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20. Juli 1934
Ich denke, daß du inzwischen aufs Festland und in die gute Stadt Basel zurückgekehrt bist, gewiß bis zum Rande gefüllt mit merkwürdigen Eindrücken, und ich hoffe nur, daß ein eingehender Reisebericht aus deiner oder aus deiner Tochter Dorothee Feder uns Zuhausegebliebene bald über Alles, was ihr getan und erlebt habt, unterrichten wird.1
Diesmal muß ich dir in folgender Sache schreiben: Eben war der junge Stickelberger bei mir, um mir einen Brief seines Vaters2 vorzutragen, in welchem ihm dieser in einem ziemlich mudrigen3 Ton in Aussicht stellt, er müsse im Winter in Amsterdam studieren bei den Kuyperschen, um 1. eine reformierte Kirche und Theologie des fremdsprachigen Auslands und 2. eine ganz andere Theologie als die meinige kennen zu lernen und 3. sich einen tüchtigen «Schulsack» anzuschaffen. Der Sohn, der lieber im Winter wieder hieher käme, ist darüber betrübt und bittet mich um meine Intervention, und zwar auf dem Weg über dich: du möchtest doch zu seinem Vater gehen und ihm begreiflich machen, daß das nicht gehe und daß jene Motive auf unrichtigen Voraussetzungen beruhen. Man könnte ihm nun in der Tat sagen:
- 668 Daß er sich ziemlich sicher von dem Lehrreichtum der holländischen (auch von der französischen ist übrigens die Rede) Theologie falsche, nämlich wahrscheinlich an Hand seiner Vorstellungen vom 16. und 17. Jahrhundert romantische Bilder gemacht hat, unter denen der Junge jetzt nicht sollte leiden müssen. Denn nach meiner Kunde geht es in Holland sowohl wie in Frankreich im akademischen Betrieb ziemlich pennälerhaft zu, und speziell die Kuyperei dürfte kaum etwas sein, was sich gerade jetzt organisch in den Bildungsgang des jungen St. einfügt.
- Die gewünschte Unabhängigkeit von mir verschafft er ihm sicher nicht damit, daß er ihn jetzt plötzlich, wo er nun einmal im Begriff steht, diesen Becher zu leeren, unterbricht und wegnimmt. Man müßte ihm warnend sagen, daß studentische Entwicklungen nun einmal ihren Lauf nehmen müssen. Ich bin seinerzeit durch ein mir aufgezwungenes Semester in Tübingen für längste Jahre gegen alle «positive» Theologie taub geworden.4 Will er ihn gegen die Kuyperei verstocken, dann soll er ihn jetzt nur unter diesen Umständen dorthin schicken. Und andererseits wäre zu sagen, daß fatale Abhängigkeiten von akademischen Lehrern sich später im Amt umso sicherer zu korrigieren pflegen, wenn man die Leute ihre nun einmal gewählten Becher ruhig austrinken läßt. — Wahrscheinlich macht sich übrigens der alte St. auch ganz falsche Vorstellungen davon, wie es zwischen mir und meinen Studenten zugeht, auch von meiner «Einseitigkeit», wie es in dem Briefe hieß usw.
- Er täuscht sich auch sicher, wenn er meint, daß hier nicht gearbeitet werde, so daß der «Schulsack» durchaus in Holland gefüllt werden müsse. Darüber wirst du ihn ja leicht belehren können, daß er uns da wirklich Unrecht tut.
Kannst und willst du etwas tun, um diese Sache in Ordnung zu bringen, so wäre das gut. Ich möchte das Gesuch des jungen St. jedenfalls hiemit empfehlend weitergegeben haben.
In den letzten Tagen bin ich mit eingehendem Aufenthalt an der Schrift von Emil Brunner vorbeigekommen in meiner Vorlesung.5 Ich |669 hatte sie bis jetzt nur oberflächlich gelesen, nun aber von Seite zu Seite «geprüft», wie Peter zu sagen pflegt, und bin zu dem eigentlich erschütternden Ergebnis gekommen, daß nichts, aber auch gar nichts ist an diesem Büchlein. Es ist im Ganzen und im Einzelnen erstaunlich salopp aufgezogen. Es bedeutet nicht einen Fortschritt, sondern einen Rückschritt nur schon an Klarheit gegenüber Emils früheren Äußerungen zu dieser Sache. Der systematische Teil — besonders die Geschichte mit der formalen und materialen imago6 — erinnert aufs schlimmste an die Geschichte von dem Swinegel und sine Fru7 und offenbart nur dies, daß Emil nun schnurstracks auf dem Weg zu einer theologia naturalis vulgaris ist, nachdem alle früheren Hemmungen auch noch weggefallen scheinen. Und endlich ist der Calvinabschnitt8 eine einzige Katastrophe, wie ich nicht nur aus eigenen Stichproben weiß, sondern 1. Peter9
|670 in Madiswil, 2. Peter Brunner10 in Gießen, 3. der jüngere Diem11 in Tübingen haben unabhängig voneinander die Sämtlichen von Emil angeführten 126 Stellen kollationiert und gefunden, daß Calvin einfach auf der ganzen Linie etwas ganz Anderes sagt, als was er nach Emils Text sagen müßte. Peter wird nun ein besonderes Heft über Calvin12 als Parallele zu dem von Wolf über Luther13 schreiben, in dem das alles an den Tag kommen wird. Aber auch Pet. Brunner wird seine Ergebnisse veröffentlichen14, und dann komme erst noch ich mit meiner, wie es |671 scheint, von vielen Seiten immer dringlicher erwarteten Antwort, die auch nicht anders als blutig wird rasieren können. Kurz, der gute Emil ahnt gar nicht, wie viel besser er gerade diesmal getan hätte zu schweigen und was für ein Gewitter sich nun eben über seinem Haupte zusammenzieht. Die ganzen und halben D. C. hier in Deutschland (Tübingen, Erlangen!!) jubeln überall geradezu, wie gut er es mir gegeben habe15, das Berliner Protestantenblatt gleichfalls16, alle natürlich ohne zu wissen, was da nur schon hinsichtlich Calvins für ein wissenschaftliches Loch vorhanden ist. Emil hätte sich das einfach nicht leisten dürfen. Die «Führung»17, deren er doch teilhaftig zu sein meint, scheint glatt versagt zu haben.
Über alles Andere nun bald mündlich. Nelly fährt mit den zwei Jüngsten am kommenden Freitag.18 Lollo und ich folgen dann am Mittwoch den 1. August. — Wolf und Lollo sind nun in ihrem Reitkurs eben so weit, daß sie sich morgen dem schweizerischen Reiterzug an|672schließen können, der alle Samstage, oft unter Absingung vaterländischer Gesänge, durch die umliegenden Wälder reitet. Die starke Gruppe von Schweizern, die jetzt hier ist, erinnert mich durch die Unentwegtheit ihres Auftretens sehr an unser eigenes damals in Marburg.19 Aber sie scheinen mir auch alle fleißig und in gutem Zug zu sein. Ganz unheimlich kommt aber mit der kleine heidnische Japaner, der jeden Morgen unmittelbar vor mir sitzt, Alles in sich hineingehen läßt und am offenen Abend20 durch gescheite Fragen verrät, wie sehr seine asiatische Seele kapiert, was los ist (z. B. auch, daß es mit dem Anknüpfungspunkt nichts ist! — er ist das lebendige Gegenbeispiel).
Ich schicke dir hier ein Bild21 aus der Vorlesung, das der junge Stickelberger aufzunehmen sich erlaubt hat.
1000 Grüße! Es ist herrlich, daß die Ferien nahen, obwohl sie allerlei
Vortragssorgen22
bringen werden.