21. Dezember 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Was für eine ausgezeichnete Aussicht, dich am Abend des 29. Dezember bei uns zu sehen!1 Bene, bene! Laß das ja so zu Stande kommen. Wir haben gleich gestern abend Ruedis angerufen. Ruedi ist im Augenblick in Mailand2, aber Gerty hat Erscheinen zugesichert. Beide werden also an jenem Abend zur Stelle sein, und da die Kinder dann in den Ferien sind (Matthys bei meinem Bruder in Davos3, Dorothee in einem Skilager), werden auch Ruedi und Gerty bei uns übernachten können. Wir selber haben die Absicht, wie alle die letzten Jahre am 28. nach Zürich zu fahren zu Ruedis und dort zu übernachten, wir würden dann mit Ruedis zusammen am Freitag wieder in Basel eintreffen zu deinem Empfang. Gib uns nur von Bern aus noch Bericht, wann du bei uns ankommen kannst. Gestern kam Hartenstein aus Karlsruhe zurück und brachte düstere Nachricht über den Stand der Dinge in der deutschen Kirche. Es scheint weiter und weiter eine Hand wider die des anderen |566 [vgl. Sach. 14,13] zu sein. Koechlin soll heute aus Berlin zurückkehren, wo er ebenfalls wegen ganz schwieriger Entwicklungen in der «Jugendsäule»4 beim Reichsbischof selber eine Audienz nachgesucht hatte, er in seiner Eigenschaft als Vertreter des Weltbundes der C.V.J.M.5 Du be|567kommst unheimlich Recht in allen deinen Voraussichten! Georgius! — wenn er nur seines Weges sicherer gegangen wäre! Und wenn er nun nur noch irgendwie zur Einsicht käme! Sein Schlußwort ist wirklich nicht gut. Und findest du nicht auch, daß auch von Gogarten etwas von Rasanz und Kräftigkeit gewichen ist — was er schreibt, gerade auch die Predigt im letzten Heft6, ist merkwürdig matt geworden. Sei mit dem ganzen Hause vielmal und herzlich gegrüßt!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Nach einem Besuch bei seiner Mutter in Wabern vom 26. bis 29.12.1933 fuhr Barth über Basel nach Bonn zurück.↩
2
Wohl auf einer Geschäftsreise; vgl. unten S. 907, Anm. 1.↩
3
Peter Thurneysen (1891–1964), nach Pfarrstellen in Safien (Kanton Graubünden) und in Walzenhausen (Kanton Aargau) 1928–1936 Pfarrer in Davos-Platz (Kanton Graubünden).↩
4
Seit der Reichsjugendführer der NSDAP, Baldur von Schirach, und L. Müller am 9.12.1933 den unmittelbar bevorstehenden Abschluß ihrer Verhandlungen über das zukünftige Verhältnis der evangelischen Jugend und der Hitlerjugend angekündigt hatten, war es zu einer Fülle von Protestkundgebungen gegen die befürchtete Eingliederung des Evangelischen Jugendwerkes Deutschland gekommen, die Schirach anstrebte und die die evangelischen Jugendführer zu verhindern suchten. L. Müller, dem die Jugendführer am 17.11.1933 die völlige Befehlsgewalt über das Jugendwerk übertragen hatten, zeigte sich in den seit Herbst 1933 laufenden Auseinandersetzungen zunächst schwankend, unterzeichnete aber — gegen seine Zusagen vom 18.12. gegenüber den Bischöfen Meiser und Wurm sowie den evangelischen Jugendführern und ohne deren Wissen — bereits am 19.12. einen Vertrag im Sinne Schirachs, von dem die Betroffenen erst am 21.12. aus den Zeitungen erfuhren. Abdruck des Vertrages bei Kretschmar/Nicolaisen I, S. 183f. 📖, und Michaelis/Schraepler, S. 522 📖; vgl. Gauger I, S. 124–127 📖; Schneider, S. 170–180 📖; Scholder I, S. 731–738 📖; Meier I, S. 146–153. 📖 ↩
5
Über seine Reise nach Deutschland schrieb A. Koechlin, seit 1927 einer der Vizepräsidenten des Weltverbandes des YMCA (Young Men Christian Association), summarisch: «Am Abend des 17. Dezember bat mich Herr Lüst von Kassel aus telefonisch, ich möchte sofort nach Berlin kommen und versuchen, die Kirchenführer — wenn möglich den Reichsbischof selbst — zu sprechen und der tiefen Besorgtheit der ökumenischen Jugendbewegungen Ausdruck zu verleihen. Nachdem ich aus Genf Vollmacht erhalten hatte, die Weltausschüsse sowohl des YMCA als des YWCA [Young Women Christian Association] offiziell zu vertreten, reiste ich am Abend des 18. Dezember nach Berlin ab. Ich habe lange Besprechungen mit Prof. Beyer, mit Dr. Krummacher und Dr. Heckel geführt: am Abend des 20. Dezember konnte ich — nicht ohne beträchtliche Schwierigkeiten — zum Reichsbischof vordringen. Als ich ihn besuchte, war das Abkommen sehr wahrscheinlich bereits unterzeichnet» (aus: «Die Beziehungen des Weltbundes der YMCA zum deutschen nationalen CVJM in den Jahren 1933 und 1934. Persönlicher und vertraulicher Bericht von Dr. A. Koechlin, Vizepräsident des Weltbundes der YMCA», abgedruckt in: Bell/Koechlin, S. 411–422 📖; Zitat dort S. 413). Eine genauere Schilderung seiner Audienz bei Müller findet sich in Koechlins «Bericht über eine Reise nach Berlin und Kassel von 19.-21. Dezember 1933, unternommen in der Angelegenheit der Eingliederung der deutschen evangelischen Jugend in die Hitlerjugend» vom 26.12.1933 (a.a.O., S. 87–99; dort S. 95f.): «… es gelang mir schließlich, am Mittwoch nachmittags eine Audienz von fünf bis zehn Minuten zu bekommen. Ich setzte noch einmal mit wenigen Worten meinen Standpunkt auseinander und hörte mir die Rede des Reichsbischofs an mich an, in der seine Hauptargumente waren: 1. der glühende Wunsch des Führers, die gesamte deutsche Jugend in der Hitlerjugend vereinigt zu sehen, und 2. seine eigene Verantwortung, zunächst an die gesamte getaufte Jugend des Volkes zu denken, ehe er daran denken könne, eine verhältnismäßig kleine Organisation zu erhalten, so ehrwürdig ihre Geschichte und ihre Verdienste auch gewesen sein mochten. Er war sicher, daß die Evangelisation der gesamten Jugend unmöglich sei, so lange die evangelische Jugend unabhängig und von der allgemeinen Jugendbewegung getrennt bleibe. Ich bedauerte eine solche Haltung und äußerte meine Befürchtung, daß ihre Folgen sich sowohl für die deutsche Jugend wie für die deutsche Kirche als verhängnisvoll erweisen könnten. Ich erklärte, die Weltbünde würden die künftigen Entwicklungen mit äußerster Sorgfalt und tiefstem Interesse verfolgen, müßten aber ihre Haltung als Organisation gegenüber der neuen Situation von neuem überdenken.»↩
6
Fr. Gogarten, Predig über Joh. 15,26–27 (gehalten an der Elisabethkirche zu Breslau am 18. Mai 1933), in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 465–472. 📖 ↩