12. April 1933

Eduard Thurneysen an Nelly Barth

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Liebes Nelly,

Du weißt durch Marguerite, wie Tag für Tag unsere Gedanken zu dir hingehen. Gelt, du verstehst und verzeihst, daß ich dir erst heute ein direktes Wort schreibe. Vor Palmsonntag war es unmöglich. Obwohl es mir gerade auf deinen Besuch in Basel hin wieder ganz neu ein Bedürfnis war, mit dir im Gespräch zu bleiben. Denn ich war einfach froh um die kleine Aussprache, die wir zusammen hatten. Es war für mich etwas wie eine offene Türe darin, die ich um kei|384nen Preis wieder zugehen lassen möchte. Freilich, wieviel besser wäre es, wir könnten uns persönlich sehen, denn es ist ja ein so besonders schweres Gespräch, das jetzt zu führen wäre. Karl hat mir seine Briefe an dich und den deinen an ihn zugehen lassen. Und wir haben deine Zeilen anfangs dieser Woche erhalten. Mit Karl selber und mit Lollo haben wir in Basel über diese Dinge nicht mehr richtig gesprochen. Beide waren einfach bedrückt durch die Last und Not, die auf euch drei liegt. Und zu einer bestimmten Entscheidung und Einsicht war es bei Karl selber damals noch nicht gekommen. Die kam dann erst in den Briefen an dich zum Ausdruck. Und ich darf dir vielleicht ganz einfach sagen, wie mich dies alles ansieht. Sieh, mir war alle die Jahre hindurch das eine klar: daß keines von euch in eine Lage hineingetrieben werden dürfe, wo das Leben einfach zur Qual wird. Und das schien mir immer neu vor allem für dich das Drohende zu sein. Glaub mir, ich habe deinen Notschrei, so oft er zu uns drang, wirklich mitgehört. Und ich habe mich ihm nie entzogen, sondern mich immer wieder gefragt und gefragt, wie dir zu helfen wäre. Den Weg zurück in wirkliche Ehe mit Karl habe ich allerdings nie mehr als wirkliche Hilfe für dich offen gesehen. Das konnte ich einfach nicht, wenn ich aufrichtig euer aller Lage ansah. Denn das hätte die Lebensunmöglichkeit für Karl und Lollo in sich geschlossen. Und wie hättest du dabei wirklichen Raum, wirklichen Atem, wirkliche Freiheit gewinnen können. Es hätte alles nicht so stehen müssen zwischen euch dreien, wie es stand. Es wäre ein richtig verzweifelter Rat gewesen, hätte ich dazu raten wollen, ein Rat, der ein Ver-rat an jedem von euch dreien gewesen wäre. Also konnte auch ich nur vorwärts denken, so sehr verriegelt auch da alle Wege zu sein schienen, vorwärts, das hieß: hinein in das, was Karl eure «Notgemeinschaft» genannt hatte. Ich konnte nur hoffen und bitten, daß es euch wirklich gegeben werde, von Tag zu Tag, ohne euch eben in jene Qual hineinzudrängen, wo man nicht mehr leben kann, wo man sich nur noch weh tut, nur noch zum «Feind» sein kann, nur noch Schuld auflädt und in keiner Form mehr «Nächster» ist — ich konnte nur hoffen, es gehe für euch an, so miteinander weiterzuwandern. Aber ich muß offen sagen: schon lange bevor Ihr, wie es jetzt geschehen mußte, von Scheidung spracht, habe ich diesen letzten Ausweg der völligen Trennung eures Lebens nach außen hin immer wieder vor mir gesehen. Ich sah eben immer wieder dich — deutlich vor allem seit dem Sommer in Adelboden — am Rande jener unmöglichen Qual, die ich, soweit ich dazu etwas zu sagen hatte, einfach nicht mitverantworten konnte. Ich weiß, daß mir vor zwei Jahren einmal Mama Barth in Bern einen Brief von dir an sie zu lesen gab, der mich so bewegte, daß ich beinahe dort schon direkt zur Scheidung geraten hätte.1 Aber ich sah euch dann doch immer wieder weitergehen und durchhalten. Und ich weiß, was das für eine Leistung von euch allen drei bedeutet hat. Und ich bin tief davon überzeugt, daß das alles so sein mußte. Aber Nel|385ly, nun kam dieser Gedanke der Scheidung mit einer gewissen Plötzlichkeit von euch selber her. Ob von Karl oder dir oder auch Lollo zuerst einmal ausgesprochen. Das ist ja an sich nicht wichtig. Denn ich sehe euch wirklich in dieser Sache so als Einheit, daß darüber weiter nicht zu streiten ist. Und da habe ich ihn eben auf Grund meiner eigenen Eindrücke und langgehegten Unruhe um dich zunächst einfach wie eine Befreiung empfunden. Du darfst nicht zu Grunde gehen innerlich — das stand vor mir. Und da war mir: ein solches Auseinandertreten von euch dreien werde nun doch für dich wieder Lebensraum und ein wenn auch weiter und aufs neue mit viel Schmerzen verbundenes Aufatmen bedeuten können. So las ich Karls Briefe an dich. Ich wußte freilich sofort, daß ganz schwere Wege und Opfer auch hinter dieser Wendung der Lage auf euch alle drei warten würden. Ich muß auch offen zugeben, daß mir beim weiteren Nachdenken in diesen Tagen diese kommenden Schwierigkeiten namentlich auch für Karl und Lollo immer mehr zu denken gegeben haben. Ich nehme das alles wirklich schwer. Aber Karls Vorschläge an dich und die ganze Art, in der er sie dir sagen mußte, sind mir dadurch an sich nicht fraglicher geworden. Denn es darf einfach nicht sein, daß Ihr an einander zu Grunde geht. Es darf nicht sein, daß du Jahr um Jahr weiter in dieser Qual leben mußt. Und zum ersten Mal trat mir in diesen Briefen und aus Karls eigenem Wesen in diesen Tagen in Basel auch an ihm eine solche Müdigkeit und innere Traurigkeit der bisherigen Lage gegenüber entgegen, daß mir schien: wenn es wirklich durch die Veränderung der Lage auf diesem Wege eine wenn auch nur relative Erleichterung geben dürfte, dann sei alles zu verantworten. Und ist nicht auch in dir, Nelly, etwas, das ein klein wenig aufatmet beim Gedanken an die neue Gestaltung der Dinge trotz und trotz allem neuen Schweren, das auf euch alle fällt? Das ist meine Frage an dich. Ganz sicher, es muß alles auf wirklich guten Wegen sich vollziehen. Das heißt, es darf keines von euch dreien das Gefühl haben, daß gegen seine eigene innerste Einsicht von den Anderen gehandelt werde. Ihr müßt es miteinander so wollen. Dann kann es gehen. In der inneren Abklärung dieser Entscheidung werdet Ihr nun alle tapfer drin zu stehen haben. Ich hoffe so sehr, es werde euch Klarheit geschenkt und Kraft, das wirklich Rechte zu tun. Laß doch ja auch uns, wenn es dir möglich ist, wissen, wie es weiter um dich steht. Auf alle Fälle, scheint mir, müßtest du darauf eingehen, dich nun im Sommer einmal für längere Zeit in die Schweiz zu begeben und innerlich ruhig deinen Weg zu suchen und auch gesundheitlich zu erstarken.

Wir gedenken deiner weiter und weiter in treuer Verbundenheit. Du sollst wirklich auf uns zählen können.

Sei treulich und herzlich gegrüßt von deinem
Eduard

Sachfußnoten

1
Seine damalige Sicht des Verhältnisses zwischen Barth, seiner Frau und Ch. von Kirschbaum legte Thurneysen im Sommer 1931 in einem Brief an einen unbekannten Empfänger dar (s. unten S. 921–914 [Anhang, Nr. 1]). Ein entsprechender Brief N. Barths an ihre Schwiegermutter aus dem Jahr 1931 ist nicht bekannt. Falls Thurneysen sich in der Zeitangabe irrte, könnte einer der oben (S. 31.33.35-37) (teilweise) abgedruckten Briefe aus dem Jahr 1930 gemeint sein.↩