5. November 1933 – 20. November 1933

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

ich möchte Karl gern das Buch des Baslers Walser über die Renaissance2 zu Weihnacht geben — besitzt er es am Ende schon? Es führt die Forschung namentlich auch über die religiöse Einstellung der Renaissancer Menschen beträchtlich über Jak. Burckhardt3 hinaus weiter. — Liebe Lollo, in was für Stürme seid Ihr geraten. Und du bist wahrhaft uner|561setzlich in Treue und Begleitung und Beistand an Karls Seite. Er käme nicht durch ohne diesen Austausch, dieses Mitgehen von dir. Und mein Dank und mein Gedenken ist nie, ohne dich mitzumeinen! Marguerite — ich sage das nur dir — liest manchmal fast mit «Neid» von diesem deinem so ganz an Karls Seite Stehenkönnen. Ihr Pfarrfrauen- und Mutterdasein verläuft so anders, scheinbar entfernter von ihrem Manne. In Wahrheit ja liegt es nicht daran und ist alles offen. Wir danken dir für alles treue Zusenden von Dokumenten. Die Berliner Protokolle, deine große Arbeit, waren mir besonders wertvoll! Sei nur weiter Tsch…4 für Karl! Er kann es brauchen! Hoffentlich, hoffentlich läßt ihn die wirkliche in Ruh! Hoffentlich, hoffentlich gehen die Engel weiter mit Euch — aber Karls Tun ist so von Gewicht, daß ich daran nicht zweifle.

Herzlich sei du gegrüßt von
deinem
Eduard

Sachfußnoten

1
Die genaue zeitliche Einordnung des undatierten Briefes bleibt unsicher. Thurneysens Erkundigung wegen eines Weihnachtsgeschenks für Barth und die von ihm erwähnten «Berliner Protokolle» (s. unten S. 561) weisen auf das Ende des Jahres 1933, und zwar nicht vor dem 5.11.1933, weil Ch. von Kirschbaum an diesem Tag noch an den Protokollen der Gespräche vom 30. und 31.10.1933 arbeitete (s. oben S. 533), die Thurneysen vor dem 20.11. erhielt (s. oben S. 546). Sollte auch das Protokoll des Berliner Gesprächs vom 14.11.1933 gemeint sein (dessen Zusendung an Thurneysen allerdings nicht belegt ist), müßte der terminus a quo entsprechend verschoben werden. Thurneysens Eingangsfrage läßt jedoch eher eine Abfassung in größerer zeitlicher Nähe zum 24.12. vermuten. Die jetzige Einordnung erfolgte im Hinblick auf einen Abschnitt des folgenden Briefes vom 18.12., in dem Thurneysen auf eine Frage Ch. von Kirschbaums nach seinem Weihnachtswunsch (nicht erhalten; s. unten S. 563) antwortete; vielleicht darf man vermuten, daß Thurneysen ihre Frage durch den vorliegenen Brief ausgelöst hatte. Die Formulierung «die schon mehr als einmal berufenen ‹Engel›» in Thurneysens Brief vom 18.12. könnte ein Indiz dafür sein, daß sein undatiertes Schreiben an Ch. von Kirschbaum (mit dem Wunsch, die Engel mögen die Bonner Freunde weiter begleiten) vor jenem entstand.↩
2
E. Walser, Gesammelte Studien zur Geistesgeschichte der Renaissance, hrsg. von der Stiftung von Schnyder von Wartensee, Basel 1932. 📖↩
3
J. Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien, Basel 1860 (192213). 📖 ↩
4
Zu ergänzen sind die Buchstaben «eka». Zu der auch von Barth verwendeten Abkürzung s. oben S. 555 mit Anm. 7.↩