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22. Juli 1934
Nun bekommst du noch einen Brief von mir, obwohl ganz bald die schöne Möglichkeit in Aussicht steht, dich zu sehen und zu sprechen. Um dies gleich vorwegzunehmen: Wie hast du dir das Zusammensein mit uns gedacht? Meintest du, wir sollten eine Nacht in Basel bleiben, oder bedeutet das häuslich in Marguerites und wohl auch der Hilfen Abwesenheit eine Schwierigkeit? Wir würden es uns beide sehr wünschen, einen solchen stillen Abend mit dir allein irgendwie haben zu dürfen. Eine Weiterfahrt am selben Abend nach Zürich könnte eben nur die übliche kurze Bahnhofsbegrüßung bedeuten. Aber entscheide du das jetzt. Es handelt sich um den Abend des 1. August. Am Donnerstag, den 2., müßten wir dann weiter aufs Bergli eilen, wo sofort einige Verpflichtungen warten.
673 Wenn ich dir heute schreibe, so geschieht dies aus einer Not und auch einer gewissen Ratlosigkeit heraus. Eduard, ich weiß nicht, wie es mit N. weitergehen soll. Du wirst sie ja nun bald auch sehen und wirst ja sogar in Adelboden durch einige Zeit hindurch mehr oder weniger auch mir ihr leben. Und das ist der Anlaß dieses Briefes. Denn wenn ich mir von einem Menschen noch erwarte, daß er zu ihr reden kann, dann bist du es. Und weil ich dir vertraue, daß du die Dinge richtig siehst, und weil ich bei dir nicht Angst haben muß, mißverstanden zu werden, so komme ich jetzt einfach einmal an mit dem ganzen Sack von ausweglos scheinender Bedrängnis, obwohl, ach obwohl ich weiß, lieber Eduard, wieviele Menschen so zu dir kommen und wie du es gewiß manchmal nötig hast, getröstet zu werden, statt immer nur trösten zu sollen.
Du wirst erstaunt und erschreckt sein, daß ich jetzt nach 8 Jahren wirklich sehr mühsamen Bemühens fast nichts Anderes sagen kann als ein mutloses: Es geht nicht mehr. Versteh mich recht: ich meine keine äußere Änderung. Ich weiß keine. K. kann ich und werde ich nicht allein lassen. Und N. dürfen wir nicht, das hat ja das vorige Frühjahr gezeigt. Es steht also fest, daß ich nicht ausbrechen will, schon darum nicht, weil mir die Not viel größer scheint als jeder solche äußere Hilfsversuch. — Aber was mich aufs tiefste beunruhigt, das ist die Tatsache, daß ich deutlicher und immer deutlicher sehe, daß N. zugrunde geht auf diesem Weg. Sie kann es nicht leben, und zwar darum nicht, weil sie es nicht leben will. Jahrelang, ich möchte fast sagen 7 Jahre lang, hat sie sich zu helfen versucht mit einem immer wieder auflebenden Optimismus. Dann kam als letzter Ausweg ihr Vorschlag zur Scheidung, dann der Rückzug, und nun, seit sie vielleicht zum erstenmal anfängt zu sehen, daß da eine Situation vorliegt, die nicht rückgängig zu machen ist, sondern die getragen sein will, nun antwortet sie mit einem völligen Sichfallenlassen. In ihrer Sprache lautet dieses so: «Ich unternehme ja nichts mehr dagegen, aber ich bin eben der geopferte Teil und gehe zugrunde daran. Ihr habt es so gewollt, und so kommt es jetzt.» Dazwischen dann natürlich auch immer wieder Versuche, den Protest bald an diesem, bald an jenem Punkt konkret doch wieder aufleben zu lassen, sicher im Einzelnen auch mitunter zu Recht. Aber die Schwierigkeit ist doch die Grundhaltung und -einstellung, die noch einmal wirklich zu erschüttern mir fast menschenunmöglich scheint. Was soll da |674 geschehen? Meine Freundin Emmy Lentrodt, die jetzt 14 Tage mit uns lebt und der gegenüber Nelly sich sehr eingehend ausgesprochen hat — sie hat ihr sofort das Du angeboten und hat Vertrauen zu ihr — und die die Lage sehr verantwortlich sieht und gerade auch für N. sehen möchte, sagte mir: «Da müßte ein Arzt eingreifen.» Als erfahrene Hausfrau — sie versieht da seit 15 Jahren einen sehr schwierigen Posten1 — ist sie vor allem erschüttert über Nellys völliges Versagen in ihrem Bereich, gerade in dem Bereich, der noch der ihre sein könnte und müßte. Siehst du, Eduard, wenn überhaupt noch etwas zu helfen ist, müßte N. da geholfen werden. Sie darf nicht so loslassen und darf nicht, weil es nun an einem Punkt, und wenn es auch ein sehr zentraler Punkt ist, ihr genommen ist, alles ihr Verbliebene so entwerten, wie sie es tut. Aber was heißt da: sie darf nicht. Sie kann es tatsächlich nicht sehen, und ja, ich glaube, sie will es eben auch nicht. Sie kommt mir vor wie ein Kind, das, wenn ihm ein Spielzeug genommen ist, nun auch alles Andere beiseite schiebt. Und sie wendet dann auch das gegen mich mit der Anklage: auch in ihrem Bereich erdrücke ich sie und nehme ihr den Lebensraum. Damit hat sie insofern recht, als einfach das Faktum besteht, daß ihr Versagen es mehr nötig macht, als ich wollte, daß ich mich um dies und jenes kümmern muß, um was sich zu kümmern eigentlich ihr zusteht. Wenn ich mich kümmere, so geschieht es für Karl. Siehst du, sein Leben ist jetzt unter einer so unerhörten Anspannung zu leben, daß das Technische einfach keine Schwierigkeiten machen darf. Welche Schwierigkeiten gerade das aber auf Schritt und Tritt bei N. macht, das wißt ihr ja ein wenig. Aber wie ich es auch motiviere, die Tatsache bleibt, ich erdrücke sie, und — sie will erdrückt sein. Gelt, du vertraust mir so weit, daß ich mich damit meiner Schuld nicht entziehen will. Aber du verstehst auch die Ausweglosigkeit der Lage. Es ist nicht damit getan, daß |675 man kleine Verbesserungsvorschläge anbringt. Da haben wir ja Manches experimentiert in diesen 8 Jahren. Und helfen kann uns nur der Mensch, der so weit mit hineingeht, daß er die Ausweglosigkeit sieht: Da ist Nelly, die dieses Leben nicht leben kann und nicht leben will, und da sind wir, die wir ihr das trotzdem zumuten und gar nicht aufhören können, es ihr zuzumuten. Und das, was vielleicht das Schwerste ist, ist das: daß K. auf der ganzen Linie keine Wirklichkeit mehr zu ihr ruft, daß sie wirklich in ihrem ganzen Sosein nur Aufgabe, mühsame Aufgabe, für ihn ist. Es könnte doch sein, ein Bereich existierte, der ihr zusteht, den sie erfüllte und nun so erfüllte, daß sie damit in Karls Leben noch einen notwendigen Raum hätte. Daß sie aber nur als die harte und immer wieder anzuerkennende Störung existiert in unser beider Leben, das ist so furchtbar. Aber, Eduard, es ist so. Es hilft ja nichts, [sich] da nun etwas vorzumachen. Und daß das so ist, dafür kann sie ja nun wiederum nichts, sondern da ist sie ja nur eben einfach ein armer Mensch. Und die Erklärung dafür, daß es so ist mit K., die scheint mir ja darin zu liegen, daß sie völlig verhindert ist, überhaupt das Du zu sehen, was sie ja auch wiederum mit dem Willen nicht schaffen kann. Ach, gelt, Eduard, du verzeihst es mir, daß ich dir da einfach so ein wenig laut vordenke und dich mit all dem belaste. Aber du mußt es wissen. — Mich überfällt einfach manchmal riesengroß die Angst über das, was da geschieht. Und über das eigene Unvermögen, es anders und besser zu machen. Ich habe gar nicht die Sprache, zu ihr zu reden, und K. auch nicht. — Verstehst du, sie ist ja so gar kein böser Mensch, und vordergründlich will sie ja auch immer wieder mit uns gehen. Aber sie kann es nicht oder doch nur so, daß es kein Miteinandergehen mehr ist, sondern ein ganz mühsames und fast nicht zu ertragendes Sie-Schleppen. — Und was mir von allem das Bekümmerndste scheint: sie ist auch geistlich allein gelassen, die Bindung an K., die in diesem Fall wohl stark als Bindung an K.B. zu sehen ist, verbaut ihr da einfach den Weg. Sie versteht ihn nicht und darbt, wird das aber nie zugeben. Und jeder Versuch in der Richtung, ihr da zur Freiheit zu helfen, wird von ihr nur dahin verstanden, daß man ihr auch diesen Bereich rauben wolle. — Was ist da zu tun?
Ich kann mir immer und immer wieder nur so helfen, daß ich mir sage: «Sie ist ein armer und kranker Mensch, der viel Geduld braucht», und daß ich nach Möglichkeit versuche, jegliches Rechthabenwollen |676 ihr gegenüber preiszugeben. Aber gerade die Tatsache, daß sie so aufgehört hat, Partner zu sein, läßt den Blick auf den weiteren Weg so trübe werden. Und die Liebe, die sie in ihrem Dransein braucht, kann ich, können wir, ihr ja doch nicht geben. Dieser Aufgabe gegenüber versage ich immer wieder und wagte nicht zu sagen, daß das je anders sein wird. Es ist ja eben gerade so, daß alles Weitergehen meinerseits, was ich wiederum einfach als Befehl zu hören glaube, auch wenn das «Loch» in unserem Leben nie aufhören wird, da zu sein, in ihren Augen nur Härte bedeutet. Die Tatsache, daß K. und ich jetzt so stark von anderen Problemen beansprucht sind und es uns einfach nicht mehr leisten zu dürfen glauben, so viel Kraft an das Persönliche zu wenden, scheint für sie fast schwerer erträglich als der Zustand jener Jahre, in denen ich meinerseits ja auch krankte an dem, was uns verwehrt war.
Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Wenn ich durchlese, was ich dir heute Morgen schrieb, so weiß ich gar nicht, ob ich dir zumuten kann, diesen Brief zu empfangen. Es ist für dich ja so schwierig, diese Lage einzusehen. Aber es ist meine Hoffnung — vielleicht menschlich gesehen noch die einzige —, daß du es vermagst, so mit N. zu sprechen, daß sie den Zuruf noch hört. Laß dich nicht täuschen, wenn sie aus einem augenblicklich besseren Dransein vielleicht Alles für nicht so schlimm hält. Das könnte sein, obwohl ich eher glaube, daß sie im Moment einem der schon manchmal dagewesenen Zusammenbrüche entgegengeht. (Seit der Operation im Herbst2 habe ich übrigens den Eindruck, daß auch physisch etwas nicht ganz stimmt bei ihr.) Die Lage ist so schlimm, wie ich sie dir in diesem Brief anzudeuten versuche. Daß ich das nicht schreibe, um zu klagen, wirst du ja merken. Es geht mir um Nelly, der gegenüber ich ja so dran bin, daß schon meine Existenz eine schwere Belastung für sie bedeutet, geschweige denn mein Sosein, an dem sie nur nichtverstehend leiden kann. Daß dieses Sosein fragwürdig ist, Eduard, das weiß ich und lasse es mir auch von dir sagen und bitte dich, es mir zu sagen. Ich kann nicht so zu ihr sprechen und nicht so zu ihr sein, daß es ihr hilft. K. scheinbar auch nicht. Vielleicht du. — Wir leben hier so merkwürdig nah dem Tod jetzt. Es könnte sein, daß es das ist, was einerseits alle persönliche Problematik so befreiend |677 relativiert und was andererseits auch alle Unversöhntheit so viel bedrängender macht.
Es grüßt dich sehr herzlich und sehr vertrauend
K. läßt dich grüßen. Er ist häufig semestermüde.