20. Juli 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich denke, daß du inzwischen aufs Festland und in die gute Stadt Basel zurückgekehrt bist, gewiß bis zum Rande gefüllt mit merkwürdigen Eindrücken, und ich hoffe nur, daß ein eingehender Reisebericht aus deiner oder aus deiner Tochter Dorothee Feder uns Zuhausegebliebene bald über Alles, was ihr getan und erlebt habt, unterrichten wird.1

Diesmal muß ich dir in folgender Sache schreiben: Eben war der junge Stickelberger bei mir, um mir einen Brief seines Vaters2 vorzutragen, in welchem ihm dieser in einem ziemlich mudrigen3 Ton in Aussicht stellt, er müsse im Winter in Amsterdam studieren bei den Kuyperschen, um 1. eine reformierte Kirche und Theologie des fremdsprachigen Auslands und 2. eine ganz andere Theologie als die meinige kennen zu lernen und 3. sich einen tüchtigen «Schulsack» anzuschaffen. Der Sohn, der lieber im Winter wieder hieher käme, ist darüber betrübt und bittet mich um meine Intervention, und zwar auf dem Weg über dich: du möchtest doch zu seinem Vater gehen und ihm begreiflich machen, daß das nicht gehe und daß jene Motive auf unrichtigen Voraussetzungen beruhen. Man könnte ihm nun in der Tat sagen:

  1. 668 Daß er sich ziemlich sicher von dem Lehrreichtum der holländischen (auch von der französischen ist übrigens die Rede) Theologie falsche, nämlich wahrscheinlich an Hand seiner Vorstellungen vom 16. und 17. Jahrhundert romantische Bilder gemacht hat, unter denen der Junge jetzt nicht sollte leiden müssen. Denn nach meiner Kunde geht es in Holland sowohl wie in Frankreich im akademischen Betrieb ziemlich pennälerhaft zu, und speziell die Kuyperei dürfte kaum etwas sein, was sich gerade jetzt organisch in den Bildungsgang des jungen St. einfügt.
  2. Die gewünschte Unabhängigkeit von mir verschafft er ihm sicher nicht damit, daß er ihn jetzt plötzlich, wo er nun einmal im Begriff steht, diesen Becher zu leeren, unterbricht und wegnimmt. Man müßte ihm warnend sagen, daß studentische Entwicklungen nun einmal ihren Lauf nehmen müssen. Ich bin seinerzeit durch ein mir aufgezwungenes Semester in Tübingen für längste Jahre gegen alle «positive» Theologie taub geworden.4 Will er ihn gegen die Kuyperei verstocken, dann soll er ihn jetzt nur unter diesen Umständen dorthin schicken. Und andererseits wäre zu sagen, daß fatale Abhängigkeiten von akademischen Lehrern sich später im Amt umso sicherer zu korrigieren pflegen, wenn man die Leute ihre nun einmal gewählten Becher ruhig austrinken läßt. — Wahrscheinlich macht sich übrigens der alte St. auch ganz falsche Vorstellungen davon, wie es zwischen mir und meinen Studenten zugeht, auch von meiner «Einseitigkeit», wie es in dem Briefe hieß usw.
  3. Er täuscht sich auch sicher, wenn er meint, daß hier nicht gearbeitet werde, so daß der «Schulsack» durchaus in Holland gefüllt werden müsse. Darüber wirst du ihn ja leicht belehren können, daß er uns da wirklich Unrecht tut.

Kannst und willst du etwas tun, um diese Sache in Ordnung zu bringen, so wäre das gut. Ich möchte das Gesuch des jungen St. jedenfalls hiemit empfehlend weitergegeben haben.

In den letzten Tagen bin ich mit eingehendem Aufenthalt an der Schrift von Emil Brunner vorbeigekommen in meiner Vorlesung.5 Ich |669 hatte sie bis jetzt nur oberflächlich gelesen, nun aber von Seite zu Seite «geprüft», wie Peter zu sagen pflegt, und bin zu dem eigentlich erschütternden Ergebnis gekommen, daß nichts, aber auch gar nichts ist an diesem Büchlein. Es ist im Ganzen und im Einzelnen erstaunlich salopp aufgezogen. Es bedeutet nicht einen Fortschritt, sondern einen Rückschritt nur schon an Klarheit gegenüber Emils früheren Äußerungen zu dieser Sache. Der systematische Teil — besonders die Geschichte mit der formalen und materialen imago6 — erinnert aufs schlimmste an die Geschichte von dem Swinegel und sine Fru7 und offenbart nur dies, daß Emil nun schnurstracks auf dem Weg zu einer theologia naturalis vulgaris ist, nachdem alle früheren Hemmungen auch noch weggefallen scheinen. Und endlich ist der Calvinabschnitt8 eine einzige Katastrophe, wie ich nicht nur aus eigenen Stichproben weiß, sondern 1. Peter9 |670 in Madiswil, 2. Peter Brunner10 in Gießen, 3. der jüngere Diem11 in Tübingen haben unabhängig voneinander die Sämtlichen von Emil angeführten 126 Stellen kollationiert und gefunden, daß Calvin einfach auf der ganzen Linie etwas ganz Anderes sagt, als was er nach Emils Text sagen müßte. Peter wird nun ein besonderes Heft über Calvin12 als Parallele zu dem von Wolf über Luther13 schreiben, in dem das alles an den Tag kommen wird. Aber auch Pet. Brunner wird seine Ergebnisse veröffentlichen14, und dann komme erst noch ich mit meiner, wie es |671 scheint, von vielen Seiten immer dringlicher erwarteten Antwort, die auch nicht anders als blutig wird rasieren können. Kurz, der gute Emil ahnt gar nicht, wie viel besser er gerade diesmal getan hätte zu schweigen und was für ein Gewitter sich nun eben über seinem Haupte zusammenzieht. Die ganzen und halben D. C. hier in Deutschland (Tübingen, Erlangen!!) jubeln überall geradezu, wie gut er es mir gegeben habe15, das Berliner Protestantenblatt gleichfalls16, alle natürlich ohne zu wissen, was da nur schon hinsichtlich Calvins für ein wissenschaftliches Loch vorhanden ist. Emil hätte sich das einfach nicht leisten dürfen. Die «Führung»17, deren er doch teilhaftig zu sein meint, scheint glatt versagt zu haben.

Über alles Andere nun bald mündlich. Nelly fährt mit den zwei Jüngsten am kommenden Freitag.18 Lollo und ich folgen dann am Mittwoch den 1. August. — Wolf und Lollo sind nun in ihrem Reitkurs eben so weit, daß sie sich morgen dem schweizerischen Reiterzug an|672schließen können, der alle Samstage, oft unter Absingung vaterländischer Gesänge, durch die umliegenden Wälder reitet. Die starke Gruppe von Schweizern, die jetzt hier ist, erinnert mich durch die Unentwegtheit ihres Auftretens sehr an unser eigenes damals in Marburg.19 Aber sie scheinen mir auch alle fleißig und in gutem Zug zu sein. Ganz unheimlich kommt aber mit der kleine heidnische Japaner, der jeden Morgen unmittelbar vor mir sitzt, Alles in sich hineingehen läßt und am offenen Abend20 durch gescheite Fragen verrät, wie sehr seine asiatische Seele kapiert, was los ist (z. B. auch, daß es mit dem Anknüpfungspunkt nichts ist! — er ist das lebendige Gegenbeispiel).

Ich schicke dir hier ein Bild21 aus der Vorlesung, das der junge Stickelberger aufzunehmen sich erlaubt hat.

1000 Grüße! Es ist herrlich, daß die Ferien nahen, obwohl sie allerlei Vortragssorgen22 bringen werden.
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Am 9.7.1934 war Thurneysen — zusammen mit anderen — im Rahmen einer größeren Zeremonie in Marischal College, Aberdeen, die Ehrendoktorwürde verliehen worden (2 Eintrittskarten zur Feier, gedruckte Liste der Promovenden und Einladung zum «Luncheon» nach der Feier im Nachlaß Thurneysen 📖). Begleitet wurde er nicht von seiner Tochter, sondern von seiner Frau. Ein Reisebericht ist nicht erhalten.↩
2
Emanuel Stickelberger (1884–1962), gelernter Kaufmann, Schriftsteller (Romane über Renaissance und Reformationszeit, darunter am bekanntesten: Calvin. Die verborgene Hand Gottes [Gesammelte Werke, Bd. III], Frauenfeld 1951). 📖 ↩
3
= mißmutigen.↩
4
Zu Barths Eindrücken von dem WS 1907/08, das er auf Geheiß seines Vaters in Tübingen zubrachte, vgl. V.u.kl.A. 1905-1909, S. 244f. 📖; Busch, S. 54f. 📖 ↩
5
Die von Barth in seiner Dogmatikvorlesung vorgetragenen Ausführungen über Brunners Streitschrift sind nicht erhalten. Sehr wahrscheinlich verwendete er sie — entsprechend Thurneysens Vorschlag (s. unten S. 680 bei Anm. 2) — bei der Erstellung seiner Broschüre Nein! Antwort an Emil Brunner (s. Anm. 8) 📖; doch ist dort zumindest der Abschnitt über Calvin gegenüber der mündlich vorgetragenen Version verändert (gekürzt) (vgl. unten S. 755, Anm. 7). Weiter ist anzunehmen, daß Barth den ausführlichen Exkurs zu «Natur und Gnade» 📖 vor der Drucklegung des Vorlesungsmanuskriptes strich, weil er seine Stellung zu Brunner inzwischen in der zuvor erschienenen Schrift «Nein!» dargelegt hatte. Spuren der ursprünglichen Version finden sich möglicherweise noch in KD I/2, S. 287–289 📖, wo bestimmte Termini aus der Kontroverse zwischen Barth und Brunner (natürliche Theologie, Anknüpfungspunkt, Natur und Gnade) erscheinen, ohne daß jedoch der Gegner namentlich genannt ist.↩
6
«Meine Gegenthesen und ihre Begründung», in: E. Brunner, Natur und Gnade …, a.a.O. (S. 629, Anm. 4), S. 22–36 📖; darin von der formalen und materialen imago: S. 10f. (O.W. I, S. 339–352; darin S. 340f. 📖). Barths Exemplar enthält auf der letzten Umschlagseite, mit Datum vom 2.7.1934, in seiner Handschrift 11 thesenartige Sätze, ein Zitat aus dem Deutschen Pfarrerblatt (aus einer zustimmenden Rezension) und eine Gliederung zu der Schrift.↩
7
Fabel, heute besser bekannt unter dem Namen «Der Hase und der Igel» (plattdeutsche Überlieferung bei den Brüdern Grimm). In Th. Fontanes Lebenserinnerungen wird sie unter dem von Barth genannten Titel erzählt (Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches, Berlin 18982, S. 554f. 📖: «Geschichte vom ‹Swinegel un süne Fru›»).↩
8
«Die reformatorische Lehre und ihr Gegensatz», a.a.O. (Anm. 6), S. 22–36 📖; darin zu Calvin S. 22–31 (O.W. I, S. 352–367 📖; darin zu Calvin S. 352–362). Vgl. dazu K. Barth, Nein! Antwort an Emil Brunner (ThExh 14), München 1934, S. 32–45 📖 (wieder abgedruckt in: «Dialektische Theologie», S. 208–258 📖).↩
9
P. Barths negatives Prüfungsergebnis von E. Brunners Calvin-Zitation steht auf einer Postkarte an K. Barth vom 14.7.1934.↩
10
Peter Brunner (1900–1981), nach einem zweijährigen Studienaufenthalt in Boston und Cambridge (USA) 1927 bis zum Entzug der venia legendi Privatdozent in Gießen, daneben 1932–1936 Pfarrer im hessischen Ranstadt, 1936–1940 und 1945–1947 Dozent an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, 1940–1947 Pastor der lutherischen Bekenntnisgemeinde Elberfeld, 1947–1968 Professor für Systematische Theologie in Heidelberg. — P. Brunner war seit seiner Dissertation als Calvin-Kenner ausgewiesen: Vom Glauben bei Calvin. Dargestellt auf Grund der Institutio, des Catechismus Genevensis und unter Heranziehung exegetischer und homiletischer Schriften, Tübingen 1925. 📖 ↩
11
Harald Diem (1913–1941), jüngerer Bruder von Hermann Diem, 1933 für zwei Semester Studium bei Barth und E. Wolf in Bonn, nach seinem Examen 1935 bis 1938 Vikar in verschiedenen württembergischen Orten, dann bis zu seiner Einberufung 1939 Pfarrer in Talheim (Kreis Tübingen).↩
12
P. Barth, Das Problem der natürlichen Theologie bei Calvin (ThExh 18), München 1935. 📖 K. Barth hatte die Aufnahme dieser Arbeit in die Schriftenreihe angeregt, nachdem ihm sein Bruder Peter am 8.6.1934 (Postkarte) geschrieben hatte, er wolle sich mit ihm «verständigen wegen der Abwehr von Brunners ‹Natur und Gnade› 📖. Sie ist ja in der Hauptsache deine Sache. … Immerhin möchte ich dich bitten, wenn du antworten wirst, in bezug auf Calvin nicht zu viel zuzugeben, d. h. diese Seite der Sache in suspenso zu lassen. … Er [Brunner] bringt mit seiner Calvinauffassung auch Confusion in die ökumenische Auseinandersetzung und verwischt mir da alle Linien, die ich da vereint mit Wolf und Sasse bis dahin gezogen habe.» Er selbst könne zwar erst nach Oktober 1934 mit der Widerlegung von Brunners Calvininterpretation beginnen, «aber ich glaube, daß sie notwendig sein wird». Offenbar schlug K. Barth seinem Bruder daraufhin vor, die geplante Arbeit als Existenz-Heft zu veröffentlichen (Postkarte nicht erhalten), denn schon kurz darauf schrieb ihm P. Barth: «Es liegt mir sehr daran, diese Sache zurechtzustellen, und ich bin dir dankbar, daß du mir dafür ein Heft der Theol. Existenz zur Verfügung stellst» (Postkarte vom 14.6.1934). Vgl. dazu auch K. Barth, Nein! …, a.a.O., S. 36f.41 📖 (bzw. in:«Dialektische Theologie», SS. 235.239 📖). ↩
13
E. Wolf, Martin Luther, das Evangelium und die Religion (ThExh 6), München 1934. 📖 ↩
14
P. Brunner, Allgemeine und besondere Offenbarung in Calvins Institutio, in: EvTh, Jg. 1 (1934/35), S. 189–215 📖; danach (a.a.O., S. 215f.) eine inhaltlich anschließende Anmerkung E. Wolfs über Brunners «Natur und Gnade» 📖.↩
15
In der «zornigen Einleitung» zu seiner Schrift «Nein! 📖» spricht Barth vom lauten Beifall von K. Fezer, P. Althaus «und all den anderen halben oder dreiviertels ‹Deutschen Christen›» zu Brunners Schrift (a.a.O., S. 8f., bzw. in: «Dialektische Theologie», S. 212 📖). Althaus beendete seine kurze Rezension von «Natur und Gnade 📖», die in der Rubrik «Zeitschriften- und Bücherbericht» in: Luthertum, Jg. 1 (= Neue Folge der Neuen Kirchlichen Zeitschrift, Jg. 45) (1934), S. 223 📖, erschien, mit dem Satz: «In einer Stunde, da ein Teil des deutschen Luthertums den Thesen Karl Barths erliegt, begrüßen wir das Wort des reformierten Brunner gegen Barth mit besonderer Freude.» (Eine Rezension von Fezer konnte nicht nachgewiesen werden. Auch den Namen O. Webers erwähnte Barth in diesem Zusammenhang, weil er ihm irrtümlich eine mit W. gezeichnete Rezension zuschrieb; Richtigstellung im Vorwort zu K. Barth, Drei Predigten [ThExh 17], München 1934, S. 3. 📖)↩
16
W. Schubring, Gegen die Grundlagen der Barthschen Theologie, in: PrBl, Jg. 67 (1934), Nr. 22 vom 27.5.1934, Sp. 339–341. 📖 Schubring schließt seinen Artikel, unter Verwendung eines Zitates von E. Brunner: «‹Die Kirche darf nicht von einem Extrem ins andere geworfen werden. Die Kirche verträgt auf die Dauer die Ablehnung der theologia naturalis ebenso wenig als ihren falschen Gebrauch.› Das heißt: die Kirche verträgt ebenso wenig Barth wie die Deutschen Christen. Das ist auch unsere Meinung, und das ist darum unsere Aufgabe: die Wahrheit zu suchen und zu verkünden, die oberhalb dieser Gegensätze liegt.»↩
17
Vgl. das Kapitel «Führung durch den Geist» von E. Brunners Schrift Die Kirchen, die Gruppenbewegung und die Kirche Jesu Christi, Berlin 1936, S. 39f. 📖 Thurneysen selbst hatte im April 1933 einen Vortrag über diese Lehre der Oxford-Gruppenbewegung gehalten; s. oben S. 490, Anm. 12.↩
18
Nelly Barth reiste am 27./28.7.1934 über Basel nach Adelboden, wo auch Thurneysens ihren Sommerurlaub verbrachten.↩
19
Vgl. Busch, S. 61f. 📖↩
20
Thema unbekannt.↩
21
Nicht erhalten.↩
22
Siehe unten S. 684, Anm. 14, und S. 691, Anm. 4.↩