11. Dezember 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Sei nicht bös, daß du wiederum mehr als lange auf eine Antwort von mir hast warten müssen. Wir sind ja wirklich alle Tage in Gedanken bei euch draußen, und ihr habt uns durch eure über Zürich gekommene Sendung wieder so lebendig in den Kampf hineinsehen lassen! Aber bei mir reiht sich eben wieder so sehr eins ans andere, neben dem regulären Pfarrergeschäft ist da noch immer (nächsten Dienstag zum letzten Mal) der wöchentliche Volkshochschulkurs und sind die Studenten, die in diesem Semester auch anspruchsvoller sind — was ja auch wieder sehr erfreulich ist! Die Fakultät läßt sie weithin wirklich richtig im Stich. Ich hatte letzten Freitag abend ein in die Nacht hineingehendes Gespräch mit der Fachschaft über «Theologie und Praxis»1, wo die Verwirrung der Lage und zugleich auch der Eifer, irgendwie sich zurechtzusuchen, mir eher erschütternd entgegentrat. Ich werde mich diesen Winter die|557sen Eleven mehr als sonst zur Verfügung halten müssen. Kommen dann noch unvorhergesehene Kasualien dazu, so fällt auch der letzte freie Augenblick dahin, der zu einem ruhigen Brief an dich vorgesehen war. Aber es wird ja jetzt dann etwas bessern2!

Ich habe deinen dringenden Anruf wegen unserer Schriftenreihe wirklich gehört. Und ich will auch einspringen. Aber mit was denn? Das hat mir auch nicht von vornherein festgestanden. Ein klein wenig in die Aktualität der eben begonnenen Serie von Treffern schwersten Kalibers sollte doch solch ein jetzt erscheinender Beitrag hineinpassen. Ich hatte eben ein kleines Vorträglein über Staat und Kirche3 fertiggestellt — aber wie es dastand, kam es mir einerseits zu zufällig, zu ungeschützt, zu «schweizerisch» vor, als daß ich es deinen Arbeiten und Worten zur Frage an die Seite stellen könnte. Es verspricht mehr, als es dann hält. Ich lasse es dir zugehen. Und so meine ich auch, es sei das beste, ich lasse vielleicht vier Predigten drucken, die ein wenig zusammengehören und irgendwie mithelfen können zur Orientierung für die, die ebenfalls auf die Kanzel zu stehen haben.4 Es wäre als weitere Möglichkeit auch die, meine Einleitungskapitel in der Homiletik unter dem Titel «Zur Aufgabe der Predigt» zusammenzufassen. Ich habe das wirklich auch vor. Aber vielleicht doch erst als ein weiteres Heft für später.5 Es würde auch noch einige Arbeit kosten, das herzustellen. Ich will mich nach Weihnacht dahinter machen. Unterdessen aber, Karl, laß doch ruhig den Wolf laufen!6 Ich sehe nicht ein, warum das nicht sein soll vor meinem oder sozusagen mit meinem Predigtheft. Auch entnehme ich der Telefonmitteilung von Ruedi her, daß du selber noch einmal ein Heft herausgehen lassen willst7 — gut und nochmals gut! Karl, alles, alles, was jetzt von dir her kommt, ist Goldes wert! Der fahrende Platzre|558gen8! Ich verstehe deine Leidenschaft und dein Hauen und Zufahren von ganzem Herzen! Das ist jetzt der entscheidende Dienst, den du tun kannst. Daß dir doch der Atem nicht ausgehen möchte! Du wirst ja sicher manchmal ganz, ganz heillos müd sein dieses Treibens9. Und irgendwo zittert noch die bekannte Drohung über dir.10 Könnten, könnten wir dir doch irgendwie mehr helfen, als es geschehen kann. Aber sei alles Gedenkens versichert. Heft 4 ist mir ganz besonders lieb. Wie gehen wohl diese Flugschriften? Man denkt sich, daß sie ein Aufatmen und eine Hilfe hineintragen in unzählige bedrängte Gemüter. Die paar Briefe, die ihr gesandt habt, lassen etwas davon ahnen. Und die ganze Lage wird mehr und entscheidender dadurch beeinflußt, als es von außen auch nur scheint. Mich ärgern die Hefte der Jungreformatoren11, die dich kaum recht erwähnen — und deren Bestes doch von dir her kommt —, das andere ihrer «Substanz» ist ja wirklich mehr als fadenscheinig. Wie geht wohl alles, alles weiter?

Gestern abend waren, wie du meinem Zeddel im Expreßbrief12 entnommen haben wirst, gerade bei uns: Sartoriusens, Heiners, Karl Ludwig Schmidt und Emil Brunner, der eben in Basel war13. Daher die Grüße und das Helglein14. Karl Ludwig sehe ich öfters. Ich muß aber sagen: ich habe mich ziemlich zurückgehalten mit ihm, aber er selber |559 hält sich auch in guter Weise zurück. Wo er eingreift in Debatten, da geschieht’s wirklich mit Gewicht und ist hilfreich. Heute abend redet er unter Ruedi Liechtenhans Leitung bei den Pfarrern15 und am Freitag unter der Heiners in der Philosophisch-theologischen Vereinigung16. Heiner — weißt du es? — steht in Zürich an der Spitze der Liste für die Professur an der Universität. Emil Brunner hat sich wirklich ausgezeichnet für ihn eingesetzt wie auch der gerade Dekan der Philosophischen Fakultät seiende Oxfordmann Spoerri. Morgen werden ein paar Abgesandte bei Heiner im Kolleg erscheinen, wußte Emil zu melden, und ich hoffe wirklich, daß es diesmal gelingen werde, ihn in den Sattel steigen zu lassen. Es wäre eine ganz ausgezeichnete Wendung für den Bedrängten.

Wie geht es eigentlich Markus und den Brüdern weiterhin in der Schule unter dem neuen Regime? Unser Matthys liegt seit ein paar Wochen im Bett, es bessert aber langsam, und unterdessen liest er Buch an Buch, so daß er nicht nur zu bedauern ist. Hat euch wohl Frau Dir. Brenner17 oder ihre Tochter einmal geschrieben? Diese Tochter studiert diesen Winter Musik in Köln, heißt Ursula und wohnt: Köln-Lindenthal, Kerpenerstr. 39a.18 Sie wollte eine Empfehlung an Euch, um einmal kommen zu dürfen. Frau Brenner ist die Frau des Basler Seminar|560direktors19, bei dem Nelly wegen Fränzeli vorgesprochen hat. Vielleicht ist es Nelly oder Fränzeli einmal möglich, diese Ursula zu sich einzuladen? Musikalisch kann sie jedenfalls viel.

Sei herzlich gegrüßt! Laß dir Atem und Zuversicht nicht nehmen!

Wir gedenken deiner
dein
Eduard

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Sachfußnoten

1
In seinem Bericht im Namen der Fachschaft über das WS 1933/34 erwähnte der Basler Student E. Schweizer «zwei Diskussionsabende», den von Thurneysen am 8.12.33 mit einem Vortrag über «Studium und Praxis» und einen mit einem Vortrag von K. L. Schmidt über «Die christologische Frage im Neuen Testament» (ThBl, Jg. 13 [1934], Sp. 92) 📖.↩
2
Im Schweizerischen wird «bessern» nicht-reflexiv gebraucht.↩
3
Wohl Thurneysens Korreferat zu C. Ludwigs Vortrag Volk, Staat und Kirche 📖; s. oben S. 550, Anm. 22 und 25.↩
4
Schweizerisch für: «auf die Kanzel zu treten»; Thurneysens erster Beitrag für die neue Schriftenreihe war das Heft Die Kraft der Geringen. Drei Predigten (ThExh 8), München 1934. 📖 ↩
5
Die Absicht kam 1933/34 nicht zur Ausführung; doch Thurneysen hielt im März 1936 in Utrecht eine Vorlesung über «Die Aufgabe der Predigt», die er dann veröffentlichte in: Theologische Aufsätze. Karl Barth zum 50. Geburtstag, München 1936, S. 38–50. 📖 ↩
6
Siehe oben S. 543, Anm. 3.↩
7
K. Barth, Die Kirche Jesu Christi (ThExh 5), München 1933. 📖 ↩
8
Vgl. M. Luther, An die Burgermeyster und Radherrn allerley stedte ynn Deutschen landen (1524), WA 15, 32,6-8 📖: «Denn das sollt yhr wissen, Gottis wort und gnade ist ein farender platz regen, der nicht wider kompt, wo er eyn mal gewesen ist.»↩
9
Vgl. die Zeile aus J. W. von Goethes Gedicht «Wanderers Nachtlied» [I] 📖:
Ach, ich bin des Treibens müde!↩
10
Thurneysen meint eine möglicherweise bevorstehende Entlassung, mit der Barth angesichts von Fritz Liebs Entlassung wieder neu rechnen mußte (s. oben S. 555 bei Anm. 6-8).↩
11
Seit Juni 1933 erschien die Halbmonatsschrift «Junge Kirche. Mitteilungsblatt der Jungreformatorischen Bewegung»; ab Oktober 1933, nach Auflösung der Bewegung bis zum Erscheinungsverbot 1941, trug sie zusätzlich den Untertitel «Halbmonatsschrift für reformatorisches Christentum»; vgl. P. Neumann, Die Jungreformatorische Bewegung (AGK 25), Göttingen 1971, S. 49. 📖 ↩
12
Nicht erhalten.↩
13
E. Brunner hatte am 10.12.1933 auf Einladung des Münstergemeindevereins der Positiven einen Vortrag über «Kirche und Gruppenbewegung» (unveröffentlicht) gehalten; vgl. -an-, Kirche und Gruppenbewegung, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 340 vom 11.12.1933, 1. Beilage 📖. ↩
14
= Bildchen.↩
15
K. L. Schmidt wiederholte in gekürzter Fassung seinen Vortrag Das Christuszeugnis der synoptischen Evangelien (Vortrag, gehalten am 6. November 1933 in der Theologischen Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern), in: KBRS, Jg. 89 (1933), S. 385–390.401-407. 📖 — Auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle befand sich K. L. Schmidt in der Schweiz, vertrat den erkrankten Pfarrer W. Hächler in Kilchberg (Kanton Basel-Landschaft), in dessen Pfarrhaus er bis Mai 1934 zu Gast war (s. Mühling, S. 166 📖), und hielt gelegentlich Vorträge. Zu der (auch finanziell) schwierigen Zeit von Schmidts Suche nach einer schweizerischen Pfarrstelle und dann einer Professur vgl. a.a.O., S. 164–173. ↩
16
Von K. L. Schmidts Vortrag ist nur bekannt, daß er über «den Staat im Neuen Testament» sprach (so Schmidt in seinem Brief vom 4.12.1933 an K. Barth). A. Mühling vermutet, daß dieser Vortrag «in weiten Teilen» mit Schmidts später veröffentlichter Basler Antrittsvorlesung übereinstimmt oder doch «zumindest als Basis» für diese diente, da Schmidt in den zwischen den Vorträgen liegenden Jahren kaum Zeit für wissenschaftliche Forschung fand (briefliche Auskunft vom 2.12.1997). Vgl. K. L. Schmidt, Das Gegenüber von Kirche und Staat in der Gemeinde des Neuen Testaments. Oeffentliche Antrittsvorlesung an der Universität Basel am 2. Dez. 1936, in: ThBl, Jg. 16 (1937), S. 1–16. 📖 ↩
17
Anna Brenner, geb. Reich (1881–1950).↩
18
Ursula Brenner (1910–1959), Cellistin.↩
19
Wilhelm Brenner (1875–1960), Lehrer und 1925–1941 Direktor des Kantonalen Lehrerseminars am Münsterplatz.↩