1934

Vorwort [zu: Der Christ als Zeuge]

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Vorwort [zu: Der Christ als Zeuge]

1934

Das vorliegende Vorwort für Heft 12 der Reihe «Theologische Existenz heute» hat Barth am 13. September 1934 niedergeschrieben, am selben Tag wie das zu Heft 13, in dem der erst einen bzw. zwei Tage zuvor gehaltene Vortrag «Der Dienst am Wort Gottes»1 erscheinen sollte. Offenbar wollte er beide Hefte auf den Weg bringen, bevor er wenige Tage später zu seiner Italienreise2 aufbrach.

Nach dem Verbot der von Barth bisher geschriebenen Hefte und den Zensur-Auflagen für weitere Veröffentlichungen in der Reihe war über eineinhalb Monate hinweg unklar gewesen, ob es überhaupt noch weitere Hefte geben würde.3 Darauf geht Barth in diesem Vorwort erstaunlich offen ein und erläutert zugleich, warum er sich dann doch entschieden hat, die Reihe fortzusetzen und auch selbst weitere Hefte beizusteuern.

Vorarbeiten zu diesem Text sind nicht erhalten. Die Veröffentlichung erfolgte in: K. Barth, Der Christ als Zeuge (ThExh 12), München 1934, S. 3f. 📖

Vorwort

Die sämtlichen bisher von mir verfassten Hefte «Theologische Existenz heute» sowie Heft 11 von Max Lackmann sind in München polizeilich beschlagnahmt und für Bayern verboten worden.4 Ich gehe wohl nicht irre, wenn ich annehme, dass sie von ihrem Schicksal vor allem wegen der Vorworte mit ihren Betrachtungen zur jeweiligen kirchlichen Lage ereilt worden sind.5 In meiner Auseinandersetzung |427 mit diesem Ereignis habe ich mich, der Müdigkeit und dem Verdruss eine Weile nachgebend, zunächst gefragt, ob es nicht würdiger und besser sei, die «Theologische Existenz heute» in Zukunft schweigend statt schreibend fortzusetzen. Aber ich bin von dieser Ansicht und Absicht zurückgekommen. Es wäre allzu pathetisch gehandelt, wenn ich sie durchführen wollte. Mein Herz hängt nicht an jenen Vorworten und das Herz meiner Leser soll auch nicht an ihnen hängen. Sie waren ein Beiwerk, das mir und ihnen gewiss nicht unwichtig war, das aber zur Not auch fehlen kann. Man kann das Entscheidende, das man als Theologe immer und so auch heute zu sagen hat, wenn es denn sein soll, wirklich auch ohne ausdrückliche Beziehungen auf das, was der Monat oder das Vierteljahr gerade gebracht hat, ohne direkte Beleuchtung der jeweils im Vordergrund stehenden Ereignisse und Gestalten sagen, ohne darum im «leeren Raum» zu reden!6 Vor die Wahl gestellt, entweder überhaupt nichts mehr zu sagen oder aber jene Beziehungen vorläufig nur noch halblaut oder gar nicht mehr sichtbar zu machen, wähle ich – nicht ohne Bedauern, aber auch nicht ohne Humor – das zweite. Die Leser werden nun das, was ich noch drucken lassen darf, mit umso größerer Aufmerksamkeit lesen, sie werden sich nun die nötigen Anmerkungen und Anwendungen – soweit mir solche nicht doch entschlüpfen sollten – selber machen müssen. Es wird auch gut, es wird – wer weiß? – vielleicht noch besser sein, wenn sie bedenken müssen, dass diese Hefte bis auf weiteres hinsichtlich dessen, was man «Aktualität» nennt, einen unsichtbaren Untertitel tragen: «Zwischen den Zeilen»7.

4 Der Inhalt dieses Heftes ist das Stenogramm eines Vortrags, den ich am 7. August 1934 an der Internationalen Sommerkonferenz für Studenten und Studentinnen in La Châtaigneraie (bei Coppet, Kanton Waadt) über das mir aufgegebene Thema gehalten habe, nebst dem |428 Stenogramm der dazugehörigen Diskussionsvoten.8 Der Vortrag und die Voten sind deutsch gesprochen und von zwei guten Sach- und Sprachkennern laufend englisch und französisch wiedergegeben worden.9 Die mir von den dort anwesenden Zeitgenossen gemachten Einwände waren denen, die ich in Deutschland zu hören gewöhnt bin und die sicher auch allen meinen deutschen Lesern bekannt genug sind, so ähnlich, dass ich es nicht für nötig hielt, sie ausführlich wiederzugeben. Diese Einwände, vor allem aber den Genfersee, den Jura, die Savoyerberge und die über Guten und Bösen scheinende Sonne [vgl. Mt. 5,45] möge man sich als Hintergrund freundlich hinzudenken.

13. September 1934

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 401-425. ↩
2
Vgl. unten, S. 434, Anm. 21. ↩
3
Vgl. oben, S. 329f. ↩
4
Vgl. oben, S. 260. 329f. ↩
5
Die zuvor «zur Lage» geschriebenen Vorworte (vgl. oben, S. 124, Anm. 9) waren jedenfalls auf ein so großes Interesse gestoßen, dass der Chr. Kaiser Verlag begonnen hatte, in der Werbung für neu erscheinende Hefte speziell auf diese Vorworte zu verweisen (vgl. oben, S. 218). ↩
6
Anspielung auf eine gängige Kritik an Barth und seiner Theologie (s. oben, S. 20, Anm. 36). ↩
7
«Zwischen den Zeilen lesen» ist eine Redensart, die deutlich machen soll, dass man etwas in einem Text Gemeintes, aber nicht Ausgeschriebenes aus diesem herauszulesen hat (vgl. Röhrich V, S. 1763 📖). Daneben dürfte es sich auch um eine Anspielung auf den Titel der 1933 auf Betreiben Barths eingestellten Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» (vgl. K. Barth, Abschied, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 492–515 📖) handeln. ↩
8
Siehe oben, S. 367-400. ↩
9
Ins Französische übersetzte Pierre Maury, ins Englische Willem A. Visser ­’t Hooft (vgl. oben, S. 369). ↩