28. Juli 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

678
Lieber Eduard!

Herr Stickelberger jun. rief mir gestern strahlend auf der Straße zu: «Ich darf wiederkommen». Wieso, warum nun plötzlich, weiß ich nicht. Aber damit dürftest auch du dieser Sorge enthoben sein.

Ich danke dir für deine Zeilen, lieber Eduard, und freue mich, dich so bald zu sehen. Wir kommen am Mittwoch 17.36 Bad. Bahnhof an. K. ist heute fortgefahren. Ich bin nicht ohne Sorge und sehr froh, wenn er heil zurück ist.1 — Von der Beschlagnahme im «Hause Lempp» hast du vielleicht gehört. Die «Bekennende Kirche», «Evang. Theologie» |679 und «Theol. Existenz» mußten dran glauben.2 Was soll das?? Und was haben die Leute vor?? — Augenblicklich beschäftigen uns weitgehend amerikanische und englische Sommergäste, darunter der besonders feine Porteous3. Du wirst uns dann von dort oben erzählen müssen.

Sei herzlich und dankbar gegrüßt
von deiner
Lollo

Sachfußnoten

1
Auf Einladung von H. Asmussen reiste Barth am 28.7.1934 nach Bad Oeynhausen zu einer ersten Zusammenkunft der Barmer «Schlußberatungskommission» (ohne Sasse) zur Klärung verschiedener seit der Synode entstandener grundsätzlicher Fragen (Angriffe von seiten der konfessionellen Lutheraner [s. oben S. 660f.], «Verhältnis zum theologischen Nachwuchs», «Obrigkeitscharakter der gegenwärtigen Kirchenregierung», theologische Beurteilung der staatlichen Haltung, «Verhältnis zur katholischen Theologie und Kirche»; Tagesordnung, zitiert in: G. Niemöller, Die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Barmen, Bd. 1: Geschichte, Kritik und Bedeutung der Synode und ihrer Theologischen Erklärung [AGK 5], Göttingen 1959, S. 115 📖; vgl. dort auch S. 113–116.133); vgl. Lichtenfeld, S. 506 📖. Wohl bei dieser Zusammenkunft hatten sich, wie ein an diese drei gerichteter Brief Asmussens vom 30.7.1934 erkennen läßt, Barth, Merz und der Wuppertaler Pfarrer H. Obendiek bereiterklärt, (offenbar auch im Hinblick auf den Reichsbischof) «die Frage der Exkommunikation zu klären». Ch. von Kirschbaum war möglicherweise nicht nur wegen der in Oeynhausen verhandelten Inhalte unruhig, sondern auch weil Barth trotz der über ihn verhängten Verpflichtung, Reisen anzuzeigen (vgl. oben S. 641, Anm. 11), gefahren war.↩
2
Bereits in einem Brief vom 25./26.7.1934 hatte K. G. Steck — Eigennamen durch Abkürzungen verschlüsselnd — Barth im Auftrag von A. Lempp über die Beschlagnahme am 24.7. informiert. Lempp selber machte ihm am 27.7.1934 «die sehr schmerzliche Mitteilung», welche der von ihm verlegten Schriften (auch anderer Autoren) beschlagnahmt worden waren; vgl. K. Barth, Vorwort [13.9.1934], in: ders., Der Christ als Zeuge (ThExh 12), München 1934, S. 3f. 📖; H. Stoevesandt im «Editionsbericht» (zu: K. Barth, Kommentar zur Barmer Erklärung (Fragment)) in: EvTh, Jg. 36 (1976), S. 569f. 📖; Scholder II, S. 280 📖; Liste der beschlagnahmten Titel in: KBRS, Jg. 90 (1934), S. 284f. (= Nr. vom 9.9.1934). 📖 ↩
3
Norman Walker Porteous (geb. 1898), Student bei Barth in Münster, 1931/1935 Professor für Hebräisch und Orientalische Sprachen in St. Andrews, 1935/1937 für Sprache, Literatur und Theologie des Alten Testaments, dann bis 1968 für Hebräisch und Semitische Sprachen in Edinburgh. Porteous traf Barth während seines Besuchs in Bonn am 26.-28.7.1934 nicht persönlich an.↩