29. November 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich möchte dich dringlich fragen, ob du nicht für Heft 5 unserer Reihe etwas zur Verfügung stellen kannst? Es könnten ja z. B. auch gut ein paar irgendwie zusammengehörige Predigten sein. Wir stehen in einem K[ampf]1, wo ganz viel Volk auf Speisung wartet und wo wir mit unseren 2 Fischen und 5 Broten herausrücken müssen in der Erwartung, daß die nötige Vermehrung nicht ausbleibe [vgl. Mt. 14,17 par.]. Du solltest nun, nachdem ich 1-4 bestritten habe, endlich auch zu Worte kommen. Daß du nicht so direkt zur Lage reden kannst, wie ich es jetzt einfach muß, schadet wirklich nichts. Aber, weißt du, du solltest dich et|554was eilig entschließen und etwas speditiv «liefern», weil einerseits im gegenwärtigen Augenblick die Reihe nicht auf lange unterbrochen sein sollte, andererseits das gute Luthermanuskript von E. Wolf, von dem ich dir schrieb, schon vorliegt — das ich aber, wenn es irgend tunlich ist, nicht vor deinem ersten Beitrag, sondern als Heft 6 bringen möchte. Gelt, du lässest mich — Georgs Kummer in dieser Hinsicht ist ja nun auf mich übergegangen! — nicht im Stich!

Die Kirchengeschichte ist ja nun wieder mächtig in Gang gekommen. Daß es mit den D. C. nun so übel endigt2, ist mir wirklich kein Anlaß zur Freude. Denn was nun droht, ist das viel Schlimmere: die Kirche der braven Leute, die über Hossenfelder Pfui! rufen[, um] puncto analogia entis doch und erst recht im alten Schlamm weiter zu waten.3 |555 Dort wird sich Alles, Alles versammeln, und ich werde mein Hofhundsgebell — ceteris imparibus: wie Jeremia nach der Josianischen Tempelreform4 — erst recht fortsetzen müssen. Ich verstehe jetzt erst recht, warum ich im Sommer primär den Jung-Reformatorischen — sie sind die echten Deuteronomisten — an den Kragen gehen mußte5, und bin heilfroh, daß ich es getan habe. Aber es wird schon dafür gesorgt sein, daß schließlich gerade die Deuteronomisten das Spiel gewinnen!!

Nun ist unser Fritzli auch den Weg alles Fleisches gegangen.6 Er hat das M. bei allen Gelegenheiten zu weit aufgerissen, als daß sein Schicksal verwunderlich wäre. Aber traurig ist es doch. Und wer weiß …? Ich bekam heute aus Berlin die «absolut sichere» Nachricht, daß die wirkliche Tsch.7 etwas gegen mich auf dem Herzen und im Plane habe8, und |556 mußte L. bereits in der Weise beruhigen, daß ich ihr das Lied «In allen meinen Taten… 🎵»9 aufgeschlagen vorlegte und langsam und aufmerksam zu lesen anbefahl. Im Übrigen muß nun wieder jeden Tag neue Dogmatik 📖 entstehen. Ich grüble z. Z. an dem schwierigen Problem der Zeit (vor und nach dem Sündenfall, Augustin und Heidegger, «erfüllte» Zeit, alter und neuer Bund und Alles, was dahin gehört).10 Von Przywara kam eben eine solenne Anzeige des ersten Bandes11, dessen Finessen dieser Fino12 jedenfalls zu würdigen wußte.

Mit herzlichem Gruß!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Durch Lochung unleserlich, Ergänzung unsicher.↩
2
Seit der Sportpalastkundgebung am 13.11.1933 wurde trotz verschiedener Versuche der Reichskirchenleitung und der Reichsleitung der Glaubensbewegung, die entstandene Unruhe zu beschwichtigen, von mehreren Seiten gefordert, die für die Veranstaltung Verantwortlichen und besonders Hossenfelder zur Verantwortung zu ziehen. Auf der großen Führertagung der Glaubensbewegung am 23./24.11.1933 in Weimar, auf der eine neue Einigung der verschiedenen Gruppen der Bewegung unter der Reichsleitung erreicht werden sollte, kam es zum Austritt der gemäßigten bayerischen Delegation und zur Abspaltung des völkisch-deutschkirchlichen Flügels unter Siegfried Leffler und Julius Leutheuser. Seit dem 25.11.1933 erfolgten z. T. aufsehenerregende und folgenreiche Austritte akademischer Theologen aus der Glaubensbewegung, darunter K. Fezer, A. Weiser, H. Bornkamm, E. Haenchen, Fr. K. Schumann und Fr. Gogarten (zu dessen Austritt s. oben S. 494, Anm. 5). Am 29.11. forderten die nicht oder nicht mehr deutschchristlichen lutherischen Landesbischöfe zusammen mit M. Niemöller (für den Pfarrernotbund) und K. Koch (für Westfalen) in einer gemeinsamen Erklärung an L. Müller die restlose Beseitigung der von der Glaubensbewegung «geübte[n] kirchliche[n] Nebenregierung», da sie sich «nicht als ein Hort, sondern als eine Gefahr für Leben und Lehre der DEK [Deutschen Evangelischen Kirche] erwiesen» habe. L. Müllers Plan, Pfarrernotbund und die Glaubensbewegung aufzulösen, scheiterte an Hitlers Weigerung, das Vorhaben zu unterstützen. Noch am selben Tag traten die verbliebenen Mitglieder des Geistlichen Ministeriums zurück. (Schöffel hatte sein Amt bereits am 25.11. zur Verfügung gestellt.) Vgl. Schneider, S. 166–168 📖; K. Meier, Die Deutschen Christen, a.a.O., S. 42–51 📖; Scholder I, S. 713–715.717.720-723 📖; Meier I, S. 137–140 📖; Gauger I, S. 112–117.119 (Zitat dort S. 116) 📖; Hermelink, S. 57 📖; s. auch das Vorwort (vom 11.12.1933) in: K. Barth, Die Kirche Jesu Christi (ThExh 5), München 1933, S. 3–10; dort S. 4–7 📖.↩
3
Seit dem 14.11.1933 hatte M. Niemöller darauf hingearbeitet, durch eine Zusammenfassung der nicht-deutschchristlichen Kirchenführer Hossenfelders Entlassung aus dem Geistlichen Ministerium zu erreichen. Am 24.11. beschloß die später so genannte Bekenntnisfront in Stuttgart ein entsprechendes Ultimatum, das Müller über das lutherische Mitglied des Geistlichen Ministeriums, Schöffel, übermittelt wurde. Nach einem weiteren Ultimatum am 29.11. (s. Anm. 2) mußte mit dem Geistlichen Ministerium auch Hossenfelder zurücktreten. Auch von deutschchristlicher Seite war Hossenfelder zum Rücktritt aufgefordert worden. Fezers und Weisers Austritt aus der Glaubensbewegung war eine Folge ihrer Auseinandersetzungen mit dem Reichsleiter der Deutschen Christen. Vgl. Scholder I, S. 715–723 📖, und Literatur unter Anm. 2.↩
4
Vgl. 2.Kön. 23,1–30; 2.Chr. 34,29-35,25; Jer. 7,1–15; 22,10–23; 25,1–14.↩
5
Siehe oben S. 436, Anm. 2.↩
6
Am 21.11.1933 wurde Fr. Lieb entlassen. Er erhielt die Nachricht (nach einem Brief Ch. von Kirschbaums an R. Pestalozzi vom 25.11.1933) am 24.11. In seinem Nachlaß sind ein handschriftlicher Entwurf und ein Typoskript «Abschiedsworte des Prof. D. Fritz Lieb an seine Hörer in Bonn am 24.11.1933» erhalten (Signatur: Ha 8, 1). Vgl. M. Rohkrämer, Fritz Lieb 1933-1939 …, a.a.O. (S. 404, Anm. 9), S. 57–60 📖; Bizer, S. 257f. 📖 ↩
7
D. h. Tscheka. Aus dem Russischen übertragene Abkürzung der Bezeichnung für die «Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage», der 1917 gegründeten (1922 umbenannten) politischen Polizei in der Sowjetunion.↩
8
Am 27.11.1933 schrieb S. Knak an K. L. Schmidt: «Lieber Verbindungsbruder! Wollen Sie die Güte haben, Herrn Professor Karl Barth umgehend so schnell als möglich folgendes mitzuteilen: Seine Äußerungen bei der intimen Zusammenkunft im Hause von Pfarrer Jacobi am 31. Oktbr. vormittags (es betraf die bevorstehende Wahl am 12.11. und den Lubbeprozeß) sind der geheimen Staatspolizei zu Ohren gekommen. Es steht ein Einschreiten gegen ihn bevor, hoffentlich einstweilen nur in Form einer Haussuchung. Für diesen Zweck wird es aber gut sein, seine Papiere daraufhin anzusehen, ob der Inhalt im heutigen Sinn reaktionär oder staatsfeindlich sein kann. Die Quelle, aus der ich diese Nachricht habe, ist absolut einwandfrei» (Kopie im Karl Barth-Archiv; Original im Nachlaß Ernst Wolf).↩
9
EG 368; RG 676 (von Paul Fleming [1609–1640]) 🎵.↩
10
Siehe KD I/2, S. 50–77 📖: § 14: Die Zeit der Offenbarung, 1. Gottes Zeit und unsere Zeit.↩
11
E. Przywara, Dynamismus, in: Stimmen der Zeit, Jg. 64, Bd. 126 (1933/34) S. 155–168 📖; darin S. 162–165 Rezension über KD I/1. 📖 ↩
12
= Pfiffikus, Schlaukopf (von französisch Finaud).↩