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20. November 1933
ich habe eben noch einmal alle Nachrichten durchgelesen, die aus der Fülle der Geschehnisse der letzten zwei Wochen von dir her kamen. Du kannst dir denken, daß wir mit angespannter Aufmerksamkeit und aus innerstem Beteiligtsein heraus alles entgegennehmen, was auf eurer Seite passiert. Hab mit Lollo warmen Dank dafür, daß Ihr uns immer wieder ins Bild setzt! Mir ist es ganz eindringlich vor Augen, wie sehr sich deine ganze Haltung der letzten Monate einfach bewährt hat. Dein Weg ist gut und noch einmal gut. Wir haben gestern am Mittagstisch ausgemacht, das mit den D. Chr., den Jungreformatoren und «Karl Barth» sei so: Die deutschen Christen seien vergleichsweise einer, der am Bundesbahnhof zwar nach Zürich fahren wolle, aber zunächst in den Zug nach Mülhausen1 einsteige. In St. Ludwig2 merke er, daß er abwärts sause statt aufwärts, und rufe Halt! Aber nur ein Kind könne so dumm sein und meinen, nach so viel Konzessionen an den Geist der Zeit könne man nun einfach umkehren. Jener Mann im Sportpalast, der so heillose Sachen über die Bibel von sich gab, habe eben endlich |545 ausgeplaudert, wie alles gemeint sei.3 Die Jungreformatoren aber hätten zwar von Anfang an behauptet zu wissen, was Lands4, und seien nur einstweilen (und erst recht unser unglücklicher Freund Friedrich!) auch in den Zug nach Mülhausen gestiegen, um die dort Sitzenden darüber zu belehren, daß man doch eigentlich zusammen nach Zürich fahren wolle, was noch dümmer sei, als wenn man in ehrlicher Begeisterung nun einmal im falschen Zug drin sitze wie die D. Chr. Onkel Karl aber habe als Einziger den ganzen Leim von Anfang an gerochen und habe nur immer stur gerufen: nicht einsteigen! überhaupt nicht einsteigen! Unter keinen Umständen einsteigen! Lieber gar nicht fahren, als nach Mülhausen fahren! Und nun halte der Zug auf offener Strecke und werde sogar umkehren müssen, um unter die wahre Führung zu kommen — und das weitere wurde dann ebenfalls ausgemalt! Du siehst, bei uns hast du auf alle Fälle unbedingtes Vertrauen!
Aber ich weiß, wie wenig damit gesagt ist! Du liebe Zeit — was für ei|546ne einsame Wanderschaft ist dir augenblicklich beschieden! Auch deine eben hinter dir liegende Reise nach Berlin hat ja offensichtlich ergeben, daß du aus deiner Abseitsstellung noch keineswegs herausgehen kannst. Immer noch und immer neu wird nach «Ägypten hinab» gezogen [vgl. Jes. 30,2], zögernder vielleicht als bisher und bei Manchen unter sichtlichem Zurückblicken auf dich. Die ausgezeichneten Protokolle, für die wir euch besonders dankbar waren, haben doch ein paar solche Gesichter gezeigt, etwa die der beiden Lindenmeyer5 und doch ein Stück weit auch Jacobis6. Ob es da nicht doch alsgemach7 endgültig tagen wird? |547 Ob nicht doch die Mauer derer um den Reichsbischof langsam ganz mürb wird und eine Bresche sich öffnet, durch die man wirklich vorwärtszugehen hoffen kann? Was tun eigentlich die süddeutschen Leute? Ist immer noch keine Wolke «als eines Mannes Hand» [vgl. 1.Kön. 18,44] zu sichten? Man fragt und — natürlich geht es mir nicht anders — traut den neuesten Erklärungen von dorther8 keinen Schritt weit, so wenig wie so manchen anderen weniger offiziellen Zeichen. Und wartet doch irgendwie auf das Erscheinen der wirklichen Kirche, die ja sicher da ist im Verborgenen. In diese Lage hinein kommt nun dein Heft 39 mit außergewöhnlichem Gewicht. Besseres, Stärkeres und doch auch wieder Zurückhaltenderes könntest du nicht sagen! Zusammen mit deinem mir ganz besonders nahen und wichtigen und glanzvollen kleinen Aufsatz über Luther (ich las ihn in der N. Z. Z.
📖)10 ist dies Heft 3 auf alle Fälle eine jener Tafeln aus Erz [vgl. 1.Makk. 8,22], auf denen etwas geschrieben steht für alle, die noch Ohren haben. Und solcher gibt es ja sicher! Du aber selber wirst nur weiter Kurs halten können, ohne «dabei» zu sein. Das wird und muß sich lohnen, lohnen, lohnen! Wobei mir gerade die Zurückhaltung einleuchtet, aus der heraus du alles sagst. Heiner — ich hatte dieser Tage ein wirklich gutes Gespräch mit ihm, jenes von Gerty als so wünschbar erklärte und nun also wirklich zu Stande gekommene «Abrüstungsgespräch» — findet zwar, gerade die Zurückhaltung sei aufzugeben: du solltest frontaler reden, von der «christlichen», nicht nur der theologischen Existenz aus, nicht nur nach der Kirche hin, sondern zur Welt hin, Reden an …11! Aber das hängt bei ihm damit zusammen, daß er dieses indirekte kirchliche Reden eben auch in den Räumen der Philosophie nicht recht leiden mag, während es sich mir gerade an deiner Haltung so ungemein zu bewähren scheint. Ich gedenke deiner. Könnten, könnten wir nur mehr für dich tun!
548 Georg — ich lege dir bei, was ich von ihm habe. Der Brief von Helmi enthält aufs neue die merkwürdige Nachricht, daß ihm das Weitergeben des Münchner Protokolls vor allem ärgerlich gewesen sein muß.12 Seltsam! Aber er muß sich da irgendwie preisgegeben gefühlt haben. Ich habe ihm kurz geschrieben, sein Entschluß, nun auch das Haupt- und Mutterschiff im Stich zu lassen, sei mir eigentlich nur zu verständlich und nah, und ich empfände diesen Entschluß beinahe wie eine «Lösung». Wenn sie nur aufgedeckter für ihn selber erfolgen würde! Denn die Begründung kann ich nicht annehmen. Ich hätte einfach aus seinen Kundgebungen herausgelesen, daß ihm selber ein Weiterfahren nicht mehr möglich sei, ganz abgesehen von der ihm bei uns fehlenden «Mandaterklärung»13. Und das hänge doch sicher mit dem unheimlich raschen Weitergang aller Dinge zusammen. Also gut — dann muß es eben sein.14 Schade bleibt es und schmerzlich, aber … Er selber ist sicher nach wie vor nicht gut dran. Wie merkwürdig verschlossen ver|549kehrt er doch mit Helmi! Nur weil dieser eben auf unserer Seite steht. Auch da wird man nur warten können!
«Mich selber», wie Georgs Monika15 sich gelegentlich vorgestellt hat, ja, da ist natürlich nicht viel Belangreiches zu sagen. Ich bin, ach Lollo, ach Karl, gerade neuerdings von der Menschheit mit den besonders schwierigen Erwägungen «zwischen den Geschlechtern» in gehäufter Fülle betraut und weiß da ja auch nicht weiter und mehr «als meine Väter» [vgl. 1.Kön. 19,4]. Heiner Gelzers Bruder16 (es ist kein Geheimnis) hat sich — also «im Härze von Basel»17 — von seiner Frau und seinen Kindern getrennt um einer Katholikin aus München willen, und seine Frau hat sich gleichzeitig an einen gemeinsamen Hausfreund abtreten lassen mitsamt den Kindern. Darob natürlich ein wirkliches Entsetzen und tiefster Gram bei der alten Frau Pfarrer Gelzer18 und Entrüstung bei dem Bruder Matthys, dem Professor in Frankfurt19 — aber (Respekt! ) ein wirkliches Verstehen und Mittragen und Helfen bei Heiner selbst. Dieser pietistische Mann weiß wirklich, weiß lebensmäßig um die Rechtfertigung und die Vergebung. Ich selber konnte kaum etwas anderes sagen, als er seinem Bruder bereits gesagt hatte. Ich bin dadurch Heiner selber wieder richtig nahe gekommen. Weiter habe ich unter Adölflis20 senil-kindlicher Leitung im Vereinshaus beim großen Zusammenzug der positiven Division Basels vom dritten und obersten Känzelein aus und während unten das Volk Israel (zu welchem für diesen |550 Abend sogar dein Bruder Heiner mitsamt Frau und deren Sippe gestoßen war) sich bei Teetassen und Zehnerweggli21 gelagert und bereits am Verdauen gelagert hatte, ein Wort über Kirche und Staat gesagt22, und zwar Seite an Seite mit dem als erster Referent gewonnenen Herrn Reg. rat Ludwig, vulgo Tschämpis, augenblicklich Oberster aller Landsgi23 in Basel. Dieser Wackere erweist sich da als ein wirklich nur zu ordliger24, ganz und gar positiver, ernster und frommer Mann, der glatt und fast ein wenig zu anständig und seriös den liberalen Staatsgedanken entwickelte, und zwar so ein wenig nach der Ordnung des Heidelbergers: 1. Von der Anarchie, wenn es keinen Staat gäbe, 2. Von dem guten Willen des Staates, der wenngleich mit dem gewiß nur mit der uns hier ja geläufigeren Sünde zu rechtfertigenden Säbel dem Einzelnen, das heißt der wahren Persönlichkeit, den ihr gehörigen Spielraum in Familie und Beruf verschaffe, 3. Von des also beschützten «Bürgers» Dankbarkeit gegenüber diesem Staate.25 Es war soweit alles gut und recht, aber, Karl, wirklich so gesungen geht dies Lied nicht mehr heute. Adieu Liberalismus! «Wo stehn mer aigetlig?»26 Adolf gab es kund, als er in |551 seiner haimeligen27 Eröffnungsansprache davon redete, ein Maler «unserer Zeit» habe (er selber habe das in Berlin «seinerzeit» gesehen) die Seele unserer Zeit so und so dargestellt, nämlich — der Maler Kaulbach28! Also wirklich 1890! Begreiflich, daß Leute wie mein Freund Sämi Dieterle das dringende Bedürfnis empfanden, dagegen «ein leidenschaftlich freies Wort»29 zu reden und dabei das Ragazhorn zu blasen — aber stammt nicht auch dieses so ungefähr aus derselben Periode? Und Adolf Preiswerk ließ es auch nicht dazu kommen. Er hatte mir von Anfang an gesagt, es gebe keine «Dischkussion», es gebe immer Leute, die ebbis Ungschickts30 sagen könnten. Und so schloß er, wirklich, Karl, er schloß unmittelbar nach meinem vorher bestellten kleinen Korreferat den «schönen Abend», indem er das allgemeine Lied anstimmen ließ, bei Theetassen und mit Orgelbegleitung: «Breit aus die Flügel beide …»31 Auch Heiner hätte mitsingen müssen, wenn er nicht schon gleich vorher das Lokal verlassen hätte. Er beklagte sich dann auch nachher bei mir über einen unerfreulichen Mangel an «männlichem Ton» …
Mit Heiner hatte ich also im übrigen jenes Gespräch. Es verlief wirklich freundlich und würdig. Heiner blieb dabei, daß das Anliegen des Thomismus zu Recht bestehe, wenn es auch ganz und gar protestantisch aufgenommen werden müsse. Er sagte, er meine grundsätzlich nichts anderes als etwa die Ausführung des Satzes, daß das Gesetz heilig, gut und gerecht sei [Röm. 7,12], also den Paulinismus, der aber das Gesetz (d. h. die Humanität) nie fallen gelassen habe. An dieser Stelle habe Emil recht, auch wenn er ihm in der Durchführung nicht folgen könne. Es dürfe die Humanität allerdings nicht ein erstes sein, dem dann ein zweites folge, das sei von uns gut gesagt, aber wir ließen dafür die Humanität überhaupt auf der Seite und behandelten sie so unsererseits doch wieder als ein «erstes», zu dem wir dann freilich entweder nein oder überhaupt nichts zu sagen liebten. Er sagte das alles aber sehr gut und ausgebreitet und so, daß ich ihn irgendwie verstand, ohne freilich |552 denken zu können, daß er das Wort, das wir doch wirklich zur Humanität hin sagen, sie darin aufnehmend, nämlich das Verkündigungswort, richtig sähe32. Ich sagte ihm bloß: ich müßte mich weigern, dieses Verkündigungswort noch auf gleicher Höhe durch ein weiteres, ein sozusagen theologisch-philosophisches Wort flankieren zu lassen. Und darin stellten wir dann unseren Gegensatz fest: daß er an dir doch irgendwie auszusetzen hat, daß du die Aufgabe der Theologie rein innerkirchlich, rein nur auf die Bereinigung der Verkündigung der Kirche beziehst — «diese anderen Fragen liegen Karl leider fern». Er ließe wohl alles gelten, wenn «diese andere Aufgabe der Theologie»33 prinzipieller aufgenommen würde. Aber auf alle Fälle gingen wir in guter Weise auseinander.
Mein Volkshochschulkurs, ach Karl, nein, da gibt’s nichts zu veröffentlichen! Das ist eine Kinderlehre, mit Hilfsmitteln durchgeführt, die wirklich weithin nicht von mir stammen, z. B. deiner ausgezeichneten Vorlesung über das Aufklärungszeitalter34 usw.
Am letzten Freitag war dies academicus35. Und da schritt ich unserem Freund Ernst Staehelin zulieb auch wieder einmal ganz mit, sogar zum Bankett des Gehirnklubs. Neben Ruedi Liechtenhan und dem alten Jakob Wirz als der Privatdozenten einer. Ernst hat seine Sache wirklich gut gemacht, d. h. er hat verzichtet auf die Darbietung seiner zerbrochenen Schöpfung und dafür ein lehrreiches Bild der Zeit von vor rund 80 Jahren gegeben, als der Liberalismus aufbrach und Jeremias Gotthelf den Herr Esau36 schrieb.37
553 Aber nun muß ich wirklich schließen, weil eben morgen abend der Kurs wieder laufen soll und weil der dazu nötige Filmstreifen noch nicht erstellt ist. Marguerite ist unterdessen in den Vortrag des Herrn Sieburg gegangen, der ein sicher hörenswertes, allerdings aus ganz positiver Einstellung heraus stammendes Bild des heutigen Deutschland zeichnet — kennst du sein Buch «Es werde Deutschland!»?38
Es war ein kurzes, aber so freundliches Zusammensein mit Nelly, als sie heimreiste. Ich habe sie leider selber fast nicht gesehen, weil ich nicht frei war. Wir grüßen sie herzlich, das ganze Haus. Und dich und Lollo nicht minder. Laßt mir weiter zugehen, was immer möglich ist. Ihr wißt ja, wie wir drauf angewiesen sind! Wir begleiten euch, von weitem — aber in Treuen!