19. April 1933

Karl Barth an Nelly Barth

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Liebe Nelly!

Ich hätte wohl gewünscht, daß du mir eine andere Antwort hättest geben können.2 Die bloße Erklärung deines Willens hat mich natürlich nicht davon überzeugen können, daß wir mit meinem Vorschlag nicht doch den besseren Weg antreten würden. Und ebensowenig hat mich das gewiß ernste und wohlgemeinte, aber nun doch nicht ganz kompetente Dreinreden der Freunde in Bremen3 auf andere Gedanken zu bringen vermocht. Du mußt also damit rechnen, daß ich grundsätzlich in der Einstellung nach Bonn zurückkomme, die ich dir in meinen beiden letzten Briefen dargelegt habe. Wir wollen uns allerseits Mühe geben, unser Zusammensein auf dem vorläufig deiner Entscheidung entsprechenden äußeren Boden so freundlich wie möglich zu gestalten. Ich denke doch, daß wir früher oder später dort endigen werden, wo ich dich jetzt rasch und direkt hinführen wollte. Aber wenn dein freies Einverständnis dazu jetzt nicht zu haben ist, dann ist es eben so, und an gutem Willen, zur Tragbarkeit des Ganzen das Unsrige auch unter diesen Umständen zu tun, soll und wird es hoffentlich auch Lollo und mir nicht fehlen, obwohl es sich nach unserer Ansicht um etwas Anderes als um ein mehr oder weniger lange dauerndes Provisorium nicht mehr handeln kann.

Eben weil nun aber auch deine Abwesenheit von Bonn von dir aus nur als eine provisorische gedacht und gewollt ist, muß ich deinem Plan in zwei Punkten widersprechen. Es spricht zwar nichts dagegen, daß du lieber nach Bern statt |400 nach Zürich kommst; es wird sich dann aber nur darum handeln können, daß du zu Mama kommst, die dich gerne hier erwartet. Das Beziehen einer selbständigen Wohnung hier würde nur dann sinnvoll sein, wenn wir in der Absicht auf die Scheidung eines Sinnes wären. Und dasselbe gilt von der Herausnahme des Matthislein aus seinem regelmäßigen Schulgang: ein bloßes Experimentieren damit könnte ich im Interesse des Kindes nicht für gut halten.

Morgen kehre ich noch einmal für ein paar Tage auf das Bergli zurück. Am Montag Abend werde ich (mit dem bekannten Zug) mit Lollo wieder in Bonn eintreffen. Bitte laß mich meine Unterkunft in dem nun frei gewordenen4 Zimmer von Fränzeli finden.

Grüße alle vier Buben und sei selber herzlich gegrüßt
von deinem
Karl

Sachfußnoten

1
Es ist sicher, daß Barth Thurneysen den Wortlaut des vorliegenden Briefes (von dem nur ein Durchschlag erhalten ist) zugänglich machte (s. unten S. 402), wahrscheinlich ebenfalls durch Zusendung eines Durchschlags (vgl. oben S. 371, Anm. 1).↩
2
Brief anscheinend nicht erhalten.↩
3
Am 12.4., demselben Datum wie seine Frau (vgl. oben S. 391, Anm. 3 und 4), aber ohne Absprache mit ihr und ohne Kenntnis des Inhalts ihrer Gespräche mit Nelly Barth hatte auch K. Stoevesandt an Barth geschrieben und ihn unter Hinweis auf seine Verantwortung für seine Familie und «vor der Kirche» brieflich dringend vor einer Scheidung gewarnt, weil «der juristische Weg immer begangen wird, um in eine Sicherheit hineinzutäuschen, deren Täuschung aber nur ganz kurze Zeit vorhalten kann. Denn wir entziehen uns da dem andern Menschen, indem wir den Paragraphen zwischen uns stellen, der tot ist und nur so lange lebt, wie ihn der Jurist gerade handhabt. / Sie müssen selbst entscheiden, und wir wollen uns nicht anmaßen, als könnten wir Ihnen eine Entscheidung aufdrängen. Aber das sollen Sie wissen, daß wir das ‹Angst haben in der Welt› mit Ihnen teilen.»↩
4
Fr. Barth war zu einem viermonatigen Aufenthalt nach Schweden abgereist (vgl. oben S. 334, Anm. 65).↩