23. November 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Es ist an der Zeit, dir wieder einmal zu schreiben; zu deiner eigenen Information, zur gelegentlichen Erwägung mit Koechlin, vielleicht auch mit Hartenstein, im übrigen nicht für die Öffentlichkeit, es wäre denn, daß die Zeitungen über das, was ich dir schreiben will, entstellende Nachrichten bringen sollten, die ich dich dann zu berichtigen («wie wir aus sicherer Quelle erfahren …») bitte.2

Ich bin anfangs dieser Woche nun zum fünften Mal in Berlin gewesen. Eigentlich hätte ich seit Dahlem gerade dort bleiben können, weil in diesem Monat dort nun sozusagen ununterbrochen Kirchenpolitik gemacht worden ist. Ergebnis (um dies gleich vorwegzunehmen): keine gute Kirchenpolitik. Wir stehen vor einem großen und in seinen Folgen noch gar nicht zu übersehenden Rückschlag. Die Sache kam so: in der Woche nach der Dahlemer Synode machten sich der Rat und der Bruderrat ordnungsgemäß an die Arbeit, die für die Ausführung der Dahlemer Beschlüsse notwendigen Richtlinien zu erstellen. Man war gerade damit fertig und diese Richtlinien waren gerade ausgegangen und im Lande draußen mit mehr oder weniger (hier im Westen mit größter!) |757 Energie in die Praxis umgesetzt, als die bekannte Einladung Hitlers an die drei Bischöfe (von denen Marahrens nie zur Bekenntnissynode gehalten hatte, Meiser nur darauf wartet, sich den Beschlüssen der Synode wieder zu entziehen, Wurm wohl der brävste, aber auch kein bedeutender Mann ist) erging. Statt ruhig weiterzuarbeiten, ließ sich nun der Rat und Bruderrat auf endlose Beratungen ein über die vage Möglichkeit (unterstützt durch allerhand Gerüchte, die über die Hintertreppe dieses und jenes Ministeriums zu uns gelangt waren): wir könnten nun unter Anerkennung durch den Staat den Reibi von seinem Thron stoßen und unsere illegale in eine legale «Rechtmäßigkeit» verwandeln. Großes Problem: Sind wir in unserer jetzigen Gestalt für den Staat «tragbar»? Eine Gruppe von ungemein zähen Leuten (im Ganzen identisch mit den theologischen und juristischen Adjutanten der 3 Bischöfe, also Breit, Pressel, ein Herr Bosse3 aus Hannover u. A., die du nicht kennst) verneinte diese Frage und machte in immer erneuten Anstürmen die «Arbeitsfähigkeit» der in Dahlem eingesetzten Führung davon abhängig, daß sie jetzt ein «Notkirchenregiment» herausstelle, das jene Bedingung erfülle. Von der Staatsregierung selbst war und ist uns bis auf diesen Tag keine verbindliche Äußerung weder darüber, daß sie überhaupt mit uns verhandeln wolle, noch darüber, ob der Dahlemer «Rat» für sie tragbar oder nicht tragbar sei, zugegangen!! Es war und ist also klar, daß das Pathos jener Gruppe jedenfalls noch andere Gründe als jenen praktischen hatte. Eine große, höchst törichte Rede des Bischofs Meiser, aber auch die vielen behutsameren, aber immer deutlicher werdenden Voten von Breit und Pressel brachten langsam Licht in die Sache. Es ging und geht sehr schlicht erstens um den Wunsch, nun, nachdem die Bresche geschlagen ist, die «Front zu verbreitern», d. h. die Bekenntniskirche auch denjenigen annehmbar zu machen, die (wie etwa die Fakultäten von Tübingen und Erlangen in corpore) vom Reibi genug haben, die Barmer Erklärung aber gerade in den entscheidenden |758 Sätzen nicht mitmachen können, d. h. grundsätzlich mit den D. C. nach wie vor ein Herz und eine Seele sind. Und es ging und geht zweitens um die Vorbereitung zur Erreichung des von gewissen, besonders in Bayern hausenden lutherischen Fanatikern (zu deren Wortführer sich leider der früher auf besseren Wegen befindliche Sasse entwickelt hat) erstrebten «Hoch-» oder «Fernziels»: eine lutherische Reichskirche mit bischöflicher Spitze, in der Unierte und Reformierte gerade noch so etwas wie geduldete Nebenkapellen sein dürften. Zur Durchführung dieser Absichten war nun die in Dahlem eingesetzte Leitung in der Tat nicht «arbeitsfähig». Es handelte sich in concreto darum, den Präses Koch, dessen Verdienst man freilich nicht leugnen konnte, der aber Barmen ernst nimmt und der für den konfessionellen sowohl wie für den bischöflichen Zauber kein Organ hat, von der ersten an die zweite Stelle zu schieben, und es handelte sich in concretissimo darum, sich des Sechserrats, in welchem Asmussen, Niemöller und ich saßen, zu entledigen, weil wir Barmen blutig ernst nehmen und den konfessionellen und den bischöflichen Zauber rundweg ablehnen. Mir im Besonderen wird vorgeworfen 1. daß ich ein Papsttum meiner besonderen Theologie in Deutschland aufgerichtet habe bzw. durchsetze, 2. daß ich Deutschland mit Calvinismus überflute, 3. daß ich ein bedenkliches Verhältnis zum gegenwärtigen Staat und als Schweizer zum deutschen Volkstum als solchem habe. «Sie werden doch auch der Meinung sein, daß die größte Gefahr für die D.E.K. augenblicklich Karl Barth ist» (Marahrens). Asmussen wird von diesen Leuten ein «Psychopath» genannt und als «Kryptocalvinist», «Unionist» usw. verdächtigt. Niemöller wird vorgehalten, er übertrage die nationalsozialistische Ideologie der «alten Kämpfer»4 auf die Kirche. Der Vorwurf ist jetzt überhaupt sehr beliebt: wir arbeiteten selbst mit «D. C.-Methoden». Kurz, man, d. h. diese Leute, wollen uns nicht mehr oder nur noch in einer unschädlichen Ecke dulden. Dieses «Anliegen» also war es, das nun in wochenlangen Verhandlungen, wegen derer ich immer wieder auf der Achse und dann an den grünen Tischen des St. Michaels-Hospizes in Berlin sitzen mußte, mit einer Hartnäckigkeit, wie sie nur Bayern und |759 Württemberger fertig bringen, immer wieder vorgetragen wurde. Es sah lange so aus, als ob Preußen diesem Ansturm Stand halten werde. Aber er bekam Sukkurs aus Oldenburg, durch den besonders gewichtigen von Soden, der die Bekenntniskirche in Hessen-Kassel leitet, und dann allmählich auch aus Preußen selber. Bodelschwingh hielt uns eine von Liebe nur so triefende seelsorgerliche Ansprache. Die Frage nach der Einheit wurde gegenüber der nach der Wahrheit immer vordringlicher. Und nun ist letzten Dienstag spät in der Nacht oder vielmehr in der ersten Morgenstunde des Mittwoch das Schiff untergegangen. Lücking5 aus Westfalen, bisher einer der sichersten Leute, trat auf die Gegenseite, mein ehemaliger Schüler Beckmann6 folgte, der Präses Koch hatte sich schon im Lauf des Tages oder noch früher zum Nachgeben entschieden. Der Pietist v. Thadden7 hat nun auch noch seinen Mitpietisten Humburg8, der bis dahin ebenfalls festgestanden hatte, heranzuziehen gewußt — Eduard, es handelt sich durchweg um in ihrer Weise, wie Georg sagen würde: «treffliche» Leute —, kurz die Wasser stürzten gurgelnd in den Maschinenraum, und was blieb uns da übrig, als die Boote klar zu machen und eilends zu besteigen, d. h. aus dem trotz aller «Trefflichkeiten» von der Linie von Barmen-Dahlem abweichenden |760 Bruderrat auszutreten: Asmussen9, Niemöller, Hesse, Immer und ich. Die Anderen haben nun ohne und gegen uns folgende — man möchte schon sagen «Papenregierung»10 gebildet: Marahrens, Koch, Breit, Flor11 und als Reformierter Humburg. Meine Tätigkeit im Kirchenregiment ist damit nach genau einmonatlicher Dauer zunächst beendigt. Zur Bekenntnissynode gehören wir natürlich nach wie vor und werden |761 die Arbeit und den Kampf von da aus weiterführen. Aber der jetzigen Centralleitung der Bekenntniskirche werden wir zunächst Gewehr bei Fuß (gegebenenfalls auch im Anschlag!) gegenüberstehen. Weniger die Personen, aus denen es sich zusammensetzt (Marahrens ist zwar mehr als bedenklich!), als die Motive und Bestrebungen, aus denen sie hervorgegangen ist, läßt trotz aller Versicherungen und Kautelen, mit denen man die Überläufer gewonnen hat, nichts Gutes von dieser Leitung erwarten, weder theologisch noch kirchenpolitisch. In denselben Tagen hat ja nun der Reibi sein neuestes Experiment gemacht: die ganze kirchliche Gesetzgebung wird auf den Status von Januar dieses Jahres zurückgeführt, um so seine, des Reibi, Legalität neu zu begründen.12 Die Marahrenskirchenregierung wird angesichts dieses Tricks eine glänzende Gelegenheit haben, unter Beweis zu stellen, was sie ist und kann. Im Land herum ist die Aktion auf Grund der Dahlemer Beschlüsse jedenfalls im ganzen Westen in vollem Gang. Ich stehe auch im hiesigen Presbyterium in schwersten Gefechten.13 Wie sich die Veränderung in der Centrale auswirken wird auf die Provinzen und Länder, ist noch |762 nicht abzusehen. Es wird Alles darauf ankommen, ob sich jene «Trefflichen» nun auch im Einzelnen und in der lokalen Praxis auf die Marahrenslinie begeben werden. Bei Manchen kann ich es mir einfach nicht denken. Aber ich habe nun in diesen Jahren so viel erlebt von der Umfallfähigkeit der Söhne Adams, daß ich mit allen und jeden Möglichkeiten rechne. Unterdessen werde ich und werden jedenfalls auch Asmussen und Niemöller und die paar Entschlossenen unter den Reformierten unser Pulver trocken und unsere Pfeifen brennend erhalten. Die ganze Geschichte, die uns da widerfahren ist, war so profund ungeistlichen Charakters, daß ich ihr unmöglich wirkliche geschichtlicheKraft zutrauen kann, sondern annehmen muß, daß wir früher oder später erst recht wieder zum Schuß kommen werden. Eine vorläufige Tragödie ist das Ganze aber trotzdem, und du kannst dir selber ausmalen, was ich an heimlichen und ein- oder zweimal auch an offen ausbrechenden Lotzenzörnen14 durchgemacht habe.

Lieber Eduard, ich schreibe dir dies alles doch auch darum, um dich darauf aufmerksam zu machen, wohin es in der Stunde der Not kommt, wenn man in den vorangegangenen Friedenszeiten — wie ihr sie jetzt im Ganzen noch habt — Geistern wie Emil Brunner nicht bestimmt und eindeutig widerstanden hat. Die Marahrens, Meiser, Breit, Pressel und Genossen, der unselige Bodelschwingh, Georg Merz und all die wackelnden und fallenden Gestalten auf der anderen Seite sind ja förmliche Inkarnationen von «Natur und Gnade 📖». Wenn ihr dort aus der Resignation, der Vermittlung und dem Schlamassel, in den wir hier nun aufs neue hineingekommen sind, gar nicht erst hinaus, sondern das alles in seiner schweizerischen Gestalt verewigen wollt, dann könnt ihr es euch leisten, dem Emil mit halbem Ohr doch immer wieder recht zu geben und es mir zu überlassen, ihn so aufzuspießen, wie ich es nun versucht habe. Psychologische und seelsorgerliche Anliegen haben jene unsere Brüder nämlich alle auch und wissen gut und schön davon zu reden. Bibel und Bekenntnis sind in aller, aller Munde. Es gibt jetzt immer mehr sogar unter den klügeren D. C., die sich in dieser Hinsicht einfach täuschend zu tarnen wissen. Aber, aber — wenn’s zum Treffen kommt, wird die Kirche auf dieser Basis immer verraten, d. h. unter säkularen Gesichtspunkten gebaut und verteidigt. Caveant consules — |763 und auch antistites!15 Ich muß immer wieder an Nordafrika16 denken und ob es nicht auch für die europäischen Kirchen einmal zu spät sein könnte.

Lollo hatte dir vor 10 Tagen einen langen Brief geschrieben, in dem sie dir dasselbe: Caveant! zurufen wollte angesichts deines letzten Briefes an mich. Sie hat sich dann aber damit begnügt, sich ihn vom Herzen geschrieben zu haben, und hat ihn nicht abgeschickt bzw. kassiert.

Grüße Marguerite und die Kinder, insbesondere Dorothee! Grüße meine Tochter Fränzeli, ich würde Max Zellweger längst auf seinen freundlichen Brief17 geantwortet haben, wenn ich nicht so unter Dampf stünde, wie du es ihm auch an Hand dieses Briefes schildern kannst.

Mit herzlichem Gruß!
Dein

Sachfußnoten

1
Original nicht erhalten; Thurneysen gab es möglicherweise weiter an Koechlin (s. den Briefanfang), dessen Schreiben an Bischof Bell vom 26.11.1934 (Bell/Koechlin, S. 179f. 📖) — in dem er sich auf «Nachrichten», die er am 24.11. von Barth erhalten habe, beruft — sich offensichtlich an diesen Brief Barths an Thurneysen anlehnt; Abdruck nach einem Durchschlag.↩
2
Vgl. zu dem im folgenden von Barth geschilderten spannungsreichen Entstehungsprozeß der am 22.11.1934 gebildeten ersten Vorläufigen Kirchenleitung Gauger II, S. 391.393 📖; Meier I, S. 514–523 📖; W. Niemöller, Von der Dahlemer Synode …, a.a.O. (S. 749, Anm. 5) 📖; dazu kritisch und aus der Perspektive der lutherischen Kirchen Hannovers, Bayerns und Württembergs der spätere Mitarbeiter Marahrens’ E. Klügel, Die lutherische Landeskirche Hannovers und ihr Bischof 1933 bis 1945, Berlin/Hamburg 1964, S. 175–179 📖; Prolingheuer, S. 29–44. 📖↩
3
Johannes Bosse (1896–1970), 1925–1936 Pfarrer in Raddestorf, Mitbegründer und zeitweise Vorstandsmitglied der Landeskirchlichen Sammlung (später Bekenntnisgemeinschaft) in Hannover, seit Mai 1934 Mitglied des Reichsbruderrates, 1936–1939 Mitglied der Vorläufigen Kirchenleitung in Hannover unter Landesbischof Marahrens (Mitglied der Kammer für Verfassungsangelegenheiten der Deutschen Evangelischen Kirche), gleichzeitig (bis 1964) Pfarrer und Superintendent in Stolzenau (Weser). Vgl. Meier I, S. 392f. 📖 ↩
4
Als «alte Kämpfer» wurden diejenigen Mitglieder der NSDAP, SA oder SS bezeichnet, die vor dem 30.1.1933 in die Partei eingetreten waren, sowie «Amtswalter» (Beamte und berufliche Parteifunktionäre), die an diesem Tag schon über ein Jahr im Amt waren.↩
5
Karl Lücking (1893–1976), 1929–1938 (Ausweisung aus Westfalen) Pfarrer in Dortmund, Leiter des westfälischen Pfarrernotbundes, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und des Reichsbruderrates, nach Pfarrämtern in Jastrow (Grenzmark), Hannover und Halle 1942–1949 Pfarrer in Barkhausen (Westfalen), 1949–1960 theologischer Vizepräsident in der westfälischen Kirchenleitung.↩
6
Dr. phil. Lic. theol. Joachim Beckmann (1901–1987), 1933–1948 Pfarrer in Düsseldorf (Februar 1934 vorübergehend amtsenthoben), Mitglied des Reichsbruderrates, 1945 Dozent, 1951–1980 Professor für Systematische und Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, 1945 Mitglied der rheinischen Kirchenleitung (ab 1949 Oberkirchenrat, 1958–1971 Präses).↩
7
D. Dr. iur. Reinold von Thadden-Trieglaff (1891–1976), pommerscher Rittergutsbesitzer, 1934 Präses der pommerschen Bekenntnissynode und des pommerschen Bruderrats, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und des Reichsbruderrates. 1949 gründete er den Deutschen Evangelischen Kirchentag, den er bis 1964 leitete.↩
8
Paul Humburg (1878–1945), 1929–1943 Pfarrer in Barmen-Gemarke, 1934–1943 Präses der Freien Evangelischen Synode (seit 12.11.1934 umbenannt in: rheinische Bekenntnissynode), bis 4.1.1936 reformiertes Mitglied in der am 22.11.1934 gebildeten Vorläufigen Kirchenleitung unter Marahrens, da sich der ursprünglich vorgeschlagene Stettiner Superintendent E. Baumann nicht zur Annahme des Amtes entschließen konnte.↩
9
Widersprüchliche Angaben in der Literatur darüber, ob Asmussen tatsächlich ausgetreten sei, sind darauf zurückzuführen, daß er aus «Treue zu Koch» weiterhin als dessen Sekretär mitarbeitete und als solcher auch bei den Sitzungen des Reichsbruderrates anwesend war. Seine aktive oppositionelle Haltung gab er wohl in der Hoffnung auf, «daß sich der durch Koch und Fiedler personell manifestierte Oeynhausener Kurs in der VKL [Vorläufigen Kirchenleitung] am Ende durchsetzen werde». Vgl. E. Konukiewitz, Hans Asmussen …, a.a.O. (S. 98, Anm. 28), S. 124–126 📖; Zitat dort S. 125. Nach Scholder II (Nachwort der Herausgeber, S. 367) 📖 protestierte Asmussen zwar zusammen mit Barth, Hesse, Immer und Niemöller, trat aber nicht zurück. Auf der Mitgliederliste des von der Augsburger Reichssynode bestätigten Reichsbruderrates erscheint sein Name wieder (Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4.-6. Juni 1935. Verhandlungen, Reden, Beschlüsse, i.A. des Bruderrates hrsg. von K. Immer, Privatdruck, Wuppertal-Bärmen 1935, S. 92 📖).↩
10
Vor allem hinsichtlich ihrer Entstehung erschien Barth die neue Kirchenleitung mit dem ohne Einbeziehung des Parlamentes gebildeten Kabinett von Papens (Juli bis November 1932) vergleichbar, das — allein auf die Autorität des Reichspräsidenten gestützt — auch gegen das Parlament zu regieren bereit war. Die erste Vorläufige Kirchenleitung, die auch von den drei sogenannten intakten lutherischen Landeskirchen (Bayern, Hannover und Württemberg) als Kirchenregiment anerkannt wurde, war gemäß den Bestimmungen der Kirchenverfassung vom 11.7.1933 zusammengesetzt. In der «Vereinbarung über die Bestellung eines vorläufigen Kirchenregiments der Deutschen Evangelischen Kirche» vom 22.11.1934 📖 wurden dem weiterhin bestehenden Bruderrat die «verfassungsmäßigen Rechte» der Nationalsynode (bis zu deren Zusammentreten) zuerkannt. Neue Mitglieder des Bruderrates sollten nicht mehr wie bisher von der Reichsbekenntnissynode aus ihrer Mitte gewählt, sondern «vom vorläufigen Kirchenregiment im Einvernehmen mit dem Bruderrat der DEK berufen» werden. Vgl. Gauger II, S. 391.393 (Zitat dort S. 393). 📖 ↩
11
Der Nationalsozialist Wilhelm Flor (1883–1938), seit 1931 Reichsgerichtsrat in Leipzig, Mitglied des sächsischen Bruderrates, hatte in Rechtsgutachten wiederholt die Rechtmäßigkeit der Gleichschaltungsmaßnahmen durch die Reichskirchenregierung bestritten (vgl. z. B. Gauger II, S. 258.260.262.264.280f. 📖). Da er keine Beurlaubung für die Aufgabe in der Kirchenleitung erhielt, wurde er bis 1936 ständig vertreten durch Dr. Eberhard Fiedler (1898–1947), Rechtsanwalt am Reichsgericht in Leipzig sowie Rechtsberater des Pfarrernotbundes und des Präsidiums der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Zu Flor vgl. Scholder II, S. 42–44. 📖 ↩
12
Am 20.11.1934 nahm Müller in zwei Erlassen die seit Anfang des Jahres erlassenen Gesetze zur Eingliederung der altpreußischen Landeskirche zurück, «um die verfassungsmäßige Bildung des Geistlichen Ministeriums zu ermöglichen». Abdruck der beiden Erlasse in: KJ, Jg. 60-71 (1933–1944), S. 81 📖; Gauger II, S. 368.370 📖; vgl. Meier I, S. 522. 📖 ↩
13
Die Verlesung der Dahlemer Beschlüsse in den Bonner Kirchen, die die deutsch-christlichen Presbyter zu ihrer öffentlichen Protesterklärung veranlaßt hatte (vgl. oben S. 720, Anm. 17), führte auch zu einem Konflikt in der Presbyteriumssitzung vom 19.11.1934. Dr. D. Grasshoff forderte noch «vor Eintritt in die Tagesordnung» von den Pfarrern, die die Dahlemer Botschaft verlesen hatten, «einen öffentlichen Widerruf. Vorher könnten die den Deutschen Christen angehörenden Mitglieder des Presbyteriums nicht in die sachlichen Verhandlungen eintreten» (Zitate aus dem Sitzungsprotokoll, Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn). Als die Bekenntnis-Presbyter zusammen mit den betroffenen Pfarrern und Jugendpfarrer W. Wilkesmann in einer von Prof. Horst zu Protokoll gegebenen Erklärung die volle Verantwortung für die Verlesung übernahmen, verließen die deutsch-christlichen Presbyter die Sitzung und boykottierten das Presbyterium bis zur Sitzung am 21.1.1935, in der es, wiederum vor Eintritt in die Tagesordnung, zu einer Aussprache über «eine zunächst verlesene, dann aber zurückgezogene Erklärung der DC-Vertreter» und zur Verlesung einer von Grasshoff gezeichneten zu Protokoll gegebenen Gegenerklärung zu jener vom 19.11. kam (Sitzungsprotokoll a.a.O., Zitat aus einer brieflichen Richtigstellung des Protokolls durch Horst vom 30.3.1935). Vgl. Hinz-Wessels, S. 189.202-206.256. 📖 ↩
14
Siehe oben S. 146, Anm. 20.↩
15
Die aus dem 2. Jh. v. Chr. stammende sprichwörtliche Formel, die Barth aufgreift, lautet vollständig: «Videant consules, ne quid res publica detrimenti capiat.» Zum Titel Antistes s. oben S. 43, Anm. 2.↩
16
Nach der Eroberung durch die Araber Ende des 7. Jahrhunderts wurde die nordafrikanische Kirche fast völlig durch den Islam aufgesogen.↩
17
Brief vom 16.10.1934.↩