3. Januar 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Gestern kam Lollos Mitteilung, als wir eben am Zusammenpacken waren, um für 3 Tage abzufahren — meiner Mutter geht es zum mindesten nicht böser, und wir wählten diesen nahen und alten Basler Ferienlustort, um eventuell schnell wieder drunten zu sein und doch ein wenig ausschlafen und lesen zu können. Du kannst dir denken, daß wir nun wirklich ein wenig Tag und Nacht zu Euch hinüberfragen. Ach Karl, ich weiß ja um Eure Einsamkeit und Müdigkeit draußen, ich weiß, es wäre von der einen Seite gesehen nicht nur Unglück, wenn …! Und doch, es wäre ein einziges großen Unheil! Es wäre ein Schlag für Tausende, für Kirche und Volk draußen! Es wäre eben ein Signal, das den Lauf aller Dinge anzeigte — wohin? Möchte, möchte es erspart bleiben! Daß du nicht zurückkrebsen kannst und sollst, das ist mir keinen Augenblick fraglich. Es hängt auch hier gar nicht an diesem Einzelnen, an dem die Krisis möglicherweise ausbricht. Es ist dies Einzelne Zeichen, aber so wie es nun errichtet ist, notwendiges Zeichen. Also wirst du es zeigen lassen müssen, und wenn es den Kopf kosten sollte. Aber wehe! was für eine Flut von Unruhe und Unsicherheit und Störung, Störung in wichtigster Arbeit brächte das alles mit sich! Ganz abgesehen nochmals vom unaufhebbaren Unheil für das Ganze! Soll es, soll es wirklich sein, daß Hirsch und Michel Müller und dergleichen Gewürm |569 das Maul endgültig allein aufreißen dürfen! wehe! wehe! Darum: tut doch, tut doch, was Ihr könnt, um an der entscheidenden Stelle einzuwirken. Ob nicht doch das schlechthin überlegene und gute Vorwort zu Heft 5 📖1 dringlichst zur Kenntnis des Ministers gebracht werden müßte, um zu zeigen, wo du wirklich stehst. Vielleicht will er ja im letzten Grunde dich doch halten, und vielleicht könnte er es auf Grund dieses «Mittenhindurchgehens» im Vorwort des letzten Heftes2 tun?! Es wäre auch abgesehen von Wichtigerem für den wirklichen Ruf des deutschen Volkes ein schwer ins Gewicht fallendes Plus, ein Hoffnungslicht weit herum im Ausland, in der Welt, wenn … Was meinst du — soll ich jetzt gleich etwa in den Basl. Nachr. oder in der N. Z. Z. ein Wort schreiben über dich — ganz ohne Berufung auf die «Grußgeschichte»3, einfach im allgemeinen: ein Hinweis auf deine Flugschriften mit einem abschließenden Satz: es sei doch ein Zeichen ersten Ranges, daß man dich in der Kirche in dieser freien Weise reden lasse?! Wenn du glaubst, das wäre gut so, dann laß es mich sofort wissen. Ich bin bis Freitag mittag hier: Kurhaus Langenbruck! Ein Telegramm: Ja! genügt, und ich schieße sofort los. Du verstehst mich sicher: ich möchte nichts verraten und verderben, aber auch nichts unterlassen, was helfen kann ohne Verrat. Es steht wahrhaftig mehr auf dem Spiel als nur Persönliches, so ernst und schwer auch dieses ist. Ruedis habe ich noch telefoniert. Die Predigt des Studenten geht mit gleicher Post an dich ab.

Wie gut war es, daß wir uns sehen konnten!4 Ich denke manchmal, |570 auch dein Herausmüssen würde nicht Stillstehen und Zu-Ende-Gehen bedeuten, sondern «das Wort» käme dann vielleicht eben erst recht zu denen, die in der Zerstreuung rings herum in der Welt draußen leben [vgl. 1.Petr. 1,1], zu den «Heiden» und denen, «die fern von den Testamenten» [vgl. Eph. 2,12] in Amerika oder England oder sonstwo leben. Aber immerhin … Oder du müßtest wieder irgendwo im Emmenthal in einem Winkel die «eisernen Tafeln» [vgl. 1.Makk. 8,22.30] für eine noch fernere Zeit erstellen. Aber leicht tut man so etwas nicht!

Ich gedenke deiner und deines ganzen Hauses! Lollo wird alles besonders schwer empfinden! Marguerite grüßt vielmal mit!

Seid herzlich gegrüßt und laßt uns sofort alles weitere Nötige wissen.

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 562, Anm. 6.↩
2
Wahrscheinlich bezieht Thurneysen sich auf den speziell an die ausländischen Leser gerichteten Teil des Vorwortes (a.a.O., S. 7–9 📖); darin wehrt Barth sich gegen das Mißverständnis, sein eigener und der Widerstand der kirchlichen Opposition seien politischer Natur, und würdigt die Tatsache, daß er bislang nicht behindert worden sei, als Zeichen der Anerkennung dieser unpolitischen Zielsetzung durch den Staat selbst. «Ich widerstehe einer heute beim Nationalsozialismus ihre Zuflucht suchenden Theologie, nicht der nationalsozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung» (S. 8). Würde Barth in seinem Bemühen darum, daß der «gegenüber Staat und Gesellschaft … übergeordnete, der überlegene Bereich» der Kirche wirklich «nüchtern und sachlich Kirche» sei (S. 8), «auch nur nebenbei politische Opposition meinen und machen, so würde ich unter umgekehrtem Vorzeichen genau das tun, was eben — den Deutschen Christen vorzuwerfen ist» (S. 9). Der von Thurneysen zitierte Begriff stammt vielleicht aus einem Gespräch mit Barth.↩
3
Siehe oben S. 537, Anm. 4, und S. 563, Anm. 8.↩
4
Vgl. oben S. 565, Anm. 1.↩