16. Januar 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich muß meinem letzten Brief einen weiteren kleinen «Tatsachenbericht» folgen lassen. Wir haben eben einige etwas nervenanspannende Tage hinter uns — wir hoffen nun wirklich hinter uns —, in denen ich, wie es scheint, haarscharf um die Absetzung herumgekommen bin. Der Rummel begann am Samstag nachts, wo ich von dem Berliner Korrespondenten der New York-Times angerufen wurde: ob es wahr sei …? Nein, ich wisse gar nichts! Na also! Aber dann kam am Sonntag morgen schon ein Blumenstrauß mit einer jammernden Begleitkarte, aufgegeben von einer befreundeten Seele in Koblenz, die offenbar die Tatsache schon als vollendet voraussetzte.2 Ich kombinierte, daß sie es von dem dortigen (wirklich abgesetzten!) Generalsuperintendenten3 haben müsse, und rief den an, und richtig: «Herr Professor, ich bin tief erschüttert — tief erschüttert!» (er pflegt solche gewichtigen Worte immer zu wiederholen). Ja, er habe es von einer Person, die er für absolut autoritativ halten müsse, welche Person (wahrscheinlich der Räuberbischof Oberheid) es direkt von Berlin telephoniert erhalten habe. Du kannst dir denken, daß hierseits die Spannung um einige Grade stieg. Also nicht nach Amerika gekabelt und nun doch wahr? Am Abend Telephon4 von Bult|576mann: Herr Barth, ist es wahr …? Es steht nämlich schon in der «Times»5! Ich telephoniere nun meinerseits an den in ministeriellen Dingen immer besonders gut informierten Deißmann in Berlin: Ja, ruft der, er habe es auch gehört, aber nicht sicher, er werde nachfragen. Am anderen Morgen wird von einem Studenten eilig die Times herbeigebracht. In der Tat, da steht es: «Professor Karl Barth retired». Telephon aus Elberfeld; Hesse, der neue Moderator des reformierten Bundes, fragt an und kommt nach zwei Stunden wieder mit der Mitteilung, daß er inzwischen durch weitere Telephonate erreicht habe, daß irgendwelche Dritte das Reichsinnenministerium und das Auswärtige Amt (!) bestürmten; er sei bester Hoffnung.6 Na also, weiter, denken wir hier. Gestern Abend dann ein Telegramm von Deißmann: «Erfahre soeben authentisch vom Referenten, es ist unrichtig, daß Minister Ihre Entlassung verfügt haben soll.»7 Dann Telephon vom Berliner Korrespondenten der dänischen Zeitung Berlinske Tidende (oder so ähnlich)8: Ob es |577 wahr sei …? Nein, nein, es sei notorisch nicht wahr! Also die Times-Meldung dementieren? Ja schleunigst! Zwei Minuten später Telephon von Jacobi: Ob es wahr sei …? Nein, es ist nicht wahr! Und nun erfuhr ich, wie die ganze Sache in Gang gekommen ist: der Reibi selber sei am Samstag oder Freitag triumphierend in die Versammlung der sämtlichen Bischöfe und sonstigen «Kirchenführer» getreten und habe ihnen gesagt, meine Absetzung sei soeben beschlossen worden.9

Nach all dem scheint es wahrscheinlich, daß irgendetwas am Freitag oder Samstag in Berlin passiert sein muß, aber vielleicht doch nur in den Köpfen der verängstigten Leute in der Kirchenregierung, die ja eben den letzten oder vorletzten Kampf um ihr nachgerade verwirktes Dasein kämpfen. Der Reibi dachte gewiß eine besonders eindrucksvolle Kanone abzuschießen, als er den ihm opponierenden Bischöfen diese Geschichte von meinem Sturz erzählte, und diskret, wie die sind, haben sie sie offenbar umgehend so energisch verbreitet, daß alsbald alle auswärtigen Zeitungsleute und das halbe Deutschland davon zu hören bekamen. Ob der Reibi einfach gelogen hat (wie er es manchmal tun soll, wenn er gerade wieder eine Herzschwäche oder Zahnweh hat oder an die Beerdigung einer Tante fahren muß — das alles ist schon vorgekommen) oder ob die Sache doch noch irgend eine Substanz hat, vielleicht im Zusammenhang mit der Grußgeschichte, ist im Augenblick nicht zu klären und wird es vielleicht auch nie werden. Wie dem auch sei, wir haben uns nun, nachdem begreiflicherweise die Gedanken schon nach allen Seiten spazieren gegangen waren, wieder zurechtgesetzt in der Absicht, den hiesigen Bereich wenigstens bis zur nächsten Störung wie bisher zu halten, so gut es gehen will. Aber es ist wirklich eine eschatologisierte Existenz, die man hier lebt. Dazwischen läuft und lief ja in diesen Tagen auch noch allerlei Anderes, nicht zuletzt die Dogmatik 📖, wo nun der Zusammenhang «Weissagung-Erfüllung»10 seiner Vollendung ent|578gegengeht, und gestern eine Presbyteriums-11 und daran anschließend eine Gemeindeverordnetensitzung12, in welch letzterer ich es für richtig hielt, im Blick auf eine vorgestern in Köln von dem großen Dr. Ley gehaltene, offen heidnische Rede13 einen kleinen Frontalangriff auf die D. C. zu machen.14 Es gab eine stundenlange Aussprache, in der auch |579 wieder das Elend von Oeris ecclesia protestans, d. h. der Leute von «Evangelium und Kirche»15, an den Tag kam, die immer und immer wieder den Fehler machen, sich durch ihre beflissenen Loyalitätserklärungen gegenüber dem dritten Reich im Voraus den Atem zu nehmen, den sie für das, was sie dann nachträglich auch bekennen möchten, nötig hätten. Ich hatte auch menschlich viel die bessere16 Partie den D. C. gegenüber. Die Anderen scheinen manchmal kein höheres Interesse zu haben als dies, die bisherige Kirche, d. h. sich selber, gegen gewisse grobe Beschuldigungen der «Reaktion» etc. in Schutz zu nehmen. Leider ganz besonders die Pfarrer, von denen ich immer wieder den Eindruck habe, daß sie noch gar nicht kapiert haben, was los ist, weder im Staat noch in der Kirche. — Ach Eduard, ich habe in diesen Tagen oft gedacht, ob es nicht auch sein Schönes hätte, den ganzen Schlamassel durch den bewußten Hinauswurf los zu werden und irgendwo ein bißchen der Ruhe zu pflegen. Aber noch scheint es im Himmel anders geplant zu sein, und so will und werde ich denn den Karren weiter zu ziehen suchen — gewiß nicht gerade als Praeceptor Germaniae secundus, wie ich nun den gewiß staunenden Lesern der B. N. wieder vorgestellt worden bin17, aber immerhin als ein in die deutschen Dinge nun doch nachgerade sehr heftig Verwickelter, der nun wohl helfen muß, die Partie weiter und irgend einem Ende entgegen zu spielen.

Laß auch bald wieder einmal von dir hören. Ich schicke einen Durchschlag dieses Briefes an Rudis direkt. Aber vielleicht teilst du sei|580nen Inhalt Karl Sartorius mit, schon damit die B. N. doch ja nicht etwa auf die Times-Meldung hereinfallen.18 Wenn etwas Ernsthaftes geschehen sollte, so würde ich es dir gleich telephonisch mitteilen. Solange die Meldung nicht von mir selbst kommt, sollen die B. N. doch ja keinem von den vielen immer wieder über mich in Gang gesetzten Gerüchten Glauben schenken.

Grüße Marguerite und deine Kinder!

Es grüßt dich herzlichst
Dein
Karl

Lollo grüßt mit! Es waren besonders ihre Nerven, die viel auszuhalten hatten, während ich immer wieder eine Pfeife ansteckte bis zum nächsten Telephon! Sie sagte eben (in Blick auf diesen Brief!): es sei lustiger zu lesen als zu leben!

Sachfußnoten

1
Original irrtümlich: 1933.↩
2
Briefkarte von Dora Peters (1881–1978), Lehrerin an der staatlichen Hildaschule in Koblenz und für zwei Semester Gasthörerin in Bonn, vom 13.1.1934.↩
3
Mit der Errichtung des evangelischen Bistums Köln-Aachen im Oktober 1933 verlor Stoltenhoff sein Amt als Generalsuperintendent. (Die Leitung einer der neugeschaffenen Probsteien in der Rheinprovinz lehnte er ab.) Am 20.12.1933 beauftragte ihn jedoch der Evangelische Oberkirchenrat mit der Weiterführung der Geschäfte für den wegen seiner Berliner Verpflichtungen beurlaubten Bischof Oberheid, entband ihn aber schon Ende Dezember wieder von seiner Leitungsfunktion, weil er nicht bereit war, die vertraglich beschlossene Eingliederung der evangelischen Jugendverbände in die Hitlerjugend zu vollziehen. Ab 1.1.1934 lag der Auftrag zur geistlichen Leitung wieder offiziell bei Oberheid, so daß Stoltenhoff sich vom 4.1. an weigerte, im Konsistorium zu arbeiten. Offiziell wurde Stoltenhoff, der sich abermals geweigert hatte, eine Probstei zu übernehmen, erst am 1.4. durch L. Müller in den Ruhestand versetzt; vgl. E. Stoltenhoff, Die gute Hand Gottes …, a.a.O. (S. 47, Anm. 4), S. 274f.283-286 📖; H. Faulenbach, Ein Weg durch die Kirche … a.a.O. (S. 291, Anm. 4), S. 98, Anm. 22, S. 110f. 📖; Meier I, S. 323. 📖 ↩
4
= Telephonanruf.↩
5
Die Notiz in der Times vom 13.1.1934 ist überschrieben: «German Church Conflict. Professor Karl Barth retired» (Zeitungsausschnitt im Karl Barth-Archiv).↩
6
Am 15.1.1934 schrieb Hesse an Barth: «Heute morgen war es mir eine große Entlastung, als Ministerialrat Conrad mir sagen konnte, daß er gestern abend von einer Stelle, die es wohl wissen müsse, eine beruhigende Erklärung über Sie erhalten hätte. Ich habe nun im Anschluß an die 3 Telefongespräche, die ich mit Geheimrat Seiler vom Auswärtigen Amt, mit Ministerialrat Conrad und mit Präsident Koopmann hatte, den Herren einen Durchschlag Ihres Schreibens an Minister Rust zugehen lassen. Herr Koopmann wollte sich an das Preußische Kultusministerium wenden, mein Vetter Seiler versprach, mit dem Referenten für evangelische Kirche im Auswärtigen Amt zu verhandeln. Übrigens habe ich den 3 Herren auch noch mitgeteilt, wie Sie es praktisch mit dem ‹deutschen Gruß‹ bei dem Herrn Rektor und beim Ausgang aus der Kirche gehalten hätten und daß die Verweigerung des deutschen Grußes im kirchlichen Raum nach Ihrer eigenen Aussage mit staatsfeindlichen Tendenzen nicht das Geringste zu tun hätte. Endlich verweise ich sie noch auf das Vorwort Ihres 5. Heftes 📖. In der guten Hoffnung, daß Sie, lieber Herr Professor, uns nun wirklich erhalten bleiben, grüße ich Sie auf das herzlichste.» Als Ergebnis seiner Erkundigungen im Auswärtigen Amt teilte Seiler Hesse kurz darauf mit: «In Eile möchte ich Dir auf Deine heutige tel. Anfrage mitteilen, daß an zuständiger Stelle über eine Entlassung des Prof. K. B. ‹nichts bekannt ist›.» Barth solle sich aber jeder Provokation enthalten (Brief Seilers an Hesse, zitiert in einem Brief Hesses an Barth vom 16.1.1934).↩
7
Im Karl Barth-Archiv.↩
8
Telegramm des Korrespondenten der «Berlingske Tidende», aufgenommen am 15.1.1934, 19.24 Uhr.↩
9
Wahrscheinlich auf der von Müller für Samstag, den 13.1.1934 nach Berlin einberufenen Versammlung, auf der der Reichsbischof die Kirchenführer zu einem «Burgfrieden» bewegen konnte. In H. Meisers Aufzeichnung von der Sitzung findet sich allerdings kein Hinweis auf eine entsprechende Äußerung Müllers; vgl. Meiser, Aufzeichnungen I, S. 205–210 📖; Scholder II, S. 49 📖. Das Gerücht von der bevorstehenden Entlassung Barths kursierte jedoch schon mindestens seit Anfang Januar 1934 in Berlin; vgl. unten S. 581f., Anm. 2 und 5, und oben S. 567.↩
10
Vgl. KD I/2, S. 77–133. 📖 ↩
11
Auf der Tagesordnung der Presbyteriumssitzung vom 15.1.1934, zu der kurzfristig am Vortag eingeladen worden war, stand einzig eine ablehnende Stellungnahme der Pfarrer der Bonner Synode zum «Maulkorb-Erlaß» vom 4.1.1934 (vgl. oben S. 572, Anm. 9), der sich anzuschließen die Presbyterien gebeten worden waren. Das der Stellungnahme mehrheitlich positiv gegenüberstehende Gremium verzichtete auf Antrag Pfennigsdorfs jedoch auf einen Beschluß, weil keine Einmütigkeit zu erreichen war; vgl. Hinz-Wessels, S. 254f.300f. 📖 ↩
12
Die größere Gemeindevertretung bestand aus dem siebzehnköpfigen Presbyterium und sechzig gewählten Gemeindeverordneten. Seit der Kirchenwahl vom 23.7.1933 war sie mehrheitlich deutsch-christlich besetzt (35 Sitze); die Liste «Für die Freiheit des Evangeliums» hatte 6 Sitze inne (Hinz-Wessels, S. 151f.250 📖).↩
13
Im Karl Barth-Archiv ist ein Zeitungsausschnitt aus dem Völkischen Beobachter (Nr. 14 aus dem Januar 1934) mit dem Artikel von P. Winkelnkemper, Religion und Blut. Betrachtungen zum Gau-Kongreß 📖 erhalten; dieser bot in einer Wiedergabe der Rede des Gauleiters und Führers der Deutschen Arbeitsfront Dr. Robert Ley (1890–1945) auch das Zitat: «Meine Parteigenossen! Unsre Weltanschauung, unser Kampf ist ein heiliger, ist ein religiöser Kampf und darum verlangen wir auch den Anspruch auf Totalität. Es gibt nur eine alleinseligmachende Idee und Weltanschauung und Religion: das ist der ewige Glaube an das Volk, an sein Blut, an seinen Boden und an seinen Schöpfer!» — In diesem Zeitungsausschnitt ist die ganze Textpassage am Rand angestrichen und daneben in Barths Handschrift notiert: «Wir stehen unbedingt auf dem Boden des Evgs».↩
14
Im Verlauf der Sitzung kam es, angestoßen durch Barths Äußerungen, zu einer heftigen Auseinandersetzung, über die das Protokoll der Gemeindeverordnetensitzung vom 15.1.1934 schweigt. Eine darauf folgende, von Pfr. Dr. Grasshoff gezeichnete schriftliche «Protesterklärung der ‹Deutschen Christen›» vom 18.1.1934 (Abschrift als Anlage 1 zum Protokoll der Presbyteriumssitzung vom 5.2.1934, Protokollbuch im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn) hält jedoch fest, Barths «Anfrage an die Deutschen Christen» und seine an sie gerichtete Aufforderung zur sofortigen Stellungnahme habe «durch das Eingreifen einiger Gemeindevertreter, welche Herrn D. Barth in seinen Absichten unterstützen wollten, zu einer längeren, erregten Aussprache geführt, deren Ausklang in jeder Hinsicht als unerfreulich bezeichnet werden kann». Die Angegriffenen verwahrten sich gegen Barths «Anfrage» und griffen ihn ihrerseits wegen seiner politischen Gesinnung an. Die Fortsetzung des Konfliktes ist dokumentiert in einer weiteren, gegen diesen Angriff auf Barth protestierenden schriftlichen Erklärung (Original, unterzeichnet «Im Auftrage» von Hölscher, Anlage 2 zum genannten Protokoll) und einer im Protokoll der Presbyteriumssitzung vom 5.2.1934 zitierten mündlichen Stellungnahme des Vorsitzenden, Pfr. Mummenhoff, in der dieser den persönlichen Angriff gegen Barth zurückwies, aber zugleich sein Bedauern darüber aussprach, daß er eine ebenso zu wertende frühere Äußerung Barths gegen andere Presbyter damals nicht in gleicher Weise zurückgewiesen habe. Vgl. Hinz-Wessels, S. 301f. 📖 ↩
15
Name der oppositionellen Liste bei der Kirchenwahl am 23.7.1933.↩
16
Durch die Voranstellung des (im mündlichen Ausdruck stark betont ausgesprochenen) Wortes «viel» wird in der schweizerischen Umgangssprache eine Aussage verstärkt.↩
17
Siehe den Artikel von R.B., Eine freie Synode …, a.a.O. (S. 570, Anm. 1) 📖: «Karl Barth, Bürger von Basel, als Sohn des Theologieprofessors Fritz Barth in Bern aufgewachsen, erst aargauischer Pfarrer und dann Professor in Göttingen, Münster, Bonn, der Führer der dialektischen Theologie, als Lehrer und Schriftsteller ein Mann von internationaler Bedeutung, wird in weiten Kreisen als zweiter praeceptor Germaniae anerkannt, namentlich um seines unerschrockenen und unerbittlichen Zeugendienstes gegen die Beunruhigung, ja Verwirrung [willen], die die Deutschen Christen angerichtet haben.» — «Praeceptor Germaniae» ist ein überlieferter Ehrentitel Ph. Melanchthons.↩
18
Der zweite Teil einer Meldung der Basler Nachrichten vom 17.1.1934 machte die hier von Barth erbetene Benachrichtigung K. Sartorius’ überflüssig: «Unbestätigte Gerüchte / Wie der Berliner Korrespondent der ‹Times› meldet, werden Gerüchte über eine angebliche Entlassung von Professor Karl Barth an der Universität Bonn in Abrede gestellt. Solche Gerüchte seien am vergangenen Freitag in den dem Reichsbischof nahestehenden Kreisen herumgeboten worden; aber Professor Barth habe selbst erklärt, daß er keine Mitteilung über eine solche Maßnahme erhalten hätte» (in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 16 📖). Vgl. auch unten S. 581, Anm. 2.↩