20. November 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

ich habe eben noch einmal alle Nachrichten durchgelesen, die aus der Fülle der Geschehnisse der letzten zwei Wochen von dir her kamen. Du kannst dir denken, daß wir mit angespannter Aufmerksamkeit und aus innerstem Beteiligtsein heraus alles entgegennehmen, was auf eurer Seite passiert. Hab mit Lollo warmen Dank dafür, daß Ihr uns immer wieder ins Bild setzt! Mir ist es ganz eindringlich vor Augen, wie sehr sich deine ganze Haltung der letzten Monate einfach bewährt hat. Dein Weg ist gut und noch einmal gut. Wir haben gestern am Mittagstisch ausgemacht, das mit den D. Chr., den Jungreformatoren und «Karl Barth» sei so: Die deutschen Christen seien vergleichsweise einer, der am Bundesbahnhof zwar nach Zürich fahren wolle, aber zunächst in den Zug nach Mülhausen1 einsteige. In St. Ludwig2 merke er, daß er abwärts sause statt aufwärts, und rufe Halt! Aber nur ein Kind könne so dumm sein und meinen, nach so viel Konzessionen an den Geist der Zeit könne man nun einfach umkehren. Jener Mann im Sportpalast, der so heillose Sachen über die Bibel von sich gab, habe eben endlich |545 ausgeplaudert, wie alles gemeint sei.3 Die Jungreformatoren aber hätten zwar von Anfang an behauptet zu wissen, was Lands4, und seien nur einstweilen (und erst recht unser unglücklicher Freund Friedrich!) auch in den Zug nach Mülhausen gestiegen, um die dort Sitzenden darüber zu belehren, daß man doch eigentlich zusammen nach Zürich fahren wolle, was noch dümmer sei, als wenn man in ehrlicher Begeisterung nun einmal im falschen Zug drin sitze wie die D. Chr. Onkel Karl aber habe als Einziger den ganzen Leim von Anfang an gerochen und habe nur immer stur gerufen: nicht einsteigen! überhaupt nicht einsteigen! Unter keinen Umständen einsteigen! Lieber gar nicht fahren, als nach Mülhausen fahren! Und nun halte der Zug auf offener Strecke und werde sogar umkehren müssen, um unter die wahre Führung zu kommen — und das weitere wurde dann ebenfalls ausgemalt! Du siehst, bei uns hast du auf alle Fälle unbedingtes Vertrauen!

Aber ich weiß, wie wenig damit gesagt ist! Du liebe Zeit — was für ei|546ne einsame Wanderschaft ist dir augenblicklich beschieden! Auch deine eben hinter dir liegende Reise nach Berlin hat ja offensichtlich ergeben, daß du aus deiner Abseitsstellung noch keineswegs herausgehen kannst. Immer noch und immer neu wird nach «Ägypten hinab» gezogen [vgl. Jes. 30,2], zögernder vielleicht als bisher und bei Manchen unter sichtlichem Zurückblicken auf dich. Die ausgezeichneten Protokolle, für die wir euch besonders dankbar waren, haben doch ein paar solche Gesichter gezeigt, etwa die der beiden Lindenmeyer5 und doch ein Stück weit auch Jacobis6. Ob es da nicht doch alsgemach7 endgültig tagen wird? |547 Ob nicht doch die Mauer derer um den Reichsbischof langsam ganz mürb wird und eine Bresche sich öffnet, durch die man wirklich vorwärtszugehen hoffen kann? Was tun eigentlich die süddeutschen Leute? Ist immer noch keine Wolke «als eines Mannes Hand» [vgl. 1.Kön. 18,44] zu sichten? Man fragt und — natürlich geht es mir nicht anders — traut den neuesten Erklärungen von dorther8 keinen Schritt weit, so wenig wie so manchen anderen weniger offiziellen Zeichen. Und wartet doch irgendwie auf das Erscheinen der wirklichen Kirche, die ja sicher da ist im Verborgenen. In diese Lage hinein kommt nun dein Heft 39 mit außergewöhnlichem Gewicht. Besseres, Stärkeres und doch auch wieder Zurückhaltenderes könntest du nicht sagen! Zusammen mit deinem mir ganz besonders nahen und wichtigen und glanzvollen kleinen Aufsatz über Luther (ich las ihn in der N. Z. Z. 📖)10 ist dies Heft 3 auf alle Fälle eine jener Tafeln aus Erz [vgl. 1.Makk. 8,22], auf denen etwas geschrieben steht für alle, die noch Ohren haben. Und solcher gibt es ja sicher! Du aber selber wirst nur weiter Kurs halten können, ohne «dabei» zu sein. Das wird und muß sich lohnen, lohnen, lohnen! Wobei mir gerade die Zurückhaltung einleuchtet, aus der heraus du alles sagst. Heiner — ich hatte dieser Tage ein wirklich gutes Gespräch mit ihm, jenes von Gerty als so wünschbar erklärte und nun also wirklich zu Stande gekommene «Abrüstungsgespräch» — findet zwar, gerade die Zurückhaltung sei aufzugeben: du solltest frontaler reden, von der «christlichen», nicht nur der theologischen Existenz aus, nicht nur nach der Kirche hin, sondern zur Welt hin, Reden an …11! Aber das hängt bei ihm damit zusammen, daß er dieses indirekte kirchliche Reden eben auch in den Räumen der Philosophie nicht recht leiden mag, während es sich mir gerade an deiner Haltung so ungemein zu bewähren scheint. Ich gedenke deiner. Könnten, könnten wir nur mehr für dich tun!

548 Georg — ich lege dir bei, was ich von ihm habe. Der Brief von Helmi enthält aufs neue die merkwürdige Nachricht, daß ihm das Weitergeben des Münchner Protokolls vor allem ärgerlich gewesen sein muß.12 Seltsam! Aber er muß sich da irgendwie preisgegeben gefühlt haben. Ich habe ihm kurz geschrieben, sein Entschluß, nun auch das Haupt- und Mutterschiff im Stich zu lassen, sei mir eigentlich nur zu verständlich und nah, und ich empfände diesen Entschluß beinahe wie eine «Lösung». Wenn sie nur aufgedeckter für ihn selber erfolgen würde! Denn die Begründung kann ich nicht annehmen. Ich hätte einfach aus seinen Kundgebungen herausgelesen, daß ihm selber ein Weiterfahren nicht mehr möglich sei, ganz abgesehen von der ihm bei uns fehlenden «Mandaterklärung»13. Und das hänge doch sicher mit dem unheimlich raschen Weitergang aller Dinge zusammen. Also gut — dann muß es eben sein.14 Schade bleibt es und schmerzlich, aber … Er selber ist sicher nach wie vor nicht gut dran. Wie merkwürdig verschlossen ver|549kehrt er doch mit Helmi! Nur weil dieser eben auf unserer Seite steht. Auch da wird man nur warten können!

«Mich selber», wie Georgs Monika15 sich gelegentlich vorgestellt hat, ja, da ist natürlich nicht viel Belangreiches zu sagen. Ich bin, ach Lollo, ach Karl, gerade neuerdings von der Menschheit mit den besonders schwierigen Erwägungen «zwischen den Geschlechtern» in gehäufter Fülle betraut und weiß da ja auch nicht weiter und mehr «als meine Väter» [vgl. 1.Kön. 19,4]. Heiner Gelzers Bruder16 (es ist kein Geheimnis) hat sich — also «im Härze von Basel»17 — von seiner Frau und seinen Kindern getrennt um einer Katholikin aus München willen, und seine Frau hat sich gleichzeitig an einen gemeinsamen Hausfreund abtreten lassen mitsamt den Kindern. Darob natürlich ein wirkliches Entsetzen und tiefster Gram bei der alten Frau Pfarrer Gelzer18 und Entrüstung bei dem Bruder Matthys, dem Professor in Frankfurt19 — aber (Respekt! ) ein wirkliches Verstehen und Mittragen und Helfen bei Heiner selbst. Dieser pietistische Mann weiß wirklich, weiß lebensmäßig um die Rechtfertigung und die Vergebung. Ich selber konnte kaum etwas anderes sagen, als er seinem Bruder bereits gesagt hatte. Ich bin dadurch Heiner selber wieder richtig nahe gekommen. Weiter habe ich unter Adölflis20 senil-kindlicher Leitung im Vereinshaus beim großen Zusammenzug der positiven Division Basels vom dritten und obersten Känzelein aus und während unten das Volk Israel (zu welchem für diesen |550 Abend sogar dein Bruder Heiner mitsamt Frau und deren Sippe gestoßen war) sich bei Teetassen und Zehnerweggli21 gelagert und bereits am Verdauen gelagert hatte, ein Wort über Kirche und Staat gesagt22, und zwar Seite an Seite mit dem als erster Referent gewonnenen Herrn Reg. rat Ludwig, vulgo Tschämpis, augenblicklich Oberster aller Landsgi23 in Basel. Dieser Wackere erweist sich da als ein wirklich nur zu ordliger24, ganz und gar positiver, ernster und frommer Mann, der glatt und fast ein wenig zu anständig und seriös den liberalen Staatsgedanken entwickelte, und zwar so ein wenig nach der Ordnung des Heidelbergers: 1. Von der Anarchie, wenn es keinen Staat gäbe, 2. Von dem guten Willen des Staates, der wenngleich mit dem gewiß nur mit der uns hier ja geläufigeren Sünde zu rechtfertigenden Säbel dem Einzelnen, das heißt der wahren Persönlichkeit, den ihr gehörigen Spielraum in Familie und Beruf verschaffe, 3. Von des also beschützten «Bürgers» Dankbarkeit gegenüber diesem Staate.25 Es war soweit alles gut und recht, aber, Karl, wirklich so gesungen geht dies Lied nicht mehr heute. Adieu Liberalismus! «Wo stehn mer aigetlig?»26 Adolf gab es kund, als er in |551 seiner haimeligen27 Eröffnungsansprache davon redete, ein Maler «unserer Zeit» habe (er selber habe das in Berlin «seinerzeit» gesehen) die Seele unserer Zeit so und so dargestellt, nämlich — der Maler Kaulbach28! Also wirklich 1890! Begreiflich, daß Leute wie mein Freund Sämi Dieterle das dringende Bedürfnis empfanden, dagegen «ein leidenschaftlich freies Wort»29 zu reden und dabei das Ragazhorn zu blasen — aber stammt nicht auch dieses so ungefähr aus derselben Periode? Und Adolf Preiswerk ließ es auch nicht dazu kommen. Er hatte mir von Anfang an gesagt, es gebe keine «Dischkussion», es gebe immer Leute, die ebbis Ungschickts30 sagen könnten. Und so schloß er, wirklich, Karl, er schloß unmittelbar nach meinem vorher bestellten kleinen Korreferat den «schönen Abend», indem er das allgemeine Lied anstimmen ließ, bei Theetassen und mit Orgelbegleitung: «Breit aus die Flügel beide …»31 Auch Heiner hätte mitsingen müssen, wenn er nicht schon gleich vorher das Lokal verlassen hätte. Er beklagte sich dann auch nachher bei mir über einen unerfreulichen Mangel an «männlichem Ton» …

Mit Heiner hatte ich also im übrigen jenes Gespräch. Es verlief wirklich freundlich und würdig. Heiner blieb dabei, daß das Anliegen des Thomismus zu Recht bestehe, wenn es auch ganz und gar protestantisch aufgenommen werden müsse. Er sagte, er meine grundsätzlich nichts anderes als etwa die Ausführung des Satzes, daß das Gesetz heilig, gut und gerecht sei [Röm. 7,12], also den Paulinismus, der aber das Gesetz (d. h. die Humanität) nie fallen gelassen habe. An dieser Stelle habe Emil recht, auch wenn er ihm in der Durchführung nicht folgen könne. Es dürfe die Humanität allerdings nicht ein erstes sein, dem dann ein zweites folge, das sei von uns gut gesagt, aber wir ließen dafür die Humanität überhaupt auf der Seite und behandelten sie so unsererseits doch wieder als ein «erstes», zu dem wir dann freilich entweder nein oder überhaupt nichts zu sagen liebten. Er sagte das alles aber sehr gut und ausgebreitet und so, daß ich ihn irgendwie verstand, ohne freilich |552 denken zu können, daß er das Wort, das wir doch wirklich zur Humanität hin sagen, sie darin aufnehmend, nämlich das Verkündigungswort, richtig sähe32. Ich sagte ihm bloß: ich müßte mich weigern, dieses Verkündigungswort noch auf gleicher Höhe durch ein weiteres, ein sozusagen theologisch-philosophisches Wort flankieren zu lassen. Und darin stellten wir dann unseren Gegensatz fest: daß er an dir doch irgendwie auszusetzen hat, daß du die Aufgabe der Theologie rein innerkirchlich, rein nur auf die Bereinigung der Verkündigung der Kirche beziehst — «diese anderen Fragen liegen Karl leider fern». Er ließe wohl alles gelten, wenn «diese andere Aufgabe der Theologie»33 prinzipieller aufgenommen würde. Aber auf alle Fälle gingen wir in guter Weise auseinander.

Mein Volkshochschulkurs, ach Karl, nein, da gibt’s nichts zu veröffentlichen! Das ist eine Kinderlehre, mit Hilfsmitteln durchgeführt, die wirklich weithin nicht von mir stammen, z. B. deiner ausgezeichneten Vorlesung über das Aufklärungszeitalter34 usw.

Am letzten Freitag war dies academicus35. Und da schritt ich unserem Freund Ernst Staehelin zulieb auch wieder einmal ganz mit, sogar zum Bankett des Gehirnklubs. Neben Ruedi Liechtenhan und dem alten Jakob Wirz als der Privatdozenten einer. Ernst hat seine Sache wirklich gut gemacht, d. h. er hat verzichtet auf die Darbietung seiner zerbrochenen Schöpfung und dafür ein lehrreiches Bild der Zeit von vor rund 80 Jahren gegeben, als der Liberalismus aufbrach und Jeremias Gotthelf den Herr Esau36 schrieb.37

553 Aber nun muß ich wirklich schließen, weil eben morgen abend der Kurs wieder laufen soll und weil der dazu nötige Filmstreifen noch nicht erstellt ist. Marguerite ist unterdessen in den Vortrag des Herrn Sieburg gegangen, der ein sicher hörenswertes, allerdings aus ganz positiver Einstellung heraus stammendes Bild des heutigen Deutschland zeichnet — kennst du sein Buch «Es werde Deutschland!»?38

Es war ein kurzes, aber so freundliches Zusammensein mit Nelly, als sie heimreiste. Ich habe sie leider selber fast nicht gesehen, weil ich nicht frei war. Wir grüßen sie herzlich, das ganze Haus. Und dich und Lollo nicht minder. Laßt mir weiter zugehen, was immer möglich ist. Ihr wißt ja, wie wir drauf angewiesen sind! Wir begleiten euch, von weitem — aber in Treuen!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Mülhausen (Mulhouse), Stadt im südlichen Elsaß.↩
2
St. Ludwig (St. Louis), an der Schweizer Grenze bei Basel gelegene elsässische Kleinstadt.↩
3
Dr. phil. Reinhold Krause (1893–1980), 1933 kommissarischer Leiter, 1934/1945 Studiendirektor am Elisabeth-Christinen-Lyceum in Berlin-Niederschönhausen, Mitglied der Provinzialsynode und des Provinzialkirchenrates der Mark Brandenburg und der Generalsynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, außerdem seit 1932 Obmann der Glaubensbewegung Deutsche Christen im Großgau Berlin, forderte als Hauptredner an der Sportpalastkundgebung am 13.11.1933 «‹Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen, Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten. Mit Recht hat man dieses Buch als eines der fragwürdigsten Bücher der Weltgeschichte bezeichnet.› Artgemäßes Christentum, wie es in den Richtlinien der DC stehe, und Haften am Alten Testament schlössen sich aus. ‹Die Juden sind nicht Gottes Volk. Wenn wir NS uns schämen, eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müßten wir uns erst recht schämen, irgend etwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen. … Es wird auch notwendig sein, daß unsere LK [Landeskirche] sich damit beschäftigt, daß alle offenbar entstellten und abergläubischen Berichte des Neuen Testaments entfernt werden und daß ein grundsätzlicher Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus ausgesprochen wird, der eine Verfälschung jener Botschaft begangen hat, dieser schlichten Frohbotschaft: ‹Liebe deinen Nächsten als dich selbst›, halte diesen Nächsten als deinen Bruder und Gott als deinen Vater. … Die reine Jesuslehre muß wieder die Grundlage der Kirche bilden. Wenn wir aus den Evangelien das herausnehmen, was zu unseren deutschen Herzen spricht, dann tritt das Wesentliche der Jesuslehre klar und leuchtend zutage, das sich — und darauf dürfen wir stolz sein — restlos deckt mit den Forderungen des Nationalsozialismus …›» (zitiert nach Gauger I, S. 109 📖).↩
4
= was (Landes-)Brauch ist, sich gehört; hier wohl etwa: was zu tun sei.↩
5
Eduard Lindenmeyer (1887–1945), seit 1931 Pfarrer in Berlin-Wilmersdorf, und sein Bruder Friedrich Lindenmeyer (1878–1954), seit 1919 Vereinsgeistlicher der Vereinigung zur kirchlichen Fürsorge für die Fluß- und Kanalschiffer e.V. in Berlin-Wilmersdorf, 1945–1950 zusätzlich dort kommissarisch Gemeindepfarrer, waren beide seit Beginn Mitglieder des Pfarrernotbundes. — Die im Protokoll des Gespräches am Vormittag des 31.10.1933 (s. oben S. 532, Anm. 15) wiedergegebenen z. T. ausführlichen Äußerungen von Friedrich Lindenmeyer zum Fragebogen der Kirchenleitung über die arische Abstammung und zur Haltung gegenüber den Deutschen Christen zeigen sein Bemühen um eine klare, allein von der Sache her bestimmte Haltung; s. Reformationstag 1933 …, a.a.O., S. 77f. 84f. 📖 Auf derselben Linie liegt die Äußerung von «Lindenmeyer II» (so bezeichnet in Ch. von Kirschbaums Protokoll [s. oben S. 532, Anm. 15]; nicht eindeutig zu identifizieren), die das Gespräch am Nachmittag eröffnete: die Pfarrerschaft müsse bei einer eventuell auf sie zukommenden Befragung nach ihrer «arischen» oder «nicht-arischen» Abstammung die Beantwortung geschlossen verweigern (Reformationstag 1933 …, a.a.O., S. 93). «Lindenmeyer I» plädierte unter Verweis auf die Geschichte vom barmherzigen Samariter dafür, «dem Herrn Reichskanzler» die von Barth zuvor aufgeworfenen Fragen nach Recht oder Unrecht der politischen Ereignisse des Jahres vorzulegen (a.a.O., S. 107; Barth hatte gefragt: «Was ist geschehen diesen Sommer in Deutschland? Diese Art der Machtergreifung? Diese Beseitigung aller Parteien? Diese Beschlagnahme von Vermögen? Was ist geschehen in den Konzentrationslagern? Was ist geschehen an den Juden? Kann Deutschland, kann die deutsche Kirche, diese Fülle von Selbstmorden verantworten? Ist die Kirche nicht mitschuldig daran, weil sie geschwiegen hat? Ich stelle nur Fragen», a.a.O., S. 106).↩
6
Jacobi äußerte sich am 31.10.1933 vor allem im Nachmittagsgespräch zu verschiedenen Themen: Eine Befragung der Pfarrer nach ihrer Abstammung lehnte er ab, konnte jedoch zugleich von der «an sich nicht so zentralen Frage des Arierparagraphen» sprechen (Reformationstag 1933 …, a.a.O., S. 94 📖), die Verlesung von Erlassen der Reichskirchenregierung hielt er nicht für grundsätzlich ausgeschlossen (vgl. a.a.O., S. 97; weitere Äußerungen Jacobis a.a.O., S. 95.104.112f.). In seinen kurzen Beiträgen zum abendlichen Gespräch am 14.11.1933 (vgl. a.a.O., S. 122.124f.127f.) drängte er als Konsequenz aus dem Sportpalastskandal (s. oben S. 539f., Anm. 3) auf konkrete Maßnahmen gegen die Reichskirchenregierung.↩
7
= allmählich.↩
8
Konnten nicht identifiziert werden.↩
9
K. Barth, Reformation als Entscheidung (ThExh 3), München 1933. 📖↩
10
Mskr.: «(ich las in den der N.Z.Z. 📖)»; Änderung von der Hrsgn. Der oben S. 514, genannte Aufsatz ist u. a. abgedruckt in: NZZ, Jg. 154 (1933), Nr. 2034 vom 10.11.1933, S. 1f. 📖↩
11
Vermutlich Anspielung auf klassische Buchtitel wie Fr. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799) 📖, J. G. Fichte, Reden an die deutsche Nation (1807/08) 📖, oder H. Kutter, Reden an die deutsche Nation, Jena 1916. 📖↩
12
W. Vischers Brief an Thurneysen vom 14.11.1933 befindet sich im Karl Barth-Archiv. Der Brief von G. Merz ist nicht erhalten. Zu der Auseinandersetzung mit Merz s. oben S. 531, Anm. 14.↩
13
Am 13.11.1933 hatte Barth an Merz zu dessen Auffassung, Barth habe ihn bei dem Münchner Gespräch zur Fortführung von ZZ aufgefordert (s. oben S. 535f., Anm. 1), geschrieben: «Das war keine ‹Aufforderung›, ZdZ fortzusetzen, das war eine ‹Zulassung›. Auf keinen Fall könnte ich zugeben, daß ich mich in München geradezu an der Erteilung eines neuen oder erneuerten ‹Mandates› (wie es in deinem letzthin hier durchgelaufenen Abschiedswort hieß) beteiligt habe. Und daß mir obliege, in meinem Schlußwort noch etwas in diese Richtung Gehendes zu sagen, das hat in meinem Bewußtsein offenbar so wenig weitergelebt als in dem von Eduard.» In der kurz vor dem Druck zurückgezogenen Erstfassung einer «Mitteilung» über Barths und Thurneysens Ausscheiden aus dem Herausgeberkreis hatte Merz im Rückblick geschrieben: «Ich habe meine Tätigkeit nie anders aufgefasst, als dass ich von Karl Barth, Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen ein Mandat überkommen habe. So gross das Vertrauen war, das sie mir in den elf Jahren gemeinsamer Arbeit gewährten, und so gross die Selbständigkeit, die daraus für mein Handeln erwuchs, ich wusste mich doch nur als Beauftragten. Es war mir darum nötig zu wissen, dass ich im Einverständnis aller handle, wenn ich nun künftighin als in jeder Hinsicht allein verantwortlicher Herausgeber und leider ohne Barth und Thurneysen ‹Zwischen den Zeiten› weiterführe» (Abdruck der Druckfahne dieser «Mitteilung» in: Fr. W. Kantzenbach, Das Ende von «Zwischen den Zeiten», in: Theologische Zeitschrift, Jg. 31 (1975), S. 161–172; dort S. 167–169; Zitat dort S. 167 📖; Faksimile der 1. Seite bei Lichtenfeld, S. 198 📖; vgl. dort auch S. 200.205).↩
14
D. h. das Ende von «Zwischen den Zeiten»; vgl. Lichtenfeld, S. 205–211. 📖↩
15
Monika Merz (geb. 1925), 1950 Diakonisse an der Diakonissenanstalt Bethel, seit 1990 dort im Ruhestand lebend.↩
16
Carl Conrad Sylvester Gelzer (1898–1974), Anwalt und Notar in Basel, Inhaber zahlreicher Ehrenämter (u. a. beim Roten Kreuz, Invalidenfürsorge, Armenierhilfe), war ein Freund E. Thurneysens, später auch Barths, dessen Schriften er gründlich studierte (vgl. seinen Lebenslauf in: Zur Erinnerung an Conrad Gelzer. 31. Dezember 1898- 15. November 1974, o. O. o. J. [Privatdruck], S. 5–13 📖; zur späteren Freundschaft mit Barth dort S. 11). Aus Gelzers erster Ehe mit Louise Passavant (geb. 1903) stammten zwei Söhne, seine zweite Ehe mit Marianne Beecke (1899–1983) blieb kinderlos (Fr. H. Gölzer, 700 Jahre Gelzer — Gölzer. Eine familiengeschichtliche Betrachtung, Urbach [Selbstverlag des Verfassers] 1988, S. 170 📖).↩
17
D. h. in der «besseren Gesellschaft» von Basel.↩
18
Maria Elisabeth Gelzer, geb. Vischer (1863–1937); vgl. Zur Erinnerung an Frau Pfarrer Elisabeth Gelzer-Vischer 1863-1937, Basel o. J. (Privatdruck). 📖↩
19
Dr phil. et iur. Matthias Gelzer (1886–1974), 1919–1955 o. Professor für Alte Geschichte (Römische Geschichte) in Frankfurt am Main.↩
20
Adolf Preiswerk.↩
21
= «Zehnerbrötchen», d. h. Brötchen für 10 Rappen.↩
22
E. Thurneysen, Evangelium, Kirche, Staat (Korreferat zu einem Vortrag von Herrn Regierungsrat Dr. Carl Ludwig über dasselbe Thema …), in: KBRS, Jg. 90 (1934), S. 183–188. 📖 Über die Veranstaltung im Christlichen Vereinshaus am 15.11.1933 vgl. -an-, Volk, Kirche. Familienabend der Positiven Gemeindevereine Basels, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 315 vom 16.11.1933, 1. Beilage 📖. — «Christliches Vereinshaus» wurde der ehemalige Patrizierhof «Zum schönen Haus» genannt, den 1864 eine zu diesem Zweck gegründete Gesellschaft als Versammlungs- und Veranstaltungsort für christliche Vereine erworben hatte. Der über 2000 Personen fassende große (Mehrzweck-)Saal, in dem der «Familienabend» laut dem BN-Artikel stattfand, befand sich in einem 1868/69 hinter dem «Schönen Haus» errichteten Saalgebäude und war in einen ebenerdigen größeren und einen erhöhten kleineren Teil jeweils mit einem dazugehörigen Rednerpult gegliedert; an der Mitte der Südwand befand sich, nochmals erhöht, ein drittes Rednerpult, von dem aus der Redner beide Teile überblicken konnte. Vgl. Das Christliche Vereinshaus am Nadelberg in Basel. Rückblick auf das erste halbe Jahrhundert seines Bestehens, Basel 1917 📖; Abbildungen des Saales dort S. 52f. ↩
23
= Polizisten (Schülersprache).↩
24
= rechtschaffener, braver.↩
25
C. Ludwig, Volk, Staat und Kirche (Flugschriften der Schriftenstelle der evangelisch-reformierten Kirche von Basel), Basel 1934. 📖 — Die drei Teile des Heidelberger Katechismus 📖 handeln: 1. «Von des Menschen Elend» (Frage 3-11), 2. «Von des Menschen Erlösung» (Frage 12-85), 3. «Von der Dankbarkeit» (Frage 86-129).↩
26
Ausspruch Adolf Preiswerks; s. Bw.Th. II, S. 171, Anm. 30. 📖 ↩
27
= anheimelnden, gemütvollen.↩
28
Wilhelm von Kaulbach (1805–1874) schuf Wandmalereien mit Darstellungen historisch-allegorischer Motive, u. a. 1847–1865 im Treppenhaus des Neuen Museums in Berlin.↩
29
Siehe oben S. 530, Anm. 12.↩
30
= etwas Ungeschicktes, hier: Unpassendes.↩
31
Anfang der 8. Strophe des Liedes «Nun ruhen alle Wälder …» (EKG 477; RG 594) von Paul Gerhardt 🎵.↩
32
Original: «zu sehen»; Änderung von der Hrsgn.↩
33
Anspielung auf E. Brunners Aufsatz: Die andere Aufgabe der Theologie, in: ZZ, Jg. 7 (1929), S. 255–276 📖 (und in: O.W. I, S. 171–193 📖).↩
34
Vermutlich die Paragraphen über den Menschen, das Problem der Theologie und die protestantische Theologie im 18. Jahrhundert; vgl. Pr.Th., S. 16–152. 📖 ↩
35
Der alljährlich im November gefeierte Dies academicus der Universität Basel besteht aus einer öffentlichen Feier mit Einzug des gesamten Lehrkörpers im Ornat, einer Rede des Rektors, Ehrenpromotionen usw., und dem anschließenden «Rektoratsessen» mit weiteren Reden nach einer feststehenden Ordnung.↩
36
J. Gotthelf [= A. Bitzius], Der Herr Esau (2 Teile) (Sämtliche Werke in 24 Bänden, in Verbindung mit der Familie Bitzius hrsg. von R. Hunziker und H. Bloesch, Ergänzungsbde. I und II), bearb. von R. Hunziker und H. Bloesch, Zürich 1922. 📖 ↩
37
E. Staehelin sprach als Rektor der Universität Basel am 17.11.1933 über das Thema «Die Stellung des schweizerischen Protestantismus zum Aufbruch des Liberalismus in der Regenerationszeit». Bericht über die Rede in: sk., Dies academicus. Die Rektoratsrede von Prof. Ernst Staehelin, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 317 vom 18./19.11.1933 📖; Bericht über das «Bankett» in: sk., Dies academicus. Das Rektoratsessen, a.a.O. 📖; vollständiger Text der Rede, die Staehelin in gekürzter Form vorgetragen hatte: Liberalismus und Evangelium. Die Stellung des schweizerischen Protestantismus zum Aufbruch des Liberalismus in der Regenerationszeit (Rektoratsrede, gehalten am 17. November 1933) (Basler Universitätsreden 5), Basel 1934. 📖 ↩
38
Friedrich Sieburg, Redakteur der Frankfurter Zeitung und Autor des Buches Es werde Deutschland (Frankfurt a. M. 1933) 📖, hielt am 20.11.1933 im Saal des Bischofshofs den Vortrag «Geistige Autarkie in Deutschland»; vgl. h., Geistige Autarkie in Deutschland, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 320 vom 21.11.1933, 1. Beilage. 📖 ↩