22. Januar 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

583
Lieber Eduard!

Heute Morgen brachte die Post die Todesanzeige deiner Mutter.1 Karl hätte dir gern gleich selbst geschrieben, aber er steht zu stark im Gedränge mit seiner Arbeit. So läßt er dir durch mich sagen, daß er an dich — und ich darf mich ihm anschließen — daß wir an dich, an euch, denken. — Auch für deinen gestern eingetroffenen Brief samt Beilagen läßt Karl dir einstweilen auf diesem Wege danken. Er freut sich immer so besonders, wenn ein Zeichen von dir kommt. — Gleichzeitig mit deinem Brief kam eine Nachricht von D. Hesse-Elberfeld, die uns sehr bewegte und bekümmerte.2 In Berlin schreitet man zum Kompromiß, |584 und zwar wieder einmal unter dem Segen des Staates. Reichsinnenminister Frick hat 14 Nothelfer entboten für morgen, Dienstag, in die Reichskanzlei, mit deren Hilfe das neue geistliche Ministerium gegründet werden soll: 7 DC und 7 sogen. Oppositionelle (unter den ersteren natürlich wieder Fezer und — O. Weber, unter den letzteren Niemöller, Meiser3, Wurm, Schöffel!!). Die Angst vor dem starken Arm hat wieder einmal gesiegt und alle Bedenken, noch einmal sich mit den D. C. an einen Tisch zu setzen, überwunden. Müller scheint erledigt, als Verweser denkt man an Marahrens4, als Nachfolger an — — Bodelschwingh. — Erfreulich ist, daß die Reformierten Widerstand leisten wollen. Sie ziehen sich zurück auf das Barmer Bekenntnis und sind entschlossen, sich abzusondern auch um den Preis einer Freien Ref. Kirche.5 Karl hat das |585 umgehend lebhaft unterstützt (ich lege dir den Durchschlag seines Briefes6 bei), aber, wie du dir denken kannst, bekümmerten Herzens, da er ja doch ganz auf ein gemeinsames Vorgehen mit den lutherischen Brüdern eingestellt war und sich der Gefahr einer solchen Trennung sehr bewußt ist. Wir waren gestern wirklich in großer Sorge. Nun kam heute Morgen ein Telefon aus Elberfeld: Auch Westfalen sei entschlossen zum Widerstand, Bethel sei völlig isoliert. Das läßt uns wieder hoffen. Vielleicht kommt nun auch innerhalb der lutherischen Opposition jene längst notwendig gewordene Spaltung und damit die Befreiung von dem fragwürdigen Brüderrats-Regime mit der Spitze Niemöller. — Alle diese Mitteilungen dürfen noch nicht weiter bekannt werden. Unsere Presse bringt kein Wort. — Wie stark wir schon die letzten Tage im Schatten dieser Ereignisse ahnend lebten, mag dir Karls Brief an Jacobi7 |586 zeigen. Der «beherzte Mann» hat sich also nicht gefunden!! Weißt du, manchmal meine ich, es muß doch Karl selbst sein, der einmal so vorspringt, ganz unerachtet, ob er nun Schweizer ist oder was sonst noch. Es ist ja zu trostlos, wie diese Hampelmänner jedesmal zusammenknacken, wenn der Staat die Zähne zeigt. — Und noch einen Briefwechsel8 lege ich dir bei, der dich auch bewegen wird. Magst du bitte alle Beilagen so bald als möglich an Ruedis gehen lassen, die sie dann bitte wiederum möglichst bald hierher zurückgeben möchten? Wir brauchen diese Briefe wieder. —

Ich war gestern einen Tag bei Markus, der 14 Tage in einem Abiturientenlager in der Eifel zubringen muß. Er bat mich zu kommen, da auch dort allerhand Mißliches sich zuträgt an politischen Denunziationen und uneinsichtigen Vorgängen und er das Bedürfnis hatte, darüber zu sprechen.9 Ich traf ihn ganz wohl, aber begreiflicherweise nicht gera|587de erbaut von dem etwas sinnlosen Unternehmen des ganzen Kurses, der nur formal den Zweck hat, die Jugend in den nat. soz. Geist einzuführen, sie aber weder geistig noch körperlich gewichtig beansprucht, so daß die Tage öde und in viel Geschwätz vergehen. Landschaftlich ist es schön dort, und wir haben einen herrlichen Weg über die Höhen gemacht, um dann ein Mittagsmahl fast im Stile von Ruedi einzunehmen, das Markus trösten sollte über viel Unerfreuliches auch in dieser Hinsicht. Er ist so ein lieber Mensch und unter seinen deutschen Kameraden nun doch sehr einsam. Gestern — Sonntag — Morgen las er ihnen Röm. 12 vor. —

Lieber Eduard, wir grüßen euch von Herzen. Nelly wird dir wohl selbst schreiben. Sie ist im Augenblick nicht da. Wir haben auch in dieser Hinsicht einen schweren Winter, vielleicht einfach darum, weil K. und ich bis zur physischen Erschöpfung von den anderen Vorgängen beansprucht sind, so daß Manches, Vieles unberücksichtigt bleibt, was eben laufend berücksichtigt sein will, wenn wir nicht alle Augenblicke festfahren wollen.

Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
E. Thurneysens Stiefmutter Emilie Thurneysen war am 20.1.1934 gestorben (Todesanzeige und Lebenslauf [Durchschlag, 4 S.] im Karl Barth-Archiv).↩
2
Brief vom 20.1.1934 mit (dem einzigen von Hesse versandten) Durchschlag eines Briefes von H. A. Hesse und W. Niesel an O. Koopmann vom selben Tag, in dem über die bevorstehenden Beratungen «der Vierzehn» in Berlin zur Neubesetzung des Geistlichen Ministeriums und über geplante Arrangements der Opposition mit gemäßigten Deutschen Christen zur Erzwingung von Müllers Rücktritt berichtet wurde. Hesse und Niesel brachten ihre entschiedene Ablehnung jeder reformierten Beteiligung an den Verhandlungen zum Ausdruck. Von dem vom 17. auf den 24. und schließlich kurzfristig auf den 25.1. verschobenen Empfang von je sieben Mitgliedern der kirchlichen Opposition und der Deutschen Christen bei Hitler — auf Einladung des Innenministeriums — erwarteten alle Beteiligten den Sturz des weitgehend isolierten Reichsbischofs. Zu den fieberhaften Vorbereitungen vgl. Meiser, Aufzeichnungen I, S. 211–239 📖; Scholder II, S. 53–57 📖; Meier I, S. 160–162. 📖↩
3
D. Hans Meiser (1881–1956), seit 1928 Mitglied des Kirchenregiments der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, 1933–1955 deren erster Landesbischof, führende Stellung in zahlreichen lutherischen Gremien, so z. B. als Vorsitzender der Deutschen Lutherischen Bischofskonferenz und als Direktionsmitglied der Vereinigung der deutschen lutherischen Landeskirchen, 1948–1955 leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, gleichzeitig Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.↩
4
D. August Marahrens (1875–1950), 1925–1947 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover, 1928–1950 Abt zu Loccum, 1933 Mitglied des «Dreimännerkollegiums» (s. oben S. 429, Anm. 13) und Vorsitzender der Allgemeinen Lutherischen Konferenz, war 1934–1936 Vorsitzender der 1. Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche; vgl. E. Klügel, Die lutherische Landeskirche Hannovers und ihr Bischof 1933-1945, Berlin/Hamburg 1964 📖; I. Mager, August Marahrens (1875–1950), der erste Hannoversche Bischof, in: … und über Barmen hinaus. Studien zur Kirchlichen Zeitgeschichte (AKIZ Reihe B, Bd. 23), Festschrift für C. Nicolaisen, für die Evang. Arbeitsgemeinschaft für kirchl. Zeitgeschichte hrsg. von J. Mehlhausen, Göttingen 1995, S. 126–144. 📖 — Im Laufe der Vorgespräche zum Kanzlerempfang hatten sich kirchlich-oppositionelle Kreise auf ein (nie zustande gekommenes) «Kompromißkabinett» — bestehend aus Marahrens als «Reichsbischofsverweser» und den Kirchenministern Lauerer, Smidt und Zentgraf sowie Flor und K. Koch und, als Zugeständnis an die Deutschen Christen, Beyer — geeinigt, für das man auch die deutschchristliche Seite zu gewinnen hoffte. Vgl. Meiser, Aufzeichnungen I, S. 219, Anm. 2. 📖 ↩
5
Am 20.1. hatte Hesse an Barth geschrieben (s. Anm. 2): «Wir haben jetzt ein neues Moderamen in einem Reformierten Bund, der sich zu Ihrer Erklärung bekannt hat; wir haben eine Freie Synode und einen Coetus reformierter Prediger. Haben wir nicht schon jetzt die dringende Aufgabe, diese Truppen im Hinblick auf die ernste Zukunft der Kirche irgendwie zu formieren? Sie müßten doch im Notfalle sofort positiv für die Kirche eingesetzt werden können, auch wenn diese plötzlich gezwungen wäre, auf eigenen Füßen zu stehen.»↩
6
Barth antwortete Hesse am 21.1.1934: «Ich sehe das, was die Berliner Leitung der Opposition (Kirchenführer und Notbund) in dieser Woche nach dem vorgelegten Dokument getan haben, und ich sehe die Tatsache, daß die Bodelschwingh-Gruppe bei diesem Verrat offenbar mitgetan hat und noch mittut, als eine von den schlimmsten Katastrophen an unter denen, die bisher über unsere arme Kirche hereingebrochen sind. … Wenn das kommt: eine Kirche, die sachlich und persönlich den ‹rechten Flügel› der D. C. gelten läßt …, dann ist Alles umsonst gewesen, dann können wir alle Hoffnung begraben. / Darum kann ich Ihnen nicht sagen, wie froh ich bin, daß Sie es abgelehnt haben, in dieser Sache auch nur mit dem kleinen Finger mitzutun. Und ich kann Sie nur bitten: Bleiben Sie fest!» Daß die Deutschen Christen auch nur in einer «gedämpfteren Form» «kirchlich-offiziell» würden, dürfe von reformierter Seite nicht einmal indirekt akzeptiert werden.↩
7
Brief vom 20.1.1934. Anlaß dieses Schreibens war ein Absatz in Jacobis Brief an Barth vom 7.1.1934, in dem Barths Eintritt in die SPD als Fehltritt bezeichnet wurde: «Das steht jedenfalls fest: Wären Sie 1930 [richtig: 1931] nicht der SPD beigetreten, hätten Sie heute 1000 Mal mehr Gehör.» Barth fühlte sich dadurch in seiner Ablehnung des Pfarrernotbundes nur gestärkt. «Wenn es bei dem in dieser Sache sichtbar gewordenen Pferdefuß bleibt, bei dem selbstverständlichen Kotau gegenüber dem politischen Sieger von 1933, auf den dann das Bekenntnis, wie stark und tapfer immer vorgetragen, erst folgt — nun dann mag es nach Ausschaltung Ludwig des Kindes in der alten Zeit der evangelischen Kirche eine Stufe weitergehen. Eine neue Zeit bricht dann nicht an.» Weiterhin erkundigte sich Barth nach den Vorgängen in Berlin, nachdem der als Entscheidungstag angekündigte 17.1. — der ursprüngliche Termin für den Kanzlerempfang sowie eines (nur angeblich zustandegekommenen) Empfangs L. Müllers bei Hitler (vgl. Meiser, Aufzeichnungen I, S. 207.218, Anm. 3 📖) — einfach verstrichen war. «Warum zögern die sog. ‹Kirchenführer› der Opposition und warum zögert der Pfarrernotbund eigentlich, die Initiative nun endlich an sich selbst zu reißen? Wartet man darauf, daß etwa doch wieder der Staat ein Machtwort rede? Mich beunruhigt der Gedanke aufs Höchste, daß jetzt wieder fruchtbare Zeit vertan werde, bis eines Tages wieder die ganze Kirche vor einem brutalen fait accompli steht, aufgefordert, darin den Willen Gottes zu erkennen, während es schließlich nur ein paar von dem unnützen Geschlecht der ‹Bischöfe› waren, die im Augenblick, wo sie hätten führen sollen, einer vom anderen und alle miteinander von irgend einer ‹höheren Stelle› das Gesetz ihres Handelns zu empfangen erwarteten. Weiß man dort eigentlich, daß die Kirche darauf wartet, daß dort endlich ein beherzter Mann auf den Tisch springt, nicht um sich selber die reichsbischöfliche Tiara aufzusetzen oder sonstwie den Diktator zu spielen, sondern um sie, die Kirche, aufzufordern, nach all den schändlichen Unordnungen, hervorgerufen durch das verwünschte Führerprinzip, ihre Sache wieder selbst in die Hand zu nehmen und sich ausgehend von neu zu wählenden Presbyterien über anständig beratende und beschließende Synoden zu einer so Gott will nicht bischöflichen, dafür aber handlungsfähigen Exekutive nach all dem unsinnigen Chaos eine Gestalt zu geben!» Bei der derzeitigen Initiativlosigkeit der entscheidenden Männer sei für die Zukunft die Bildung einer freien reformierten Kirche im Westen und einer eigenen lutherischen Kirche zu befürchten, während die unierten Kirchen ein ungewisses Schicksal erwarte. Sehr wahrscheinlich sei nun «ein weiteres gutes Teil» des Ansehens und der Aussichten der Kirche «in sträflicher Weise vertan» worden. «Die Tatsache dieser stummen toten Woche genügt wirklich, was auch ihr Inhalt gewesen sein mag. Pfui Teufel, wenn es etwa einfach darin bestanden haben sollte, daß man wieder einmal auf irgend einen Minister gewartet hat, der zufällig nicht zu sprechen war.»↩
8
Der Briefwechsel ist nicht mehr nachweisbar.↩
9
M. Barth, der mit seiner Abschlußklasse zwei Wochen in der Jugendherberge Altenahr verbrachte, hatte Ch. von Kirschbaum am 16.1.1934 brieflich um einen Besuch gebeten.↩