26. Januar 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Heute Nacht ist Karl aus Berlin heimgekehrt. Da ihn hier bereits wieder eine Fülle von Arbeit erwartet, kann er nicht, wie er wohl wollte, dir selbst einen Bericht geben. Aber ich will versuchen, so gut es geht, dir auf Grund seiner Erzählungen die Berliner Tage zu schildern. — Am Dienstag Morgen, nach seiner Ankunft dort, versuchte er sofort Koopmann, den juristischen Vertreter der Reformierten Kirche, zu erreichen. Dies gelang nicht, statt dessen traf ein Telegramm von Koopmann, das zuerst noch hierher gekommen war, ein mit der Nachricht, daß er Karl erst abends 9 Uhr erwarte. Karl, im Vertrauen, daß also bis dahin keine entscheidenden Dinge vor sich gehen würden, begab sich zu Pfr. Jacobi und mußte dort erfahren, daß Koopmann sehr wohl schon in Berlin und die entscheidenden Beratungen soeben wohl in Gang gekommen seien.1 Er wußte Karl auch den Ort dieser Beratungen zu nennen (es war das Hospiz, in dem K. zuerst abgestiegen war), und dieser machte nun sofort kehrt, um sich auch noch an diesem Ort einzufinden. Er ließ sich durch eine Visitenkarte bei dem Vorsitzenden dieser Kirchenfürsten-Beratung melden (es war Bischof Meiser!) und bei Koopmann. Dieser erschien und gab seinem Bedauern Ausdruck, daß er Karl leider jetzt nicht mehr einführen könne. Karl, guten Glaubens, daß die Dinge in Ordnung seien, ließ sich im Vestibül nieder und wartete. Nach und nach erschien bald dieser, bald jener der oben beteiligten bzw. zuhörenden Pfarrer, den die Kunde erreicht hatte: Karl Barth ist da! und Karl mußte zu seinem Erstaunen erfahren, daß noch eine ganze Reihe von Professoren oben anwesend seien, darunter auch Friedrich Gogarten. Es wurde Mittag, und die Herren kamen herunter, sahen Karl an, Karl sah sie an, aber es ereignete sich nichts. Nach dem Mittagessen, das Karl mit einigen Notbundpfarrern einnahm, setzte er sich neuerdings bis zum Wiederbeginn der Sitzung ins Vestibül. Da ging die Tür auf, und Gogarten kam herein. Karl rief ihn an, er ließ sich neben Karl auf dem Sofa nieder mit der spitzen Bemerkung: Na, Barth, hast du jetzt einen Dritten gefunden zum Skatspiel, den Prof. Wolf? Es gab unter dem Zudrang sensationslüsterner Pfarrer, die alle von diesem Schauspiel ge|590bannt stehen blieben, ein Gespräch, in dem Gogarten hartnäckig und pointiert die These vertrat, das Gesetz werde durch die Vernunft (die ratio!) erkannt, und in dem natürlich eine Einigung nicht im geringsten zu erzielen war. Karl war übrigens erwas erschüttert von dem veränderten Aussehen Gogartens, der nur mehr eine Ruine von ehedem sei. — Dann begann die Sitzung.2 Karl ging hinein, wie wenn nichts wäre, setzte sich an einen Platz und steckte eine Pfeife an. Der Gegenstand der Besprechung war ein von Fezer entworfenes und verlesenes Memorandum, das Hitler bei der (übrigens um einen Tag verschobenen) Besprechung der 14 Männer in der Reichskanzlei übergeben werden sollte3; Karl war entsetzt sowohl über Inhalt als Haltung dieses Schriftstücks und gab dem unverhohlen Ausdruck. Fezer antwortete in unerträglich sophistischer Weise darauf (so als K. von der unwürdigen Haltung der Kirchenleute dem Staat gegenüber sprach: er müsse sehr bitten, er habe sich nie etwas vergeben, unter fortgesetzten Beteuerungen, was Unheueres er diesen Sommer durchgemacht habe!!), bis Karl schließlich ausrief: Ihr habt einen anderen Glauben, einen anderen Geist, einen anderen Gott!4 — Das schlug wie eine Bombe ein. Wüster Tumult entstand. Fezer erbleichte und war der Ohnmacht nahe, wieder Andere schrieen: ob das Ernst sei (darunter Gogarten!), wieder Andere |591 wollten das Lokal verlassen (so Rückert5), wieder Andere wollten Karl rausschmeißen, wieder Andere ihn zur Zurücknahme dieses Wortes veranlassen unter Beschwörungen der christlichen Liebe. Als wieder etwas Ruhe herrschte, ergriff Karl neuerdings das Wort und sagte: Natürlich sei ihm das Ernst. Das sei die Situation zwischen ihm und den D. C. Das sage er seit dreiviertel Jahren in seinen Schriften. Bischof Meiser stöhnte, das sei das Ende der evangelischen Kirche6, und unser zweiter Landsmann Lauerer7 aus Neuendettelsau sagte wimmernd: «Nun ist alles aus. Nun können wir kein Memorandum machen und können morgen nicht zu Hitler gehen. Und ich kann auch nicht geistlicher Minister werden.» — Man trennte sich ohne Resultat. Fezer versprach, daß ihm vielleicht über Nacht ein besseres Memorandum einfalle. Karl hat dann auf seinem Zimmer selbst noch ein Schriftstück verfaßt8, das ich |592 dir beilege und das er den Anderen noch in maschinenschriftlicher Ausfertigung zukommen ließ.

Andern Tages fand am Vormittag eine Beratung der Reformierten unter sich statt: Koopmann (von dem übrigens noch zu sagen ist, daß er K. in der Sitzung schmählich im Stich gelassen [hatte], ja ihm sogar in den Rücken gefallen war mit der Erklärung: für die Reformierten sei nur er autorisiert zu sprechen!!), D. Hesse-Elberfeld, Landessuperintendent Hollweg-Aurich9, Udo Smidt, der fürs Geistliche Ministerium genannt wird10, und Karl. Diese Fünf vereinbarten, daß sie sich nicht beteiligen wollten an dem nun auf diese Weise geplanten Geistlichen Ministerium. Udo Smidt fiel dann aber nach einem Gespräch mit Prof. Beyer11 (er ist noch ein junger Mann) wieder um und erklärte sich doch bereit, ließ sich von Karl wieder ermahnen und ins Gewissen sprechen, um dann, Karl hörte dies unmittelbar vor seiner Abreise, ein zweites Mal umzufallen!!12 — Nachmittags hatte Karl Einzelgespräche mit Kit|593tel13 und Meiser und hatte von beiden sehr traurige Eindrücke. Kittel sei wie Fezer, Gogarten, Schumann und alle diese Leute einfach wie in einem Fieberzustand und könne theologisch keinen klaren Satz zur Begründung seiner D. C.-Sache bringen. Meiser hingegen ist erfüllt von zitternder Angst vor dem Schisma und hat Karl die ja fast rührende Frage vorgelegt: Wie man es denn auch nur machen solle, diese Gegensätze in der Kirche zu vereinigen, Gegensätze wie die zwischen den Barmern und etwa Krause? Worauf K. nur sagen konnte: «Das soll man eben nicht machen!» — Am Abend hatte Karl dann eine schöne Bibelstunde bei Dehn miterlebt.

Auf Donnerstag Mittag war der Empfang der 14 in der Reichskanzlei vorgesehen. K. wollte diesen Akt eigentlich nicht mehr abwarten, sondern abreisen. Er war gerade nach den vorangegangenen Gesprächen zu überzeugt davon, daß diese Sache nicht mehr aufzuhalten sei und sich wie eine Krankheit zu Ende rasen müsse und daß es besser sei, inzwischen Gewehr bei Fuß auf seinem Posten zu stehen. Er ließ sich dann aber doch überreden, noch zu bleiben, da Otto Weber, einer der 14, ihn nach dem Empfang bei Hitler noch sprechen wollte. Das geschah dann auch. Es war wieder einmal sehr, sehr anders, als die Herren es sich gedacht hatten.14 Sie wurden stehend von Hitler, Göring und Frick empfangen, Hitler ignorierte das Memorandum völlig, und Göring ergriff das Wort und ließ eine Flut von Vorwürfen über die versammelten Pfarrer, Professoren und Bischöfe ergehen ob ihres Verhaltens der Regierung gegenüber. Niemöller wurde angefahren, weil er vor einer Stunde (!) eine despektierliche Äußerung über Hitler getan habe15 (Du |594 siehst, diese Tscheka arbeitet vielleicht doch noch besser als unsere!!)16 und anderes mehr. Niemöller brach dann seinerseits los, schrie Hitler an (er war doch nicht umsonst U-Bootkommandant gewesen), Hitler schrie ihn wieder an, die Anderen vermittelten, und schließlich wurden alle sehr ungnädig entlassen von Hitler mit der Androhung, wenn nicht bald Frieden wäre in der evangelischen Kirche, würde der Schlag erfolgen, von dem er seine Partei und die Parteipresse nur mit Mühe zurückhalte. Und: Müller habe er nicht eingesetzt und denke darum auch nicht daran, ihn abzusetzen! — Da standen sie nun, die Leutlein.

Was nun werden soll, weiß kein Mensch. Karl meint, es müsse noch viel schlimmer kommen und alles noch viel mehr verfahren, bis vielleicht Hoffnung auf eine neue Besinnung bestehen könne. Von den dort versammelten Führern erwartet er insgesamt nichts. Unter den Pfarrern traf er manche Getreue, und besonders günstigen Eindruck machte ihm Prv. Dozent Iwand-Königsberg17. Aber aufs Ganze gesehen, kann er sich doch nur bekümmert schütteln im Gedanken an diese Vorgänge und Gespräche und versteht Bodelschwingh, der jedesmal, wenn er von Berlin wieder fortdarf, sagen soll:

«Gott wird mich aus der Höhle
Da mich der Kummer plagt,
Mit großer Gnade rücken…»18

Ja, es ist doch sehr schlimm, und es ist so gut, daß Karl sich nicht endgültig müde machen läßt, sondern nach einem erquickenden |595 Schlummer schon wieder an seinem Vorwort zu Heft 719 sitzt. Ganz umsonst wird das ja schon nicht sein. — — Pfr. Jacobi hat am letzten Sonntag nach seiner Predigt bei der Abendmahlsaufforderung gesagt: Ich lade die Bekenntnistreuen zum Abendmahl ein! — Daraufhin rückten ihm am Dienstag Abend 5 Kerle in die Wohnung, schlugen ihn nieder und verprügelten ihn.20 Wir haben noch nichts wieder gehört, wie es ihm geht. — Niemöller hat auch das Hitler entgegengeschrieen! —

Der Vorgang in Tübingen mit Karl Adam21 beschäftigt uns sehr. Was wird noch alles werden? — Aber ich muß aufhören. Wir haben Sozietät und gehen zu Thomas und Bonaventura. Die wußten auch vom Jahr 1933 noch nichts!! — Karl läßt dich herzlich grüßen.

Deine, eure
Lollo

Das Memorandum folgt!
Bitte auch an Ruedi!

Sachfußnoten

1
Vgl. Meiser, Aufzeichnungen I, S. 221–233 📖; ferner Scholder II, S. 54f. 📖 ↩
2
Sitzungsbeginn war nach Meisers Notizen um 19.00 Uhr (Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238 📖), nach Kl. Scholders Darstellung, die sich auf den hier abgedruckten Brief Ch. von Kirschbaums stützt, um 18.00 Uhr (vgl. Scholder II, S. 55f. 📖).↩
3
O. Koopmann hatte Fezer vorgeschlagen, ein Memorandum zu verfassen, das Hitler übergeben werden sollte; vgl. W. Niemöller, Hitler und die evangelischen Kirchenführer, a.a.O., S. 25 📖; Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238, Anm. 1. 📖 ↩
4
Luther zu Martin Bucer im Marburger Religionsgespräch nach dem Bericht von A. Osiander (WA 30/3, 150,4-10 📖): «Also begeret Putzer, er solt doch antzaigen, was Im misßfiel an Irer lere, sagt Luther, ich bin euer herr nicht, euer Richter nicht, euer lerer auch nicht, so reymet unser gayst und euer gayst nichts zusamen, sonnder ist offenbar, das wir nicht ainerley gayst haben, denn das kann nicht ainerley gayst sein, da man an einem ort die wort Christi ainfeltigklich glaubt unnd am andern denselben glauben tadelt, widerfichtet, luegstraffet und mit allerley frefeln lesterworten antasstet.» — Die bekannte Formulierung steht in Luthers Brief an Jakob Propst in Bremen vom 1.6.1530 (WA.Br. 5, 340, 52-54 📖): «Summo Studio et contentione egerunt, ut viderentur nobiscum concordes, ita ut hanc vocem nunquam ex me possent ferre: Vos habetis alium spiritum quam nos.» — Vgl. Barths Eigenbericht in: Gottes Wille und unsere Wünsche, a.a.O. S. 4 (Vorwort) 📖; Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238 mit Anm. 2. 📖 ↩
5
Hanns Rückert (1901–1974), 1931–1966 o. Professor für Kirchengeschichte in Tübingen.↩
6
Nach der Niederschrift von Dr. iur. H. Meinzolt sagte Meiser auf Fezers Frage an ihn als den Versammlungsleiter, «ob er es geschehen läßt, daß das Wort Barths gesagt bleibt, oder ob er bereit ist, die Glaubensgemeinschaft mit uns zu halten»: «Ich wiederhole, daß ich das Wort Barths bedaure. Ich rücke für meine Person von diesem Wort ab. Die Schrift Barths ist ein Beitrag zur Klärung; aber was hilft uns das rein theologisch Gesagte in unserer konkreten Entscheidung? Die Schrift Barths hat der gegebenen Situation nicht das nötige Verständnis entgegengebracht. Auch heute hilft es uns nichts, wenn wir uns theologisch verketzern, sondern wir müssen als Kirchenführer eine Entscheidung treffen. Wenn wir sie so treffen, wie sie Prof. Barth meint, dann sage ich: finis ecclesiae. Theologische Kämpfe sind immer dadurch entschieden worden, daß man miteinander im Gespräch geblieben ist und die Gemeinschaft aufrechterhalten hat. Es war uns ein Erlebnis, daß wir uns mit den Reformierten in einem gemeinsamen Wollen zusammengefunden haben. Wir sind dadurch zu seinem [sic] wirklichen corpus christianum geworden. In dieser Stunde alles niederlegen und die Dinge treiben lassen, müßten wir als ein Verbrechen vor Gott ansehen. Ich bitte also diese Gemeinschaft, die wir erlangt haben, nicht zerbrechen zu lassen, sondern wir wollen zu Gott vertrauen, daß er uns in aller Wahrheit leiten werde … Wir müssen an dem Memorandum festhalten; die Verantwortung dafür übernehme ich. Das, was wir dem Kanzler zu sagen haben, kann ihm gesagt werden, ohne daß das Bekenntnis verletzt wird. Ich bitte Fezer, Lauerer und Schöffel je einen Memorandumentwurf zu verfassen!» Meiser, Aufzeichnungen I, S. 238f., Anm. 2. 📖 ↩
7
Hans Lauerer (1884–1953), 1918–1936 Rektor der Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Die Berufung zum lutherischen Geistlichen Minister durch L. Müller am 2.12.1933 hatte er abgelehnt; vgl. Scholder I, S. 724 📖. Zu seinen Ambitionen auf einen Sitz im «Kompromißkabinett» vgl. oben S. 584, Anm. 4.↩
8
Entwurf eines Briefes an den Reichskanzler vom 24. Januar [1934], Durchschlag im Karl Barth-Archiv; Abdruck in: W. Niemöller, Hitler und die evangelischen Kirchenführer, a.a.O., S. 27, Anm. 30. 📖↩
9
Dr. theol. et phil. Walter Hollweg (1883–1974), 1927–1951 Landessuperintendent der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland, 1939 zugleich Präsident des Landeskirchenrates in Aurich.↩
10
Udo Smidt (1900–1978), seit 1930 Reichswart des Bundes Deutscher Bibelkreise, 1934–1951 Pfarrer in Bremerhaven-Lehe und zugleich nebenamtlich Jugendpfarrer der Evangelisch-Reformierten Kirche in Nordwestdeutschland, 1958–1970 Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche. Vgl. oben S. 584, Anm. 4.↩
11
Hermann Wolfgang Beyer (1898–1943), 1926–1936 o. Professor für Kirchengeschichte und christliche Archäologie in Greifswald, 1936–1939 für Neues Testament in Leipzig, 2.12.1933-5.1.1934 (Rücktritt) unierter Minister im Geistlichen Ministerium (kommissarische Weiterführung des Amtes bis 21.1.).↩
12
Nach Informationen H. A. Hesses hatte sich Smidt zuvor kritisch über Beyer geäußert: «Udo Smidt hat kürzlich gerade Professor Beyer als einen Mann bezeichnet, auf den gar kein Verlaß sei, und wenn ausgerechnet solch ein Mann übernommen würde, so würde dem Verderben Tür und Tor geöffnet.» Doch seine Haltung galt nicht bei allen als gesichert: «Es war bezeichnend, daß die Meinung aufkam, Udo Smidt würde etwa um des Jugendwerkes willen ja sagen. Ich glaube das aber nicht und entnehme vielmehr gern aus letzten Äußerungen von ihm, daß er viel eher dazu raten würde, in solch Kompromißkabinett überhaupt keinen Reformierten gehen zu lassen.» (Brief H. A. Hesses an Koopmann vom 22.1.1934, Durchschlag als Beilage zu einem Brief Hesses an Barth vom 22.1.1934 im Karl Barth-Archiv).↩
13
Gerhard Kittel (1888–1948), 1926–1939 und 1943–1948 Professor für Neues Testament in Tübingen, 1939–1943 in Wien.↩
14
Zum Kanzlerempfang am 25.1.1934 vgl. W. Niemöller, Hitler und die evangelischen Kirchenführer, a.a.O., S. 32–37 📖; Gauger I, S. 136.138 📖; Scholder II, S. 57– 61 📖; Meier I, S. 162f. 📖 ↩
15
Zu Beginn des Kanzlerempfangs verlas H. Göring die Mitschrift eines am Vormittag desselben Tages (knapp drei Stunden zuvor) abgehörten Telephongespräches. Laut der Mitschrift (Faksimile bei Scholder II, S. 58 📖) hatte Niemöller in seinem Gespräch mit W. Künneth u. a. gesagt: «Der Reichspräsident empfängt Hitler in seinem Ankleidezimmer. Die letzte Ölung vor der Besprechung!» Der Ausdruck von der letzten Ölung war, als Niemöller nach einer Formulierung suchte, von einem anderen der im Raum Anwesenden eingeworfen worden, wahrscheinlich von Ernst Eisenhardt (vgl. W. Niemöller, a.a.O., S. 38, Anm. 44 📖).↩
16
H. Göring, dem der gesamte preußische Polizeiapparat unterstand, hatte am 20.1.1934 nach einem Gespräch mit Hitler die Geheime Staatspolizei angewiesen, kirchenpolitisch belastendes Material zusammenzutragen, und das geheime sogenannte Forschungsamt mit der Überwachung von Niemöllers Telephon beauftragt; vgl. Scholder II, S. 51f 📖; zu «Tscheka» vgl. oben S. 555, Anm. 7. — Daß L. Müller die Gestapo gegen den Notbund mobilisiert hatte, wußte die kirchliche Opposition bereits seit dem 8. Januar; vgl. W. Conrad, Der Kampf um die Kanzeln. Erinnerungen und Dokumente aus der Hitlerzeit, Berlin 1957, S. 63 📖; Meiser, Aufzeichnungen I, S. 187.210, Anm. 11 📖;Schneider, S. 185. 📖 ↩
17
Hans Joachim Iwand (1899–1960), seit 1927 Privatdozent in Königsberg, 1934–1935 Professor für Neues Testament am Herderinstitut in Riga, Vorsitzender des ostpreußischen Bruderrates, 1935–1937 Direktor des ostpreußischen Predigerseminars der dortigen Bekenntnissynode in Blöstau, dann Pfarrer in Dortmund, 1945–1952 o. Professor für Systematische Theologie in Göttingen, 1952 - 1960 in Bonn.↩
18
Aus der 6. Strophe des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (EG 361; RG 680) 🎵.↩
19
Siehe oben S. 571, Anm. 5.↩
20
Am 7.2.1934 schrieb G. Jacobi an Ch. von Kirschbaum auf eine briefliche Erkundigung hin: «Ich danke Karl Barth und Ihnen sehr herzlich für Ihre freundliche Nachfrage. Die Sache war wohl schlimmer, als wir im Anfang dachten. Ich muß ungefähr drei Wochen lang ganz aussetzen und meist liegen. … Sonntag über acht Tage gedenke ich aber wieder zu predigen. Im übrigen lese ich Luthers 118. Psalm. Da steht alles drin, was man heute für sich selber braucht, und auch das, was für die Kirche nötig ist. … Die Predigt, auf die hin der Überfall erfolgt ist, würde ich Ihnen gern einmal zur Durchsicht senden.»↩
21
Karl Adam (1876–1966), 1919 o. Professor für katholische Dogmatik in Tübingen. — Nach Erscheinen eines Artikels im NS-Kurier Stuttgart vom 22.1.1934, der unter der Schlagzeile «Hetze gegen die Deutschen Christen. Herausfordernde Haltung uniformierter katholischer Jugendorganisationen» 📖 über eine Festrede Adams am Vortag in Stuttgart berichtete, kam es von Seiten der Tübinger nationalsozialistischen Studentenschaft zu z. T. bedrohlichen Aktionen gegen Adam und zu einer Rüge durch das Kultusministerium. Bemühungen um seine Rehabilitierung blieben trotz der Einschaltung höchster Instanzen erfolglos. Vgl. Scholder II, S. 140–142 📖.↩