18. Dezember 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Eben war deine Mutter am Telefon und fragte besorgt, ob ich Neues aus Bonn wisse. Ich sagte ihr, was ich wußte und was ja wirklich zunächst nicht sorgenvoller ist als alles, was heute über die laufenden Dinge zu sagen ist. Gesehen habe ich Frau Professor nicht, offenbar war sie nur kurz in Basel. Ja, wie steht wohl alles, alles bei Euch? Vielleicht hast du in den Weihnachtstagen einmal doch wieder eine Atempause — das ist das Nächstliegende, was man dir wünscht. Denn du mußt sicher in einem heillosen Tempo drin leben: die Dogmatik 📖! In was für Kehrtunneln wird sich auch da wieder dein Geleise auf die Höhe schrauben! Wir werden die Mühsal, die dahinter steckt, kaum recht spüren, wenn wir dann zur Weiterfahrt im neuen Bande eingeladen sind! Hast du wohl besonders schwierige Dinge unter den Händen? Sicher aber wird es auch nicht an den Bestätigungen fehlen des guten Weges, auf dem deine Züge rollen! Aber so manchen lieben Morgen, so manche lange Nacht wirst du auch da wieder nicht ohne Sorgen dranrücken, um alles, alles zum guten Ende zu führen. Und neben der ordentlichen Arbeit, |562 die da läuft in Vorlesung und Seminar1, der Sturm in der Kirche, die Flut von Briefen und die Arbeit innerer Art, die das alles kostet. Hoffentlich, hoffentlich hältst du’s durch. Gelohnt hat sich all dein Kurshalten ja schon zehnfach! Einen ganz Bekehrten hast du in unserem Freund Lempp — ich erhielt heute einen Brief von ihm, der ganz durchstrahlt ist von seiner Bewunderung für deine fabelhafte Einsicht!2 Wäre, ach wäre nur Georgius auch nur ein Schrittlein weiter und näher bei dieser Einsicht! Ich höre gar nichts mehr von ihm und fürchte, es stehe nicht gut in seinem «inneren Haushalt».

Ich selber, ach, ich komme eben her vom gestrigen Pfarreinsatz meines neuen Kollegen Wolfer am Münster3 — eine so fatale Predigt4 habe ich doch schon lange nicht mehr entgegennehmen müssen, wie dieser gute Ostschweizer sie sich geleistet hat. Ich fürchte, das ende mit einer Katastrophe. Die Freisinnigen haben da diesen Harmlosen einfach hineingemetzget5. Er wird der Situation in Basel und am Münster im besonderen schlechthin nicht gewachsen sein nach dieser Probe zu schließen. Sehen wir zu — aber wie soll das weitergehen!

Und nun: bist du einverstanden, wenn ich also ein paar Predigten druckfertig mache für ein nächstes Heft? Oder scheint dir besser, mit etwas Theologischem zu starten? Die Predigten wären natürlich am einfachsten bereitzustellen. Es ist schon ein wenig schwierig, in diese Reihe einzusteigen, wo ein Heft das andere jagt und eines notwendiger ist als das andere. Dein neues Vorwort6 ist ganz ausgezeichnet und wirklich dringend notwendig gerade auch für das Ausland. Ich sehe immer wieder Karl Ludwig Schmidt und bewundere eigentlich die ruhige Hal|563tung, in der er sein Geschick trägt. Er hat uns nun auch schon 2 Vorträge7 gehalten, die in ihrer Art wirklich treffliche Leistungen waren. Umso miserabler war die von unseren Basler Generalstäblern in der Fakultät bestrittene Diskussion.

Eben in diesem Augenblick kommt die Sendung von Lollo mit der Briefkopie.8 Wie, ja wie wird der Bescheid aus der Zentrale ausfallen? Laßt uns das doch ja gleich wissen. Ich muß immer weiter einfach glauben, daß du deinem Auftrag und Werk erhalten bleibest. Darin bin ich ganz zuversichtlich, daß die schon mehr als einmal berufenen «Engel» auch diesmal zur Stelle sein werden! Lollo schreibt von einem Bücherwunsch von mir — ich besitze immer noch nicht jenes Buch über Schleiermachers Predigt von Trillhaas9. Es wäre mir ein Wunsch, es zu besitzen.

Ich freue mich auf die Predigt von Heft 510. Laufen eigentlich die Hefte im Absatz? Man kann es nur wünschen. Grimmig hat mich die |564 fabelhafte Denunziation in der Schrift von Michael Müller11 gemacht. Der hat sein Erstgeburtsrecht auch unter allen Böden billig verkauft12 [vgl. Gen. 25,29–34]! Was für eine Speichelleckerei sein verunglücktes Bischofsheft13! Und ausgezeichnet deine kurze Notierung dieser Gemeinheit im Vorwort.14 Was kommt heute alles an den Tag!

565 Sei mit dem ganzen Hause vielmal und herzlich gegrüßt! Dank für Lollos Zeilen15!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Zu Barths Lehrveranstaltungen im WS 1933/34 s. oben S. 522, Anm. 32.↩
2
Nicht erhalten.↩
3
Albert Wolfer (1889–1967), seit 1919 Pfarrer in Burg gegenüber Stein am Rhein (Kanton Schaffhausen), 1934–1957 Pfarrer am Basler Münster, daneben u. a. Redaktor des Schweizerischen Protestantenblattes, Mitherausgeber der Schweizerischen Theologischen Umschau.↩
4
A. Wolfer, «Jesus Christus gestern und heute derselbe und in Ewigkeit» (Antrittspredigt [über Hebr. 13,8], gehalten am 17. Dezember 1933 im Münster in Basel), Basel 1934 📖; zur Amtseinsetzung Wolfers s. auch: -an-, Pfarreinsatz in der Münstergemeinde, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 347 vom 18.12.1933, 1. Beilage 📖; -an-, Begrüßungsfeier für Herrn Pfarrer Wolfer, a.a.O., Nr. 348 vom 19.12.1933, 1. Beilage 📖. ↩
5
= hineingedrängt.↩
6
Vorwort vom 11.12.1933 zu ThExh 5: Die Kirche Jesu Christi, a.a.O., S. 3–10. 📖 ↩
7
Siehe oben S. 559, Anm. 15 und 16.↩
8
Wahrscheinlich Durchschlag eines Beschwerdebriefes Barths an Rust vom 16.12.1933, veranlaßt durch eine Auseinandersetzung mit dem Rektor der Bonner Universität, Prof. Friedrich Pietrusky, der Barth in einer mündlichen Unterredung am Vormittag des 14.12. anwies, seine Vorlesungen «in Zukunft mit dem ‹deutschen Gruß› zu eröffnen». Die Unterredung ging vermutlich auf eine Initiative des Studenten Erwin Schmidt-Westen, Leiter des Amtes für Wissenschaft der Studentenschaft der Universität Bonn, zurück. Gegen Barths am 13.11.1933 vor seinem Kolleg gegebene Stellungnahme zum Hitlergruß hatte er «schärfsten Widerspruch der Studentenschaft Bonn im Auftrage ihres Führers» erhoben (Brief an Barth vom 9.12.1933 [Poststempel 11.12.]) und eine Abschrift dieses Briefes an den amtierenden Dekan Pfennigsdorf geschickt. In seinem Beschwerdebrief schilderte Barth auch die Fortsetzung des zunächst gütlich geregelten Konfliktes mit den Studenten: «Als daraufhin ein Teil meiner Zuhörer es ebenfalls unterließ, sich an der neuen Sitte zu beteiligen, ging die Fachschaftsleitung ein zweites Mal vor, indem sie eine Anzahl der Betreffenden mit einem Verweis bestrafte. Ich habe dann in einer zweiten Erklärung dem Auditorium den Rat gegeben, sich dem ausgeübten Zwang zu fügen, während ich selbst es zur Erinnerung an das, was an dieser Stelle eigentlich sachgemäß wäre, beim Alten belassen werde. Hier griff dann Se. Magnifizenz der Rektor ein, indem er mich zu sich beschied und mir den eingangs erwähnten Befehl erteilte» (Abdruck des Briefes in: Prolingheuer, S. 240f.; s. auch dort S. 11f.242f. 📖).↩
9
W. Trillhaas, Schleiermachen Predigt und das homiletische Problem, Leipzig 1933. 📖 ↩
10
K. Barth, Predigt über Röm. 15,5–13, in: ders., Die Kirche Jesu Christi, a.a.O., S. 11–19 📖; jetzt in: Pr. 1921-1935, S. 296–305. 📖 ↩
11
H. M. Müller, Der innere Weg der Deutschen Kirche (Theologische Flugschriften), Tübingen 1933, S. 59–64 📖; vgl. auch unten Anm. 14.↩
12
Das Bild hatte H. M. Müller (a.a.O., S. 60f. 📖) gebraucht, wo er in direkter Auseinandersetzung mit Barths Schrift «Theologische Existenz heute!» schrieb: «Seine [Barths] theologische Existenz, das ist sein ein und alles, und nur die möchte er sichern, schützen, erhalten. Die Politik ist ihm ein Linsengericht und politische Entscheidungen sub specie aeternitatis nichts anderes als eine Wahl zwischen Kochrezepten. … Als ob man sich irgendwo — und sei’s durch Theologie in der Kirche — kraft neutralen Abseitsstehens der Politik entziehen könnte! Diese Meinung ist der liberalistische Irrtum, der Grundfehler des bürgerlichen Freiheitsdenkens. Es gibt kein theologisches Erstgeburtsrecht, das unvermischt mit den Linsengerichten der Politik, und sei es der Kirchenpolitik, erhalten werden könnte, oder aber durch den Genuß dieser aufgehoben würde.»↩
13
Das Vorwort vom 16.11.1933 (a.a.O., S. 3 📖) endet mit den Worten: Diese Schrift «schließt mit dem Dank nicht allein für das Reichsbischofsamt in der Deutschen Kirche, sondern für die Person des ersten Reichsbischofs selber. Wir hätten uns keinen besseren Führer geben können, als wir ihn erhalten haben: verbunden mit der Gegenwart, mit ihrem laut heischenden und ihrem schweigenden Gebot der Stunde, entschlossen zur einheitlichen und strengen Sammlung, und dabei erfüllt vom Dank für das verpflichtende Vermächtnis der Väter, für alles stille echte Werden in Stadt und Land: zuerst und zuletzt aber der Führung und Vorsehung dessen gewiß, der allein der Herr der Kirche ist.» Der letzte Abschnitt der Schrift ist überschrieben «Reformation heute. Bekenntnis zum Reichsbischof» (a.a.O., S. 58–69).↩
14
Die Kirche Jesu Christi, a.a.O., S. 7 📖: «Diese Hefte werden auch im evangelischen Ausland mit Aufmerksamkeit gelesen; das erste ist ins Französische, Englische und Holländische übersetzt worden, andere sollen folgen. Es war klein und häßlich, daß Hans Michael Müller, der ‹Theologische Referent des Reichsbischofs›, in seiner Schrift ‹Der innere Weg der Kirche› Tübingen 1933, S. 60 📖, versucht hat, mich deshalb politisch zu denunzieren. Mehr habe ich ihm nicht zu sagen. Wohl aber möchte ich den Ausländern, die sich mit diesen Heften und überhaupt mit der Opposition in der deutschen evangelischen Kirche beschäftigen, bei diesem Anlaß offen sagen, daß sie mit allem, was sie dazu reden und schreiben, eine große Verantwortung auf sich nehmen.» — Müller hatte an der von Barth angegebenen Stelle u. a. geschrieben: «‹Theologische Existenz heute› wird auch nicht dadurch gewonnen und bestätigt, daß eine Schrift wie die gleichlautende Karl Barths englisch herauskommt — einschließlich der Stellen, die unweigerlich als Hetzmaterial gegen Deutschland wirken. Was man dadurch gewinnt, ist vielleicht Ansehen in der Welt auf Kosten Deutschlands. Und sollte die Stellung des Verfassers dadurch in Deutschland unmöglich werden, käme höchstens der Nimbus des Märtyrertums hinzu. Wir sehen solchen Erfolgen mit Gelassenheit zu. Leid ist es uns um das deutsche Volk, das auf seinem Wege zur inneren Erneuerung belästigt wird, weil ihm sein gutes Gewissen verdächtigt und dem Ausland die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses nicht nur der kirchlichen Lage, sondern vor allem auch der gesamten geschichtlichen Situation verlegt, erschwert und hinausgezögert wird. Aber vielleicht dämmert mit der fortschreitenden Umwälzung auch in den anderen Ländern, schneller als man ahnt[,] die Erkenntnis auf, daß hier ein wirklichkeitsfremder Theologe unter die Kirchenpolitiker ging» (H. M. Müller, a.a.O., S. 60).↩
15
Wahrscheinlich ein Dokument, das der genannten Sendung (s. oben Anm. 8) beilag; nicht erhalten.↩