19. Januar 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich will als letztes heute abend einen Gruß zu euch hinüberschicken. Mehr als je waren auch wir in diesen Tagen bei euch, mit euch. Denn natürlich kam die Alarmnachricht auf allen möglichen Wegen auch zu uns. Und eine Zeit lang läutete es von verschiedenen Ecken, aus dem Aargau, dem Baselbiet1, aus St. Gallen bei mir an, ob nun also wirklich … Und wo sollte ich rückfragen? Ich tat es vor allem bei Karl Sartorius, der am ehesten die wirklich neuen und gewichtigen Meldungen haben mußte. Er verneinte immer wieder, das Gerücht bestätigen zu können, aber natürlich zu den B. N. war es auch schon gedrungen, direkt aus |581 Berlin telefoniert. Karl hatte die Weisheit, es in der Meldung an die Öffentlichkeit zu unterdrücken.2 Andere Zeitungen brachten es.3 Die andere Stelle, an die wir telefonierten, war natürlich die Trittligasse4, die aber auch nicht mehr wußte als wir selbst. Aber das Entscheidende für uns war die Tatsache, daß von euch her nichts, wirklich gar nichts vorlag, und so konnten wir uns e silentio heraus durchhalten und nach allen Seiten hin bestätigen, es sei wirklich noch gar nichts gemeldet, also werde auch nichts dran sein. Natürlich läutete auch Karl Ludwig an, und nicht ohne einen leisen Triumphton (aber vielleicht ist das schon zu viel gesagt) besprach er mit mir die Lage und sah sehr bestimmt voraus, es werde etwas daran sein. Ich dementierte auch ihm gegenüber, aber immerhin … Wie gut, daß da dein Brief eintraf! Wir haben ihn wie Honigseim hereingeschleckt. Hoffentlich, hoffentlich liegt dieser falsche Alarm jetzt wieder für einige Zeit hinter euch und uns. Übrigens haben auch wir etwas getan. Ich habe mich zu Alphons verfügt. Und er hat beiliegenden, wirklich klugen und ausgezeichneten Brief nach Bern geschrieben. Die Rückantwort war nicht viel mehr als eine Empfangsbestätigung, immerhin mit dem bestimmten Versprechen, das hier Erforderliche zu tun.5

582 Und nun habe ich heute das Dossier mit der Fülle der Dokumente, das von Zürich her an mich kam, wieder an euch abgehen lassen. Vielen Dank! Mehr als alle Beschreibungen versetzen einen diese Briefe in die innere Situation hinein. Ich habe sie genau zur Kenntnis genommen. Wenn’s möglich ist, so laßt wieder einmal solch eine Barke an uns abgehen. Die Dinge gehen ja unheimlich weiter. Für dich zähle ich mehr als je und täglich auf die nun wirklich schon mehr als einmal und sicher nicht nur ins Leere von uns berufenen Engel. Denn ohne die ginge es sicher nicht mehr. Und — ja, laß dir, laß dir wirklich die Pfeife nicht ausgehen. Daß du klug wie die Schlangen und doch auch ohne jenes Falsch sein mußt [vgl. Mt. 10,16], das weißt du ja selber besser als ich. Möchte, möchte es dir gegeben werden, das wirklich zu sein. Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat länger führt sicher vorwärts und ist gewonnen. Denn ewig kann ja dieses Auf und Nieder nicht dauern. Irgendeinmal muß die Entscheidung sich herausbilden. Und nun ist es sicher dein Weg, als Ferment, als «Wurmpulver», wie Schädelin sagen würde6, als «Sauerteig», wie ich denke, in diesem Teig noch mitten drin zu sein. Lollo — ich begreife deine Nervenanspannung, aber sicher wird dir das Erbe deiner Väter7 doch auch erhalten sein, und du wirst durchkommen.

583Eines ist klar und immer neu klar, daß dein Weg grundsätzlich gesehen einfach gut ist und gegangen werden muß. Es lohnt sich alles, alles, was du an Linie in den letzten Monaten gehalten hast. Was endlich wird — irgendwie kannst du es im Innersten sicher mit ruhiger Seele kommen sehen. Meine Mutter geht immer weiter bergab. Ich rechne nur noch mit Tagen. Sie ist ganz still geworden, wie wenn sie gar nicht mehr da wäre, ganz in sich eingesponnen liegt sie da. Ich selber bin wieder mehr als je angefordert, wie man bei euch sagt, von der Menschheit ringsum, vom Unterricht, von Gesuchen, von den Studenten. Aber es geht. Und ich weiß ja, daß alles immer noch nicht dem zu vergleichen ist, was auf dir liegt.

Also Basel grüßt Bonn! Kräftig und in Treuen!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Dem Kanton Basel-Landschaft.↩
2
Das Gerücht, Barth sei entlassen, erreichte die Basler Nachrichten bereits am 4.1.1934. So schrieb Koechlin am 5.1. an den Deutschen Gesandten in Bern, Ernst von Weizsäcker (s. auch Anm. 5): «Nun soll einer den Basler Nachrichten gestern Abend zugegangenen Berliner Meldung zufolge seine Entlassung als Professor ernstlich erwogen werden. Wir haben erwirkt, daß diese Mitteilung im heutigen Morgenblatt der Basler Nachrichten nicht erschienen ist. Es lag uns daran zu verhindern, daß, vielleicht unnötigerweise, die Beunruhigung weitere Kreise erfasse.» Erst am 17.1. nahmen die Basler Nachrichten auf die Gerüchte Bezug; s. oben S. 580, Anm. 18.↩
3
Z. B. Aargauer Tagblatt vom 20.1.1934, nach Meldung in einer Thurgauer Zeitung.↩
4
R. und G. Pestalozzis Stadthaus an der Trittligasse 34 in Zürich.↩
5
Koechlin wies in seinem Brief E. von Weizsäcker auf die Bedeutung einer möglichen Absetzung Barths für das internationale Ansehen Deutschlands hin, die im Falle des Nichtzutreffens des Gerüchtes ein offizielles Dementi aus Berlin wichtig erscheinen lasse. Die Entlassung Barths «als staatlicher Lehrer an der Universität [würde] zweifellos als ein staatlicher Eingriff in die gegenwärtige kirchliche Lage» gewertet werden und stände damit Hitlers Zusage der Freiheit der kirchlichen Entwicklung entgegen (Durchschlag einer Abschrift des Briefes A. Koechlins vom 5.1.1934 im Karl Barth-Archiv). Am 16.1.1934, einen Tag nach seiner Rückkehr von einer Deutschlandreise, antwortete der Gesandte — wohl so entgegenkommend wie möglich-: «Ich habe nicht verfehlt, von Ihrer Zuschrift alsbald Gebrauch zu machen und eingedenk unserer Unterhaltung [im Dezember 1933] mir auch gestattet. Ihren Namen dabei zu nennen. / Ich danke Ihnen herzlich für Ihre mir zuteilgewordenen Informationen, deren Geist ich voll zu verstehen glaube» (Durchschlag oder Abschrift mit dem Vermerk «Kopie zur Orientierung an Herrn Pfarrer D. Ed. Thurneysen» im Karl Barth-Archiv). — Außerdem kam es im Januar 1934 zu ersten Bemühungen, einer Berufung Barths nach Basel vorzuarbeiten. Am 31.1.1934 schrieb Thurneysen an R. Pestalozzi: «Die Dinge in Deutschland stehen im Augenblick offenbar sehr schlecht, und ich frage mich, ob der Reibi nicht bald genug seine Macht, die er jetzt wieder neu bekommen hat, dazu brauchen wird, um Karl zu entfernen. In aller Verschwiegenheit möchte ich Euch sagen, daß wir hier in Basel schon ein wenig beschäftigt sind, für diesen Fall Karl einen Platz an der Universität zu öffnen. Ob’s gelingen wird, ist natürlich noch nicht sicher, aber doch wirklich nicht unwahrscheinlich. Das wäre natürlich eine ausgezeichnete Sache. Karl selbst schreibe ich der Zensur wegen nichts davon» (Brief im Nachlaß Thurneysen 📖).↩
6
Vgl. Bw.Th. II, S. 21.233 📖. ↩
7
Ch. von Kirschbaum stammte aus einer traditionsreichen bayerischen Familie. Ihr Vater, Generalmajor Maximilian Wilhelm Siegmund von Kirschbaum (1862–1916), während seiner Offizierslaufbahn mehrfach ausgezeichnet, war im 1. Weltkrieg gefallen. In den fünf vorangehenden Generationen ihrer männlichen Vorfahren finden sich ein weiterer Militär und drei Juristen.↩