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12. April 1933
ich habe beiliegendes an Nelly geschrieben. Es liegt mir natürlich daran, daß Ihr es mitlest. Vielleicht schickst du es gleich an Karl wei|386ter.1 Ich hoffe, ich sehe Karl am Samstag morgen in Bern.2 Auf alle Fälle richte ich es nun so ein, daß ich mit dem Morgenschnellzug hier wegfahre und über Mittag in Bern bin. Marguerite kommt dann mit dem 12-Uhrzug nach, und wir fahren dann zusammen weiter. So gibt’s auf alle Fälle ein paar Stunden, die ich hoffentlich mit Karl allein verbringen kann. Ich werde ihm am Karfreitag nachmittag noch deswegen anläuten. Ich habe, wie du ersiehst, an Nelly relativ kurz geschrieben, vor allem im Blick auf Nelly selbst etwas zu sagen versucht, Karl und dich mehr oder weniger aus dem Spiel lassend. Ich weiß, daß der ganze Schritt, wenn er vollzogen wird, auch für euch ein ganz tiefgreifender ist. Aber das ist ja eine Sache für sich. Leicht ist das alles ja wahrhaftig nicht, von welcher Seite aus man es auch bedenkt. Und ich kann mit euch fühlen, daß Ihr sehr schwere Wochen hattet und noch habt. Wenn Ihr nur doch ein wenig ausruhen könntet! Es wartet ja so viel Unübersehbares auch in der äußeren Lage auf euch alle. Es wäre gerade völlig genug daran. Ich lese eben heute, daß die Gleichschaltung der Hochschulen nun also in den nächsten Wochen in Angriff genommen werden soll.3 Und was das bedeutet, weiß man ja. Trotz allem gebe ich die |387 Hoffnung noch nicht ganz verloren, daß für Karl irgendwie eine Lücke offen bleibt. Vielleicht geschieht es wie durch ein Wunder doch, daß man ihn läßt. Sehen wir zu!
Ich hatte gestern abend ein langes und nicht ganz affektloses Gespräch mit Hartenstein, der der ganzen Entwicklung irgendwie positiv eingestellt gegenübersteht. Er ist ja natürlich weit entfernt davon, Hitlermann zu sein, aber ich spürte zum ersten Mal ganz deutlich, daß nur schon Schweizer und Deutscher zu sein einen tiefgreifenden Unterschied ausmacht. Ich verstand alles Realpolitische, das er sagte, also die Unmöglichkeiten des Versailler Vertrags, die kommende Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Polen, mit dem Osten überhaupt, die starken Vorwürfe, die er für Amerika hatte, das zwar seine Neger lyncht, sich aber wegen der Judengeschichte in Deutschland aufregt4, die Wehrlosigkeit Deutschlands inmitten der hochgerüsteten Staaten und dergl., aber ich verstand nicht die Ideologie der nationalen Bewegung, auch nicht in der relativ einsichtigen und gedämpften Form, in der Hartenstein sie vertritt. Einig war er dann wieder mit mir in dem Punkte der Befürchtungen, die ich habe wegen der «Gleichschaltung» der Kirche. Was für eine verwirrte Welt! Sicher ist mir nur neu das eine geworden: der Auftrag Karls, in diesem Tumult um die wirklich kirchliche Lehre und Haltung zu ringen. Könnte, könnte doch Karls Stimme auf der deutschen Lehrkanzel weiterreden. Denn sieh, im Moment, wo er jenseits der Grenze sitzt, ist irgendetwas an Gewicht unwiederbringlich dahin. Ganz abgesehen von der Enge, dem Sümpflein unseres Landes, in dem er ja doch seinen ihm angemessenen Ort so schwer — wenn überhaupt jemals wieder — finden würde! Aber was nützt alles Hin- und Hererwägen? Die Dinge gehen nun, wie sie müssen. Und doch sicher auch nicht seine providentia. Und dahinein rechne ich auch eure persönliche Not. Man fragt sich ja: warum die nun auch gerade in diesem Augenblick so auf ihre äußerste Spitze kommen mußte! Konnte, konnte denn die «Notgemeinschaft» nicht doch noch halten! So schwer sie ja |388 vor allem für euch beide, Karl und dich, zu tragen war. Aber es schien ja nun nicht mehr zu umgehen, daß die äußerste Frage mit Ernst gestellt wurde. Und nun muß man auch da die Dinge ihren Weg gehen lassen. Es liegt mir sehr daran, Karl noch einmal zu sehen. Am liebsten sähe ich natürlich dich zugleich und damit. Es ist etwas so Unvollkommenes und Brüchiges, dieses Reden da zu einem und dort zu einem. Aber es geht nun nicht mehr. Es sei denn, Ihr fahret doch erst etwas später nach Deutschland hinaus und es ergebe sich doch noch ein kurzer Aufenthalt in Basel. Liebe Lollo, wenn du nur trotz allem ein wenig Atem holen kannst! Du brauchst ihn wahrhaftig wieder! Wir gedenken auch deiner in aller Treue und Verbundenheit. Grüße Ruedis!
Von Herzen