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14. Februar 1934
ich komme eben aus der Martinskirche, wo unter dem Aufgebot sämtlicher Zylinder der ganzen Universität, unter sehr guter, nur etwas |596 allzureichlicher Musik und unter den etwas allzubekannten Mitteilungen unseres Freundes Ernst Staehelin über Schöpfungsreste und Ewigkeitssamen1 und endlich unter irgendwie von Köbis2 Geist angehauchten Worten Oeris (sogar die Liebe zu einem Glas wirklich guten Weines wurde als Zeichen wirklicher Echtheit dankbar erwähnt)3 mein Nachbar von jenseits des Platzes, der Historiker Dürr, abgedankt4 worden ist. Er ist wohl eben auf dem Wege zu einem Gläslein Markgräfler5 am vergangenen Samstag nachmittag beim Besteigen des Trams verunglückt.6 Ich habe ihn hin und wieder gesehen und eigentlich gern gesehen. Er kam von Olten her, war infolgedessen antikirchlich gestimmt7, |597 aber in seiner Weise ein aufrechter Mann. Eines meiner letzten Gespräche mit ihm, wobei er merkwürdig warm und interessiert wurde, galt dir und deinem Kampf, das leidenschaftlich freie Wort8 lag auch ihm am Herzen, und als Historiker und ehemals freisinniger Solothurner bedachte er auch das Schicksal des Protestantismus. Ich dachte, während Schuberts «Der Tod und das Mädchen»9 erklang, an die Mitte der Jahre, in der ja wirklich auch wir tief genug drin stehen (wir werden älter, Lollo!), und was wohl nicht nur gesagt würde, sondern wirklich zu sagen wäre über unsereinen, wenn … Ich dachte aber auch an deinen so selten guten und seelsorgerlichen Brief (das Johanneische Charisma geht restlos an dich über!) an unseren Freund Hächler10, den ich eben vorher aus dem gestern an mich gelangten Dossier von Zürich her gelesen hatte: denn irgendwie gilt das von der «Maske», hinter der man sich verbirgt, ja eben von jedermann — dieser mein Nachbar Dürr hatte mir mehr als einmal mit der seinigen zu denken gegeben, und nun ist sie ja sicher gefallen.
Doch, Karl, das sind für dich Idyllen mitten in einer für dich ganz anders als für uns eisern gewordenen Zeit. Immerhin — es gab noch eine Erwägung: Karl, wäre es nicht doch eine gute Sache, wenn du nach redlich und bis zur letzten Patrone durchgefochtenem Kampf am Ende dich mit den Deinen doch noch hier auf dem Minschterplatz niederließest, als älterer und angestaunter Profässer, allseitig verehrt den Weg zum Kollegiengebäude und wieder zurück unter die Füße nehmend, eine Art zweiter Köbi, etwa so wie Lukassens Schwiegervater Waggeli11 mit einem besonderen Hütlein grüßend und wieder gegrüßt und an warmen Sommersamstagnachmittagen ebenfalls den Weg zu einem |598 Gläslein Markgräfler ins nahe dritte Reich gastweise antretend? Die Möglichkeit, dir hier eine solche Stätte zu bereiten, wird nicht nur von mir, sondern sehr ernsthaft von allerlei Maßgebenden ins Auge gefaßt.12 Aber eben nochmals und erst recht Idylle! Und doch: könnte das nicht in dem mehr und mehr sich umdunkelnden Europa (trotzdem es Basel ist, liebe Lollo!) eine nicht nur auszuschlagende Möglichkeit sein? Einstweilen aber höre ich noch alle die Stimmen, die täglich zu dir kommen und dir die Notwendigkeit deines Kampfortes eindrücklich genug machen. Und wirklich auch mir. Wir denken fort und fort täglich, ja stündlich an dich. Es ist ja unterdessen noch mehr Abend geworden und Nacht für die deutsche Kirche. Da muß dein Licht leuchten und brennend bleiben [vgl. Lk. 12,35]. Eben ist es wieder da in dem ganz ausgezeichneten Heft13. Ich habe den Vortrag ja schon gekannt und darum vor allem das Vorwort in mich aufgenommen. Gerade weil es aus einem noch etwas lichteren Augenblick der kirchlichen Lage heraus stammt, gibt es jene Zuversicht, die in der unterdessen dunkler gewordenen Situation besonders nötig ist. Ach, Karl, soll ich wirklich daran gehen, mit in die so eindeutig aus der Lage und zur Lage redende Reihe einzutreten mit ein paar sicher aus der Reihe fallenden Schweizerpredigten? Ich habe den Anlauf dazu noch so gar nicht.
Letzte Woche war Dehn unser Gast. Ich bin mit ihm nach Laufen im Jura gefahren, weil dort eine Gemeinde frei ist, und wir haben uns mit den wackeren Kirchgemeinderäten, einem Küfer, einem Coiffeur und einem Lehrer, zusammengesetzt, und der Versuch war sicher nicht aussichtslos. Aber irgendwie hat es mich doch einfach gejammert und beklemmt, den wackeren Dehn so auf die Gnaden eines solchen Gemeindleins wartend bei uns herumsitzen zu sehen.14 Später traf Karl Ludwig auch noch bei mir im Studierzimmer ein, und nun waren es |599 zwei ja wirklich in ihrer Art ausgezeichnete Männer, die einfach ausgeschaltet sind, während Nullen, Nullen wie Wendland und Goetz ihnen bei uns die Plätze versperren! Für Karl Ludwig stehen die Chancen immer noch nicht recht günstig. Es ist vielleicht in gewissem Sinne nur zu viel für ihn geschafft worden. Immerhin ist etwas im Tun, um ihm hier eine Möglichkeit zu schaffen.15 Er selber würde jede Pfarrstelle annehmen, und wäre es bei den Bären in Graubünden.
Ich bin am Konfirmandenunterrichtsabschluß mit all seinen Besuchen bei den verschiedenen Mammenen16 und gelegentlich auch den dazugehörigen Vätern. Das frißt meine Tage nur so weg. Unterdessen war ich auch einen Abend lang wieder einmal auf einer Vortragsreise in Safenwil.17 Der Stand der Dinge ist dort darum fortgesetzt ein kümmerlicher, weil die unter Ott zu Stande gekommene Abspaltung nach wie vor an der Gemeinde zehrt. Der Vertrag zwischen Hochuli und den Altkatholiken ist eben erst aufs neue geschlossen worden.18 O Aar|600gau!19 Überhaupt — wo wäre der Stand der Kirche bei uns nicht fortgesetzt kümmerlich? Du hast zehnmal recht, wenn heute bei uns etwas losginge, der Karren wäre sofort auf dem gleichen Geleise wie anderswo.20 Immerhin sind ein paar «jungi Lit»21 (wie einst Ritsch Preiswerk von uns sagte) da, und zwar sicher nicht ohne daß sie aus Bonn etwas empfangen hätten, die irgendwie den Samen einer besseren Zukunft bedeuten. So etwa Eberhard, Frey, sicher auch Dieterle und warum nicht auch Hächler und Andere, wie der junge Bieder22, der gegenwärtig in meinem Seminar die bisher wirklich beste Predigt geliefert hat, rücken nach. Während ein so intelligenter und williger Mann wie der Bultmann-Neffe23, der ganz angefüllt ist von seinem «Vorverständnis»24 und seinen heideggerschen Begriffsklärungen, in der Ausarbeitung einer Predigt wirklich völlig versagt hat. Es fehlt diesen ja literarkritisch und begriffskritisch raffiniert geschulten Typen einfach die systematische Einsicht in das Was aller biblischen Texte. Und das kann man ihnen einfach in einem homiletischen Seminar nicht mehr nachträglich beibringen. Mein neuer Kollege Wolfer hält wirklich unsäglich arianische, adoptianische Predigten mit ausdrücklicher Polemik gegen |601 das, was er das Dogma nennt. Er ist ein guter Kerl, aber durch Schmiedel und die früheren Zürcher25 einfach verdorben.
Ich lege dir den kleinen Lebenslauf bei, den ich für die Beerdigungsfeier meiner Mutter verfaßt habe26, und danke Lollo vielmal und herzlich für ihren guten, warmen Brief, wie auch Nelly so gut und freundschaftlich an Marguerite geschrieben hat.27 Daß du nicht dazu kamst, begreife ich zehnmal. Lieber Karl, es ist alles, alles gut und mehr als gut, was du tust und sagst. Deine Briefe an die und jene Fragesteller sind für uns eine wahre Speise. Laß nicht luck28! Ich wüßte keinen Satz, den du hättest anders schreiben müssen in allem, allem, was mir von dir her in die Hände kommt. Hab vielen Dank für alles Gesandte und sende weiter! Wir gedenken euer aller in alter Treue und von allem euch Bewegenden mitbewegt.
Letzte Woche ging eine unserer Briefsendungen an dich zurück, eben liegt noch eine bei uns und wird in den nächsten Tagen folgen. Von Gogarten stand kürzlich in der Neuen Zürch. Z. zu lesen: er sei sogar als Kirchenminister genannt29 — was für ein Fall! Umso nötiger der Abdruck deines «Abschieds»30!