16. August 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Vor allem: Verzeih, daß ich, obwohl meine Gewissensqualen, die sich in dieser Hinsicht für mich an das Basler Zusammensein anschlossen, |686 noch nicht überwunden sind, dir schon wieder zumute, ein wenig Zeit und ein wenig Gedanken für «uns» bereit zu haben. — Die Morgenpost brachte heute diesen Brief an Karl1. Nun steht es so, daß er selbst den heutigen Tag vollkommen belegt hat mit Besuchen (soeben K. L. Schmidt!) und daß infolgedessen ich von ihm ermächtigt bin — nach einer Rücksprache — das Wort zur Sache zu ergreifen. Es scheint mir nun vor allem wichtig, daß du im Bilde bist darüber, wie von uns aus gesehen die Dinge stehen. Wir können Fränzelis Brief in seinem Anliegen ja nur bestätigen, auch wenn vielleicht alles noch um ein paar Ecken mehr geht, als sie begreifen und sehen kann. Und ich verstehe nichts besser als das, daß sie der Ansicht ist, es müsse etwas für Nelly geschehen. Der Plan mit Bern scheint durchführbar, nach außen in Bonn im Augenblick sogar immerhin mit Begründungen, die auch dann einleuchten, wenn man die wahren Gründe nicht kennt. Praktisch ließe es sich also wohl durchführen, nachdem K. meint, auch die finanzielle Seite könnte geschafft werden. — Und daß auch wir unsererseits eine Atempause brauchen könnten und begrüßen würden, das steht fest. Aber eben: eine Atempause. Und das scheint mir in Fränzelis Brief das nicht ganz Klare, daß dahinter doch mehr gemeint sein und stehen könnte als der Gedanke an eine Atempause. Denn tragbar und sinnvoll scheint mir der ganze Plan doch nur dann, wenn von vornherein Klar steht, daß er eine Hilfe bedeuten soll zur Fortführung des gemeinsamen Weges. Tragbar vor allem auch nur für Nelly, wenn sie weiß, eindeutig weiß: wir wollen und können es nur als das verstehen. Denn einen weittragenderen Entschluß zu fassen, dazu ist sie ja im Augenblick viel zu elend, und das würde nur eine Fülle von neuen Qualen jetzt in den bißchen kostbaren Ferien bedeuten. Unsere Bitte an dich geht also dahin, wenn sie mit dir die Sache bespricht, sie ihr zu erleichtern als einen in hygienischer Hinsicht vielleicht zu begrüßenden Plan, der sich nach Karls Meinung auch verwirklichen ließe ohne allzu schwere Bedrohungen nach allen Seiten, der aber eben auch als solcher dann angefaßt und durchgeführt werden müßte, und das würde praktisch doch wohl bedeuten, daß z. B. kein Umzug in die Wege geleitet wird, sondern nur |687 Notwendigstes in eine nach Möglichkeit möblierte Wohnung nach Bern geschafft würde. Ferner wäre Karl sehr daran gelegen, mit Matthis nicht für ein halbes Jahr einen Schulwechsel zu vollziehen, ganz abgesehen [davon], daß er den Jungen in seinem augenblicklich schwierigen Stadium gerne bei sich und um sich hätte. — Was meinst du, was meint ihr, zu dem allen? — Vielleicht darf ich dies noch anfügen, daß selbstverständlich Frau Schmidt nicht kommt. Wir ahnten ja nicht, daß Nelly dies so schwer nehmen würde.2 Vielleicht, wenn dieses Gespenst nun wegfällt, kehrt sie doch lieber zurück nach Bonn. Wir sind nach beiden Seiten offen, und Karl möchte es wirklich ganz ihr überlassen, zu was sie sich entschließen will. Der vor uns liegende Winter wird auf alle Fälle sehr schwer werden, und ich kann euch nicht und Nelly nicht zusichern, daß er für sie leichter sein wird, als es dieser Sommer gewesen ist. Wir werden genau so absorbiert sein von unserer Arbeit und ich überdies von einer nicht zu verscheuchenden Sorge um Karl, die mich dann mitunter auch nicht in der Weise offen sein läßt, wie man es für N. ununterbrochen sein müßte, wenn sie nicht neben uns versinken soll. Den Mut, ihr eindeutig zuzurufen: Komm zurück, wir wollen es noch und noch und noch einmal versuchen, den habe ich auch nicht mehr recht und K. ja auch nicht. Sie soll nur das wissen: wir wollen sie auch nicht loslassen, und sie darf, gerade auch in Bezug auf mich, in dieser Hinsicht ganz getrost die Atempause einschalten.

Dies alles ist ein bißchen schnell hingeschrieben, weil der Brief abgehen soll. Wenn er dir nur ein bißchen klar gemacht hat, was wir über diese Sache denken, so daß du mit Nelly besser reden kannst. Und noch etwas, Eduard. Wenn du etwas dafür tun kannst, daß die paar ruhigen |688 Tage, die K. jetzt auf lange hinaus für einmal wieder hat, ein bißchen geschützt bleiben gegen allzu heftige Anforderungen und Pläne, so bin ich dir dafür von Herzen dankbar. Der Sturm in Deutschland rast ja weiter, nun haben sie auch v. Soden hinausgeworfen3, wir rechnen mit jeder Post mit dem Ende. Aber wer weiß, vielleicht muß und darf K. auch bleiben. Alle diese Spannungen sind natürlich nicht auszuschalten, und das bißchen Wohlsein und Pflege, das er jetzt hier haben darf trotzdem, das muß er haben dürfen. — Auf dein Kommen freuen wir uns sehr. Wenn Marguerite wirklich mitkäme für ein paar Tage, so wäre das sehr schön. Ich würde sie so gerne sehen und K. so gerne mit ihr über Fr. sprechen. — Grüße sie vielmals und grüße auch unsere Lili. —

Lieber Eduard, es wird schön sein, hier dann in Ruhe über dies und jenes reden zu dürfen. Das hat in Basel ein wenig gefehlt. — Erholst du dich denn auch in Adelboden?

Es grüßt dich
deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Brief von Fr. Barth vom 14.8.1934, in dem sie vorschlug, ihre Mutter solle bis auf weiteres nach Bern ziehen, wo sie mit den beiden älteren Söhnen in einer Wohnung leben könne.↩
2
U. Schmidt sorgte sich darüber, wie ihre Familie bis zur im Frühjahr 1935 fälligen endgültigen Entscheidung über eine mögliche Basler Professur ihres Mannes — dessen Vertretungszeit in Zürich-Seebach auslief — zurechtkommen sollte. Barth hatte ihr daraufhin vorgeschlagen, über den Winter bis dahin mit einem oder zwei ihrer jüngsten Kinder bei Barths zu wohnen. N. Barth schrieb dazu am 9.8.1934 an Ch. von Kirschbaum: «Die Perspektive auf den Winter hat mich in schwere Stunden geführt — aber ich bin bereit! Ich hätte wohl auch mit Euch ausgesprochen, Frau Schmidt soll zu uns kommen.» K. L. Schmidt wurde dann für ein Jahr — erneut als Pfarrverweser — nach Lichtensteig (Kanton St. Gallen) berufen, wo ihm — anders als im Kanton Zürich — das fehlende Schweizer Bürgerrecht nicht den Zugang zum ordentlichen Pfarramt versperrte und er wieder mit seiner Familie zusammenleben konnte; vgl. Notiz in: RKZ, Jg. 84 (1934), S. 399f. 📖; Mühling, S. 170f. 📖 ↩
3
Mit Verfügung vom 4.8.1934 war H. von Soden auf Grund von § 6 des «Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 📖» in den Ruhestand versetzt worden. Als Gründe wurden ihm vom Rektor der Universität Marburg im Gespräch genannt: seine Beteiligung an der Erklärung der 35 Hochschullehrer über Bekenntnis und Verfassung in den evangelischen Kirchen (vgl. oben S. 628, Anm. 3) und sein Engagement in der kurhessischen Landeskirche gegen die reichskirchliche Gleichschaltungspolitik. Am 24.10.1934 wurde von Soden wieder eingesetzt. Vgl. seinen Brief an seine Verwandten vom 11.8.1934 in: Theologie und Kirche im Wirken Hans von Sodens …, a.a.O. (S. 536, Anm. 2), S. 101–103, sowie das weitere Material dort S. 103–108.122-125 📖; Gauger II, S. 221 📖.↩