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[Adelboden,] 15. August 1934
Nun bin ich auch bereits seit mehr als einer Woche in das dir wohlbekannte Klossnerhaus eingerückt und sitze bei gutem Wetter auf jener Laube, auf der dein Anselmbuch
📖 unter ernsten und schwierigen Studien entstanden ist. Ich habe ein unverhältnismäßig kleineres Opus fertiggestellt, indem ich meine Unterrichtssätze druckfertig gemacht habe.1 Ich sollte schon aus praktischen Gründen diese Sätze endlich in die Presse gehen lassen. Aber vielleicht tragen sie auch abgesehen davon das ihre dazu bei, daß da und dort ein etwas besinnlicherer Unterricht erteilt werden kann. Ich möchte dich aber dringend bitten, dir die Mühe zu nehmen und sie einmal rasch durchzusehen und mir zu sagen, ob sie dir ein wenig einleuchtend vorkommen, oder ob ich sie nur ganz im |680 Verborgenen für meinen eigenen Gebrauch drucken lassen kann und soll. Auch falls du im Einzelnen Ungeschütztes oder theologisch nicht zu Verantwortendes entdeckst und Abänderungen oder Ergänzungen für nötig hältst, so weißt du, wie dankbar ich wäre, wenn du sie mir mitteilen wolltest. Ich habe mit Lempp noch nicht verhandelt, sondern will es erst tun, wenn ich deine Antwort habe. Ich mache dir nun Mühe mit diesem Anliegen, aber du wirst sie mir wohl willig widmen. An wen sonst sollte ich mich auch wenden zur Kontrolle? Nimm im voraus allen Dank!
Unterdessen bin ich in deine Dogmatik eingedrungen und habe die Brunnersache vor allem genau durchgegangen.2 Ich finde deine Auseinandersetzung mit ihm Wort für Wort schlagend, ausgezeichnet und dringend notwendig. Laß doch das hier Gesagte mit wenig Erweiterungen als deine Antwort an Emil ausgehen. Das muß in der Tat sein. Es ist auch im Habitus der Anrede, des schmerzlichen Erstaunens und dringlich-freundlichen Zuredens an Emilen das rechte Wort. Ach Emil! Es ist mir aufs neue klar geworden, daß es irgendwie das Marburger Gespräch ist, das hier aufs neue aufbricht.3 Emil ist einfach der ostschweizerische Humanist, der das eigentliche Geheimnis nicht sehen kann. Ob er durch deine unbeirrbar aus der Sache heraus auf ihn treffende Gegenrede nicht doch noch ein wenig zur Besinnung und zum Hören kommen wird? Er scheint allerdings zunächst wenigstens von außen gesehen seiner Sache so sicher wie die Russen bei Tannenberg zu sein, bis …4 Doch will ich dich damit wirklich nicht mit dem unglückseligen Hindenburg gleichsetzen! Beileibe nicht!
681 Die deutsche Lage! Ich habe allerlei Nachrichten durch Hartenstein, der bis heute hier ist. Eigentlich Wichtiges weiß er freilich auch nicht. Die Bekenntnisfront des Südens war gestern in Augsburg zusammen, um die Lage zu beraten auch mit denen aus Preußen.5 Es scheint eine große Erbitterung in ihren Reihen zu herrschen, und sie wollen jedenfalls sich nichts bieten lassen. Aber wie soll und wird alles weitergehen? Hoffentlich mußt du nicht deine Ferien abbrechen und plötzlich wieder hinausreisen. Tu’s ja nicht! Über die politische Lage lege ich dir den merkwürdigen Artikel bei, den Oeri seinerzeit nach Hindenburgs Tod geschrieben und dann wohl aus Angst vor seiner eigenen Courage wieder zurückgezogen hat6, so daß ihn die Nationalzeitung nachträglich |682 aufgriff7. Haben diese Kombinationen nicht sehr viel für sich? Aber gerade wenn etwas daran sein sollte, wie trostlos ist nachträglich wieder alles, alles verbaut durch Hitlers Verrücktheit! Du wirst dir auch deine Gedanken gemacht haben in diesen Tagen über die deutsche und eure eigene Zukunft. Den Eid auf Hitler — wer mag und kann den leisten in der Kirche!8
683 Hast du das Pamphlet Stapels gegen dich gesehen «Volkskirche oder Sekte»9? Ein grauenhafter Kerl, dieser Freund Friedrichs10! Lies auch den beiliegenden Brief Gottlobens11 der, wie auch die letzte Nummer des Kirchenblattes in der von Gottlob stammenden Rezension12 zeigt, immer noch nicht ganz von seinem Meister lassen kann. Lies aber auch |684 den echt Lukasischen Brief aus Pratteln13! Lukas ist wirklich unverwüstlich. Aber in seiner Weise gut. Obwohl ich ihm in diesem Falle nicht zugeben möchte, daß seine Geradlinigkeit wirklich das letzte Wort in dieser Sache sei. Oder?
Nelly habe ich erst einmal gesehen und nur im Kreise aller eurigen und unsrigen Kinder. Ich hoffe, Ende dieser Woche einmal zu ihr hinüberzugelangen. Augenblicklich ist sie für ein paar Tage in Aeschi unten bei deiner Mutter. Das Ferienhaus der Deinen ist wundervoll gelegen, aber ein wenig sehr weit weg von dem unsrigen. Augenblicklich ist die beschwingte Lili für zwei Tage dort hinübergesiedelt, um Fränzeli in Ruhe zu sehen. Sie hat uns viel und Schönes vom Genfersee erzählt.14 Deine Meisterschaft und Geduld im Gespräch besonders bewundernd. Wie gut, daß diese Westler dich einmal in Ruhe fragen konnten.15 Ich freue mich auf das Protokoll.16
Endgültig möchte ich mich durch Euch auf dem Bergli anmelden auf Samstag in 8 Tagen bis etwa Dienstag oder Mittwoch17. Gelt, das geht doch? Für mich ist es beinahe die einzige ruhige und gute Mög|685lichkeit, weil gleich nachher der Unterricht einsetzt und ich nach der langen Ferienpause nichts mehr ausfallen lassen könnte. Ich hoffe sehr darauf, daß du über diesen letzten Augustsonntag also auf dem Bergli zu haben bist, und freue mich riesig darauf, mit dir und Lollo und Ruedis zusammen ein paar Täglein zu haben. Ob unter Umständen Marguerite auch wenigstens für ein bis zwei Nächte mitkommen könnte? Es ist noch gar nicht sicher, ob sie es einrichten kann. Andernfalls suchte sie etwas später dich einmal auf dem Bergli zu sehen.
Grüße Lollo von uns, grüße Ruedis und sei selber gegrüßt von deinem
Karl Sartorius habe ich noch nicht geantwortet. Willst du ihm die verlangte Weisung geben? Und soll ich via Koechlin an Weizsäcker18 in Bern gelangen? Oder willst du es auch direkt tun?19