Und daß ich schon darum zur Neuaufnahme des alten Zustandes keine Freudigkeit aufbringe.
Aber das soll nach wie vor nur ein Punkt unter anderen sein. Wichtiger scheint es mir für dich zu sein, daß du dir überlegst, ob du das, was du im Leben eigentlich suchst und meinst, nicht in einer mir gegenüber relativ wieder selbständig gewordenen, aber mit den Kindern so oder so nach wie vor verbundenen — schon durch die Kinder übrigens auch mit mir verbundenen — Existenz besser finden würdest als in einer Fortsetzung des jetzigen Standes. Solltest du durch die Entwicklung der Dinge nicht wirklich dazu aufgerufen sein, dich als die, die du bist und mit mir geworden bist, in einer gewissen Unabhängigkeit von mir auf deine eigenen Füße zu stellen? Wir litten einst darunter, daß du in der Ehe so sehr bei dir selber bleiben wolltest. Sollten wir uns nun nicht dadurch wohl tun können, daß du, hindurchgegangen durch unseren bisherigen gemeinsamen Lebensversuch, in bestimmt umschränktem Sinn tatsächlich zu dir selber zurückkehrst? Du brauchtest deshalb nichts von dem preiszugeben, was du dir in diesen 20 Jahren im Zusammenhang mit meiner Arbeit angeeignet hast. Du brauchtest sogar nicht einmal diesen Zusammenhang selbst aufzugeben. Wer weiß, ob die Sache nicht deutlicher noch als bisher zu dir sprechen würde, wo sie dir immer wieder durch die Problematik deiner Beziehungen zu der die Sache vertretenden Person verwirrt worden ist — wenn sie endlich frei zu dir sprechen könnte, wenn du z. B. nicht mehr meintest, um meinetwillen lesen zu müssen, sondern nur um deiner selbst willen lesen dürftest. Du möchtest «ne|380ben mir» weiter und zu Ende gehen. Liebe
Ich habe mich unterdessen über die äußere Möglichkeit einer Ehescheidung unter den bei uns vorausgesetzten Umständen erkundigt und habe gehört, daß eine in beiderseitigem Einverständnis beantragte und in beiderseitigem Entgegenkommen durchgeführte Scheidung eine äußerlich verhältnismäßig sehr einfache und auch kaum peinliche Sache ist. Unsere Wohnung ist also auf den 30. September gekündigt.4 Allerlei Anderes kann mündlich besprochen werden. Wenn du gewillt bist, den von mir vorgeschlagenen Weg zu betreten, so würde der nächste Schritt darin bestehen, daß du mit