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Ich muß meinem letzten Brief einen weiteren kleinen «Tatsachenbericht» folgen lassen. Wir haben eben einige etwas nervenanspannende Tage hinter uns — wir hoffen nun wirklich hinter uns —, in denen ich, wie es scheint, haarscharf um die Absetzung herumgekommen bin. Der Rummel begann am Samstag nachts, wo ich von dem Berliner Korrespondenten der New York-Times angerufen wurde: ob es wahr sei …? Nein, ich wisse gar nichts! Na also! Aber dann kam am Sonntag morgen schon ein Blumenstrauß mit einer jammernden Begleitkarte, aufgegeben von einer befreundeten Seele in Koblenz, die offenbar die Tatsache schon als vollendet voraussetzte.2 Ich kombinierte, daß sie es von dem dortigen (wirklich abgesetzten!) Generalsuperintendenten3 haben müsse, und rief den an, und richtig: «Herr Professor, ich bin tief erschüttert — tief erschüttert!» (er pflegt solche gewichtigen Worte immer zu wiederholen). Ja, er habe es von einer Person, die er für absolut autoritativ halten müsse, welche Person (wahrscheinlich der Räuberbischof Oberheid) es direkt von Berlin telephoniert erhalten habe. Du kannst dir denken, daß hierseits die Spannung um einige Grade stieg. Also nicht nach Amerika gekabelt und nun doch wahr? Am Abend Telephon4 von Bult|576mann: Herr Barth, ist es wahr …? Es steht nämlich schon in der «Times»5! Ich telephoniere nun meinerseits an den in ministeriellen Dingen immer besonders gut informierten Deißmann in Berlin: Ja, ruft der, er habe es auch gehört, aber nicht sicher, er werde nachfragen. Am anderen Morgen wird von einem Studenten eilig die Times herbeigebracht. In der Tat, da steht es: «Professor Karl Barth retired». Telephon aus Elberfeld; Hesse, der neue Moderator des reformierten Bundes, fragt an und kommt nach zwei Stunden wieder mit der Mitteilung, daß er inzwischen durch weitere Telephonate erreicht habe, daß irgendwelche Dritte das Reichsinnenministerium und das Auswärtige Amt (!) bestürmten; er sei bester Hoffnung.6 Na also, weiter, denken wir hier. Gestern Abend dann ein Telegramm von Deißmann: «Erfahre soeben authentisch vom Referenten, es ist unrichtig, daß Minister Ihre Entlassung verfügt haben soll.»7 Dann Telephon vom Berliner Korrespondenten der dänischen Zeitung Berlinske Tidende (oder so ähnlich)8: Ob es |577 wahr sei …? Nein, nein, es sei notorisch nicht wahr! Also die Times-Meldung dementieren? Ja schleunigst! Zwei Minuten später Telephon von Jacobi: Ob es wahr sei …? Nein, es ist nicht wahr! Und nun erfuhr ich, wie die ganze Sache in Gang gekommen ist: der Reibi selber sei am Samstag oder Freitag triumphierend in die Versammlung der sämtlichen Bischöfe und sonstigen «Kirchenführer» getreten und habe ihnen gesagt, meine Absetzung sei soeben beschlossen worden.9
Nach all dem scheint es wahrscheinlich, daß irgendetwas am Freitag oder Samstag in Berlin passiert sein muß, aber vielleicht doch nur in den Köpfen der verängstigten Leute in der Kirchenregierung, die ja eben den letzten oder vorletzten Kampf um ihr nachgerade verwirktes Dasein kämpfen. Der Reibi dachte gewiß eine besonders eindrucksvolle Kanone abzuschießen, als er den ihm opponierenden Bischöfen diese Geschichte von meinem Sturz erzählte, und diskret, wie die sind, haben sie sie offenbar umgehend so energisch verbreitet, daß alsbald alle auswärtigen Zeitungsleute und das halbe Deutschland davon zu hören bekamen. Ob der Reibi einfach gelogen hat (wie er es manchmal tun soll, wenn er gerade wieder eine Herzschwäche oder Zahnweh hat oder an die Beerdigung einer Tante fahren muß — das alles ist schon vorgekommen) oder ob die Sache doch noch irgend eine Substanz hat, vielleicht im Zusammenhang mit der Grußgeschichte, ist im Augenblick nicht zu klären und wird es vielleicht auch nie werden. Wie dem auch sei, wir haben uns nun, nachdem begreiflicherweise die Gedanken schon nach allen Seiten spazieren gegangen waren, wieder zurechtgesetzt in der Absicht, den hiesigen Bereich wenigstens bis zur nächsten Störung wie bisher zu halten, so gut es gehen will. Aber es ist wirklich eine eschatologisierte Existenz, die man hier lebt. Dazwischen läuft und lief ja in diesen Tagen auch noch allerlei Anderes, nicht zuletzt die Dogmatik
📖, wo nun der Zusammenhang «Weissagung-Erfüllung»10 seiner Vollendung ent|578gegengeht, und gestern eine Presbyteriums-11 und daran anschließend eine Gemeindeverordnetensitzung12, in welch letzterer ich es für richtig hielt, im Blick auf eine vorgestern in Köln von dem großen Dr. Ley gehaltene, offen heidnische Rede13 einen kleinen Frontalangriff auf die D. C. zu machen.14 Es gab eine stundenlange Aussprache, in der auch |579 wieder das Elend von Oeris ecclesia protestans, d. h. der Leute von «Evangelium und Kirche»15, an den Tag kam, die immer und immer wieder den Fehler machen, sich durch ihre beflissenen Loyalitätserklärungen gegenüber dem dritten Reich im Voraus den Atem zu nehmen, den sie für das, was sie dann nachträglich auch bekennen möchten, nötig hätten. Ich hatte auch menschlich viel die bessere16 Partie den D. C. gegenüber. Die Anderen scheinen manchmal kein höheres Interesse zu haben als dies, die bisherige Kirche, d. h. sich selber, gegen gewisse grobe Beschuldigungen der «Reaktion» etc. in Schutz zu nehmen. Leider ganz besonders die Pfarrer, von denen ich immer wieder den Eindruck habe, daß sie noch gar nicht kapiert haben, was los ist, weder im Staat noch in der Kirche. — Ach Eduard, ich habe in diesen Tagen oft gedacht, ob es nicht auch sein Schönes hätte, den ganzen Schlamassel durch den bewußten Hinauswurf los zu werden und irgendwo ein bißchen der Ruhe zu pflegen. Aber noch scheint es im Himmel anders geplant zu sein, und so will und werde ich denn den Karren weiter zu ziehen suchen — gewiß nicht gerade als Praeceptor Germaniae secundus, wie ich nun den gewiß staunenden Lesern der B. N. wieder vorgestellt worden bin17, aber immerhin als ein in die deutschen Dinge nun doch nachgerade sehr heftig Verwickelter, der nun wohl helfen muß, die Partie weiter und irgend einem Ende entgegen zu spielen.
Laß auch bald wieder einmal von dir hören. Ich schicke einen Durchschlag dieses Briefes an Rudis direkt. Aber vielleicht teilst du sei|580nen Inhalt Karl Sartorius mit, schon damit die B. N. doch ja nicht etwa auf die Times-Meldung hereinfallen.18 Wenn etwas Ernsthaftes geschehen sollte, so würde ich es dir gleich telephonisch mitteilen. Solange die Meldung nicht von mir selbst kommt, sollen die B. N. doch ja keinem von den vielen immer wieder über mich in Gang gesetzten Gerüchten Glauben schenken.
Grüße Marguerite und deine Kinder!
Es grüßt dich herzlichst
Lollo grüßt mit! Es waren besonders ihre Nerven, die viel auszuhalten hatten, während ich immer wieder eine Pfeife ansteckte bis zum nächsten Telephon! Sie sagte eben (in Blick auf diesen Brief!): es sei lustiger zu lesen als zu leben!