1934

Der Christ als Zeuge

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DER CHRIST ALS ZEUGE

1934
1. Vortrag

Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den Barth am 7. August 1934 auf der Internationalen Sommerkonferenz des Christlichen Studentenweltbunds gehalten hat.1

Bereits im Vorjahr war Barth von Pierre Maury, seit 1930 Sekretär des Christlichen Studentenweltbunds, gebeten worden, auf der Sommerkonferenz vom 3. bis 9. August 1933 einen Vortrag über das Gebet zu halten.2 Maury hatte dabei darauf hingewiesen, «que notre public est composé d’étudiants […] qui ne sont pas des théologiens de profession et à qui il faut apporter un message de forme intellectuelle assez simple»3 . Damals hatte Barth aus Termingründen abgesagt, aber auch hinzugefügt: «Wenn ich Alles wohl überlege, muss ich mir sagen, dass solche Arten von Konferenzen mehr direkt erbaulichen Charakters nicht eben das sind, wozu gerade ich mich begabt und berufen fühle.»4 Als Barth 1934 – diesmal auch von Willem A. Visser ’t Hooft5 , dem Generalsekretär des Christlichen Studentenweltbunds – erneut zur Sommerkonferenz eingeladen wurde, sagte er zu.6

368 Trotz des Verbots, größere Reisen, besonders Auslandsreisen, zu unternehmen,7 fuhr Barth Ende Juli wie gewohnt, jedoch zwei Tage früher als ursprünglich geplant, in die Schweiz, um dort seine Ferien zu verbringen.8 Nach einem Besuch bei Eduard Thurneysen in Basel trafen er und Charlotte von Kirschbaum am 31. Juli in Oberrieden ein, wo man die Tage bis zur Konferenz im Ferienhaus Rudolf Pestalozzis, dem «Bergli», verbrachte.9

Die in diesem Jahr besonders gut besuchte Konferenz10 fand in einem Knabeninternat in La Châtaigneraie sur Coppet (Kanton Waadt) statt. Barth traf dort am Nachmittag des 6. August in Begleitung Charlotte von Kirschbaums, Gerty Pestalozzis, seiner Mutter und seiner Schwägerin Gertrud ein.11 Am folgenden Tag hielt er seinen Vortrag. Für diesen hatte er kein wörtliches Manuskript ausgearbeitet, |369 sondern nur sechs Thesen vorbereitet, die er den Zuhörern aushändigte und in freier Rede erläuterte.12 Anschließend fand eine Diskussion statt. Visser ’t Hooft übersetzte den Vortrag und Barths Diskussionsbeiträge fortlaufend ins Englische, Maury ins Französische. Auf Wunsch Visser ’t Hoofts, der Vortrag und Diskussion auf Englisch veröffentlichen wollte, fertigte Charlotte von Kirschbaum ein Stenogramm an, das sie nach der Rückkehr aufs Bergli am 10. und 11. August abtippte13 und einigen Freunden und Verwandten Barths zuschickte. Das Stenogramm und das Original der Nachschrift sind nicht erhalten.

2. Diskussion

Barths Vortrag wurde Gegenstand einer eingehenden Diskussion. Deren erster Teil fand noch am 7. August statt, der zweite folgte am Morgen des 8. August. Während der auf der Nachschrift Ch. von Kirschbaums beruhende Abdruck Barths Voten wörtlich wiedergibt, sind die an ihn gerichteten Fragen dort nur in zusammengefasster Form dokumentiert. Barth begründete das im Vorwort zur Veröffentlichung so: «Die mir von den dort anwesenden Zeitgenossen gemachten Einwände waren denen, die ich in Deutschland zu hören gewöhnt bin und die sicher auch allen meinen deutschen Lesern bekannt genug sind, so ähnlich, dass ich es nicht für nötig hielt, sie ausführlich wiederzugeben.»14 Dagegen verwies Visser ’t Hooft in seiner Einleitung zur englischen Übersetzung der Diskussion auf von ihm nicht näher spezifizierte «linguistic reasons».15

370 Barths Eindrücke von der Konferenz, die stark vom Diskussionsverlauf geprägt wurden, waren zwiespältig. «Es war, je nachdem man es betrachten will, eine ermüdende und eine erquickende Sache. Ermüdend, weil ich dort wirklich fast ununterbrochen Auskunft geben musste, nicht zuletzt einigen theologisierenden Damen, die mich etwas ungeduldig werden ließen.16 Erquickend, weil immerhin das dritte Reich in großer Ferne war und die munteren Engländer, Amerikaner und Franzosen eine an sich erholende Gesellschaft bildeten.»17 Besorgt nahm er zur Kenntnis, dass er «mit den Ausländern schließlich ganz am gleichen Punkt zusammengestoßen» sei, «an dem sich in Deutschland jedenfalls in der Kirche Alles» entscheide; er schloss daraus, «dass die andern evangelischen Kirchen mitnichten besser darauf vorbereitet sind, einen solchen Stoß zu empfangen, als jetzt die deutsche! Da |371 kann man wohl sorgenvoll in die Zukunft sehen!»18 Nach Charlotte von Kirschbaum konnte man der Diskussion entnehmen, «dass speziell die angelsächsische Welt nicht geradezu prädestiniert scheint für die reine Lehre und dass Karl ein wenig energische Töne anschlagen musste.»19

Dagegen hatte ein amerikanischer Teilnehmer der Konferenz den Eindruck, dass sie «overwhelmingly Barthian» gewesen sei. Die Diskussionen mit Barth verglich er mit einer «small hand of pygmies throwing darts at an elephant. The elephant was more annoyed than wounded and almost treated with pity those who thought they could thus slay him. […] Human reason was put to flight by the Barth – ­’t Hooft – Maury onslaught, and that sets rather uneasily on most American minds. But then, they may be right – who knows?»20

Visser ’t Hooft versuchte den Eindruck, die Konferenz sei gegen Barth gewesen, in seiner Einleitung zur englischen Übersetzung zurechtzurücken: «And in spite of the impression created by the deluge of objections and of Karl Barth’s own feeling at certain moments of the discussion it was certainly not true that the Federation Conference was solidly opposed to Barth’s message. For the delegates who felt in agreement with Barth let Barth speak for them and did not participate in the discussion. And for many others Barth’s approach was too unexpected and too new to take any well defined attitude to it.»21 Er nahm wohl auch deshalb von seinem Einfall, die Diskussion unter der Über|372schrift «Karl Barth contra mundum» abdrucken zu lassen, wieder Abstand.22

Nachdem Barth sich im Laufe des August dazu durchgerungen hatte, die Reihe «Theologische Existenz heute» trotz der Beschlagnahme der von ihm bisher geschriebenen Hefte und der Zensur-Auflagen fortzusetzen,23 entschied er sich, im nächsten Heft diesen Vortrag mitsamt der Diskussionsnachschrift abdrucken zu lassen:24 Karl Barth, Der Christ als Zeuge (ThExh 12), München 1934 📖 (S. 5–17: Vortrag 📖; S. 18–31: Diskussion 📖). Die englischen Übersetzungen beider Teile veröffentlichte Visser ’t Hooft noch im selben Jahr unter den Titeln The christian as witness25 und Karl Barth before the world 📖26. Ein geringfügig in Schreibweise, Zeichensetzung und Textgestaltung abweichender Nachdruck des Vortrags, bei dem darauf verzichtet wurde, auch die Diskussion erneut mit abzudrucken, erschien in Th.Fr.u.A., S. 185–196.27

Dem folgenden Abdruck liegt der vollständige Abdruck beider Teile in ThExh zugrunde, auf den sich auch die zwischen senkrechten Strichen kenntlich gemachte Originalpaginierung bezieht.

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1. Der Christ als Zeuge

Liebe Freunde!

Ich möchte versuchen, auf die Frage, die durch unser Thema gestellt ist, Antwort zu geben, indem ich Ihnen einige Mitteilungen mache über das, was nach meinem Verständnis und Urteil aus der heiligen Schrift zu lernen ist über den Begriff des Zeugen und des Zeugnisses. Die Thesen, in denen ich meine Erkenntnisse von dieser Sache zusammengefasst habe, sind in Ihren Händen, und es ist nun meine Aufgabe, Ihnen diese Thesen kurz zu erläutern.

I. Zeugnis ist ein menschliches Wort, dem von Gott die Mächtigkeit gegeben ist, anderen Menschen die Herrschaft , die Gnade und das Gericht Gottes in Erinnerung zu rufen. Wo menschliches Wort diese Mächtigkeit hat, da ist die Kirche.

Ich möchte zunächst vier Bemerkungen zu dieser ersten These machen:

1. Zeugnis ist ein menschliches Wort. Wenn die heilige Schrift vom Zeugnis und vom Zeugen spricht, so meint sie immer eine menschliche Rede, die an andere Menschen ergeht, sie meint Worte, wie Menschen sie aussprechen und hören können. Das ist auch dann die Meinung der heiligen Schrift, wenn es heißt, dass Gott selber Zeuge ist28 oder dass Engel seine Zeugen sind [vgl. Apk. 22,16], oder wenn, wie etwa im Alten Testament die Gesetzestafel,29 gewisse Gegenstände Zeugnis Gottes genannt werden.30 Es ist immer Rede, die an Menschen ergeht. Und wenn es Röm. 2,15 heißt: dass das Gewissen den Menschen Zeugnis gibt, so ist bezeichnend, dass es auch dort heißt: dass das «Werk des Gesetzes» in ihren Herzen geschrieben steht, dass es also lesbar, dass es Rede ist. Es gibt auch andere Kundgebungen Gottes. Gott teilt sich auch durch Taten mit. Das nennt die Bibel Zeichen.31 Im Ganzen aber meint 6 sie, wenn sie von Zeugnis spricht, Worte, die von Menschen zu Menschen gesprochen werden. Und |374 Ausnahmen, wie etwa Joh. 5,36 und Hebr. 2,4, in denen die Werke als Zeugnis bezeichnet werden, bestätigen nur diese Regel.

2. Dieses menschliche Wort hat die Aufgabe, anderen Menschen die Herrschaft, die Gnade und das Gericht Gottes in Erinnerung zu rufen. Zeuge ist ein Begriff aus der Sprache des Rechtes, der Justiz. Wenn Gott Zeugen bedarf, so ist der Gedanke der, dass ein Prozess geführt wird zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Gottes Sache, Gottes Recht, das siegen muss. In diesem Prozess ruft Gott Zeugen auf gegen die Menschen, die von ihm abgefallen sind, die ihm gegenüber Verstockte sind, die ihm in Feindschaft begegnen. Diese Menschen zeugen von Gottes Herrschaft, Gnade und Gericht. Sie zeugen im Alten Testament von dem Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, und sie zeugen im Neuen Testament von den Taten, dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi, von der Offenbarung des Geheimnisses Gottes, die in ihm auf den Plan getreten ist. Luc. 24,48: Ihr aber seid des alles Zeugen, oder 1.Joh. 4,14: Und wir haben gesehen und zeugen…, 1.Joh. 1,2: Und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das Leben, das ewig ist, und 1.Joh. 5,11: Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben hat gegeben; und solches Leben ist in seinem Sohn.

3. Zeugnis ist ein menschliches Wort, dem von Gott die Mächtigkeit gegeben ist… Ich will damit sagen: Zeugnis im Sinne der heiligen Schrift ist ein Wort, das eine bestimmte Dynamik hat. Es versteht sich nicht von selber, dass es solche Worte gibt, eine solche Rede, die diese Aufgabe hat, anderen Menschen die Herrschaft, die Gnade und das Gericht Gottes in die Erinnerung zu rufen. So wenig es natürlich ist, dass es das gibt: Herrschaft, Gnade und Gericht Gottes, so wenig ist es natürlich, dass32 es hievon Zeugnis gibt: Zeugen, die berufen, die befähigt sind zu dieser Funktion, die die Autorität und die Macht dazu haben. Nicht jeder Mensch ist ein Zeuge. Zeugen sind die Propheten, die Apostel, die Jünger,33 Nehem. 9,30. Diese Macht des Zeugnisses beruht nach der heiligen Schrift nicht in einer Eigenschaft der betreffenden Menschen, nicht in ihrer Frömmigkeit, 7 nicht in ihren Taten, |375 auch nicht etwa in ihrem Leiden, wie der spätere Begriff des Märtyrers es angibt, sondern ganz und allein darin, dass Gott es ist, der in seinem Prozess mit dem Menschen nun diese besonderen Menschen, Jünger, Apostel, Propheten, auserwählt zu Zeugen für seine Sache.

4. Wo menschliches Wort diese Mächtigkeit hat, da ist die Kirche. Kirche, Gemeinde, im Sinne der heiligen Schrift ist der Ort, wo dieser Prozess zwischen Gott und Mensch geführt wird, in dem Gott diese seine Zeugen auf den Plan führt. Im Alten Testament ist dies das Volk Israel, im Neuen die ecclesia, die Gemeinde Jesu Christi. Auf diesem Felsen – Matth. 16,18 – will ich meine Gemeinde bauen. Oder Eph. 2,20: So seid ihr «erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist». Wo das dynamische Wort des Zeugnisses gesprochen und gehört wird, da ist die Kirche.

II. Der ursprüngliche und eigentliche Zeuge Gottes ist kein Mensch, sondern Gott selber. Auf seinen Befehl und in seinem Dienst werden, sind und bleiben Menschen Zeugen seines eigenen Zeugnisses.

Wir treten hier in das Zentrum der Überlegungen, die wir heute hier anzustellen haben. An dieser These wird sich alles entscheiden. Wenn ich Ihnen hier sagen kann, was zu sagen ist, so habe ich es recht gesagt, und wenn Sie hier verstehen, was zu verstehen ist, so haben Sie recht verstanden. –

Es wäre hier wieder auf Eph. 2,20 zu verweisen: «da Jesus Christus der Eckstein ist». Damit ist zu vergleichen 1.Joh. 5,9: «So wir der Menschen Zeugnis annehmen, so ist Gottes Zeugnis größer…» Und so kann es uns nicht wundern, dass wir nun feststellen müssen, dass (obwohl die Bestimmung zu Recht besteht: Zeugnis ist menschliches Wort! ) in der heiligen Schrift als derjenige, der eigentlich Zeugnis gibt, nicht dieser und dieser Mensch genannt wird, sondern unverkennbar Gott selber. Es wären dazu eine ganze Reihe von Stellen aus dem Alten Testament zu nennen und nicht minder aus dem Neuen. Gott ist es, der von Gott zeugt. Der Vater, wie es im Johan8nesevangelium heißt [vgl. Joh. 5,37; 8,18], oder auch Jesus Christus Apc. 1,5 oder auch der Heilige Geist 1.Joh. 5,6: «Der Geist ist’s, der da zeugt; denn der Geist ist die Wahrheit.» Wahrheit heißt in der heiligen Schrift die sich selbst offenbarende, die sich selbst mitteilende Wirklichkeit Gottes. Wie sollte es auch anders sein, wie könnte auch ein Mensch Gottes |376 Zeuge sein? Gottes Zeuge kann nur Gott selber sein nach allem, was die heilige Schrift über Gott und Mensch aussagt. Der Mensch ist ein Geschöpf, ist sterblich, ist Sünder, ist von Gott abgefallen. Wie sollte er geeignet sein können zum Zeugen Gottes? Für Gott muss Gott selber reden34 und für Gott ist nur Gott genugsam. Es dürfte doch wohl diese Einsicht die Grundeinsicht sein, die nötig ist für den Menschen, der nun seinerseits ein Zeuge Gottes wird. Gerade die wirklichen Zeugen haben das gewusst und bekannt: Gott ist sein eigener Zeuge, Gott kann mein Zeugnis nicht brauchen. Ich bin kein geeignetes Instrument in Gottes Händen, sondern wenn Gott mich dennoch braucht, dann geschieht ein Wunder.35 Wenn ich rede, dann kann ich nur daraufhin reden, dass Gott selber redet, und mein Reden wird dann immer nur ein Hinweis darauf sein können. – Der ursprüngliche, der eigentliche Zeuge ist Gott selber und er ganz allein. Aber dieser Gott lässt das Wunder geschehen, lässt es geschehen im Geheimnis seines Willens, das wir nicht auflösen können, für das wir keine Begründung haben, dessen Wirklichkeit wir auch niemals werden beweisen können: dass Menschen da sind, die dennoch seine Zeugen sind. Er befiehlt und es geschieht [vgl. Ps. 33,9; 148,5]. Er will es also haben und es ist so, dass es Propheten, dass es Apostel, dass es Jünger gibt. Dieser majestätische Gott, der in dem Geheimnis wohnt, in einem Licht, da niemand zukann [1.Tim. 6,16], er ruft, er sendet, er legt Menschen Worte auf ihre Lippen, die sie sprechen sollen in seinem Namen. Wir können also eine Stelle wie Act. 1,8 «Ihr werdet meine Zeugen sein» nur verstehen, wenn wir verstehen: da ist eine unbegreifliche Herablassung Gottes. Dieser Gott in seiner Heiligkeit und seiner Barmherzigkeit, dieser Gott, der so fern ist von uns, tritt uns so nahe, dass es Menschen gibt, von denen das gelten kann: «Ihr werdet meine Zeugen sein». Die Gestalt Johannes des Täufers (Joh. 1,6f.19f.) ist die Zusammenfassung dessen, was die Bibel unter Zeuge versteht. Dort heißt es, nachdem zuvor von dem unaussprechlichen Geheimnis Gottes die Rede ist: «Es ward ein 9 Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Er war nicht das Licht, sondern dass er zeugte von dem |377 Licht.» [Joh. 1,6.8] Das ist die Gnade Gottes, dass es das gibt: Menschen, von Gott gesandt. Aber eben, das ist die Gnade Gottes, und das heißt: er, Johannes, war nicht das Licht. Gott zeugt, und der Mensch assistiert. Dass das erkannt wird, das ist die Grundbedingung für jeden wirklichen Zeugen, der ein Zeuge Gottes ist, damit steht und fällt die Möglichkeit, dass ein Mensch Zeuge sein kann, das ist die Würde eines menschlichen Zeugen und das muss die Regel seines Zeugnisses sein: Gott ist Zeuge, und ich bin durch ein unbegreifliches Wunder seiner Barmherzigkeit dahin gestellt, dass ich ein Zeuge seines eigenen Zeugnisses sein darf.

Die folgenden drei Thesen, III, IV und V, gehören zusammen. Ich möchte in diesen Thesen Antwort geben auf die, wenn Sie wollen, praktische Frage: Wie wird ein Mensch und wie ist ein Mensch und wie bleibt ein Mensch Gottes Zeuge? Die entscheidende und zusammenfassende Antwort auf diese drei Fragen ist in der These II bereits gegeben, und wir setzen sie nun voraus als auch für die folgenden Thesen gültig. Der Mensch wird, ist und bleibt Gottes Zeuge, weil Gott selber sein eigenes Zeugnis gibt. Wo er es gibt, und nur da, wird der Mensch ein Diener dieses eigenen Zeugnisses Gottes. Aber nun möchte ich diese allgemeine und zusammenfassende Antwort im Einzelnen etwas erklären dürfen. –

III. Ein Mensch wird Gottes Zeuge in der Dankbarkeit dafür, dass Gott uns sein eigenes Zeugnis schon gegeben hat.

Die erste dieser drei Fragen lautet: Wie wird man Zeuge? Ich habe das, was als Antwort auf diese Frage zu sagen ist, nach der heiligen Schrift zusammengefasst in das Wort: Dankbarkeit. Man wird ein Zeuge, indem man anerkennt, dass uns Gottes eigenes Zeugnis schon gegeben ist, weil er es uns gegeben hat. Dankbarkeit ist der Gegensatz zu allem eigenmächtigen Beginnen, zu allem Unternehmen, in dem der Mensch sich selber die Anlage und die Fähigkeit zuschreibt, ein Zeuge Gottes zu sein. Ein wirklicher Zeuge weiß, dass er zu einem Zeugen gemacht ist, zu 10 einem Zeugen berufen ist, er weiß, dass Gottes Zeugnis ihm, der Welt, bereits gegeben ist. Die Dankbarkeit des wirklichen Zeugen, diese Dankbarkeit, in der er ein Zeuge wird, darf nicht bloß darin bestehen, dass er weiß: Gott ist im Himmel und wir sind auf Erden [vgl. Pred. 5,1], Gott ist der Herr und wir sind die |378 Knechte,36 sondern diese Dankbarkeit muss nach der heiligen Schrift eine konkrete Dankbarkeit sein, in welcher der Mensch nicht nur gen Himmel blickt, sondern auch auf Erden, auch in seinem Leben, auch in der Wirklichkeit der menschlichen Geschichte Zeugnis Gottes schon vorfindet. Ein wirklicher Zeuge Gottes fängt nicht an als erster Zeuge, er blickt zurück auf Zeugen Gottes, die schon vor ihm da waren, und er nimmt ihr Zeugnis auf als Gottes Zeugnis. Er ist gehorsam gegenüber Gott und den Menschen, jenen Menschen, die ihm dieses Zeugnis gegeben haben. Denken Sie an den Psalm 119, der in 176 Versen immer wieder dieses Eine sagt: davon leben wir, darauf hoffen wir, darauf schauen wir, das wollen wir hören, uns sagen: Gottes Zeugnis, Gottes Recht, Gottes Gebot. Indem der Mann, der diesen Psalm geschrieben hat, das sagt, wird er selber ein rechter Zeuge. Er anerkennt: es gibt schon Zeugnis. Und das ist die Haltung der ganzen heiligen Schrift. Die Propheten beginnen nicht mit irgend einem Enthusiasmus, sondern sie stellen sich auf den Boden des mit Israel geschlossenen Bundes und sagen nichts anderes, als was Gott von jeher seinem Volke gesagt hat. Sie treten in die Reihe mit ihren Vätern und verkündigen im Rückblick und Aufblick zu ihnen Gottes Wege. Genau so steht es im Neuen Testament. Das Wort Jesu im fünften Kapitel des Matthäus: «Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen…» [Mt. 5,17] will sehr konkret verstanden sein. Und so hat Paulus, der vielleicht mehr als die andern Apostel das Neue empfand, das mit Jesus Christus in die Welt gekommen war, Röm. 3,21 sagen können und sagen müssen: «Gottes Gerechtigkeit ist offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.» Auch er stellt sich als Verkünder Jesu Christi in die Reihe der Zeugen, die ihm vorangegangen sind im alten Bund. Er sagt das ganz Neue, das er zu sagen hat, auch wieder als das ganz Alte, das von jeher Gott bezeugt hat. Zusammenfassend: Es kommt für uns als Christen, wenn wir Zeugen werden wollen, nicht in erster Linie darauf an: Habe ich den Heiligen Geist und was tue ich im Heiligen Geist?, sondern ganz schlicht zunächst einmal darauf, dass wir uns klar werden darüber, was 11 das bedeutet, dass wir getauft sind und also in der Kirche Jesu Christi, in der Kirche Gottes stehen. In der Erinnerung an unsere Taufe haben wir die Erinnerung an die |379 Gewissheit des Wortes, das die Welt überwindet [vgl. Joh. 16,33; 1.Joh. 5,4f.], weil wir uns mit unserer Taufe erinnern an das Wort, das uns selbst überwunden hat. Die große Frage, die am Anfang der Existenz eines Zeugen steht, ist: Ist dir selber etwas gesagt, ehe du hingehst und anderen etwas sagst? Gestern Nachmittag in einer Diskussion37 tauchte hier die Frage auf: Gilt das den Christen Gesagte auch für die Welt? In dieser Frage scheint das, was hier angedeutet ist von der Dankbarkeit, noch nicht bedacht. Wenn das Leben eines Zeugen Jesu Christi wirklich beginnt mit der Dankbarkeit für das Zeugnis, das Gott uns schon gegeben hat, dann können wir nicht daran denken, der Welt etwas anderes sagen zu wollen als dieses Eine. Nur darum wird es gehen können, dieses Eine, das durch Gesetz, Propheten und Apostel bezeugt ist, wieder zu sagen. Die Frage unserer Zeugenschaft wird sein: Sind wir dankbar genug für das, was wir selber empfangen haben? Und in dieser Dankbarkeit gegen das schon vorhandene Zeugnis dürfte sich dann spiegeln die Dankbarkeit gegen Gottes eigenes Zeugnis, dessen Diener wir nun sein wollen. Wenn wir nicht dankbar sein können, dann verstehen wir schwerlich jene Grundbedingung des eigenen Zeugnisses Gottes, das allein imstande ist, einen Menschen durch das Wunder der Barmherzigkeit zu seinem Zeugen zu machen.

IV. Ein Mensch ist Gottes Zeuge in der Ehrfurcht, in der er sein Wort dem Zeugnis Gottes selbst unterordnet.

Die zweite Frage lautet: Wie geschieht das, dass nun wirklich ein Mensch von Gott Zeugnis ablegt? Ich möchte die Antwort auf diese Frage zusammenfassen in das Wort: Ehrfurcht. Ehrfurcht ist die Haltung eines Knechtes gegenüber seinem Herrn, eines Menschen, der nicht einen eigenen Plan zu vollziehen, sondern der auf einen Befehl zu warten hat. Ich möchte an einen Begriff erinnern, der in der Nähe liegt, den Begriff des Respektes. Respekt kommt von respicere, hinblicken. Zeugnis wird da abgelegt, wo ein Mensch hinblickt auf das, was Gott befohlen hat. Aufs Neue stehen wir vor der Tatsache: Ein 12 Zeuge sein heißt ein Mensch sein, dessen Eigenmächtigkeit angegrif|380fen ist, der nicht mehr sein eigener Herr ist, der zu gehorchen hat. Ich möchte auch hier erinnern an Johannes den Täufer Joh. 5,35: «Er war ein brennend und scheinend Licht.» «Ein Mensch, von Gott gesandt.» [Joh. 1,6] Aber dieser Johannes hat nicht eine eigene Botschaft mitzuteilen, nicht eine Wahrheit, die er gefunden hat und von deren Richtigkeit und Wichtigkeit er sich überzeugt hätte, sondern eine Botschaft, die die Botschaft eines anderen ist. Joh. 3,29: «Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam». Johannes weist hin auf Jesus Christus. Joh. 1,36: «Siehe, das ist Gottes Lamm!» Johannes der Täufer, dieser wirkliche Zeuge, ist ganz und gar Hinweis ohne eigene Subsistenz, ohne eigene Wichtigkeit als eben die, dass er zeugt, dass er hinweist. Das ist seine Größe, dass er von sich selber weg und auf diesen anderen hinweist. Joh. 3,30: «Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.» An ihm sehen wir, dass Zeuge sein nicht bedeuten kann, dass ein Mensch ein Thema vorträgt, dass er ein Sujet hat, das ihn bewegt und erfüllt. Ein Zeuge steht nicht da mit dem Anspruch: Ich habe euch etwas zu sagen. Gewiss, er hat etwas zu sagen, aber all sein Sagen kann nur Erinnerung sein daran, dass Gott etwas gesagt hat und etwas sagen wird. Es kann nur in dieser strengen Unterordnung geschehen. Damit kommen wir auf den wichtigen Grundsatz alles christlichen Zeugnisses: Die Kirche steht nicht in der Welt mit einer Botschaft von gewissen Ideen und Weisungen über den Zustand der Welt, sondern wir stehen in der Welt im Grunde nur mit einem Buch in der Hand und haben keine andere Möglichkeit, Zeugnis abzulegen, als die, dieses Buch zu erklären. Und wenn man uns fragt: Was habt ihr zu sagen?, so können wir nur antworten: Hier ist etwas gesagt, und das wollen wir hören. Immer, wenn wir unsere eigenen Ideen zum Thema machen, ist das Zeugnis nicht mehr rein. Dann ist es schon nicht mehr Johannes, der sagt: «Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen38» [Joh. 3,30], sondern dann steht da ein kleiner Philosoph oder vielleicht auch ein kleiner Theolog, der vielleicht sehr bewegt ist, der es vielleicht sehr ernsthaft, sehr gut meint, aber der im Sinne der heiligen Schrift kein Zeuge ist. Ein Zeuge im Sinne der heiligen Schrift ist nur ein Ausleger, ein Erklärer, ein Hermeneut, ein Mann, der dahin zeigt, wo die Propheten und Apostel gesprochen haben. Gewiss: dieser Zeuge hat 13 seine Ideen und Über|381zeugungen, er steht im Leben, in einer bestimmten geschichtlichen Situation, aber alles wird nun darauf ankommen, dass hier diese Unterordnung stattfindet: er der Herr und ich der Knecht. Echtes Zeugnis wird alles Zeugnis sein, das gesprochen ist in diesem Verhältnis der Unterordnung. Wir können nicht verhindern, dass wir auch unsere Ideen und Überzeugungen aussprechen, aber alles hier Auszusprechende muss durch das Sieb des biblischen Textes gehen. Es wird dafür gesorgt sein, dass der Mensch nicht ganz stirbt, aber wir müssen uns hüten davor, ein zweiter Meister neben dem einen sein zu wollen. Unterordnung heißt hier diese konkrete Disziplin. Es geht nicht nur um Unterordnung vor Gott im Himmel, sondern diese Ehrfurcht muss sich konkretisieren hier auf Erden, und darum muss das Buch dazwischentreten und die Regel angeben, nach der wir zu laufen haben. So haben es die Propheten und Apostel gehalten, und wenn wir als Christen zeugen wollen, dürfen wir es nicht anders halten.

V. Ein Mensch bleibt Gottes Zeuge in der Hoffnung, dass Gott uns sein eigenes Zeugnis wieder geben will.

Die dritte Frage lautet: Wie bleibt der Mensch Zeuge? Wir hören in der heiligen Schrift von Menschen, die Zeugen sind und Zeugen bleiben. Wir hören nicht nur davon, dass da und dort Zeugnis gegeben wird, so wie ein Blitz vom Himmel herniederzuckt, obwohl wirkliches Zeugnis immer ein solcher Blitz in der Dunkelheit sein wird. Wir hören von der Existenz von Zeugen, von Menschen, die in ihrem Leben diese Aufgabe haben, die sich in dem Stand des Zeugen befinden. Und wir dürfen an der Frage nicht vorübergehen: Wie ist es möglich, dass ein solcher Mensch ein Zeuge bleibt, dass von ihm mit Recht wieder echtes Zeugnis erwartet werden darf? Dass dieser Mensch in seiner Existenz in diese Ordnung hineingestellt ist, in welcher die Apostel und Propheten den Anfang bilden, dass er die Kirche vertreten kann und dass man mit Recht von ihm erwarten darf, er wird sie vertreten und anderen Menschen Erinnerung sein an Gottes Herrschaft, Gnade und Gericht! Wie ist das möglich? Wir kommen nicht darum herum, auch von dieser Seite zu sagen: Es kann nur 14 das Wunder der Barmherzigkeit Gottes sein, wenn dem so ist. Gott ist an keinen Menschen gebunden, auch nicht an seine Propheten und Apostel, sondern sie sind an ihn gebunden. Es sind nicht die persönlichen, |382 auch nicht die religiösen und moralischen Eigenschaften dieser Menschen, die sie zu Propheten und Aposteln gemacht haben. So können sie auch keine Garantie dafür bilden, dass sie Zeugen bleiben ihr Leben lang. Sondern – und nun komme ich zu dem Begriff der Hoffnung – wenn diese Menschen nicht nur da und hier Zeugen waren, sondern blieben und wieder wurden, so darum und darin, weil sie ausgestreckt und ausgerichtet waren auf die Hoffnung, in der Erwartung: derselbe Gott, der sich bezeugt hat und dem ich dienen darf, wird sich wieder bezeugen. Wenn ich untreu bin, und ich bin untreu – gerade ein echter Zeuge weiß das und sagt das –, so ist und bleibt doch Gott treu und zieht seine Verheißung nicht zurück, sondern macht sie immer wieder wahr.39 Ein Zeuge Jesu Christi bleibt darin Zeuge und bleibt so Zeuge, dass er immer wieder zurückkehrt zu der Bitte: Veni Creator Spiritus!40 Creator! Ich bin in meinem christlichen Lebensstand nicht wie ein Mensch, der vor einer Quelle sitzt und die Wasser fließen sieht und weiß, sie werden weiter fließen. Nein, wenn sie weiter fließen, wenn es weitergeht in meinem Christenleben, so ist das Schöpfung Gottes. Ich habe bei der ersten Frage: Wie wird man ein Zeuge? hingewiesen auf die Taufe. Ich möchte nun bei der Frage: Wie bleibt man ein Zeuge? hinweisen auf das andere christliche Sakrament, auf das heilige Abendmahl, das uns ganz und gar dieses Eine sagt und immer sagen will: Christus tritt ganz für uns ein, er speist und tränkt uns mit seinem Leib und Blut zum ewigen Leben. Er! Das heilige Abendmahl ist das Sakrament der Hoffnung, das Sakrament der Zukunft. Das christliche Leben spielt sich ab nicht zwischen unserer Geburt und unserem Tod, sondern zwischen unserer Taufe und dem heiligen Abendmahl, das uns immer wieder die Gegenwart Jesu Christi für uns verkündigt, die Gegenwart Jesu Christi als dessen, der gut macht -40, was wir nicht gut machen41- können. Eine Hoffnung haben, das heißt: Jesus Christus vor |383 sich haben als den, der gut macht-41-, was wir schlecht machen. Der Mensch, der auf diesem Wege ist, der Mensch, der zum heiligen Abendmahl geht, der dieser Zukunft entgegengeht: Christus für mich!, der wird ein Zeuge bleiben. 15 Denn er steht nicht auf dem Grund seines eigenen Gutseins und Frommseins und Ernstseins, sondern auf dem Grund: Gott wird Recht behalten, denn er hat schon Recht behalten in Jesus Christus gegen alle Menschen für alle Menschen. Nachdem das ein für allemal geschehen ist: Es ist vollbracht! [Joh. 19,30], ist unsere Zukunft und die Zukunft der Welt klar und der Weg auch für den Zeugen Jesu Christi offen. Er steht unter dem Zeichen: Dein Reich komme! [Mt. 6,10; Lk. 11,2]

VI. «Der Christ als Zeuge» ist der Mensch, der vor der Weisheit und Torheit42 seines menschlichen Wortes auf der Flucht ist zum Zeugnis Gottes. Immer in dieser Flucht und nie und nirgends sonst wird die Kirche sichtbar.

Wir kommen zum Schluss. Die 6. These ist die Zusammenfassung. Ich will versuchen, nun noch einmal mit etwas anderen Worten das Ganze zu sagen. Der Christ als Zeuge, er ist der Schüler der biblischen Zeugen. Wenn Sie das verstanden haben und fassen konnten, dann haben Sie43 verstanden, was ich Ihnen sagen wollte. Es ist sehr viel leichter, ein Meister als ein Schüler zu sein in dieser Beziehung. Wir alle möchten immer wieder Meister sein, das heißt die Bibel und die biblischen Zeugen verstanden haben und etwas mit ihnen anzufangen wissen. Als echte Zeugen aber können wir hier nur Schüler werden, sein und bleiben. Es handelt sich hier um eine Schule, aus der man nicht etwa eines Tages entlassen wird, um dann seinerseits Meister zu werden, sondern in der man mehr und mehr zum Schüler wird und in der man sich alle «Freiballonfahrten» mehr und mehr versagt. Was ist hier zu lernen in dieser Schule der biblischen Zeugen? Ich habe es in der These ausgedrückt mit dem Bilde der Flucht. Flucht meint auf alle Fälle eine ziemlich lebhafte Bewegung. Es wird also dafür gesorgt sein, dass hier etwas geschieht, und es soll mir in der Diskussion nachher niemand das Jammerlied von der fehlenden Aktivität anstimmen. |384 Flucht ist ein höchst aktiver Begriff! Durchaus um Bewegung, und zwar um sehr rüstige Bewegung geht es hier, aber allerdings auch um eine sehr bestimmte Bewegung. Wer auf der Flucht ist, der flieht von etwas weg zu etwas hin. Er hat ein Woher 16 und ein Wohin. In der These sage ich: Der Mensch ist auf der Flucht vor der Weisheit und Torheit seines menschlichen Wortes. Von beiden hat er sich in höchster Eile zu wenden zu dem Zeugnis des biblischen Wortes. Hätte ich Ihnen nur gesagt: er hat sich abzuwenden von der Torheit seines menschlichen Wortes, Sie würden das alle verstanden und gebilligt haben. Und in der Tat, er hat sich auch davon abzuwenden, er soll nicht töricht und nicht böse sein. Aber der eigentlich zu fliehende Feind tritt doch erst dann in Sicht, wenn wir uns klar darüber sind, wir müssen auch und gerade vor der Weisheit unseres eigenen Wortes fliehen. Denn erst dann, wenn wir beides zusammenschauen: unsere Dumpfheit und unsere Klarheit, unsere Einsichten und unsere Irrtümer, erst dann verstehen wir, was eigentlich passiert und was das große Hindernis ist, das dem Menschen im Wege steht und ihn hindert, ein Zeuge Gottes zu sein. Denn, nicht wahr, dieses Gemisch von Weisheit und Torheit, das sind wir, der Mensch, gegen den Gott seinen Prozess führt. Gegen dieses Geschöpf muss Gott recht behalten, dieses Geschöpf hat Gott lieb, dieses Geschöpf will er erlösen, und damit das geschehen kann, darum muss ihm Gottes Zeugnis zugerufen werden. Und wenn wir aufgerufen sind, Gottes Zeugen zu sein, dann muss uns dies ganz klar sein: es geht hier um zwei sehr verschiedene Größen, um dieses Geschöpf in seiner Weisheit und Torheit auf der einen, um Gottes Zeugnis auf der andern Seite. Und der Weg geht von diesem weg44 zu jenem hin. Die zwei finden sich wohl zusammen, aber nur so, dass es zu der Bewegung von hier nach dort kommt: Gott hat recht, und ich habe unrecht, Gott hat mich lieb, und ich lebe davon, dass er mich lieb hat. Diese Beziehung ist zu vergleichen einem Gespräch, in dem der eine zu reden, der andere zu hören hat. Und es kommt alles darauf an, dass wir das recht verstehen, dass wir die Flucht ergreifen von uns weg dorthin zum Zeugnis Gottes. Wir müssen fliehen, auch und gerade vor unserer Weisheit. Auch sie gehört zu dem Menschen, zu dem Geschöpf, das Gott nötig hat. Und nun |385 möchte ich noch besonders betonen dürfen: Wenn ich sage Weisheit, so meine ich nicht etwa nur die profane Weisheit, sondern auch und gerade die christliche Weisheit, die Weisheit der Theologie z. B.! Es ist hier gestern Abend eine Anekdote erzählt worden von einem japanischen Professor, der der Weisheit letz17ten Schluss darin gefunden zu haben glaubt, dass er für das innere Leben Karl Barth, für das äußere Leben Karl Marx verehrt. Sie haben hier ein klassisches Beispiel eines Menschen, der, statt vor aller menschlichen Weisheit zu fliehen, sich in sie zu retten sucht! Alles würde darauf ankommen, dass er diese beiden «Karls» dahinten ließe, rechtsumkehrt machte und in größtmöglichster Eile von hier weg nach dort strebte! Sind wir Menschen so daran, dass wir wissen: wir müssen fliehen? Oder erwarten wir doch noch etwas von diesem Hier? In dem Maße, als wir das tun, sind wir noch nicht geschickt zu Zeugen Gottes. Das Hier45, das ist mein Ausgangspunkt, aber nur Ausgangspunkt! Paulus: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, das da vorne ist! Phil. 3,13. – Die andere Seite ist das Zeugnis Gottes. Die Gegenwart Gottes ist menschlich gesprochenes Wort in seiner ganzen Konkretheit. Es gibt für uns nicht nur das Wort unserer Weisheit und Torheit, sondern auch das Wort der Weisheit und Torheit Gottes. Diesem Wort können wir dienen, auf dieses Wort können wir hoffen. Haben wir es, wissen wir es? Wir wollen wahrhaftig nicht dorthin fliehen, um die Welt zu negieren. Nein, der, der hier verstanden hat, der wird die Wendung fröhlich und selbstverständlich vollziehen, wissend, dass es einen Ort gibt, zu dem er fliehen darf, der auf ihn wartet: Gottes Zeugnis. Vor diesen beiden Fragen stehen wir alle: Ist uns unsere Weisheit und Torheit schon zu dem geworden, das wir fliehen müssen, und ist uns Gottes Weisheit und Torheit schon die Burg geworden, in die wir fliehen dürfen? [vgl. Ps. 18,3; 71,3 u. ö.] Ich kann diese Frage nicht für uns alle beantworten. Ich kann Ihnen nur sagen: um diese beiden Punkte geht es. Hier fällt die Entscheidung, ob wir Zeugen Gottes sind. Ich kann nur hinweisen auf die Propheten und Apostel. Bei ihnen ist die Entscheidung gefallen: von hier weg nach dorthin. Und wenn wir ihre Schüler sind, so müssen wir das tun, was Schüler zu tun haben: wir müssen lernen. Wenn Sie verstanden haben, was ich |386 Ihnen heute sagen wollte, so müssen Sie es verstanden haben als eine Aufforderung, in diese Schule zu gehen, in der diese Flucht gelernt wird. Immer in dieser Flucht und nirgendwo sonst wird Kirche sichtbar. Kirche ist da, wo jene Schule ist, in der dieser Meister alleiniger Meister ist [vgl. Mt. 23,8] und in der Schüler sind, die bei diesem Meister lernen wollen.

18

2. Diskussion

Karl Barth antwortet auf die Frage einer Amerikanerin, die dahin lautete, wie der Vorgang der «Flucht»46 wohl in psychologischen Termen zu beschreiben sei:

Wenn ich auf diese Frage Antwort geben soll, so möchte ich vor allem bemerken dürfen, dass ich in meinem Vortrag von heute Morgen nicht etwa eine Selbstbeschreibung geben wollte, sondern eine Beschreibung des biblischen Zeugen. Er ist ein Mensch und infolgedessen muss es wohl möglich sein, sein Verhalten auch mit psychologischen Kategorien zu umschreiben. Unmöglich hingegen ist eine allgemeine Antwort oder Beschreibung dessen, was in jenem Vorgang geschieht, den ich mit Flucht bezeichnete. Es wurde in der Frage die Oxfordbewegung als Beispiel angeführt, die ihre Mitglieder veranlasst, Notizen zu machen über ihr inneres und äußeres Leben.47 Ich könnte diese Möglichkeit nicht ausschließen, aber wenn etwa die Oxfordbewegung käme und sagte: Ein Zeuge muss solche Notizen machen, so würde ich allerdings sagen: Nein, ein Zeuge kann vielleicht auch sehr sorglos leben in dieser Hinsicht und nicht im Geringsten Notizen machen. Wollte man freilich sagen: Du darfst keine Notizen machen, so würde ich sagen: Ich will Notizen machen! Sie verstehen: der psychologische Bereich, in dem sich die Zeugenschaft abspielt, ist so breit wie das menschliche Leben überhaupt. Das Zeichen der Flucht kann nie eindeutig sein. Es kann sein, dass ein solcher Zeuge ein sehr ängstlicher Mensch ist, der sich auch äußerlich auf der Flucht vor dem Leben befindet. Es kann aber ebenso gut sein, dass es ein sehr |387 fröhlicher und starker Mensch ist, der mutig seines Weges zieht und der dennoch sich im Sinne meines Vortrages auf der Flucht befindet. Festlegen lässt sich dieser Vorgang in psychologischen Kategorien auf keinen Fall.

Die zweite Frage (eines Engländers) will in dem Vortrag eine Auseinanderreißung des Gottesbegriffs sehen in einen Schöpfer- und Versöhnergott, wobei der erste in Wahrheit kein guter Gott sei, da er den Menschen als ein böses Geschöpf erschaffen habe, das zu fliehen sei, und sie will ferner den Menschen nicht nur als Objekt, sondern auch als Subjekt verstanden haben in dem Pro19zess zwischen Gott und Mensch. Die Bibel nennt uns nicht nur Knechte, sondern auch Gottes Freunde.48

Barth: Was wir da eben als Einwand gehört haben, ist genau das Gegenteil von dem, was ich heute Morgen sagte. Der Herr Redner würde besser getan haben, kein anerkennendes und dankbares Wort vorauszuschicken, dem dann dieses but! folgte, sondern er würde besser gerufen haben: Falsch! Dann nämlich würden Sie mich verstanden haben. Dann wären wir im Gegenüber. Wo man hingegen meint, ein solches kleines but! anfügen zu müssen, ein kleines «it seems to me», da hat man überhaupt nicht verstanden! Liebe Freunde, ich will Ihnen sagen, dass ich in den vielen Diskussionen, die ich in nun bald 20 Jahren erlebt habe, immer wieder dies gehört habe: erst eine freundliche Zustimmung und dann das Aber, die kleine Hintertüre, zu der dann Alles wieder hereinschlüpfen konnte, was nun eben zurückgestellt werden sollte! Wenn wir uns jetzt klar in die Augen sehen, dann dürfen Sie mir nicht ein solches Ja-Aber zurufen, sondern dann muss es ein glattes volles Nein sein. – |

Um auf die Sache selbst einzutreten: Es ist alles ganz anders gemeint, als Sie es verstanden haben. Es ist wahrhaftig nicht meine Meinung, dass es zwei Götter gibt. Ich meinte alles getan zu haben, um gerade klarzumachen: es geht um den einen Gott und Herrn. Gott der Versöhner ist auch Gott der Schöpfer. Aber heißt denn das an Gott den Schöpfer glauben: glauben, dass es um den Menschen nicht so schlimm bestellt sei? So dass man doch noch sagen könnte: Gott und |388 der Mensch? Sie haben von Christus gesprochen. Ich will nur die eine Tatsache herausstellen: Christus meinte dem Menschen nicht anders helfen zu können, als dass er für ihn gestorben ist. Was bedeutet das? Für uns, für den Menschen? Gerade vor dieser Tatsache, vor dem Kreuz Christi und vor seiner Auferstehung, was können wir da Anderes sagen, als dass der Mensch als Mensch und ohne Christus verloren ist? Und verloren, das heißt nicht ein bisschen verloren, sondern ganz verloren. «Dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden.» [Lk. 15,32] Was an uns geschieht, das ist das Wunder Gottes. Es geschieht an dem Menschen, den Gott geschaffen hat, aber als Wunder der Barmherzigkeit Gottes. Der eine Gott erweist uns Barmherzigkeit. Und wenn dem so ist, wenn uns Barmherzigkeit widerfährt, wie sollte da noch von cooperation 20 die Rede sein können! Ich habe nicht gesagt, dass der Mensch nicht auch Subjekt sei. Aber nach der heiligen Schrift steht es so, dass diesem Subjekt nur geholfen werden kann damit, dass ein ganz anderes Subjekt für es eintritt. Ich glaube, wir müssen wieder ganz neu verstehen lernen, was in der heiligen Schrift die Stellvertretung Jesu Christi, die satisfactio bedeutet. «Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.» [Gal. 2,20] Und dem gegenüber kann man nicht sagen: but cooperation. Gewiss, wir sind keine Steine und keine Tiere, wir sind Menschen, sogar ganz nette Menschen, aber Christus hat uns nicht anders helfen können, als indem er für uns gestorben ist. Wir können uns nicht anders helfen lassen als von daher. Ich möchte Sie bitten, Ihr Urteil über den Menschen sich nicht zu bilden nach freier Meinung, sondern nach dem, was in der heiligen Schrift über ihn gesagt ist. Wenn Sie das eine Zeitlang getan haben, dann werden wir uns besser verstehen und Sie werden dann auch nicht mehr die Korrektur anbringen müssen, die Sie in Ihrer Frage brachten. Sie werden dann – nicht meine Theologie, das ist nicht nötig – aber die ganze Anschauung, aus der heraus ich rede, besser verstehen oder aber – das ist die andere Möglichkeit – Sie werden sie49 als Ganze ablehnen. Was es heute braucht, das ist Klarheit, ein deutliches Ja oder Nein. Die Kirche stirbt, wenn es so weitergeht in bloßen Meinungen. Wir müssen wieder den Mut haben zum Bekenntnis – oder auch den Mut zum Widerspruch!

389 Ein Chinese trägt in einem längeren Votum, das sich in fünf Einzelfragen spezialisiert, in großer Bewegtheit die Frage nach der irdischen Wirklichkeit des Reiches Gottes vor.

Barth: Ich habe das, was unser Freund aus China gesagt hat, eigentlich gerne gehört. Es hat aus seiner Rede eine Ungeduld geklungen, und ich wollte, wir hätten alle etwas von dieser Ungeduld in uns. In allen seinen fünf Fragen ist er sichtlich bewegt von der Not des Menschenlebens. Und nun sieht er gegenüber dieser Not, diesem Unglück die Kirche. Muss sie nicht viel realer eingreifen? Muss sie nicht eine Antwort finden und geben? Und er hat nun offenbar mit einem gewissen Zorn in meinen Vortrag zu spüren gemeint, dass ich das verneinen wollte. Ich würde sagen, wenn Sie mich darin richtig verstanden hätten, so würden Sie mit Recht protestieren. Aber es hat sich 21 nicht darum gehandelt. Ist es nicht so, dass wenn dem so ist, dass wir die Menschen leiden sehen, dass wir dann mit Recht nach Hilfe Ausschau halten? Und ist es nicht so, dass wir recht haben, wenn wir dann nach dem Evangelium greifen und an die Kirche appellieren? Auf diese Frage ist unbedingt mit Ja zu antworten. Was soll die Kirche, was soll Versöhnung und Erlösung, wenn es nicht eben heißt Versöhnung und Erlösung dieser unglücklichen Menschen? Was würde die Bitte im Unservater: Dein Reich komme! [Mt. 6,10; Lk. 11,2] bedeuten, wenn sie nicht bedeuten würde: dein Reich komme zu uns auf diese dunkle Erde und lasse es geschehen, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde werde?50 Was würde die Hoffnung des Glaubens bedeuten, wenn sie nicht die wirkliche Hoffnung wäre auf wirkliche Befreiung? Lieber Freund, wenn Sie das gemeint haben, diese Leidenschaft der Hoffnung und des Gebetes: Ja, komm, Herr Jesus! [Apk. 22,20], ein Gebet, das wir alle zusammen beten dürfen in der Not dieses Lebens, dann sind wir einig. Und ich denke, wer da steht und wer so leidenschaftlich in dem Unrecht, das geschieht, seine Hände zu Gott erhebt, der wird ein bewegter Mensch sein und der wird auch handeln im Leben. Aber nun sehen Sie: Ich bin ehemals religiöser Sozialist gewesen.51 Und ich bin davon abgekommen,52 weil ich zu sehen glaubte, |390 dass da die Not des Menschen und die Hilfe für ihn nicht so ernst und nicht so tief verstanden werden, wie sie die heilige Schrift versteht. Ich möchte nicht Nein sagen zu dem, was Sie vorbrachten. Ich möchte Ja sagen. Aber ich möchte Sie bitten, das Alles noch viel ernster zu nehmen. Wenn wir in der Bibel lesen, so sehen wir in ein Stück Menschheitsgeschichte. Da ist auch viel zu lesen von Unrecht und Blutvergießen, aber merkwürdigerweise ist davon gar nicht viel Aufhebens gemacht, sondern da heißt es ganz schlicht vom Menschen: Er ist ein verlorener Mensch, er ist tot in seinen Sünden [vgl. Kol. 2,13; Lk. 15,24.32]. Damit ist Alles gesagt. Damit ist die Not ganz ernst genommen, denn damit ist sie verstanden als die Not dessen, der sich von Gott entfernt hat, der gegen Gott streitet und in allem seinem Tun ein Feind Gottes ist. Und da wird auch die Hilfe verstanden als eine radikale Hilfe, da für diesen Menschen Gott selber eintritt. Und so möchte ich Sie bitten, Ihre Fragen nicht etwa durchzustreichen, sondern ganz radikal zu stellen. Und wenn Sie das tun, dann werden Ihre Fragen alle zusammen 22 in eine Klammer gesetzt. Warum gibt es noch immer Unterdrückung? Ja, warum? Hören wir, was die heilige Schrift über den Menschen sagt, können wir uns dann wundern über das, was in der Welt geschieht? Können wir uns wundern, wenn wir Jesus Christus kennen, der für uns gestorben ist, und dann auf uns selber sehen? Wir können und sollen uns wundern, aber die Frage ist dann eigentlich beantwortet. Was dem Menschen hilft, das ist nicht sein Wille. Die Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat. [Ps. 121,2] Und wenn Sie fragen: Gibt es Kirche Gottes? Ich glaube an die eine heilige katholische apostolische Kirche.53 Diese Kirche ist die Kirche Gottes. Aber diese Ihre Frage kann sich umkehren und kann uns fragen: Bist du in der Kirche Gottes? Wo die Not und die Hilfe ganz ernst genommen werden, da wird es uns geschenkt, dass wir etwas von dieser Kirche sehen. Aber es ist Gottes Gabe, die uns immer wieder geschenkt werden muss. Und wenn Sie nach dem Sakrament |391 fragen, so ist zu sagen, dass das Sakrament gewiss auch eine materielle Teilnahme am Leben Gottes bedeutet, aber eben auch als Gottes Gabe, der wir uns immer wieder mit leeren Händen nähern, um sie von Gott füllen zu lassen. Und wenn Sie zuletzt fragten, wie das Reich Gottes auf die Erde komme, ob durch Verkündigung oder durch soziale Arbeit?, so würde ich darauf antworten: Das Reich Gottes kommt durch Gott selber, der alle Dinge neu macht [vgl. Apk. 21,5]. Und es kommt vielleicht nicht so sehr darauf an, ob wir Evangelium verkündigen oder soziale Arbeit treiben, aber darauf, dass wir dieses Gebet begreifen und im Herzen haben: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! [Mt. 6,10] –

Ein Inder möchte die Antwort des Menschen auf Gottes Tun stärker betont sehen und glaubt, dass es in Indien nicht möglich sein dürfte, damit zu beginnen: Es steht geschrieben! Es sei nötig, den Hintergrund Indiens zu sehen mit seinen Notwendigkeiten.

Barth: Es ist mir sehr interessant und bewegend, dass sich auch in diesem Kreis das ereignet, was sich immer ereignet, wenn man das sagt, was ich heute Morgen zu sagen versuche, dass dann stets die andere Seite mit einer gewissen Leidenschaft betont wird. Ich möchte den Freund aus Indien und ich möchte 23 noch viele Andere fragen: Woher diese Leidenschaft? Warum dieser Eifer? Nicht nur Gott, sondern auch Ich, der Mensch, der doch auch noch da ist und der doch auch in der Bibel besser wegkommt als bei Barth? Finden Sie in der Bibel auch je diese Situation, dass jemand diese Leidenschaft hat? Fällt es Ihnen nicht auf, dass in der Bibel immer in der Richtung gesprochen wird, in der ich heute Morgen zu sprechen versuchte? Gewiss wird auch in der Bibel vom Menschen gesprochen, aber eben in diesem Verhältnis von Überordnung und Unterordnung. Da scheint nie diese Auflehnung stattzufinden. Sie finden mich zu streng, zu einseitig. Ich bin vielleicht einseitig. Aber bitte schieben Sie die Verantwortung nicht auf mich ab. Sagen Sie mir einen Propheten, einen Apostel, einen Reformator, der etwas Anderes getan hat, als was ich mit meinen schwachen Kräften zu tun versuche? Wie verhalten sich in der Bibel Gott und Mensch? Natürlich geht es um zwei Größen, aber was in der Bibel keinen Raum hat, das ist die Rolle des Menschen als eines selbständigen Partners. Wenn die Bibel vom Menschen spricht, dann |392 spricht sie von ihm als vom Kinde Gottes, als von dem, der schon zu Christus gehört, der schon erlöst ist. Die Bibel kennt Gott nicht anders denn als den Gott, der nach dem Menschen seine Hand ausstreckt, und wenn der christliche Zeuge Anderen gegenübertritt, so soll er daran denken: Auch für diese ist Christus gestorben! So gehören Menschen zu Gott. Und nun gibt es allerdings eine Möglichkeit, aber die ist in der Bibel nur der Schatten von diesem Licht: der Mensch, der sein Herz verstockt, der das Evangelium nicht anerkennt. Aber dieser Mensch kommt nur vor als der unmögliche Mensch. Der Mensch, mit dem die Bibel als Wirklichkeit rechnet, der ist das Kind Gottes, das zu Gott als seinem Vater redet. Alles, was geschieht zwischen Gott und Mensch, geschieht innerhalb dieses Kreises, den Gott schon geschlossen hat, und gerade der Mensch, der Gott anerkennt, wird nicht das Bedürfnis haben, sich zu behaupten Gott gegenüber, sondern wird nur anerkennen wollen: Du und du allein bist es, der mir helfen kann, geholfen hat und wieder helfen wird!

Sie haben von Indien gesprochen. Ich war noch nie in Indien und weiß nicht, wie man zu Indern sprechen muss. Aber ich weiß ein wenig, wie man sonst zu Menschen spricht, 24 zu solchen, die Sünder sind und die durch das Wunder erlöst werden müssen. Und da kann ich nur sagen: Gewiss, man muss dem Menschen von diesem Wunder in seiner Sprache reden: deutsch, französisch, chinesisch, indisch. Aber kann man etwas anderes tun, als aus der Gnade und von der Gnade reden? Kann man den Menschen zuerst als Heiden anreden oder muss man nicht auch den indischen Menschen ansprechen als den, für den Christus schon alles getan hat? Ich kann den Heiden nur hineinrufen, indem ich glaube, er ist schon drin. Nicht indem ich ihn hineinstelle, sondern indem Jesus Christus ihn schon hineingestellt hat. Sehen Sie, darum fällt für mich alles Bemühen um den Menschen als solchen weg. Wir können uns nur um ihn bemühen als um den in Christus Seienden. Und dann braucht es keine Anknüpfung54, weil sie schon längst geschehen ist. Und diese Anknüpfung in Erinnerung zu rufen, das ist die Aufgabe des christlichen Zeugen.

393 Ein russischer Professor55 erzählt die Leidens- und Sterbensgeschichte eines Erzbischofs während der russischen Revolution, die ihm zur Verkündigung wurde, als Beweis, dass der Begriff der Zeugenschaft weiterreiche, als er von Barth gefasst wurde, und sich nicht nur auf Worte, sondern auch auf Taten und eben auf das Leiden erstrecke.

Barth: Wir müssen aufhören. Aber diese Diskussion kann nicht abgeschlossen sein. Zu dem eben Gesagten möchte ich nur noch bemerken, dass es im Neuen Testament keine Kirche gibt, die «gereinigt und gewaschen ist durch das Blut der Märtyrer». Überhaupt – ich kann nichts dafür – das Wort «Zeugnis» wird im Neuen Testament nicht gebraucht für das, was die Märtyrer tun und leiden. Die ganze Hervorhebung und Verherrlichung des Märtyrers ist im Neuen Testament nicht zu finden. Sie kommt erst später, in den Briefen des Ignatius.56 Es wird uns nur ein Märtyrertod im Neuen Testament erzählt, der des Stephanus [vgl. Act. 6f.]. Seine Rede [Act. 7,2–53] macht ihn zum Zeugen, nicht sein Leiden. Gewaschen und gereinigt wird die Kirche durch das Blut des einen Jesus Christus. Das steht in der Bibel.57 Ob es uns gefällt oder nicht. Setzen Sie sich mit dieser Tatsache auseinander und überlegen Sie, was das zu bedeuten hat für den Begriff des Zeugen und des Zeugnisses.

25

Fortsetzung der Diskussion am nächsten Morgen (Im Garten)

Eine Reihe von Fragen wird gestellt, die alle in der Richtung der Einwände vom Tage vorher laufen. Der Begriff des Zeugen sei zu eng|394gefasst in Barths Vortrag und bedürfe einer Ergänzung bezüglich des Lebens.

Barth: Liebe Freunde, wenn ich mich besinne über die Situation, in der ich jetzt Ihnen gegenüberstehe, so komme ich mir vor wie ein Mensch, der in einem reißenden Fluss vergeblich versucht, gegen den Strom zu schwimmen. Es ist ganz klar, dass ich diese Konferenz gegen mich habe. Wenn ich ein biblisches Bild brauchen wollte, so könnte ich sagen, ich befinde mich in der Stimmung des Propheten Jonas in Ninive! [vgl. Jona 4,1] Oder um ein Beispiel aus der Natur zu wählen: Ein Windhauch geht über ein Ährenfeld, einen Augenblick neigen sich die Ähren und schon richten sie sich alle wieder auf. Aber ich will nicht dem Beispiel des Propheten folgen unter diesem schönen Baum, den Gott gepflanzt hat [vgl. Jona 4,6]. Ich will versuchen, Ihnen zu antworten, und auch nicht böse werden, wenn Sie mir noch und noch und noch einmal widersprechen. Das muss so sein. – Ich möchte zunächst nicht auf die einzelnen Argumente eingehen. Es ist ein Widerspruch in ihnen allen. Lassen Sie mich ein bisschen ausholen zu einer etwas allgemeinen Darlegung. – |

Liebe Freunde, meinen Sie doch ja nicht, dass ich hier spreche nun eben als der Vertreter einer theoretischen Idee, die ich mir in den Kopf gesetzt habe. Die Worte «abstrakt» und «theoretisch» sind gefallen. Glauben Sie mir, dass ich auch ein bisschen experience habe! Ich bin auch ein moderner Mensch und ich stehe auch in dieser Zeit drin und sehe ihre Probleme auch. Sie brauchen mich vielleicht nicht so stürmisch zu belehren darüber, dass es auf das Leben ankomme! Nein, ich habe auch mein praktisches Leben zu leben und mitten in einer sehr stürmischen Gegenwart, und ich kann Ihnen sagen: Gerade im Leben und gerade in der Auseinandersetzung mit der modernen Welt bin ich auf den Weg gekommen, von dem Sie hier hörten. Ich darf Ihnen meinen Ausgangspunkt vielleicht beschreiben, um Ihnen nachher zu sagen, was ich halte von dem, was Sie mir entgegenhalten. Ich bin 10 Jahre Pfarrer gewesen58 26 und stand vor der Aufgabe, das Evangelium zu verkündigen. Und ich bin auf das Problem gestoßen, das Sie alle gut kennen: Säkularismus, will sagen, eine moderne Welt, in der es zwar Kirche gibt, die aber offenkundig anderen Regeln folgt als denen, |395 die wir in der heiligen Schrift als christliche Regeln zu erkennen meinen. Vor einigen Jahren war dieses Problem im Vordergrund aller Diskussionen.59 Und nun habe ich ferner gesehen in dieser säkular gewordenen christlichen Welt eine Kirche, eine Christenheit, die mit großem Ernst und großem Eifer und großer Innigkeit und viel Streben nach Tat und Liebe mit dieser modernen Welt nur zu sehr verwandt war: Weil diese moderne Kirche in der Schweiz, in Deutschland und auch wohl in allen übrigen Ländern nicht der Welt gegenüber ein Heiligtum aufgerichtet hat, nicht mehr gewusst hat, was das heißt: Sakrament, nicht mehr gewusst hat: Gott und Welt stehen einander gegenüber, und Gott muss der Welt helfen, sondern weil diese Kirche gerade in ihren besten Vertretern die Lehre vertreten hat: der Welt und den Menschen muss geholfen werden durch die Liebe, durch das, was die Christen haben, was sie sind, was sie zu sagen wissen, was sie in die Welt hineinzutragen haben von ihrem Besitz des Evangeliums. Und das haben sie nun getan mit Evangelisation und Liebestätigkeit, mit sozialer Arbeit und in unseren Tagen in der merkwürdigen Verbindung von Christentum und Nationalismus. Und auf der ganzen Linie war es eine Kirche, die nicht mehr die Kirche Gottes war und nicht mehr die Kirche Gottes sein wollte, sondern eine Kirche des frommen Menschen, des moralischen, des guten Menschen, aber des Menschen. Und nun behaupte ich, diese moderne Kirche ist mit der modernen gottlosen Welt nur zu verwandt. Sie ist nur die andere Seite dieser Welt, und was diese tat, indem sie sich frei machte von Gott, das tat und das tut auch diese moderne Kirche und Christenheit. Es gab dann eine Zeit in meinem Leben, da bin ich erschrocken vor diesem Faktum. Ich bin diesen Weg, den Sie mir vorhalten, auch gegangen und habe ungefähr alles, was man auf diesem Felde probieren kann, auch |396 probiert. Und ich bin eines Tages erschrocken, da ich in der Bibel etwas Anderes gefunden habe, im Unterschied zu der Gottlosigkeit der Welt, aber auch im Unterschied zu der Gottlosigkeit der Kirche und der Christenheit. Ich will jetzt nicht ausführen, was ich in der Bibel 27 gefunden habe, ich habe das gestern gesagt. Wenn ich Ihnen zuhöre, so fühle ich mich erinnert an eine bestimmte Zeit der christlichen Geschichte, und das ist die Zeit vor ungefähr 200 Jahren.60 Damals hat die Christenheit und die Kirche gemeint, die große Entdeckung machen zu müssen, die große Entdeckung, die Sie alle mir entgegenhalten: Nicht nur die Lehre, sondern auch das Leben!61 Nicht nur das Wort, sondern auch die Liebe und die Tat! Das ist die Zeit am Anfang des 18. Jahrhunderts, wo der Pietismus sich erhoben hat gegen die Orthodoxie des 17. und 16. Jahrhunderts. Es war viel Richtiges an der Kritik, die diese Zeit an der vorangehenden Zeit geübt hat. Die Kirche hatte von der Reformation her die Botschaft gehört von Gott und von Christus, und nun zeigte es sich 150 Jahre später: es fehlte etwas. Es fehlt am christlichen Leben. Es wird wohl gepredigt und recht gepredigt, aber die Liebe ist nicht tätig. Und nun sehen Sie, in diesem Augenblick, da man erschrocken war, da man geängstigt war im Rückblick auf den 30jährigen Krieg und das düstere 17. Jahrhundert, da hat man den großen Irrtum begangen, dass man nicht sagte: Wir wollen jetzt besser verstehen, wir wollen besser hören, wir wollen ganz anders Gott Gott sein lassen und Christus Christus sein lassen, wir wollen ganz anders diesen Weg antreten von der Taufe zum Abendmahl. Sondern man hat nun gemeint: Wir wollen es selber besser machen. Das christliche Leben wollen wir jetzt pflegen. Man hat sich abgewandt von Gott und hat schon damals in sehr ernsten, sehr würdigen, sehr frommen Formen begonnen zu pflegen, was wir heute in voller Blüte sehen: den frommen Menschen. Aber aus der Verehrung des frommen Menschen wurde dann langsam, aber folgerichtig die Verehrung des – moralischen Menschen! Und schließlich |397 fand man, wenn der Mensch so wichtig ist, dann sei es weniger wichtig, von Gott, Christus und Heiligem Geist zu sprechen, und begann stattdessen von der menschlichen Vernunft zu reden. Und nun lassen Sie mich Ihnen etwas aus der Gegenwart sagen. Meine lieben Freunde aus England und Amerika, ich komme aus Deutschland. Und wir haben dort das Ende dieses Weges vor uns,62 an dessen Anfang Sie stehen. Wenn man anfängt, den frommen Menschen so ernst zu nehmen, wie Sie es wollen, wenn man nicht «einseitig» sein will,63 dann kommt man am Schluss dahin, wo die deutsche offizielle Kirche 28 heute steht. Denn was wir in Deutschland jetzt erlebt haben, diesen merkwürdigen Abfall der Kirche zum Nationalismus – und ich bin sicher, dass Sie sich davor alle entsetzen und sagen: Gott sei Dank, dass ich kein Deutscher Christ bin! –, ich sage Ihnen: das ist das Ende Ihres Weges. Er fängt an mit dem christian life und endet mit dem Heidentum. Denn wenn man einmal das hereingelassen hat: nicht nur Gott, sondern auch ich!, und wenn das Herz dann bei der zweiten Sache ist – und, meine Freunde, Sie haben es bei der zweiten! –, dann gibt es kein Aufhalten mehr. Glauben Sie mir, auch unter den Deutschen Christen gibt es sehr ernsthafte und sehr liebe Menschen, aber das hat sie nicht bewahren können, in ihren Irrtum zu verfallen. Lassen Sie sich warnen! Wenn man anfängt: Gott und…, dann öffnet man die Türe den Dämonen. Und das ist der Vorwurf, den ich gegen Sie alle erheben möchte, das Wort des Anselm: Tu non considerasti, quanti ponderis sit peccatum!64 Du hast dir nicht klar gemacht, was für ein Gewicht die Sünde hat! Und das ist die Sünde: das sich selber ernst nehmen des Menschen. Sie rechnen jetzt nicht damit. Es mag in Ihren Kirchen vorerst noch so sein, dass man diskutieren kann. Der Feind ist noch nicht auf dem Plan oder noch nicht so wie in Deutschland: |398 dieser Mensch, der aufsteht und sein Recht in Anspruch nimmt, rücksichtslos und brutal. Was werden Sie tun, wenn Ihnen ähnliches begegnet? Werden Sie dann mit diesen Waffen dem Feind gegenübertreten können? Ich sage Ihnen im Voraus, Sie werden damit nicht bestehen können. Wir haben es jetzt in Deutschland erlebt: das Einzige, was eine Möglichkeit bot, dem wirklichen Feind entgegenzutreten und ein Nein zu sagen, das war ganz schlicht die Botschaft von Gott als dem alleinigen Helfer [vgl. Jes. 43,3; Hos. 13,4]. Das war ganz schlicht das vorhin abgelehnte Entweder-Oder. Lernen Sie rechtzeitig, was hier zu lernen ist! Sie sind jetzt Soldaten, die auf dem Kasernenhof üben, das Scharfschießen hat für Sie noch nicht begonnen. Wenn Sie eines Tages aber an die Front gerufen werden, dann werden Sie vielleicht an unser Gespräch denken und werden manches besser verstehen, als Sie es heute verstehen können. Die «Einseitigkeit» ist die einzige Möglichkeit.

Ein Student aus der Tschechoslowakei stellt die Frage nach der christlichen Ethik und führt sie selbst dahin aus, dass es zwar 29 keine allgemeinen Weisungen gebe, wohl aber konkrete Entscheidung, die dann als solche je und je wieder unter Gottes Gericht und Gottes Gnade zu stellen ist.

Barth: Bevor ich antworte auf die letzte Frage, möchte ich eingehen auf einen Punkt, den Herr Maury mir nahegelegt hat, noch einmal zu berühren. Ich möchte noch einmal erklären den Zusammenhang zwischen dem, was ich nannte: die moderne Kirche und den Säkularismus. Ich kann dazu aus dem Vielen, das gesagt wurde, noch einmal das gestrige Votum von Herrn Professor Zander65 aufnehmen über das Märtyrertum. Sehen Sie, der Weg war geschichtlich betrachtet folgender: Im Neuen Testament heißt Zeugnis wirklich nicht das, was später Martyrium genannt wird. Es ist das elfte Kapitel des Hebräerbriefs angeführt worden. Ich bitte nicht zu vergessen, dass der erste Vers lautet: «Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.» [Hebr. 11,1] Wenn die Zeugenschaft des Märtyrers so verstanden ist wie hier, dann ja! Aber es ist etwas sehr Anderes66, was im zweiten Jahrhundert im |399 Verständnis des Märtyrers in den Vordergrund trat. Nicht sein Leiden ist, neutestamentlich verstanden, sein Zeugnis, sondern sein Glaube an die unsichtbaren Dinge, und man kann gerade den Märtyrer nicht schlimmer missverstehen, man kann die große Gabe, die der Kirche mit dem Martyrium gegeben ist, nicht schlimmer missachten, wenn man sein Leiden zum Zeugnis machen will. Die Geschichte ging weiter, das Martyrium hörte nach den ersten Jahrhunderten auf, und an seiner Stelle sollte nun das Leben der Kirche zum Zeugnis werden. Was würde das bedeuten, wenn wirklich das Leben der Kirche das Zeugnis für Gott sein müsste? Sind wir so optimistisch, das glauben zu wollen? Wird unser Leiden, wird auch unser bestes christliches Leben nicht gegen Christus statt für Christus sprechen? Wenn die Kirche nicht damit zeugt, dass sie ein Heiligtum wieder aufrichtet, ich fürchte, dann kommt es überhaupt nicht zum Zeugnis. Die Welt wartet nicht auf die schönen Dinge, die wir ihr zeigen, vorleiden und vorleben können, sie wartet auf Jesus Christus. Es war sehr interessant, dass in einem Votum vorhin schon der Hinweis auf «Gott in der Natur» auftauchte. Wenn wir erst einmal damit anfangen, wo sind dann noch Grenzen zu ziehen? Dann kann es auch Rasse, Blut und Boden sein, und dann sind wir mitten im Heiden30tum. Ich liebe die Natur auch und betrachte sie als Gabe Gottes, aber die Kirche ist nicht dazu da, die Natur zu verkündigen, sondern Jesus Christus. Das ist für mich der Zusammenhang zwischen dem Säkularismus und der modernen Kirche: sie fängt an mit Gott und hört auf ohne Gott, und das notwendig!

Und nun eine Antwort auf die sehr ernsthafte letzte Frage. Ich habe nichts zu entgegnen. Selbstverständlich lebt der Mensch im Großen und im Kleinen in fortwährenden Entscheidungen, das heißt: Sie haben sich mit dem, was Sie leben, zu verantworten vor dem Wort Gottes. Das ist der Richter und die Instanz, und vor ihm muss die Kirche und muss auch jeder einzelne sich verantworten mit seiner Existenz. Das ist christian life. Wir leben aber nicht als Atome, ein jeder für sich, und die Entscheidungen, die wir zu fällen haben, fallen nicht allein zwischen der heiligen Schrift und unserer Vernunft. Sondern wir leben in der Kirche, in einer bestimmten christlichen Tradition, sind durch einen bestimmten christlichen Unterricht gegangen. Wir haben einen Katechismus und wir haben ein Dogma, wir haben bestimmte |400 Erkenntnisse von der Kirche überliefert, und diese sind zu beachten. Wir haben Väter im Glauben. Hier tritt das 4. Gebot67 [Ex. 20,12; Dtn. 5,16] in Kraft. Aber allerdings die Väter können uns die eigene Entscheidung nicht abnehmen. Nun kommt die große Frage, die Entscheidung, in die wir immer wieder gestellt werden. Das werden dann in der Tat Entscheidungen sein auf dem ganzen Gebiet des Lebens, auch auf dem politischen. Und nun möchte ich dazu nur Eines sagen: die Kirche wird Sorge zu tragen haben in ihren Entscheidungen, dass sie sich nicht mitreißen lässt von einem bestimmten Zeitgeist. Das ist die große Gefahr. Wenn das geschieht, so würde das ein Zeichen dafür sein, dass sie ihre Entscheidungen nicht vor dem Worte Gottes gefällt hat. Und darum wird es wohl am Platze sein, dass die Kirche zu Zeiten, in denen eine bestimmte Strömung durch die Welt geht, sagt: Hands off! Halt! Lieber dann zu wenig sagen als zu viel. Die Kirche kann mit schlichter Textauslegung Entscheidung vollziehen. Z. B.: Wenn die Kirche jetzt in Deutschland sich begnügen würde, die Bergpredigt auszulegen im Sinne des Neuen Testamentes, so würde sie zwar kein direktes Wort zum Nationalsozialismus sagen und doch durchaus eine Entscheidung vollziehen. Die Kirche hat einen Weg durch die Welt. Sie hat immer wieder auf Grund der heiligen Schrift das 31 Eine zu sagen, und auf Grund dieses Einen wird der Mensch dann seine Entscheidung wohl zu fällen wissen. Wer heute wirklich auf das Neue Testament hören will, der wird nicht unentschlossen sein. Er wird froh sein, dass es noch eine Instanz gibt über seiner Entscheidung, zu der er fliehen kann, wenn es sich zeigen wird, dass seine Entscheidung doch ein Irrtum war. Denn wir irren alle mannigfach, und gerade, weil dem so ist, ist es nötig, dass mitten in der Welt das Heiligtum wieder aufgerichtet wird und dass dieses nicht ein Gemisch ist von Kirche und Welt, sondern wirklich die Kirche, die an das ewige Reich erinnert.68

Sachfußnoten

1
Vgl. auch unten, S. 427f. ↩
2
Vgl. Brief Maurys an Barth vom 14.2.1933, in: K. Barth / P. Maury, Nous qui pouvons encore parler… Correspondance 1928-1956, Introduction, notes et traductions de B. Reymond, Lausanne 1985, S. 44f. 📖 (KBA 9333.88), und das ihm beigelegte vorläufige Programm der Konferenz (KBA 9333.89). ↩
3
A.a.O., S. 45. 📖 ↩
4
Brief an Maury vom 18.2.1933, in: Barth / Maury (Anm. 2), S. 258 📖 (KBA 9233.49). ↩
5
Willem Adolph Visser ’t Hooft (1900–1985), 1924 Sekretär im Weltbund des CVJM, 1932 Generalsekretär des Studentenweltbunds, 1938 Generalsekretär des in Bildung begriffenen Ökumenischen Rates der Kirchen, 1948 Generalsekretär des Ökumenischen Rates. ↩
6
Vgl. W. A. Visser ’t Hooft, Die Welt war meine Gemeinde. Autobiographie, München 1972, S. 52. 📖 Die Einladung erfolgte möglicherweise, als Barth sich im April in Paris aufhielt, wo er Maury und Visser ’t Hooft traf (vgl. oben, S. 169-173). Schon am 23.4. rechnete Maury damit, dass Barth zur Sommerkonferenz nach Châtaigneraie kommen würde, war sich aber anscheinend noch nicht ganz sicher: «Enfin, laisse-moi te dire combien nous comptons fermement sur ta venue cet été à Châtaigneraie et combien s’en réjouissent par avance Visser ’t Hooft et moi, ainsi que beaucoup d’amis» (Brief Maurys an Barth vom 23.4.1934, in: Barth/Maury [Anm. 2], S. 59 📖 [KBA 9334.442]). Doch am 17.5. schrieb Ch. von Kirschbaum: «Ihre Tagung in der ersten Augustwoche oder doch ein Teil dieser Tagung steht fest auf Karl Barths Ferienprogramm» (Brief an Maury vom 17.5.1934 [KBA 9234.160]). ↩
7
Vgl. oben, S. 267. ↩
8
Barth und Ch. von Kirschbaum brachen am 30.7. auf. Am 20.7.1934 hatte Barth Thurneysen mitgeteilt, dass er mit Ch. von Kirschbaum am 1. August abreisen werde (vgl. KBA 9270.626; Bw.Th. III, S. 671 📖), und noch am 25.7. hatte er per Postkarte Walter Kreck (1908–2002) zu einer Besprechung am 30.7. eingeladen, zu der dieser dann vergeblich anreiste (vgl. Brief W. Krecks an Barth vom 31.7.1934 [KBA 9334.788]). In einem Brief an H. Asmussen vom 13.8.1934 schrieb Barth: «Meine Abreise von Bonn hat sich wegen seltsamer Umstände ziemlich rasch vollziehen müssen» (KBA 9234.263). Die vorzeitige Abreise könnte durch die gegen Christoph Barth eingeleiteten Maßnahmen (vgl. oben, S. 328, Anm. 5) veranlasst worden sein, der für den 30.7. um 16 Uhr eine Vorladung vor den Oberstaatsanwalt erhalten hatte (vgl. Brief Barths an den Bonner Oberstaatsanwalt vom 29.7.1934 [KBA 9234.241]). ↩
9
Vgl. Eintragungen im Taschenkalender Ch. von Kirschbaums (30./31.7). ↩
10
Visser ’t Hooft schrieb am 23.7.1934 an Barth, dass die Konferenz aus ihm «nicht ganz durchsichtigen Gründen […] in diesem Jahr eine merkwürdige Anziehungskraft ausübt» (KBA 9334.765). ↩
11
Einen ausführlichen Bericht über die Reise nach La Châtaigneraie enthält der Brief Ch. v. Kirschbaums an H. Traub vom 13.8.1934 (KBA 98827.500); vgl. auch den Eintrag in ihrem Taschenkalender (6.8.). Gertrud Barth, geb. Helbing (1901–1968), war seit 1929 mit Heinrich Barth (1890–1965) verheiratet. ↩
12
Vgl. Brief Ch. von Kirschbaums an Traub vom 13.8.1934 (Anm. 11). ↩
13
«Du hast wohl inzwischen durch Mama Einiges über die Konferenz von Coppet vernommen, und nachdem Lollo vorgestern und gestern von früh bis spät rüstig getippt hat, wird sie demnächst in der Lage sein, dir wenigstens meinen Vortrag und meine Voten in wörtlicher Nachschrift vorzulegen» (Brief Barths an seine Frau vom 12.8.1933 [KBA 9234.255]). Ch. von Kirschbaum kommentierte ihre Nachschrift im Brief an Traub (Anm. 11): «Sie können daraus ziemlich lückenlos ersehen, um was es ging und welches Echo ertönte. Ich habe es in der Ausführlichkeit mitgeschrieben, da ich vom Leiter der Konferenz darum gebeten wurde, der die Sache ins Englische übersetzt veröffentlichen will.» ↩
14
Siehe unten, S. 428. ↩
15
«We regret that it has been impossible – for linguistic reasons – to report the questions and comments as fully as the answers of Barth» (Karl Barth before the World, in: The Student World, Jg. 27 [1934], S. 355–366, dort S. 355 📖). Möglicherweise waren die «linguistic reasons» darin begründet, dass auf der Konferenz die Übersetzungen ins Deutsche zu wünschen übrig ließen und dadurch ein ausführliches Stenogramm sehr erschwert wurde. In ihrem Brief an H. Traub vom 13.8.1934 bedauerte Ch. von Kirschbaum, nachdem sie die Übersetzungstätigkeit von Maury und Visser ’t Hooft als «glänzend» gelobt hatte, dass «wir Deutschen nicht ebenso gut versorgt waren». – Visser ’t Hooft war von 1929 bis 1939 für die Redaktion von «The Student World» verantwortlich (vgl. Visser ’t Hooft, Welt [Anm. 6], S. 60 📖). ↩
16
Ch. v. Kirschbaum berichtet in ihrem Brief an Traub von einem «eher mühsame[n] Begegnen» mit Henriette Visser ’t Hooft-Boddaert, Visser ­’t Hoofts Frau, «die 1.Kor. 11 nicht anerkennen will und um des Missverständnisses der Ordnung willen ganz ketzerisch die Ordnung als solche umstoßen will, und mit einer Tübinger Professorenfrau (Herrmann)». Das Gespräch schloss an einen Briefwechsel an, den Henriette Visser ’t Hooft und Barth im Frühjahr über 1.Kor. 11 und das Verhältnis von Mann und Frau geführt hatten. Die Briefe sind veröffentlicht in: H. Visser ’t Hooft, Unausweichliche Fragen, hrsg. von G. Scharffenorth, in: G. Kaper u. a., Eva, wo bist du? Frauen in internationalen Organisationen der Ökumene. Eine Dokumentation (Kennzeichen, 8), Gelnhausen / Berlin / Stein/Mfr. 1981, S. 11–36, dort S. 14–19. 📖 Vgl. dazu H. Erhart / L. Siegele-Wenschkewitz / A. Engelmann, Feministisch-theologische Anfragen an christologisch-ekklesiologische Aussagen im Kontext der Barmer Theologischen Erklärung, in: Das eine Wort Gottes – Botschaft für alle, Bd. 1: Vorträge aus dem Theologischen Ausschuß der Evangelischen Kirche der Union zu Barmen I und VI, hrsg. von W. Hüffmeier, Gütersloh 1994, S. 521–555 📖. ↩
17
Brief Barths an Nelly Barth vom 12.8.1934 (Anm. 13). ↩
18
Brief Barths an Markus Barth von 12.8.1934 (KBA 9234.258). Vgl. auch Barths Äußerungen im Vorwort zur Veröffentlichung (s. unten, S. 428) und noch während der Konferenz in der Diskussion: «Es ist ganz klar, dass ich diese Konferenz gegen mich habe» (s. unten, S. 394). ↩
19
Brief Ch. v. Kirschbaums an Erica Küppers vom 29.8.1934 (KBA 9234.282). ↩
20
Brief von Bradford S. Abernethy an Mr. Elliott vom 12.8.1934 (Abschrift: KBA 9334.814; Adressat war wahrscheinlich der amerikanische Studentenführer Roland Elliott). Der Brief wurde Barth durch Visser ’t Hooft zugänglich gemacht. Dieser schrieb dazu: «Sie werden Ihre Freude haben an dem beigelegten Brief eines Amerikaners über La Chataîgneraie. Sein Bild, worin er die Diskussion mit Ihnen beschreibt, ist wirklich gut gewählt» (Brief Visser ­’t Hoofts an Barth vom 15.10.1934). In seiner Autobiographie beurteilte er dagegen den Vergleich als nicht «wirklich richtig» (Visser ’t Hooft, Welt [Anm. 6], S. 52 📖). ↩
21
Karl Barth before the World (Anm. 15), S. 355. 📖 ↩
22
Vgl. ebd.; Visser ’t Hooft, Welt (Anm. 6), S. 52. 📖 ↩
23
Siehe oben, S. 329-331. ↩
24
Neben Visser ’t Hooft, der für die englische Übersetzung von vornherein eine Veröffentlichung beider Bestandteile vorgesehen hatte (s. oben), hatte auch Thurneysen dafür plädiert: «Könnte man nicht einmal einfach dieses ganze Protokoll tel quel drucken lassen? Das würde Zahllosen etwas geben, was sie aus abgerundeten Darbietungen nicht entnehmen. Ich möchte ganz dringend dafür plädieren! Theologische Existenz!» (Brief Thurneysens an Ch. von Kirschbaum vom 19.8.1934 [KBA 98820.11; Bw.Th. III, S. 689f. 📖]). Zu Thurneysens Reaktion auf die Veröffentlichung vgl. seinen Brief an Barth vom 25.10.1934 (KBA 9370.733; Bw.Th. III, S. 724f.). ↩
25
The Student World, Jg. 27 (1934), S. 326–335. 📖 ↩
26
Siehe oben, Anm. 15. ↩
27
Der Abdruck notiert unter der Überschrift: «Stenogramm eines Vortrages, gehalten an der Internationalen Sommerkonferenz für Studenten und Studentinnen in La Châtaigneraie (bei Coppet, Kanton Waadt) am 7. August 1934» (Th.Fr.u.A., S. 185 📖). ↩
28
Vgl. Gen. 31,50; Jer. 29,23; 42,5; Joh. 5,37; 1.Joh. 5,9f. ↩
29
Vgl. Ex. 31,18; 32,15; 34,29. ↩
30
Vgl. Gen. 31,48.52; Jos. 24,27; 1.Sam. 6,18; Jes. 19,20. ↩
31
Vgl. z. B. Ex.3,12; Ps. 105,5; Mk. 16,20; Act. 7,36. ↩
32
Korrigiert nach Th.Fr.u.A. aus «da». ↩
33
Zu den Aposteln und Jüngern als Zeugen vgl. z. B. Lk. 24,48; Act. 1,8; 4,33; 10,39. ↩
34
Vgl. K. Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, in: V.u.kl.A. 1922–1925, S. 144–175, dort S. 173 📖: «Und eben so genau ist zu bedenken, daß es mit unsrer Aufgabe so steht, daß von Gott nur Gott selber reden kann.» ↩
35
Vgl. Ex. 4,10f.; Jes. 6; Jer. 1; 1.Kor. 15,9. ↩
36
Vgl. Mt. 10,24f.; 24,45–51; 25,14–30; Lk. 17,7–10. ↩
37
Gemeint ist die Diskussion über P. Maurys am Vormittag des 6. August gehaltenen Vortrag «Der christliche Totalitätsanspruch» (vgl. Brief Ch. von Kirschbaums an H. Traub vom 13.8.1934 [Anm. 11]). ↩
38
Korrigiert nach Th.Fr.u.A. aus «annehmen». ↩
39
Vgl. Röm. 3,3; 1.Kor. 1,9; 1.Thess. 5,24; Hebr. 10,23; 11,11. ↩
40
Anfangszeile eines bereits im frühen Mittelalter bezeugten Pfingsthymnus. Als Verfasser gilt Hrabanus Maurus (ca. 776–856). Der Text findet sich z. B. in J. Kulp, Die Lieder unserer Kirche. Eine Handreichung zum Evangelischen Kirchengesangbuch, bearb. und hrsg. von A. Büchner / S. Fornaçon (Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Sonderband), Göttingen 1958, S. 158f. 📖 ↩
-40
Th.Fr.u.A.: «gutmacht» / «gutmachen». ↩
42
Hier und im Folgenden eine Anspielung auf 1.Kor. 1,18–31. ↩
43
Korrigiert nach Th.Fr.u.A. aus «sie». ↩
44
Korrigiert nach Th.Fr.u.A. aus «Weg». ↩
45
Korrigiert nach Th.Fr.u.A. aus «hier». ↩
46
Siehe oben, Abschnitt VI des Vortrags. ↩
47
Zur Oxfordbewegung s. oben, S.  32/34, Anm. 45. ↩
48
Vgl. Jes. 41,8f.; Jak. 2,23; Joh. 15,14f. ↩
49
Erstdruck: «Sie». ↩
50
Vgl. Jes. 65,17; 66,22; 2.Petr. 3,13; Apk. 21,1. ↩
51
Vgl. Busch, S. 80–84. 87–92 📖. ↩
52
Zu Barths Kritik am religiösen Sozialismus, die spätestens in seinem «Tambacher Vortrag» von 1919 (K. Barth, Der Christ in der Gesellschaft, in: V.u.kl.A. 1914–1921, S. 546–598 📖) manifest wurde, vgl. R. Breipohl, Religiöser Sozialismus und bürgerliches Geschichtsbewußtsein zur Zeit der Weimarer Republik (SDGSTh 32), Göttingen 1971, S. 238–247. 📖 ↩
53
So im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses von Nicäa-Konstantinopel. ↩
54
Siehe oben, S. 37, Anm. 54. ↩
55
Es handelt sich – Barth sprach die Frage in der Diskussion am nächsten Vormittag nochmals an (s. unten) – um den Philosophen und Theologen Leo Alexandrowitsch Zander (1893–1864), 1919–1922 Dozent in Wladiwostok, 1922 im Dienst des Christlichen Studentenweltbundes und Sekretär des Russischen Christlichen Studentenbundes, 1925 Dozent, später Professor am russisch-orthodoxen Institut St. Serge in Paris. ↩
56
Ignatius, Bischof von Antiochien, erlitt bald nach 110 in Rom den Märtyrertod. Auf der Fahrt nach Rom verfasste er sieben Briefe, von denen besonders der an die Römer seine Hochschätzung des Martyriums zum Ausdruck brachte. ↩
57
Vgl. Hebr. 9,14; 1.Joh. 1,7; Apk. 1,5; 7,14. ↩
58
1911–1921 in Safenwil (Kanton Aargau). ↩
59
Der schon vorher (besonders in der englischsprachigen Theologie) verwendete Ausdruck wurde «durch die Missionskonferenz von Jerusalem 1928 Zusammenfassung der von Gott gelösten Seinshaltung» (M. Schlunk, Art. «Säkularismus», RGG2 V, Sp. 37–39, dort Sp. 37 📖; ähnlich ders., Die Überwindung des Säkularismus. Die Entchristlichung der modernen Menschheit und die Aufgaben der Weltmission des Christentums, Berlin 1929, S. 6 📖; vgl. U. Barth, Art. «Säkularisierung I. Systematisch-theologisch», in: TRE, Bd. 29, S. 603–634, dort S. 606 📖). – Vgl. schon K. Barth, Fragen an das Christentum, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 141–155, dort S. 148f. 📖↩
60
Zur auf den Umbruch zum Neuprotestantismus anspielenden Zeitangabe «vor 200 Jahren» s. oben, S. 14, Anm. 31. ↩
61
In Prot.Theol., S. 73 📖, schreibt Barth dazu: «Denn das ist die große positive Seite der Entdeckung, die der christliche Bürger dieser Zeit gemacht hat: das Christentum ist gerade nicht Lehre, sondern Leben, seine Lehre selbst ist nur um des Lebens willen Lehre.» Vgl. auch oben, S. 340, Anm. 55. ↩
62
Vgl. die zweite der von Barth im November 1933 aufgestellten Thesen Kirchliche Opposition 1933. Grundsätzliches: «Weil die Lehre und Haltung der Deutschen Christen nichts anderes ist als ein besonders kräftiges Ergebnis der ganzen neuprotestantischen Entwicklung seit 1700, richtet sich der Protest gegen eine eingerissene und vorhandene Verderbnis der ganzen evangelischen Kirche» (V.u.kl.A. 1930–1933, S. 587 📖). ↩
63
Zu dem gegen Barth und seine Theologie erhobenen Vorwurf der «Einseitigkeit» vgl. oben, S. 341, Anm. 58. ↩
64
Anselm von Canterbury, Cur deus homo, I,21. 📖 ↩
65
Siehe oben, S. 393. ↩
66
Erstdruck: «Anders». ↩
67
Nach der lutherischen Zählung. ↩
68
Vgl. die 5. These der Barmer Theologischen Erklärung (s. oben, S. 298f.). ↩