23. Januar 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

nun ist Karl heute Nacht mitten aus seiner Vorlesungsvorbereitung nach Berlin gerufen worden. Heute Morgen trifft er dort ein. Die Reformierten wollen bei den jetzt so entscheidend wichtigen Vorverhandlungen durch ihn dort vertreten sein, und er muß als ungebetener Gast die Konferenz der Kirchenfürsten besuchen. Immerhin kommt er diesmal als autorisierter Vertreter des Reformierten Bundes1 und hat durch |588 diese Rückendeckung freiere Handlungsmöglichkeiten als das letzte Mal. Sehr schwer ist die Frage, auf welchen konkreten Weg man nun eigentlich hinarbeiten soll, denn nur mit der negativen Parole: Weg mit den D. C.! ist es natürlich nicht getan. Wir haben uns das heute Nacht um 2 Uhr am dunklen Bahnhof noch überlegt, und K. hat sich drei Punkte notiert, die seine Linie dort im Großen bezeichnen: Weg mit dem Reichsbischof und den Bischöfen. Einsetzung eines Interims-Komitees. Neuwahlen unter völliger Freiheit vom Staat. — So daß für die Kirche der Rechtsstand vor dem 24. Juni2 wieder hergestellt wäre. — Als reformierte Gefährten hat K. in B. nur den Juristen Koopmann3 und den Sydower Schulz4.

Herzlichen Gruß
Lollo

Sachfußnoten

1
Hesse hatte Koopmann in einem ausführlichen Brief vom 22.1.1934 vorgeschlagen, Barth zu den Vorbesprechungen für den Kanzlerempfang telegraphisch nach Berlin zu rufen. In seinen detaillierten Aufzeichnungen über die Ereignisse heißt es: «Gibt es … vor der Verhandlung [scil, mit Hitler] eine klare Aussprache, so könnte vielleicht noch in letzter Stunde es zu einem allein kirchlich möglichen und vom Worte Gottes her notwendigen Widerstand kommen.» Gleichzeitig bot er an, auch selber zu kommen (Durchschlag als Beilage zu einem Brief Hesses an Barth vom 21.1.). Noch am 22.1. ergriff er jedoch selber die Initiative: «Abends 11 Uhr. Von Niesels Zimmer aus bitte ich als Moderator Karl Barth, sofort nach Berlin zu fahren, und zwar als Bevollmächtigter des Reformierten Bundes, weil höchste Gefahr im Verzuge sei. Der Reformierte Bund habe im Blick auf das Geistliche Ministerium nur das Recht des Ausführungsgesetzes der Verfassung für sich, daß Aurich — Detmold [sich] wegen des reformierten Ministers, den die Kirchenführer vorschlagen, ins Benehmen setzen solle. Was Barth dazu in Berlin tun könne, möge er tun: ich gebe ihm als Moderator für seine Fahrt General- und Spezialvollmacht und erkläre mich von vornherein grundsätzlich mit dem, was er sagt, einverstanden. Karl Barth läßt sich bewegen, sofort nach Köln zu fahren und dann mit dem Polenzug nach Berlin. — Ich schicke an Koopmann ein Nachttelegramm, daß Karl Barth als Bevollmächtigter des Reformierten Bundes Dienstagmorgen gegen 10 Uhr zu ihm ins Savoy-Hotel komme.» H. A. Hesse, «Erinnerungen an die Tage von Sonnabend, den 20. — Donnerstag den 25.Januar 1934», abgedruckt in: S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf …, a.a.O. (S. 438, Anm. 6), S. 358–366; Zitat dort S. 360 📖 (Originaltyposkript, 14 S., und eine engzeilige Abschrift der «Erinnerungen», 7 S., mit dem handschriftlichen Vermerk von Ch. von Kirschbaum auf der Titelseite: «Vertraulich» im Karl Barth-Archiv); Wiedergabe mit ausführlichen Zitaten in: W. Niemöller, Hitler und die evangelischen Kirchenführer (zum 25. Januar 1934), Bielefeld 1959, S. 23–28. 📖↩
2
Am 24.6.1933 hatte die Einsetzung A. Jägers als Kirchenkommissar für alle Kirchen in Preußen zum Rücktritt Bodelschwinghs von seiner Kandidatur für das Reichsbischofsamt geführt (vgl. oben S. 427, Anm. 3).↩
3
Landgerichtsrat Otto Koopmann (1878–1951), 1925–1937 Präsident des Landeskirchenrates und oberster juristischer Beamter der Evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover, 20.7.-27.9.1933 Kanzleileiter bei der Einstweiligen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche.↩
4
Georg Schulz (1889–1954), gründete 1922 während seiner Amtszeit im altmärkischen Dorf Sydow (1917–1924) die sog. Sydower Bruderschaft, 1930–1936 Pfarrer in Unterbarmen, danach in Pommern und Nordrhein-Westfalen.↩