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22. Januar 1934
Heute Morgen brachte die Post die Todesanzeige deiner Mutter.1 Karl hätte dir gern gleich selbst geschrieben, aber er steht zu stark im Gedränge mit seiner Arbeit. So läßt er dir durch mich sagen, daß er an dich — und ich darf mich ihm anschließen — daß wir an dich, an euch, denken. — Auch für deinen gestern eingetroffenen Brief samt Beilagen läßt Karl dir einstweilen auf diesem Wege danken. Er freut sich immer so besonders, wenn ein Zeichen von dir kommt. — Gleichzeitig mit deinem Brief kam eine Nachricht von D. Hesse-Elberfeld, die uns sehr bewegte und bekümmerte.2 In Berlin schreitet man zum Kompromiß, |584 und zwar wieder einmal unter dem Segen des Staates.
Reichsinnenminister Frick hat 14 Nothelfer entboten für morgen, Dienstag, in die Reichskanzlei, mit deren Hilfe das neue geistliche Ministerium gegründet werden soll: 7 DC und 7 sogen. Oppositionelle (unter den ersteren natürlich wieder Fezer und — O. Weber, unter den letzteren Niemöller, Meiser3, Wurm, Schöffel!!). Die Angst vor dem starken Arm hat wieder einmal gesiegt und alle Bedenken, noch einmal sich mit den D. C. an einen Tisch zu setzen, überwunden. Müller scheint erledigt, als Verweser denkt man an Marahrens4, als Nachfolger an — — Bodelschwingh. — Erfreulich ist, daß die Reformierten Widerstand leisten wollen. Sie ziehen sich zurück auf das Barmer Bekenntnis und sind entschlossen, sich abzusondern auch um den Preis einer Freien Ref. Kirche.5 Karl hat das |585 umgehend lebhaft unterstützt (ich lege dir den Durchschlag seines Briefes6 bei), aber, wie du dir denken kannst, bekümmerten Herzens, da er ja doch ganz auf ein gemeinsames Vorgehen mit den lutherischen Brüdern eingestellt war und sich der Gefahr einer solchen Trennung sehr bewußt ist. Wir waren gestern wirklich in großer Sorge. Nun kam heute Morgen ein Telefon aus Elberfeld: Auch Westfalen sei entschlossen zum Widerstand, Bethel sei völlig isoliert. Das läßt uns wieder hoffen. Vielleicht kommt nun auch innerhalb der lutherischen Opposition jene längst notwendig gewordene Spaltung und damit die Befreiung von dem fragwürdigen Brüderrats-Regime mit der Spitze Niemöller. — Alle diese Mitteilungen dürfen noch nicht weiter bekannt werden. Unsere Presse bringt kein Wort. — Wie stark wir schon die letzten Tage im Schatten dieser Ereignisse ahnend lebten, mag dir Karls Brief an Jacobi7
|586 zeigen. Der «beherzte Mann» hat sich also nicht gefunden!! Weißt du, manchmal meine ich, es muß doch Karl selbst sein, der einmal so vorspringt, ganz unerachtet, ob er nun Schweizer ist oder was sonst noch. Es ist ja zu trostlos, wie diese Hampelmänner jedesmal zusammenknacken, wenn der Staat die Zähne zeigt. — Und noch einen Briefwechsel8 lege ich dir bei, der dich auch bewegen wird. Magst du bitte alle Beilagen so bald als möglich an Ruedis gehen lassen, die sie dann bitte wiederum möglichst bald hierher zurückgeben möchten? Wir brauchen diese Briefe wieder. —
Ich war gestern einen Tag bei Markus, der 14 Tage in einem Abiturientenlager in der Eifel zubringen muß. Er bat mich zu kommen, da auch dort allerhand Mißliches sich zuträgt an politischen Denunziationen und uneinsichtigen Vorgängen und er das Bedürfnis hatte, darüber zu sprechen.9 Ich traf ihn ganz wohl, aber begreiflicherweise nicht gera|587de erbaut von dem etwas sinnlosen Unternehmen des ganzen Kurses, der nur formal den Zweck hat, die Jugend in den nat. soz. Geist einzuführen, sie aber weder geistig noch körperlich gewichtig beansprucht, so daß die Tage öde und in viel Geschwätz vergehen. Landschaftlich ist es schön dort, und wir haben einen herrlichen Weg über die Höhen gemacht, um dann ein Mittagsmahl fast im Stile von Ruedi einzunehmen, das Markus trösten sollte über viel Unerfreuliches auch in dieser Hinsicht. Er ist so ein lieber Mensch und unter seinen deutschen Kameraden nun doch sehr einsam. Gestern — Sonntag — Morgen las er ihnen Röm. 12 vor. —
Lieber Eduard, wir grüßen euch von Herzen. Nelly wird dir wohl selbst schreiben. Sie ist im Augenblick nicht da. Wir haben auch in dieser Hinsicht einen schweren Winter, vielleicht einfach darum, weil K. und ich bis zur physischen Erschöpfung von den anderen Vorgängen beansprucht sind, so daß Manches, Vieles unberücksichtigt bleibt, was eben laufend berücksichtigt sein will, wenn wir nicht alle Augenblicke festfahren wollen.