Nelly Barth an Eduard Thurneysen
vorgestern hatte ich an
Ich habe
Was ich nach
Wie er diesen Widerspruch in sich auffaßt, hat er mit sorgfältig erklärt. — Ich weiß es, wie Karl dran ist und daß er hofft, ich könne nun auch ein wenig hoffnungsvoll das Türchen aufmachen, das ihn und Lollo und, wie er meint, auch mich etwas freier atmen lasse.
Daß ich die Tage einmal etwas weniger leidend leben würde, wenn ich ganz positiv meine Aufgabe an den jüngeren Kindern vor mir hätte, das kann sein. Ich habe es versucht, ein Stück weit solche Gedanken zu realisieren — es gab zuletzt Momente, wo ich mit einer gewissen Ruhe dabei sein konnte. Aber viel mächtiger als das ist das Wissen, daß ich nicht von Karl müßte, — daß ich doch schon lange weiß, unsere Gemeinschaft, wie sie auch sei, ist von Gott anerkannt — daß ich darauf vertrauen darf wie auf das Beten — daß ich selber die Hoffnung unserer Ehe ausstreiche, wenn ich vor Richtern sagte, ich wolle diese Ehe scheiden.
Was haben wir vor Richtern miteinander zu reden? Gut ist es schon nicht, wenn wir die anderen Wege, miteinander zu reden, aufgegeben haben. Ich verstehe und verstehe doch nicht, was Karl sagt: im Scheiden die Treue bewähren, die wir einander bisher schuldig geblieben sind. — Ich sehe als große Tatsache getrennt für sich: Karl und L. sollten sich heiraten. Aber ich finde nicht die Lösung aus unserer Ehe heraus. Denn «nur Ehe», das kann ich nicht verstehen. Bedeutet Ehe nicht doch Gemeinschaft? und schließt tatsächlich mehr in sich als eine äußere Bindung.
Kannst du mir darüber einmal schreiben,
Ich fühle nebst dem persönlichen Dilemma auch die Verantwortung der kirchlichen Gemeinde gegenüber. Karl würde sagen, er trage die Verantwortung allein. Aber bin ich nicht sein Weib, sollte ich nicht verhindern, daß er sich von mir scheiden muß?
Im Gedenken an die Kinder müßte ich sagen: Karl soll sie nicht in zwei Gruppen teilen wollen. Er möchte sie an einem Block lassen mit mir, so daß wir alle gleich daran wären diesem geliebten Vater gegenüber! Er sollte deswegen nicht «leer» ausgehen. Nein, wohnen würden die größeren gewiß bei ihm — Ach, das alles ist so traurig und so schwer.
Erinnere Karl auch an die schwere äußere Durchführbarkeit. Vor Jahren meinte man, es wäre zu teuer, für Lollo einzeln ein Zimmer zu mieten. Aber |383 jetzt, wo Karls Verdienst völlig ungesichert ist2, soll ich schon mich — ganz abhängig und ohne eigene Verdienstfähigkeit — mich loslösen. —
Welche Stadt? In meinem Tasten dachte ich mir
Ich reise mit
Ich versuchte in diesem stillen friedlichen Hause eine Antwort für Karl zu finden. Er muß wieder so lang auf Antwort warten. Vielleicht schickst du ihm diese Zeilen? Er soll Geduld haben. Ich kann nicht schneller, obwohl ich an ihn und