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8. Januar 1934
Dein Brief erreichte mich mitten im Gefecht in Barmen.1 Ich hielt es dann doch für richtiger, das bewußte Telegramm nicht an dich abgehen zu lassen, und daß nun weitere vier Tage verflossen sind, ohne daß sich etwas Bedrohliches ereignet hätte, scheint darauf hinzuweisen, daß es vielleicht wieder einmal besser ist, die Sache nach dem bekannten Siebeckschen Rezept: «Nur nix dran machen!» zu behandeln. Es weisen allerlei Zeichen darauf hin, daß das Befürchtete zunächst nicht eintreten wird. Vom «persönlichen Adjutanten» des Kultusministers kam ganz |571 normal und freundlich eine Empfangsbestätigung für die 4 letzten Hefte Theol. Existenz, die ich ihm geschickt hatte.2 Die Quelle in Elberfeld, aus der die Beunruhigung stammte, mit der man mich an jenem Samstag in Köln auf dem Bahnhof empfing, scheint wieder zum Schweigen gekommen. Und Scholz in Münster, bei dem ich gestern war, hielt es aus allgemeinen Erwägungen politisch-taktischer Natur für ganz unmöglich, daß man sich gerade im jetzigen Augenblick gerade das leisten werde. Schließlich kam es mir doch in den letzten Tagen angesichts der Massenversammlungen, vor denen ich überall redete, auch selbst so vor, daß es doch mindestens ein ziemlich außerordendiches Geschehnis wäre, wenn man mich von Berlin aus nur abschießen wollte. Nun ist man jetzt und hier gewiß auch von außerordentlichen Geschehnissen keinen Tag sicher — immerhin: die Wahrscheinlichkeit ist doch schon wieder größer, daß man über die Gruß-Affäre dasselbe Gras wird wachsen lassen wie seinerzeit über die Frage meiner Parteizugehörigkeit.3
Du bist durch Lollos Protokoll4 wenigstens über meine Tätigkeit an der «Freien Synode» am 4. Januar unterrichtet. Die Sache war nicht ohne Verheißung, eigentlich besser als alles Derartige, was ich bisher mitgemacht: etwa 320 Pfarrer und Älteste von 160 reformierten Gemeinden aus ganz Deutschland, die das von mir aufgestellte Symbolum schließlich ohne Abänderung annahmen. Ich schicke dir als Drucksache den authentischen Text, wie er noch vor der Synode in der Ref. K. Zeit. erschien.5 Daß es gelang, alle diese ziemlich verschiedenartigen Köpfe |572 (Kuyperianer6, Kohlbrüggianer, Pietisten, «Positive» aller Schattierungen usw.) unter einen Helm oder doch Hut des Glaubens zu bringen, war schon etwas. Am Abend hatte ich dann in der Kirche von Barmen-Gemarke vor Tausenden (mit Radio-Übertragung in einen Saal, wo nochmals 1200 zuhörten) den Vortrag über «Gottes Wille und unsere Wünsche»7 zu halten, und die Psalmen, die man dortzuland singt, klangen gut und gewaltig. Es geht schon so etwas wie ein allgemeiner Aufstand durch die deutsche Christenheit. Das war auch am folgenden Abend in Bochum so und am nächsten in Lübeck: an beiden Orten mußte schließlich die Polizei die Türen sperren. «Es rouchnet»8, würde Schädelin sagen, und es lohnt sich sicher, noch eine Weile hier in Deutschland dabei zu sein, obwohl sich natürlich immer noch Alles so oder so wenden kann. Mit den rigorosen Maßnahmen, die der Reibi jetzt androht, wird er schwerlich mehr durchkommen.9 Die Sache mit der evangelischen Jugend10 war sicher auch eine Dummheit, die sich rächen wird bzw. die der deutschen Christenheit zum größten Heil aus|573schlagen kann, weil es jetzt im kleinsten Städtchen, wie Georg zu sagen pflegte, «um die Wurst» geht und die Kompromisse auch ihren Liebhabern immer unmöglicher gemacht werden. Unter denen, die in dieser Zeit einfach gut geworden sind, befindet sich sicher unser alter Freund Ehrenberg11. Aber ich habe viele, viele Gestalten gesehen und gehört, die mir Vertrauen einflößten, weil man sie einfach auf dem Marsch sah, wie es bei den Kasernenhofzeiten der letzten zehn Jahre nicht der Fall war. Gestern morgen hatte ich in Hamburg 2 Stunden Aufenthalt, die ich dazu benützte, in Altona Hans Asmussen predigen zu hören.12 Ich hatte auch von ihm einen eindeutig guten Eindruck. Wie er da oben stand auf einer riesigen Barockkanzel mit posaunenblasenden Engeln, angetan mit einer fast ebenso mächtigen Halskrause13, und Röm. 12,1–2 auslegte, jedes Wort in strengster Haltung und Ausrichtung, das war einfach etwas, und ich war doppelt froh, meinen Reformierten zwei Tage zuvor so bestimmt gesagt zu haben, daß es heute zum reformierten Bekenntnis gehöre, den Lutheranern gegenüber auf keinen Fall «Belange» zu vertreten14. Auf der weiteren Heimfahrt machte ich dann noch — dort war inzwischen auch Lollo eingetroffen — Halt bei meinem Freund Scholz in Münster, auch er einer, der in diesen Zeiten sein protestantisches Herz wieder entdeckt zu haben erklärt. So bin ich dann mit Lollo gestern spät in der Nacht, erschöpft, aber auch erquickt, wieder an diesen meinen Ort zurückgekehrt. Ich könnte und müßte nun ungefähr nach allen Himmelsrichtungen zu weiteren Vorträgen auf die Fahrt gehen. Aber das wird sich neben dem, was hier zu geschehen hat, schwerlich machen lassen, sondern das nächste große Unternehmen wird dann Paris sein15.
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Ich muß schließen, weil ich in eine Sitzung des Presbyteriums16 gehen muß, gefaßt auf dicke Luft, die sicher auch dort herrschen wird. Denk, in Lübeck ist die Kirche äußerlich so vollständig in den Taschen des Staates, daß eine besondere kirchliche Behörde gar nicht mehr existiert und die Pfarrer, auch und gerade wenn sie im Talar über die Straße gehen, den bewußten Gruß machen müssen.17. Ein Anonymus aus Württemberg hatte mich vorher telegraphisch vor diesem Ort gewarnt18, aber Daniel ist auch dort von den Löwen nicht gefressen worden19.
Grüße alle Lieben und Getreuen, besonders Rudis! Es war so schön, sich zwischen den Jahren rasch zu sehen.
Herzlichst