Der Dienst am Wort Gottes37
Selbstverständlich ist es sehr wünschenswert, dass ein Pfarrer (oder wie wir lieber sachlich sagen wollen: ein Diener am Worte Gottes) ein sittlicher Charakter und eine religiöse Persönlichkeit sei, ein Mann von Geschmack und Bildung, ein beschwingter Denker und zugleich voll Respekt gegenüber den Geboten des gesunden Menschenverstandes, gegründet in sich selbst und offen für die Freude und für das Leid seiner nahen und fernen Umgebung, ein aufrichtiger Beter und ein disziplinierter Arbeiter, ein ganz natürlicher und zugleich ein ganz geistiger Mensch, ein guter Hausvater, Bürger und Patriot, aber mit weiten Horizonten, ein Mensch, der von ganzem Herzen in und mit seiner Zeit lebt, das heißt, der ihre Nöte und Hoffnungen, wie er auch dazu Stellung nehme, als seine eigenen empfindet und erlebt, so dass er mit seinen Zeitgenossen denken und reden kann als einer der ihrigen. Fähig und bereit muss er sein, jeden Menschen lieb zu haben, und gerade darum fähig und entschlossen, sich vor keinem Menschen zu fürchten. Frei muss er sein und frei bleiben, aber auch frei, sich zu entscheiden und also sich zu binden: sich für die gute Sache ohne Rückhalt einzusetzen und hinzugeben. Er muss ebenso den Mut zur Einsamkeit haben wie die Demut, sich als einfacher Soldat mit vielen |407 andern in die Reihe der Arbeit und des Kampfes zu stellen. Er muss ebenso zum stillen Warten wie zur größten Aktivität bereit sein, ebenso ein Mann des Friedens, wie, wenn es sein muss, des Streites. Er muss mit gleicher innerer Notwendigkeit den grimmigsten Ernst wie die tiefste Salbung wie den offensten Humor an den Tag zu legen wissen. Er muss in der Bibel und in der Dogmatik zuhause sein; er muss aber auch politisches Urteil und für Kino und Sport mindestens ein teilnahmsvolles Verständnis haben. Er muss der guten Gesellschaft gewachsen und doch ein ganz unbürgerliches Geschöpf sein. Er muss sein Herz beim Proletariat haben und gerade darum keine proletarischen Sentiments und Ressentiments. Er muss die Atheisten und er muss die Pietisten besser verstehen, als sie sich selbst verstehen. Er muss, durch Natur oder Wissenschaft dazu gebildet, ein Psycho198loge sein und wiederum ganz und gar unpsychologisch, unmittelbar, leidenschaftlich zu trösten oder auch zu schelten wissen. Er muss als Seelsorger und Wächter, als Lehrer und Prediger den kranken Nachbarn und die Probleme seiner vier Wände ebenso genau und liebevoll vor Augen haben wie den großen Gang der Begebenheiten in Welt und Kirche, in dessen Rahmen sich die Schicksale seiner Gemeinde abspielen. Er muss immer zur wirklichen Lage reden, aber immer von erhöhter Stelle aus – immer zu den Menschen, aber immer so, dass ihnen mehr gesagt wird als das, was sie sich ebenso gut selber sagen können. Er muss als Priester und als Prophet und als Pastor zu denken, zu sprechen und zu handeln wissen.
Nun, diese kleine Reihe von Forderungen hinsichtlich dessen, was ein Diener am Wort sein und tun soll, könnte noch lange fortgesetzt und sie könnte in ihren einzelnen Gliedern in interessanter Weise vertieft und erläutert werden. Es gibt deutsche Pfarrhäuser, an deren Wänden man ein derartiges Gesetz für den Pfarrer zu einer Tafel geordnet und sogar in Verse gebracht unter Glas und Rahmen ausgestellt findet,38 und passenderweise ist dann alsbald auch ein entsprechendes |408 Seitenstück für die Pfarrfrau ausgedacht und hergestellt worden.39 Niemand dürfte unter uns sein, der es nicht nötig hätte und sicher auch als nötig empfände, sich eine solche Tafel vorzuhalten oder vorhalten zu lassen und auf der Linie ihrer Forderungen die beträchtlichsten Fortschritte und Wiedergutmachungen ernstlich ins Auge zu fassen. Dennoch möchte ich heute nicht in der Weise eines solchen Tafelgesetzes weiterreden. Es wird Ihnen ja bei den Andeutungen, die ich eben gegeben habe, nicht verborgen geblieben sein, dass mit allen solchen Forderungen – und wenn man ihre Reihe noch so lange fortsetzen und spezifizieren würde – über das Wesen des Dienstes am Wort, des evangelischen Hirtendienstes, genau genommen noch kein Wort gesagt ist. Alles oder doch das meiste von dem, was eben gesagt wurde, könnte ja zur Not und mit etwas andern Worten auch im Zusammenhang des Nekrologs etwa eines besonders ernsthaft gesinnten eidgenössischen Obersten, eines weisen und gerechten Magistraten40 oder eines anderen einigermaßen universal gearteten Gottes-^^ und Menschenfreundes gesagt werden. Nochmals: sehr wünschenswert, dass man Derartiges dereinst auch von uns sagen könne. Wohl dem, dem es gegeben ist oder gelingt, sich auf der Linie solcher Forderungen zu einer jener vornehmen, gütigen, frommen, freien und tapfern Pfarrergestalten heranzubilden, in denen sich auch in unserer modernen Zeit ein kultiviertes Menschentum ausdrucksvoll und 199 allgemeine Sympathien erweckend mehr als einmal dargestellt hat. Aber nun hat uns ja gerade diese unsere moderne Zeit trotz der Existenz solcher Gestalten vor die unüberhörbare Frage gestellt: ob denn der besondere Stand des Pfarrers nicht etwa überflüssig geworden sein sollte – und was wollten wir auf diese Frage antworten, wenn sich das, was über den Dienst am Wort zu sagen ist, in der Aufzählung solcher Forderungen erschöpfen würde, die, genau genommen, doch nur das Idealbild eines guten, klugen und ernsten Menschen überhaupt ausmachen? Sollten jene Forderungen – auch in ihrer beson|409deren Form als Forderungen gerade an einen Pfarrer – etwas anderes sein als wünschenswerte, ja notwendige Prädikate an einem Subjekt, ohne das sie, auch wenn wir sie einigermaßen erfüllen würden, eben doch in der Luft stehen würden? Werden wir nicht vor allem und vielleicht ganz allein von diesem ihrem Subjekt reden müssen, wenn wir heute wirklich vom Pfarrer, vom Diener am Worte Gottes, reden wollen? Und kranken diese Forderungen nicht vorzüglich daran, dass sie eben doch nur – Forderungen sind? Ich weiß nicht, ob Benjamin Vallottons41 «Pasteur Chardonay42» jemals existiert hat. Ich weiß freilich, dass Alexandre Vinet43 existiert hat. Aber was hilft mir ihr Vorbild, was helfen mir die durch solche Gestalten offenbar gestellten Forderungen, wenn ich nicht selber «Pasteur Chardonay44» oder Alexandre Vinet bin? Ja, und was hülfe mir selbst das? Wäre ich darum ein Diener am Wort, wenn ihr wahrhaftig respektables, kultiviertes Menschentum mein eigenes wäre? Waren sie selbst darin Diener am Wort, worin sie uns Anderen als lebendige Tafeln jenes Gesetzes für den Pfarrer erscheinen mögen? Waren sie es nicht auf Grund eines Faktors, der mit ihrer Erfüllung oder Nichterfüllung eines solchen Gesetzes gar nichts zu tun hat, eines Faktors, der unmöglich als Forderung, der ganz und gar nur als Gabe und Sein und Wirklichkeit richtig beschrieben werden könnte? Frage doch einer von uns denjenigen Anderen, an dem er die Erfüllung dieser oder jener der erwähn|410ten Forderungen im Stillen zu bewundern Anlass hat: ob er etwa darin, dass er so geschickt und geduldig auf die verschiedensten Menschen einzuwirken, so anregend mit Kindern, so freundlich mit den Armen umzugehen wisse, dass er politisch so treu und furchtlos seinen Mann stehe und eine so erstaunliche theologische und allgemeine Bildung an den Tag lege – ob er etwa darum und darin ein Diener des Wortes Gottes zu sein meine? Wie fadenscheinig müssten die Tugenden dieses Mannes sein, wie eitel sein Denken, wie so ganz unverständig seine Auffassung von seinem 200 Amt, wie wenig Anlass hätten wir in Wirklichkeit, ihn zu bewundern, wenn er uns tatsächlich antworten würde: Ja, kraft dieser meiner pastoralen Tugenden und Werke, wie sie sich später in meinem Nekrolog aufzählen lassen werden, bin ich ein Pfarrer, ein evangelischer Diener am Wort! Gerade ein wirklich vorbildlicher Mann wird über diese Dinge mit einem schmerzlichen Lächeln hinweggehen, um uns auf jenen andern Faktor zu verweisen, der ganz und gar nicht in die Reihe seiner pastoralen Tugenden und Werke gehört, der nichts zu tun hat mit seiner eigenen Gesetzeserfüllung, der nicht ihm selbst zur Ehre gereicht und also auch nicht zum Schmuck seines Nekrologs wird dienen können, dafür aber in Wahrheit seinen Stand begründet, seine Arbeit als Diener am Wort notwendig und möglich und gut macht. Wir hätten unser Bedürfnis, uns heute über das Wesen des Dienstes am Wort Rechenschaft abzulegen, schlecht verstanden, wenn wir unsere Aufmerksamkeit jetzt nicht ganz jenem andern Faktor zuwenden wollten.
Welcher ist dieser andere Faktor? Es dürfte angemessen sein, uns an dieser Stelle zunächst ganz einfach der Worte zu erinnern, mit denen der Apostel Paulus auf die Begründung seines Amtes und zugleich des Amtes seiner Schüler und deren Nachfolger hingewiesen hat: «Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat, unserem Herrn Jesus Christus. Er hat Vertrauen in mich gesetzt und mich in Dienst gestellt, mich, der ich ein Lästerer und Verfolger und Verächter gewesen war. Aber mir ist Erbarmen zuteil geworden, weil ich es unwissend getan hatte im Unglauben, und mich überströmte die Gnade unseres Herrn mit dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus sind. Das ist die zuverlässige und aller Aufmerksamkeit werte Erkenntnis: Christus Jesus kam in die Welt, um Sünder zu retten, unter welchen ich der erste bin. |411 Aber dazu ist mir Erbarmen zuteil geworden, dass Jesus Christus an mir als dem ersten seine ganze Geduld erzeige zu einem Vorbild für die, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben» (1.Tim. 1,12–16). «Er hat uns errettet und berufen mit einem heiligen Ruf nicht auf Grund unserer Werke, sondern auf Grund seiner eigenen Absicht und Gnade, die uns in Christus Jesus geschenkt ist von Ewigkeit her, jetzt aber offenbart durch die Erscheinung unseres Retters Christus Jesus, der den Tod aufgehoben und das Leben und unvergängliches Sein hat aufleuchten lassen durch das Evangelium» (2.Tim. 1,9–10). – Wir entnehmen diesen Stellen zunächst folgendes:
201 1. Der Dienst am Worte Gottes ist allererst und entscheidend ein Dienst, dessen wir selbst bedürftig sind und den das Wort Gottes uns selbst erwiesen hat, erweist und erweisen wird. Nicht unser Dienst, dessen es, das Wort Gottes, bedürftig wäre, den wir ihm je zu erweisen hätten oder noch erweisen könnten! Nicht ein Patronat, das wir darüber auszuüben, nicht eine Reklame, die wir dafür zu machen, nicht eine Verteidigung, die wir als seine Advokaten zu führen hätten! Sofern wir uns auch nur im Leisesten als die Gönner, die großmütig besorgten Freunde, die notwendigen Vertreter des Wortes Gottes fühlen, sind wir sicher nicht seine Diener. «Gottes Wort ist nicht gebunden» (2.Tim. 2,9), wie es auch um uns stehe. «Sind wir untreu, so bleibt er treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen» (2.Tim. 2,13). «Der feste Grund Gottes steht» (2.Tim. 2,19). Nicht wir haben das Haus Gottes zu begründen und zu bauen, «die Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und das Fundament der Wahrheit» (1.Tim. 3,15). Das «Zeugnis des Herrn» (2.Tim. 1,8), das diese Kirche begründet und baut, liegt vor, keiner Ergänzung und keiner Wiederholung bedürftig, ein für allemal abgelegt «unter Pontius Pilatus» (1.Tim. 6,13). «Erschienen» – endgültig erschienen und zum Licht, in dem wir leben, geworden, ist – nicht unsere, aber Gottes, unseres Erretters «Güte und Menschenfreundlichkeit» (Tit. 3,4). Bevor wir auf den merkwürdigen Gedanken kamen, Theologie zu studieren, bevor wir lebten, vor allen hoffnungsvollen und hoffnungslosen Problemen unseres Amtes und unseres Lebens, hat er, wie wir hörten, den Tod aufgehoben. Bevor unsere Frage: Was können wir für das Wort Gottes sein und tun? irgendeinen Sinn haben kann, steht es unbeweglich fest: Er, der Herr, der selber das Wort Gottes ist, Jesus Christus, hat sich selbst für uns – |412 auch und gerade und zuerst für uns seine Diener – «dahingegeben, um uns loszukaufen von aller Ungerechtigkeit und um uns zu reinigen zum Volk seines Eigentums» (Tit. 2,14; 1.Tim. 2,6). Unsere Frage: Was können wir für das Wort Gottes sein und tun? kann dann auf alle Fälle nur den Sinn haben: Was können wir sein und tun als die, für die dieser Jesus Christus alles, wirklich alles schon gewesen ist und getan hat? Das, was dann übrigbleibt, ist unser Dienst am Worte Gottes! Er ist darin begründet, dass uns Erbarmen zuteil geworden ist, dass Jesus Christus seine ganze Geduld an uns erzeigt hat. Und er besteht darin, dass wir dankbar sind: in jener Dankbarkeit, die auf kein Verdienst zurückblickt und an keine Vergeltung denkt. Er besteht darin, dass wir Jesus Christus ganz und gar und aufs bitterlichste 202 nötig haben als den, der für uns eintritt in Gottes ewigem Gericht, in welchem wir uns selbst nicht vertreten und verantworten könnten, dass wir aber auch ganz und gar durch ihn gerettet, getragen und getröstet, aufgerichtet und erfreut sind. Dass diese Not unsere Not und diese Befreiung unsere Befreiung ist, das ganz allein macht uns zu Dienern des Wortes Gottes, zum «Vorbild für die, die an ihn glauben sollen zum ewigen Leben» [1.Tim. 1,16]. Jesus Christus selbst macht uns zu seinen Dienern – und ganz allein dadurch, dass er gekommen ist, Sünder zu erretten, ganz allein dadurch, dass das wahr ist und dass wir das wahr sein lassen.
2. Der Dienst am Worte Gottes ist also nur das hervorgehobene, bewusste, ausdrückliche Sein und Tun, das überall da selbstverständlich ist, wo das Wort Gottes im Glauben gehört worden ist. Was uns Paulus von seiner Berufung zum Apostel zu sagen hat, geht ja nicht grundsätzlich hinaus über das, was von der Berufung durch Christus und für Christus, von der Berufung zur Kirche überhaupt zu sagen ist. «Es ist erschienen die Gnade Gottes zur Rettung für alle Menschen» (Tit. 2,11). «Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen» (1.Tim. 2,4). Auf eine andere Legitimation als diese will auch der Apostel, können auch seine Schüler Timotheus und Titus und können auch wir als deren Mitschüler keinen Anspruch machen. Wir sind, was wir sind, auf Grund von Erbarmen und Geduld «durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung durch den Heiligen Geist» (Tit. 3,5). Wir sollen auf Grund dessen «wissen, wie man im Hause Gottes zu wandeln hat» (1. Tim. |413 3,15). Wir sollen auf Grund dessen die göttliche «Hausordnung» kennen und bekanntgeben (1.Tim. 1,4). Was kann das für eine Auszeichnung bedeuten? Paulus kennt nur die, dass er unter den Sündern der erste ist! Als solchen hat ihn der Wille Gottes (2.Tim. 1,1) zum Apostel gemacht, hat ihm Gott einen Auftrag gegeben (1.Tim. 1,1). Ist diese Auszeichnung nicht eher eine Zurücksetzung? Gilt hier nicht: die Letzten werden die Ersten sein [Mt. 19,30; Mk. 10,31], diejenigen, mit denen Gott besonderes Erbarmen, besondere Geduld hat, weil sie beides besonders nötig haben? Müssen wir vielleicht in dieser Weise ausgezeichnet sein, um Diener am Wort zu sein? Ist solche Zurücksetzung vielleicht das Geheimnis der Tatsache, dass es Bischöfe, Älteste, Prediger, Lehrer, Diener gibt in der Kirche Jesu Christi, dass es immer wieder einzelne geben muss, die in besonderer Weise das zu sein und zu tun haben, was notwendig das Sein und Tun aller in der Kirche, ja – die Kirche ist ein Haus mit offenen Türen und Fenstern – 203 das von Gott gewollte und bestimmte Sein und Tun aller Menschen ist? Aber wie dem auch sei: das kirchliche Amt des Dienstes am Wort ist das Amt der Kirche als solcher. Man kann seine Besonderheit in der Kirche nicht kräftiger hervorheben, als indem man es als das allgemeine Amt der Kirche versteht, ein besonderes nur insofern, als es der Ort ist, wo die Gnade in der Kirche selbst als Gnade, als Offenbarung und Ruf, als Erwählung sichtbar wird. Die Kirche ist ja die Versammlung derer, die das Wort gehört haben, jener Dankbaren, die auf kein Verdienst zurückblicken und an keine Vergeltung denken können. In dieser Versammlung geschieht der Dienst am Wort aus der Kraft der einen Gnade, die dieser Versammlung gegeben ist, um die Erwählten Gottes hereinzurufen in diese Versammlung, damit auch sie «Anteil bekommen an der Errettung in Christus Jesus» (2.Tim. 2,10), und um diese Versammlung selbst daran zu erinnern, dass sie als Ganzes und in jedem einzelnen ihrer Glieder allein von der Kraft dieser Gnade lebt, von ihr aber auch wirklich leben darf und soll (Tit. 3,8). Wie wir das Haus Gottes nicht gebaut haben noch bauen können, so gehört es auch nicht uns, so haben wir auch nicht in ihm zu herrschen. Sind die in diesem Hause Versammelten solche, denen alle eigene Verfügung genommen ist, «Gerechtfertigte durch die Gnade Jesu Christi» (Tit. 3,7), wie sollte dann ausgerechnet dem «Verwalter» dieses Hauses (Tit. 1,7) ein eigenes Verfügen darüber, ein Besitzen seiner |414 Güter, ein Beherrschen seiner Insassen zukommen? Der ist ein solcher Verwalter im Hause Gottes, der ist ein Diener seines Wortes, der dasselbe, was allen, die in diesem Hause sind, gesagt ist, so dringlich gehört hat, dass er es selber sagen muss: Wir leben zwischen der Erscheinung Christi, die geschehen ist, und der, die noch geschehen soll (Tit. 2,11–14). Wir leben zwischen dem Wort, das wir in seiner ganzen Genugsamkeit gehört, und dem Wort, das wir in seiner ganzen überwältigenden Neuheit wieder hören sollen. Wir leben nicht zwischen Geburt und Tod; wir leben zwischen Taufe und Abendmahl. Wir leben nicht in der Gegenwart; wir leben von der Erinnerung in der Erwartung. Wir leben nicht in unserer, sondern in Gottes Zeit. Wir leben in der kurzen, dunklen und doch nicht ganz dunklen, weil von ihrem Anfang und von ihrem Ende her erhellten Nacht zwischen den beiden strahlenden Tagen Gottes, die in Wahrheit der eine Tag Jesu Christi sind, der Tag dessen, der da war und der da kommt und darum auch ist [vgl. Apk. 1,8]: mitten in der Nacht, die unser Lebenstag ist. Dass diese Nacht, umgeben von dem Tag Jesu Christi, unser Lebenstag ist, das ist der Grund 204 der Kirche, und das allein ist es, was uns zu Dienern des Wortes Gottes macht. Jesus Christus macht uns zu seinen Dienern – und ganz allein dadurch, dass wir in der Kirche sind, deren Herr er ist, allein dadurch, dass das wahr ist und dass wir es wahr sein lassen.
3. Der Dienst am Worte Gottes ist ein solches menschliches Sein und Tun, das durch Jesus Christus geformt und bestimmt, geordnet und geleitet ist. Wir sagen nicht einfach: durch Gott, und auch nicht durch die in Jesus Christus erschienene Gnade, Barmherzigkeit und Geduld Gottes, obwohl das natürlich an sich auch richtig wäre. Aber dabei könnte doch allzu leicht an gewisse Ideen von Gott und Gnade gedacht werden, nach deren Vorbild wir uns selber formen und bestimmen, ordnen und leiten möchten. Gerade das kann aber im Dienste des Wortes nicht in Betracht kommen. Vor nichts hat Paulus seine Schüler so dringend gewarnt wie vor den «Mythen» (1.Tim. 1,4; 4,7; 2.Tim. 4,4), vor der «fälschlich so genannten Gnosis» (1.Tim. 6,20), vor den «Irrgeistern» und den «Lehren der Dämonen» (1.Tim. 4,1), vor der Unnüchternheit (2.Tim. 4,5) und Eigenmächtigkeit (Tit. 1,7) und Unbotmäßigkeit (Tit. 1,10), vor den Vorurteilen und vor den eigenen Neigungen (1.Tim. 5,21). Ich halte dafür, dass auch das be|415rühmte Wort von den «jugendlichen Lüsten», die Timotheus «fliehen» soll (2.Tim. 2,22), nach dem Zusammenhang nicht nur wie üblich auf die sexuellen und ähnlichen Triebe zu beziehen ist, sondern tief und umfassend auf jenen natürlichen menschlichen Trieb, gerade im Verhältnis zu Gott sein eigener Meister, Führer und Gestalter sein zu wollen. Dieser Trieb kann nur dazu führen, dass der Mensch «aufgeblasen wird und von allem gar nichts mehr versteht» [1.Tim. 6,4], dass seine Vernunft verdorben und dass er der Wahrheit beraubt wird (1.Tim. 6,5; 2.Tim. 2,18; 4,4). Als selber Irrender kann er dann auch andere nur in die Irre führen (2.Tim. 3,13). Im Unterschied dazu soll Timotheus «nachjagen der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen» (2.Tim. 2,22). Der Inhalt dieser Begriffe ist aber nach der paulinischen Sprache kein willkürlich aufzufindender. Sondern Jesus Christus in der konkreten Gestalt seiner Erscheinung als wahrer Gott und wahrer Mensch45 ist ihr Inhalt. Der Gerechtigkeit «nachjagen» bedeutet also nicht die Sehnsucht und Flucht nach irgendwelchen Ideen und Idealen, sondern: «Halte im Gedächtnis Jesus Christus, den von den Toten Auferstandenen, aus dem Samen Davids!» (2.Tim. 2,8). Das heißt: «Sich üben in der Frömmigkeit» (1.Tim. 4,7). Frömmigkeit 205 ist Blickrichtung und Sammlung auf das Geheimnis der Offenbarung und des Glaubens. Dieses Geheimnis ist aber die Inkarnation, die Erniedrigung Gottes, offenbart in der Auferstehung Christi (1.Tim. 3,16). Dass er dieses «Geheimnis des Glaubens in einem reinen Gewissen bewahrt» (1.Tim. 3,9), das macht den Diener des Wortes zu dem, was er ist. Er steht und fällt mit der Reinheit dieses Gewissens, seines Mitwissens um dieses Geheimnis. Er muss ihm «nachjagen», weil er in ihm und nur in ihm seine Existenz hat, weil er darin gerichtet und freigesprochen ist, dass das wahr ist: Christus ist gestorben und auferstanden. «Leiden wir mit ihm, so werden wir auch mit ihm leben.» [2.Tim. 2,11] Aber freilich: Darin ist er freigesprochen oder gerichtet, dass er das wahr sein lässt! «Beharren wir, so werden wir auch mit ihm herrschen. Verleugnen wir ihn, so wird er auch uns verleugnen» (2.Tim. 2,1246). «Daraufhin arbeiten und kämpfen wir, dass wir |416 unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gestellt haben» (1.Tim. 4,10). Was könnte alles andere, von dieser Hoffnung gelöste, auf eigene Faust unternommene Arbeiten und Kämpfen sein, alles Arbeiten und Kämpfen, das etwa nicht bezogen wäre auf jenen Anfang und jenes Ende der kurzen Nacht, in der wir wandern? Und wenn es das größte Werk der Gottes- und Nächstenliebe wäre: es könnte wohl die Form, aber nicht die Kraft der Frömmigkeit haben (2.Tim. 3,5), es wäre hinsichtlich des Dienstes am Wort doch im besten Fall Zeitversäumnis, mit der wir Gott und den Menschen das schuldig bleiben würden, was ihnen gehört. Es gibt keine anderen Gesichtspunkte und Zielsetzungen, die mit dieser Hoffnung auf den lebendigen Gott konkurrieren könnten. Dass wir diese Hoffnung haben, das ganz allein macht uns zu Dienern des Wortes Gottes. Noch einmal müssen wir also sagen: Jesus Christus selbst macht uns zu seinen Dienern, und zwar dadurch, dass er als wahrer Gott wahrer Mensch geworden und so Immanuel, «Gott mit uns» [vgl. Jes. 7,14; Mt. 1,23], geworden ist.
Das ist der andere Faktor, der im Unterschied zu allem noch so respektablen Menschentum das Wesen des Dienstes am Wort ausmacht. Fassen wir zusammen: Jesus Christus als Heiland der Sünder, als Herr seiner Kirche, als ewiger Gottessohn mitten in unserer Zeitlichkeit – er ist’s, der ruft, und sein Ruf ist es, der Menschen zu seinen Dienern macht. Niemand und nichts sonst! – Er macht aber wirklich – wie wäre er sonst Immanuel, «Gott mit uns»? – Menschen zu seinen Dienern, menschliches Sein und Tun zu seinem Dienst. Da ist Paulus, da ist Timotheus, da ist 206 Titus, da sind wir alle, und nun doch wir alle in unserem mehr oder weniger kultivierten Menschentum. Und wie die Frage nach dem Dienst am Wort unsere Frage ist, so ist auch die Antwort, die wir gehört haben, zu uns gesagt. Was bedeutet sie, was bedeutet diese Berufung für unser Leben? Was wird uns da auferlegt und mitgeteilt? Was bricht da von oben herein in den Bereich unseres Menschentums? Wenn wir uns nun noch einmal den Briefen an Timotheus und Titus anschließen wollen, so wird dazu dreierlei zu sagen sein:
1. Wir haben als Berufene Jesu Christi eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe besteht darin, andern Menschen eben das zu sagen, was wir selbst gehört haben: dass Jesus Christus der Heiland, |417 der Herr, das Wort Gottes im Fleische ist. Indem wir das sagen, dienen wir dem Worte Gottes. Gott braucht diesen unsern Dienst nicht, aber er will und verlangt ihn. Eben die einfache Dankbarkeit, eben das schlichte Stehen in der Kirche, eben jenes ganz unselbständige Lauschen auf das Geheimnis des Glaubens [1.Tim. 3,9.16] – sie verlangen Sprache, denn sie rufen nach den Brüdern und Schwestern, sie warten auf den Bruder und die Schwester in jedem Mitmenschen. Der Weg zu ihnen, der um Christi willen unsere Aufgabe ist, ist die Rede zu ihnen. Wir stünden nicht im Dienste des Wortes, wenn wir ihnen unser Wort versagen könnten. Wir hätten nichts gehört, wenn wir ihnen nichts zu sagen hätten. Wir haben ihnen aber, ob es uns gelinge oder schlecht gelinge oder gar nicht gelinge, unendlich viel zu sagen. Dies ist’s, was der Apostel immer wieder die Aufgabe der Lehre nennt. Als «Herold, Gesandten und Lehrer» hat er auch und vor allem sich selbst bezeichnet (1.Tim. 2,7; 2.Tim. 1,11). «Das schärfe ein und lehre!» (1.Tim. 4,11; 6,247). «Verkündige das Wort, sei dabei zur Zeit und zur Unzeit!» (2.Tim. 4,2). «Rede in Gemäßheit der gesunden Lehre!» (Tit. 2,1), so tönt es immer wieder. Das Wort «Lehre» hat für unsere Ohren einen harten, inhaltslosen Klang bekommen, weil wir es nicht mehr verstehen. Wir denken nämlich bei diesem Wort an den Vortrag irgendwelcher von Menschen eigenmächtig ersonnener und ebenso eigenmächtig pädagogisch zugespitzter Ideen, Überzeugungen und Wahrheiten. Wir haben wohl recht, wenn wir dunkel vermuten, dass dies nicht eben Dienst am Worte Gottes sein dürfte. Der Apostel aber versteht unter «Lehre» das genaue Gegenteil, nämlich den streng disziplinierten, weil ganz an seinen Gegenstand gebundenen Hinweis auf den Herrn des Menschen, sein Wort, seinen Willen, sein Handeln. «Lehre» im Sinne des Apostels sagt, dass der 207 Mensch Gott nur lernend und gerade nicht willkürlich spekulierend gegenüberstehen kann: wohnt doch Gott in einem unzugänglichen Licht, ist er doch der, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann (1.Tim. 6,16), der sich aber aus Gnade offenbart hat und wieder offenbaren will. «Lehre» muss der Dienst am Wort darum sein, weil die Welt um diese Gnade wissen muss und weil auch die Kirche immer wieder bedenken muss, dass Gnade Gnade ist. Die Welt weiß ja nicht, dass sie verloren und |418 gerettet ist: das muss ihr gesagt werden, das muss sie hören. Und die Kirche vergisst ja immer wieder, dass die Gnade die freie Tat Gottes ist: das muss ihr gesagt werden, das muss sie hören. Verlassen wir uns darauf: diese «Lehre» wird immer auch Leben und Werk sein! «Tu das Werk eines Evangelisten!» (2.Tim. 4,5). Täten wir es nur, würde es nur getan in der Kirche, so brauchten wir nach einem die Lehre ergänzenden Leben und Werk nicht zu seufzen! Seufzen wir nach «praktischen» Ergänzungen, dann sicher darum, weil unsere Lehre nicht mehr oder noch nicht wieder diese, die apostolische, die wahrhaft «praktische» Lehre ist! Und keine noch so gediegene und glänzende Ergänzung kann dann diesen Mangel gutmachen. Das «Werk eines Evangelisten» besteht nicht in der Verkündigung von Idealen. Es besteht nicht in der Kritik des Menschen, seiner Irrtümer, Schwächen und Bosheiten. Es besteht auch nicht in der Kierkegaardschen Kritik des religiösen Menschen.48 Es besteht nicht in der Empfehlung der Gottes- und Menschenliebe und es besteht nicht in der Proklamation sozialer Hoffnungen. Es besteht ganz gewiss ebenso wenig in der Entwicklung dieses und jenes Locus der Dogmatik, und wenn es die beste Dogmatik wäre. Sondern das Werk eines Evangelisten besteht – mag er immer auch von allen jenen Möglichkeiten Gebrauch machen –, wie sein Name sagt, in der Verkündigung des Evangeliums. Die Verkündigung des Evangeliums ist aber die Verkündigung Jesu Christi. Ist Jesus Christus ihr Inhalt: «Die Gnade, nichts als die Gnade, die ganze Gnade!»49, dann bedarf sie der Ergänzung durch ein Werk |419 nicht, weil sie selbst das einzig wirkliche Werk tut und ist. Auf dieses Werk wartet die Kirche. Und die Welt erwartet von der Kirche das Geschehen dieses Werkes. Wir müssen es nur wieder lernen, dieses Werk ehrlich und gründlich zu tun.
2. Wir haben als Berufene Jesu Christi ein bestimmtes Schicksal zu tragen. Besonders im zweiten Timotheusbrief redet Paulus immer wieder von den Leiden, die er durchzumachen habe und die auch sein Schüler auf sich nehmen müsse. «Ich werde geopfert und die Zeit meines Endes 208 ist nahe» (2.Tim. 4,6). Und du: «Du leide das Böse mit als ein guter Streiter Jesu Christi!» (2.Tim. 2,3; 4,5). Es ist nicht zu verkennen: dieses Leiden hat für Paulus keine zufällige Bedeutung. Es ist ihm vielmehr eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Dienstes am Wort. Um deswillen, dass ich Herold, Gesandter und Lehrer bin, «habe ich dies zu leiden» (2.Tim. 1,12). «Im Evangelium leide ich Böses bis zur Kettenstrafe wie ein Übeltäter» (2.Tim. 2,9). Und so wird auch dem Timotheus zugerufen: «Leide das Böse mit dem Evangelium nach der Kraft Gottes» (2.Tim. 1,8). Die Meinung ist offenbar die: Das Evangelium selbst leidet, und zwar nicht in erster Linie, weil die Welt, in der es verkündigt wird, böse ist, sondern umgekehrt: weil es das Evangelium, die Kraft Gottes ist [vgl. Röm. 1,16], die in der bösen Welt verkündigt wird. Eben darum ist die Feststellung des notwendigen Leidens eines Dieners am Wort keine betrübte oder resignierte, sondern eine freudige Feststellung. Dieses Leiden ist eben der notwendige Rand, das Zeichen der großen Wirklichkeit: Christus vivit, Christus regnat, Christus triumphat!50
Darum ist das Leiden ge|420rade seiner getreuen Diener unvermeidlich. Man bemerke: Paulus wie das Neue Testament überhaupt hat dieses Leiden an keiner Stelle als «Zeugnis» bezeichnet und also zur Verkündigung des Evangeliums hinzugerechnet.51 Zeugnis ist nur das, was «unter Pontius Pilatus» (1.Tim. 6,13), nicht aber das, was in Antiochien, Ikonium und Lystra (2.Tim. 3,11) an Leiden sich zugetragen hat. Aber wichtig ist dieses Leiden darum doch: «Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung erdulden» (2.Tim. 3,12): nicht Anderen zum erbaulichen, heroisch-sentimentalen Schauspiel und Vorbild, aber ihnen selbst zum notwendigen Trost: Christus leidet, das Evangelium leidet. Und indem Christus leidet, siegt
er. Indem das Evangelium leidet, erweist es sich als Gotteskraft. Bei diesem Ereignis müssen und dürfen seine Diener dabei sein, ohne sich zu «schämen» (2.Tim. 1,8), das heißt, ohne es anders haben zu wollen, wenn sich die Welt, in der Christus siegreich verkündigt wird, in der Tat als eine böse Welt erweist. Es ist das Schicksal jedes Dieners am Wort: er muss leiden den Widerspruch und Widerstand der Welt, die immer einen anderen Gott meint und sucht als den, der nur durch Gnade und nur als Gnade offenbar ist. Er muss aber auch leiden den Widerspruch und Widerstand der Kirche, die es immer wieder nicht wahrhaben will, dass Gnade Gnade ist. Dass Gott frei ist, das will die Welt, dass Gott frei bleibt, das will die Kirche nicht hören. Gerade das muss ihnen aber der sagen, der das Königreich 209 Christi zu verkündigen hat. Darum wird ihm widersprochen und widerstanden. Hätte er nicht solches zu leiden, so wäre er kein Prediger der Gnade. Die Priester der Götzen und die Prediger des Gesetzes haben nicht solches zu leiden. Wir brauchten uns ihnen bloß anzuschließen, so wären wir unser Schicksal los. Aber auch den Dienst am Wort wären wir dann los. Als Diener am |421 Wort werden wir auch das Schicksal tragen, nicht unter Anklagen gegen Kirche und Welt, sondern in Hoffnung für beide, nicht in stoischer Heiterkeit, sondern in christlicher Freude: das Schicksal, Menschen zu sein, denen von allen Seiten widersprochen und widerstanden wird.
3. Wir haben als Berufene Jesu Christi in eine bestimmte Lebenssituation einzutreten. Unsere Charaktere und Begabungen und Lebensführungen mögen sehr verschiedene sein. Eins aber ist sicher: dass jeder Diener am Wort im Streit steht Tag und Nacht. Ein Diener Christi ist notwendig «ein guter Streiter» Christi (2.Tim. 2,3). Es ist schon ein guter, ein verheißungsvoller Streit, der hier zu streiten ist – wohlverstanden: der einzige wirklich gute Streit, der auf Erden gestritten werden kann. Aber eben weil gut, darum auch schwer: der einzige wirklich schwere Streit auf Erden. Aller gute und schwere Streit auf Erden zielt auf diesen Streit! Er heißt: «Der gute Kampf des Glaubens» (1.Tim. 6,12). Der Glaube selbst ist der Kämpfer in dieser Sache, der Glaube, das heißt unser Berufensein von und für Jesus Christus, auf Grund dessen wir Diener am Wort sind. Dieses unser Berufensein ist bedroht, ist angefochten, muss sich bewähren, solange die Nacht währt zwischen den beiden Tagen Jesu Christi. Nie aufgehoben, aber immer bedroht, nie ungewiss, aber immer gefährdet, immer in neuer Entscheidung zu behaupten! Wie sollte es schon anders sein, wenn wir an die Aufgabe und an das Schicksal des Dieners am Wort denken? Wie sollten wir nicht angefochten sein in der Erfüllung unserer Aufgabe als Lehrer? Wie kann unsere Lehre «gesunde» Lehre (1.Tim. 1,10; 6,3; 2.Tim. 1,13; Tit. 1,9 usw.) sein und bleiben? Sind wir nicht inmitten des Kosmos des Menschengeistes, der nicht nur der der Anderen, sondern auch unser eigener ist, bedroht von einer wahren Fülle von Möglichkeiten, «anders zu lehren» (1.Tim. 1,3; 6,3), das heißt etwas anderes als die Königsherrschaft Christi, etwas anderes als «die Gnade, allein die Gnade, die ganze Gnade»52? Es gibt ja so viel anderes, auch Schönes, auch Wahres, auch Gutes. Aber wir erinnern uns: alles andere sind «Mythen». Alles andere bedeutet das Leer-, das Hohlwerden unserer Lehre (1.Tim. 210 1,7; 6,10; 2.Tim. 2,16; Tit. 1,10), bedeutet ein Eintreten in Wortkriege, die zu nichts führen als zu einer |422 Katastrophe für die Hörer (2.Tim. 2,14), bedeutet Verführtsein und Verführen hinweg vom Glauben (1.Tim. 6,21; 2.Tim. 2,18). Der Glaube selber allein kann verhindern, dass dies geschieht. Dazu muss er sich aber behaupten, bewähren, immer neu setzen. Dazu muss der Kampf des Glaubens gekämpft werden. – Und wie sollten wir nicht angefochten sein im Tragen unseres Schicksals als Leidende? Es liegt so nahe, sich des Evangeliums zu schämen [vgl. Röm. 1,16] angesichts jenes Widerspruchs und Widerstandes, den es in der Welt wie in der Kirche findet. Es liegt so nahe, der «Beschäftigung mit unserem Lebensunterhalt», wie ihn wahrlich auch der Diener am Wort nötig hat, den Vorrang zu geben (2.Tim. 2,4). Es liegt so nahe, «aus der Frömmigkeit ein Geschäft» zu machen (1.Tim. 6,5). Es liegt so nahe, sich vor dem großen, apostolischen Schmerz zu dem gewiss auch unangenehmen, aber doch nicht so unheimlichen Schmerz des Herrn Jedermann zu flüchten. Damit das nicht geschehe, muss der Kampf des Glaubens gekämpft werden. – Wer wagt es, es dem Apostel nachzusagen: «Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt» (2.Tim. 4,7)? Es ist auch im Munde des Apostels, der unmittelbar vor dem Tode steht, das Wort eines immer noch Kämpfenden. «Und wenn jemand schon kämpft, so wird er doch nicht gekrönt, wenn er nicht richtig kämpft» (2.Tim. 2,5). – Fügen wir zu diesem «richtig» noch ein Wort hinzu: der Kampf des Glaubens ist wohl ein Kampf inmitten der Menschen in der Welt und in der Kirche. Menschen sind es, die dem Diener am Wort als Träger der Irrlehre, des Widerspruchs und Widerstandes entgegentreten. Sicher, diese Menschen, «deren Wort um sich frisst wie der Krebs» (2.Tim. 2,17), müssen dann um des Evangeliums und seiner Hörer willen «widerlegt» (Tit. 1,9 usw.), ihnen muss unter Umständen «der Mund gestopft werden» (Tit. 1,11). Aber wenn auch das zum Kampf des Glaubens gehören kann, so ist er darum doch kein Kampf gegen diese Menschen, sondern für sie. Dienst am Wort kann unter keinen Umständen die Sache einer Partei gegen eine Gegenpartei werden. «Ich mahne vor allem» – so heißt es in Bezug auf die Menschen draußen in der Welt – «Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagen darzubringen für alle Menschen… denn so ist es gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Erretter, der will, dass alle Menschen gerettet werden» (1.Tim. 2,1–4). Und in Bezug auf die vielleicht noch schwierigeren |423 Menschen in der Kirche hören wir: «Ein Knecht des 211 Herrn soll nicht Krieg führen, sondern freundlich sein gegen alle, bereit, sie zu belehren, die Bösen tragend, in Sanftmut erziehend die Widersetzlichen, ob Gott ihnen nicht Buße verleihe zur Erkenntnis der Wahrheit» (2.Tim. 2,24–25). Auch die äußerste Grenze, die hier in Betracht kommt, bedeutet nicht den Übergang zur Kriegführung: «Einen häretischen Menschen meide, nachdem du ihn einmal und noch einmal ermahnt hast, in der Erkenntnis, dass er verdreht ist und, indem er sündigt, sein eigener Richter ist» (Tit. 3,10[f.]). Wenn wir es anders halten, wenn wir um des Evangeliums willen einen Parteikampf führen zu müssen meinen, sind wir gewiss schon auf der Flucht vor dem Kampf des Glaubens begriffen! Der Kampf des Glaubens ist der Kampf darum, dass Gott immer wieder gegen uns selbst recht behalte! Wie sollte er anders für uns sein? Wie sollte unsere Berufung in einem andern Kampf als in dem des gegen Gott unterliegenden Jakob [vgl. Gen. 32,23–33] fest und immer wieder fest werden? – Wir werden dieser Lebenssituation als Diener am Wort unmöglich ausweichen können.
Das ist’s, was die Berufung durch und für Jesus Christus im Leben eines Menschen bedeutet: eine Aufgabe, ein Schicksal, eine Situation – die Lehre, das Leiden, den Streit. – Eine kleine, unscheinbare, aber höchst grundsätzliche formale Feststellung zum Schluss: Ich möchte zu unserem heutigen Thema auch und gerade damit etwas gesagt haben, dass ich mich so auffällig und eng an die paulinischen Pastoralbriefe angeschlossen habe. Dieser Anschluss hätte auch weniger auffällig und eng sein, er hätte aber auf keinen Fall fehlen, wir hätten vom Dienst am Worte Gottes auf keinen Fall ohne Rücksicht, ja ohne stillschweigende oder ausdrückliche, aber jedenfalls genaue Aufmerksamkeit auf diese Pastoralbriefe und überhaupt auf das Alte und Neue Testament reden dürfen. Der Dienst am Worte Gottes erinnert nämlich auch darin an seinen Ursprung in der Fleischwerdung des Wortes, dass er in einer sichtbaren menschlichen Ordnung sich vollzieht. Auf diese Ordnung wollte ich hinweisen, indem ich mich bei dem, was ich vorgetragen habe, direkt an jene Briefe angeschlossen habe. Wie die Königsherrschaft Jesu Christi sich unter uns Menschen notwendig darin anzeigt, dass es Eltern gibt, die die Kinder zu ehren [vgl. Ex. |424 20,12; Dtn. 5,16], Herren, denen die Knechte zu gehorchen haben [vgl. Eph. 6,5; Kol. 3,22], dass der Mann (trotz allem, was dazu zu erinnern sein mag!) des Weibes Haupt ist [vgl. 1.Kor. 11,3; Eph. 5,23] und nicht umgekehrt, so gibt es auch hinsichtlich des Dienstes am Wort als konkrete Gestalt der Gnade eine bestimmte sichtbare menschliche Über- und Un212terordnung, die als solche zu gelten hat und nicht umzukehren ist. Paulus hat den Timotheus als sein «Kind» angeredet (1.Tim. 1,1.18; 2.Tim. 1,253). Er hat ihn aufgefordert, sich seiner, des Apostels, ebenso wenig zu schämen wie des Zeugnisses des Herrn selbst (2.Tim. 1,8). Wenn er ihn ermahnt, die Gabe der Gnade, durch die er ein Diener am Wort ist, zu pflegen, wie man ein Feuer unterhält (1.Tim. 4,14; 2.Tim. 1,6–7), so hat er nicht versäumt, ihn an die Handauflegung zu erinnern [vgl. 1.Tim. 4,14; 5,22], durch die der Empfang dieser Gabe zwar nicht vermittelt, von der er aber notwendig begleitet war. Alles kommt darauf an, dass er «bleibt» bei dem, was er «gelernt und geglaubt» hat (1.Tim. 4,16; 2.Tim. 3,14). Ein Diener am Wort ist «ernährt durch die Worte des Glaubens und der Lehre», die auch als menschliche Wirklichkeiten nicht mit ihm angefangen haben, sondern denen er «nachgefolgt» ist (1.Tim. 4,6; 2.Tim. 3,10). Ihm ist eine Urkunde anvertraut (1.Tim. 1,18), über die soll er wachen (1.Tim. 6,20; 2.Tim. 1,12.14), denn die hat er selbst Anderen weiterzugehen (2.Tim. 2,2). Ihm ist ein Befehl mitgeteilt, den er unverändert und unwidersprochen vor Augen haben soll bis zum Anbruch des neuen Tages (1.Tim. 6,14). Er kennt von Kind auf «heilige Buchstaben, die die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben in Christus Jesus» (2.Tim. 3,15). Darum gibt es kein anhaltendes Lehren ohne anhaltendes Lesen (1.Tim. 4,13). Denn die Schrift, und zwar die ganze Schrift, ist die «Trägerin des Atems Gottes», und darum ist sie es, die uns «verhilft zur Lehre, zur Widerlegung, zur Aufrichtung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes tüchtig werde, ausgerüstet für ein ganz gutes Werk» (2.Tim. 3,16). Vielleicht stehen wir hier vor der Stelle, wo das Geheimnis des Dienstes am Wort, um das sich heute unsere Gedanken bewegt haben, zwar nicht seinen Mittelpunkt, wohl aber seine für jedes Auge sichtbare, für jede Hand greifbare Peripherie hat: ein Diener am Wort ist ein konkret |425 gebundener Mann, gebunden an das Wort, das Fleisch geworden ist, und darum gebunden an das Zeugnis seiner Propheten und Apostel. Wir haben heute einen zentral wichtigen biblischen Begriff kaum gestreift, weil er merkwürdigerweise gerade in den Pastoralbriefen, denen wir diesmal folgen wollten, auch kaum gestreift wird: den Begriff des Heiligen Geistes. Es ist aber vielleicht darum nicht nötig, ihn jetzt noch ausdrücklich und besonders in Erwägung zu ziehen, weil eben dies im Sinne des Apostels die Wirksamkeit des Heiligen Geistes hinsichtlich des Dienstes am Wort sein dürfte: jenes den wirklichen Dienern am 213 Wort selbstverständliche Folgen, Bleiben, Wachen, Anhalten bei dem, was sie von den Propheten und Aposteln empfangen haben, jene konkrete Bindung, in der sie stehen. Vielleicht müssen wir uns darum so unruhig fragen nach der Wirksamkeit des Heiligen Geistes in unserem Amt und durch unser Amt in der Kirche und durch die Kirche in der Welt: weil uns jene Bindung fremd geworden ist und mit ihr der Segen, die Freiheit, die Freude, der Frieden unseres Dienstes, die eben nur in dieser Bindung Ereignis sein könnten. Uns ist vielleicht bei allem ernsten Eifer, Gott und nur Gott zu dienen, die christliche Ordnung, jene unumkehrbare Über- und Unterordnung, uns ist vielleicht die Disziplin des Dienstes am Wort fremd geworden, in der Gott allein so gedient werden kann, wie er es haben will und fordert: so, dass wir nicht etwa im heiligsten Eifer dennoch uns selbst dienen. Ich sage das, weil ich im Voraus antworten möchte auf diese Frage nach der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Das ist sicher, dass wir diese Frage nicht stellen könnten, wenn wir bei unserem Dienst am Wort diese unsere letzte, höchst formale, aber höchst radikale Feststellung vor Augen hätten: Wir müssen, wie Calvin gerne sagte, Schüler der Heiligen Schrift werden!54