10. April 1933

Nelly Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

vorgestern hatte ich an Marguerite etwas fassungslos geschrieben. Seither habe ich «gearbeitet» an dem, was Karl mir in seinem zweiten Brief nahelegt. Hast |382 du einen Durchschlag von diesem Briefe? Willst du mir nach Möglichkeit beistehen, daß ich die rechte Antwort finde?

Ich habe Karl aufgerufen zu einer ganz wahrhaftigen Entscheidung, weil es sich erwiesen hatte, daß die Notgemeinschaft nach mehr als einer Seite hin nicht von der Liebe getragen war, die sie allein hätte «leben» lassen. Ich weiß mein eigenes Versagen dabei und trage mit an der Verantwortung, heute bewußter als je.

Was ich nach Lollos Aussage im Ernst hatte befürchten müssen — das ist nun wahr geworden: Karl weiß nicht anders unsere Ehe fortzusetzen, als indem wir sie nach dem Gesetz scheiden.

Wie er diesen Widerspruch in sich auffaßt, hat er mit sorgfältig erklärt. — Ich weiß es, wie Karl dran ist und daß er hofft, ich könne nun auch ein wenig hoffnungsvoll das Türchen aufmachen, das ihn und Lollo und, wie er meint, auch mich etwas freier atmen lasse.

Daß ich die Tage einmal etwas weniger leidend leben würde, wenn ich ganz positiv meine Aufgabe an den jüngeren Kindern vor mir hätte, das kann sein. Ich habe es versucht, ein Stück weit solche Gedanken zu realisieren — es gab zuletzt Momente, wo ich mit einer gewissen Ruhe dabei sein konnte. Aber viel mächtiger als das ist das Wissen, daß ich nicht von Karl müßte, — daß ich doch schon lange weiß, unsere Gemeinschaft, wie sie auch sei, ist von Gott anerkannt — daß ich darauf vertrauen darf wie auf das Beten — daß ich selber die Hoffnung unserer Ehe ausstreiche, wenn ich vor Richtern sagte, ich wolle diese Ehe scheiden.

Was haben wir vor Richtern miteinander zu reden? Gut ist es schon nicht, wenn wir die anderen Wege, miteinander zu reden, aufgegeben haben. Ich verstehe und verstehe doch nicht, was Karl sagt: im Scheiden die Treue bewähren, die wir einander bisher schuldig geblieben sind. — Ich sehe als große Tatsache getrennt für sich: Karl und L. sollten sich heiraten. Aber ich finde nicht die Lösung aus unserer Ehe heraus. Denn «nur Ehe», das kann ich nicht verstehen. Bedeutet Ehe nicht doch Gemeinschaft? und schließt tatsächlich mehr in sich als eine äußere Bindung.

Kannst du mir darüber einmal schreiben, Eduard?

Ich fühle nebst dem persönlichen Dilemma auch die Verantwortung der kirchlichen Gemeinde gegenüber. Karl würde sagen, er trage die Verantwortung allein. Aber bin ich nicht sein Weib, sollte ich nicht verhindern, daß er sich von mir scheiden muß?

Im Gedenken an die Kinder müßte ich sagen: Karl soll sie nicht in zwei Gruppen teilen wollen. Er möchte sie an einem Block lassen mit mir, so daß wir alle gleich daran wären diesem geliebten Vater gegenüber! Er sollte deswegen nicht «leer» ausgehen. Nein, wohnen würden die größeren gewiß bei ihm — Ach, das alles ist so traurig und so schwer.

Erinnere Karl auch an die schwere äußere Durchführbarkeit. Vor Jahren meinte man, es wäre zu teuer, für Lollo einzeln ein Zimmer zu mieten. Aber |383 jetzt, wo Karls Verdienst völlig ungesichert ist2, soll ich schon mich — ganz abhängig und ohne eigene Verdienstfähigkeit — mich loslösen. — Matthislis wegen müßte ich sofort in eine Stadt und ihn sogleich einschulen.

Welche Stadt? In meinem Tasten dachte ich mir Bern am denkbarsten. Aber das käme nur in Betracht, wenn es Karl nicht hemmend oder aufdringlich, sondern sympathisch anmutete.

Ich reise mit Hans-Joggeli gleich wieder nach Bonn zurück. Wir hatten mit ganz billigen Ferienkarten den Matthis Samstag hierher begleitet.3

Ich versuchte in diesem stillen friedlichen Hause eine Antwort für Karl zu finden. Er muß wieder so lang auf Antwort warten. Vielleicht schickst du ihm diese Zeilen? Er soll Geduld haben. Ich kann nicht schneller, obwohl ich an ihn und Lollo denke und weiß, wie bald diese Zwischenwochen abgelaufen sein werden.

Euere tief erschütterte
Nelly

Sachfußnoten

1
Das Datum legt nahe, daß es sich hier um den vor D. Stoevesandts Besuch am 11.4.1933 entworfenen, nicht abgesandten Brief handelt, den N. Barth am Anfang ihres Schreibens an Thurneysen vom 18.4.1933 erwähnte (s. unten S. 395f., Anm. 2 und 3). Zusätzlich spricht für diese Annahme, daß Thurneysen N. Barths Brief vom 10.4. offenbar nicht kannte, als er ihr zwei Tage später schrieb (er knüpft dort nur an eine Begegnung mit ihr Ende März oder Anfang April in Basel [s. unten S. 383f.] und an «anfangs dieser Woche» von ihm und seiner Frau erhaltene «Zeilen» an — wohl das von N. Barth am Anfang dieses Briefes vom 10.4. erwähnte, am Sonntag, den 8.4., verfaßte Schreiben an M. Thurneysen). Zwar könnte N. Barths Brief vom 10.4. ihn erst nach dem 12.4. erreicht haben und deshalb nicht von ihm berücksichtigt worden sein; doch setzt man dies voraus, bleibt unklar, warum Thurneysen nur auf einen, «einen Monat zurück» verfaßten, Brief antwortete, als er am 14.5.1933 wieder an N. Barth schrieb (s. unten S. 407). Die Identifizierung des vorliegenden Briefes vom 10.4. mit jenem Briefentwurf ist allerdings nur möglich, wenn man N. Barths Mitteilung, sie habe den Briefentwurf zerrissen, im übertragenen Sinne — etwa in der Bedeutung «verworfen» — versteht. Ein wörtliches Verständnis des Ausdrucks würde dagegen zu der Annahme zwingen, daß N. Barth in der kurzen Zeit zwischen der Abfassung des vorliegenden Schreibens vom 10.4. und dem Besuch von D. Stoevesandt am folgenden Tag «unter vielen, vielen Überlegungen» einen weiteren Brief an Thurneysen verfaßt und vernichtet hätte.↩
2
Am 4.4.1933 hatte Barth an den preußischen Kultusminister Bernhard Rust geschrieben, er stehe der neuen Staatsform mit derselben Loyalität als Bürger gegenüber, die er seine «politisch rechtsstehenden Kollegen der bisherigen Staatsform gegenüber bewähren sah. … Meine akademische Tätigkeit wird auch mit Bekämpfung des alten bzw. mit Unterstützung des neuen politischen Systems nichts zu tun haben können, sondern allein durch das Gebot theologischer Sachlichkeit bestimmt sein dürfen. Ich könnte aber auch eine Aufforderung zum Austritt aus der S.P.D. als Bedingung der Fortsetzung meiner Lehrtätigkeit nicht annehmen …» (Abdruck des Briefes bei Prolingheuer, S. 233f. 📖 , und W. Koch, Karl Barths erste Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. Dargestellt an Hand seiner Briefe, in: Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Helmut Gollwitzer zum 70. Geburtstag, hrsg. von A. Bandis u. a., München 1979, S. 491–513, dort S. 503f. 📖; vgl. Scholder I, S. 550f. 📖) Eine Antwort erfolgte erst am 24.4.1933 (s. unten S. 397, Anm. 7). Vielleicht stand N. Barths Sorge auch mit dem «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 📖» vom 7.4.1933 in Zusammenhang; vgl. unten S. 386, Anm. 3.↩
3
Wohnort der Familie von Hugo Putsch, Prokurist in einer Solinger Papierfabrik, und seiner Frau Maria, einer Duz-Freundin von Nelly Barth, in der Nähe von Wuppertal. In ihrem idyllisch gelegenen Haus waren auch Barths Kinder mehrfach zu Gast. H. Putsch korrespondierte seit 1924 mit Barth.↩