561
18. Dezember 1933
Eben war deine Mutter am Telefon und fragte besorgt, ob ich Neues aus Bonn wisse. Ich sagte ihr, was ich wußte und was ja wirklich zunächst nicht sorgenvoller ist als alles, was heute über die laufenden Dinge zu sagen ist. Gesehen habe ich Frau Professor nicht, offenbar war sie nur kurz in Basel. Ja, wie steht wohl alles, alles bei Euch? Vielleicht hast du in den Weihnachtstagen einmal doch wieder eine Atempause — das ist das Nächstliegende, was man dir wünscht. Denn du mußt sicher in einem heillosen Tempo drin leben: die Dogmatik
📖! In was für Kehrtunneln wird sich auch da wieder dein Geleise auf die Höhe schrauben! Wir werden die Mühsal, die dahinter steckt, kaum recht spüren, wenn wir dann zur Weiterfahrt im neuen Bande eingeladen sind! Hast du wohl besonders schwierige Dinge unter den Händen? Sicher aber wird es auch nicht an den Bestätigungen fehlen des guten Weges, auf dem deine Züge rollen! Aber so manchen lieben Morgen, so manche lange Nacht wirst du auch da wieder nicht ohne Sorgen dranrücken, um alles, alles zum guten Ende zu führen. Und neben der ordentlichen Arbeit, |562 die da läuft in Vorlesung und Seminar1, der Sturm in der Kirche, die Flut von Briefen und die Arbeit innerer Art, die das alles kostet. Hoffentlich, hoffentlich hältst du’s durch. Gelohnt hat sich all dein Kurshalten ja schon zehnfach! Einen ganz Bekehrten hast du in unserem Freund Lempp — ich erhielt heute einen Brief von ihm, der ganz durchstrahlt ist von seiner Bewunderung für deine fabelhafte Einsicht!2 Wäre, ach wäre nur Georgius auch nur ein Schrittlein weiter und näher bei dieser Einsicht! Ich höre gar nichts mehr von ihm und fürchte, es stehe nicht gut in seinem «inneren Haushalt».
Ich selber, ach, ich komme eben her vom gestrigen Pfarreinsatz meines neuen Kollegen Wolfer am Münster3 — eine so fatale Predigt4 habe ich doch schon lange nicht mehr entgegennehmen müssen, wie dieser gute Ostschweizer sie sich geleistet hat. Ich fürchte, das ende mit einer Katastrophe. Die Freisinnigen haben da diesen Harmlosen einfach hineingemetzget5. Er wird der Situation in Basel und am Münster im besonderen schlechthin nicht gewachsen sein nach dieser Probe zu schließen. Sehen wir zu — aber wie soll das weitergehen!
Und nun: bist du einverstanden, wenn ich also ein paar Predigten druckfertig mache für ein nächstes Heft? Oder scheint dir besser, mit etwas Theologischem zu starten? Die Predigten wären natürlich am einfachsten bereitzustellen. Es ist schon ein wenig schwierig, in diese Reihe einzusteigen, wo ein Heft das andere jagt und eines notwendiger ist als das andere. Dein neues Vorwort6 ist ganz ausgezeichnet und wirklich dringend notwendig gerade auch für das Ausland. Ich sehe immer wieder Karl Ludwig Schmidt und bewundere eigentlich die ruhige Hal|563tung, in der er sein Geschick trägt. Er hat uns nun auch schon 2 Vorträge7 gehalten, die in ihrer Art wirklich treffliche Leistungen waren. Umso miserabler war die von unseren Basler Generalstäblern in der Fakultät bestrittene Diskussion.
Eben in diesem Augenblick kommt die Sendung von Lollo mit der Briefkopie.8 Wie, ja wie wird der Bescheid aus der Zentrale ausfallen? Laßt uns das doch ja gleich wissen. Ich muß immer weiter einfach glauben, daß du deinem Auftrag und Werk erhalten bleibest. Darin bin ich ganz zuversichtlich, daß die schon mehr als einmal berufenen «Engel» auch diesmal zur Stelle sein werden! Lollo schreibt von einem Bücherwunsch von mir — ich besitze immer noch nicht jenes Buch über Schleiermachers Predigt von Trillhaas9. Es wäre mir ein Wunsch, es zu besitzen.
Ich freue mich auf die Predigt von Heft 510. Laufen eigentlich die Hefte im Absatz? Man kann es nur wünschen. Grimmig hat mich die |564 fabelhafte Denunziation in der Schrift von Michael Müller11 gemacht. Der hat sein Erstgeburtsrecht auch unter allen Böden billig verkauft12 [vgl. Gen. 25,29–34]! Was für eine Speichelleckerei sein verunglücktes Bischofsheft13! Und ausgezeichnet deine kurze Notierung dieser Gemeinheit im Vorwort.14 Was kommt heute alles an den Tag!
565 Sei mit dem ganzen Hause vielmal und herzlich gegrüßt! Dank für Lollos Zeilen15!