29. Juli 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

ich nehme an, daß du mit Lollo heute abend endlich allen braunen Bedrohungen entronnen das schöne Ziel erreicht hast. Was für ein guter Augenblick wird es gewesen sein, als das dritte Reich am badischen Bahnhof1 endlich hinter euch lag. Der neue Chrysler wird zur Stelle gewesen sein und ihm entstiegen Ruedi und Gerty mit wahrhaftig offenen Armen.2 Und nun kann man euch nur noch Heil! zurufen und sich mit euch der guten Ruhezeit freuen, die jetzt vor euch liegt. Auf alle Fälle |480 soll dieser Gruß von Marguerite und mir euch gleich begegnen! Wir atmen mit euch auf. Und irgendeinmal werden wir uns ja sicher auch selber begegnen dürfen, um von euch vieles, vieles zu vernehmen und ein wenig mit euch zu bedenken.

Einstweilen lege ich dir den weiteren Gang meines offensichtlich unglücklichen Gespräches mit Heiner bei. Was soll ich ihm eigentlich nun antworten? Vielleicht kannst du mir raten. Ich frage mich manchmal, ob ich ihm nicht wirklich einfach ärgerlich geworden bin in einer vermeidbaren Weise. Er kann es offenbar nur so verstanden haben, daß ich ständig, störrisch, unerfreulich immer wieder nur die eine Frage: Woher weißt du das? an ihn zu richten habe mit dem Hintergedanken, es werde ja sicher seine Offenbarungslehre irgendwie nicht in der rechten Ordnung sein. Und weil ich das so annehme, verhindere ich ihn einfach sozusagen am Weiterreden, bin ewig argwöhnisch bei allem, was er weiter — sagen möchte, weil dieser Ausgangspunkt ungeklärt sei, während er meint, auch er stehe ja mit mir auf dem Boden der Offenbarung, und nun gelte es, von da aus das Licht der christlichen Erkenntnis dahin und dorthin fallen zu lassen in schöner Eintracht. Vielleicht bin ich wirklich zu steil vorgegangen. Vielleicht muß man mit dem Philosophen wirklich so reden, wie es ja auch Calvin im 1. Buch der Institutio übt.3 Vielleicht ist das Ziel des christlichen Humanismus, wie es Heiner sicher auch nicht im Sinne von banaler theologia naturalis vorschwebt, sondern im Sinne der ja unleugbaren Ideenbezogenheit des Menschen, ein erstrebbares Ziel. Aber ich muß ja freilich sagen: ich bin wirklich durch dich einfach ein wenig «verdorben» für diese Zielsetzung. Irgendwo langweilt mich etwas daran. Philosophie ist mir wirklich ein wenig, was Heiner so unerhört beanstandet, «eine Sache für |481 sich», über deren eigentliche Aufgabe und Zielsetzung ich nicht gerade eine reichliche Auskunft geben kann. Aber Heiner sollte auf der anderen Seite meine Anmerkung wirklich auch nicht so persönlich tragisch nehmen. Er ist richtig eingeschnappt, wie sein Brief zeigt. Warum eigentlich? Ob da sein Komplex gegen dich im Grunde nicht mitgespielt hat? Laß mich ein wenig wissen, wie du darüber denkst. Ich kann freilich schon warten, bis wir uns nächste Woche einmal selber sehen. Ich reise wahrscheinlich am Freitag dieser Woche, also am 4., zu meiner Konferenz in die welsche Schweiz4 und dann am 7. Aug. endgültig nach Basel, und in der dann angebrochenen Woche hoffe ich immerhin wenigstens für einen Abend zu euch heraufzukommen, da dann die Unterrichtsstunden noch nicht begonnen haben und ich wohl noch nicht in vollen Anspruch genommen bin. Du mußt dich also noch nicht gleich an die Schreibmaschine setzen meinetwegen.

Sei unterdessen mit Lollo und Ruedis herzlich, herzlich gegrüßt!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Deutscher Bahnhof, im rechtsrheinischen Teil von Basel (Kleinbasel) gelegen.↩
2
R. Pestalozzi konnte Barth und Ch. von Kirschbaum nicht in Basel abholen (Telegramm R. Pestalozzis vom 29.7.1933).↩
3
Im ersten Buch seiner Institutio christianae religionis 📖 (1559) setzt Calvin sich wiederholt mit Positionen der antiken Philosophie auseinander. Er bezieht sich z. B. positiv auf den dort bezeugten allgemeinen Konsens über die Existenz Gottes (3,1), auf Platons Einschätzung der Ähnlichkeit mit Gott als höchstes Gut der Seele (3,3), stimmt Ciceros Herleitung des Wortes «religio» zu (12,1), billigt einer Anzahl namentlich genannter Philosophen zutreffende Erkenntnis hinsichtlich der Einteilung der menschlichen Seelenvermögen zu (15,6), die jedoch durch die Verkennung der Verderbnis der menschlichen Natur und durch die Behauptung der Willensfreiheit verfälscht werde (15,7f.), behauptet gegen die griechisch-lateinische Philosophie die Unzulänglichkeit der Gotteserkenntnis aus der Schöpfung (5,11), kritisiert die Philosophenansicht von der Vorsehung (16,1.3f.) usw.↩
4
Zur Sommerkonferenz des christlichen Studentenweltbundes in La Châtaigneraie bei Genf; s. unten S. 490, Anm. 12.↩