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29. Mai 1931
Du weißt, wie wichtig und tröstlich es mir ist, meine Erzeugnisse deinem zugleich kritischen und wohlwollenden Auge zu unterbreiten, und so schicke ich dir denn mit gleicher Post das Konvolut meiner in den letzten fünf Tagen in ununterbrochener Schreibung entstandenen 21 Andachten1. Ich weiß nicht einmal, ob du die deinigen schon gemacht hast. Wenn nicht, so können dich die meinigen jedenfalls anregen, die deinigen besser zu machen. Es war ein recht merkwürdiges |141 und ungewohntes Geschäft für mich. Wenn du dich etwa fragst, wie ich gerade zu diesen 21 alttestamentlichen Texten gekommen sei, so erschrick nicht zu sehr und beschuldige mich nicht des Kitsches, wenn ich dir verrate, daß ich mich einfach und ohne Abweichung an das in Basel so beliebte Losungsbiechli2 gehalten habe. Das brüdergemeindliche Losungen-Ziehen ist ja gewiß wie wahrscheinlich die Brüdergemeinde überhaupt ein grober Unfug und gehört auch zu dem, was Paul Schütz in Orient und Occident so zutreffend als Renaissance-Christentum charakterisiert hat.3 Aber denk, ich brauche dieses Biechli sogar alle Morgen in der kurzen Andacht, mit der ich jetzt meine Vorlesungen zu eröffnen pflege, und für den Zweck des Jacobischen Buches fand ich das Vorhandensein einer solchen Weisung sogar ganz ausgezeichnet, denn ich wüßte wirklich nicht, unter welchem anderen Gesichtspunkt ich hätte auswählen wollen. Ganz abgesehen davon, daß ich es eigentlich ganz nützlich fand, solche 21 ausgerechnet alttestamentlichen Worte mit auf den Weg zu bekommen.
Hab vielen Dank für deinen großen guten Brief vom 16. Du wirst aus meinen Vorlesungen ersehen haben, daß Heim auch mich beschäftigt hat.4 Es ist mir ein richtiger Kummer, daß ich ihm den Anselm
📖 |142 nun nicht prompt gegenüberstellen kann.5 Ich bin nun überhaupt in richtiger Bedrängnis hinsichtlich meiner nächsten Publikationen. Die Dogmatik
📖 nimmt in der neuen Bearbeitung Dimensionen an, die mich für die Sommerferien, in denen sie6 zu beendigen sein wird, sehr ängstlich machen. Da sollte ja dann wirklich auch der Anselm endlich fertig werden, aber nun bin ich durch die lange Abwesenheit aus jenem diffizilen Stoff wieder so ganz heraus, und wie werde ich wieder hineinkommen? Im Winter weist mich dann der Fortgang der Vorlesungen unbarmherzig auf die Stoffe der Dogmatik I (Gotteslehre usf.)7, und die Publikation, in der ja dann auch die Ethik mit inbegriffen sein soll8, wird mit diesem rascheren Fortgang des Kollegs unmöglich Schritt halten können. So stehen mir wirklich sorgenvolle Zeiten bevor, und ich wollte nur, daß mit all dem Geschinde dann auch wirklich etwas geschaffen wäre. Aber eben das hat man nicht in der Hand. Es hat sein Gutes, daß ich durch den Unterrichtsbetrieb jetzt auch einfach wieder genötigt bin, den schon so oft gelesenen und beleuchteten Schleiermacher wieder und wieder zu lesen.9 Die Studenten wollten zunächst ein|143fach nichts wissen von dieser Speise, so daß ich große Reden über die geschichtliche Bedeutung des Mannes halten mußte, um sie nur erst heranzukriegen zu bedächtigem Lesen und Nachdenken über die Sache. Unsere zahlreichen Feinde hätten sich gewiß manchmal gewundert, wenn sie die Lobsprüche, in denen ich mich da ergehen mußte und ergangen habe, gehört hätten. Es ist tatsächlich so, daß wir mit dem Mann noch lange nicht fertig sind. Das konnte nur Emil meinen.10 Im Juli wird unser Stammgast Heinrich Scholz wieder in meinem Seminar erscheinen, um eine Apologie für Schleiermacher im Gegensatz zu |144 Emils und meinen eigenen Publikationen über ihn vorzutragen.11 Das wird eine sehr komplizierte dialektische Situation werden. Außer Scholz soll dann in demselben Kreis ein Benediktiner-Pater aus Maria Laach auftreten, um uns über die katholische Sakramentsauffassung etwas Authentisches vorzutragen.12 In meinem Seminar wirkt übrigens ein richtiggehender römisch-katholischer Theologe namens Fehr13 aus St. Gallen mit. Sehr aufgeschlossen und munter, aber auch sehr gegründet in seiner Sache, die er nach dreijährigem Studium bei den Dominikanern in Freiburg i. U. außerordentlich gut intus hat. Er ist bei den Diskussionen in der Lage, ganze Partien seiner Voten in glattem Lateinisch vorzutragen, in dem sich ja auch Alles viel besser sagen läßt. Ich fürchte sehr, ein evangelischer Normal-Student würde sich, in einen entsprechenden katholischen Kreis versetzt, sehr viel weniger gut und einleuchtend benehmen. Auch ein Neger sitzt übrigens im Seminar, aber er hat bis jetzt seinen Mund noch nicht aufgetan, sondern grinst nur unheimlich und urwaldmäßig, vielleicht ein Vorbote des erwachenden Afrika, das uns einmal mit Sack und Pack in die Tasche stecken wird.
Sag, was ist das: ich bekam heute Morgen Nr. 8 des Zofinger Zentral|145blattes mit der Erklärung des Altzofingerausschusses14. Ich kenne alle die unterzeichneten Leute ganz genau, war mit fast allen aktiv und habe mich über diese Sprache, die ich nur zu gut kenne, weidlich geärgert. Wie verhält sich diese Erklärung zu deiner Rolle als Beisitzer in der Redaktionskommission15? Wäre es nicht sehr schön, ein kräftiges Wort von dir in der nächsten Nummer zu lesen?16
Unsere Bergli-Freunde sind nun wohl vom Balkan wieder glücklich an ihren Ort zurückgekehrt.17 Ob wohl das neue Andachtsbuch in diesem christlichen Hause auch benützt werden wird? Vorgestern war hier eine Pfarrer-Konferenz18, aus deren Verlauf einem das ganze Elend der Kirche wieder einmal furchtbar entgegengähnte. K. L. Schmidt hielt den Vortrag19, und zwar gut, war aber in der Diskussion weder der Dumm|146heit noch der Schlauheit der Kirchenmänner gewachsen, wie er es hätte sein sollen. Ich war innerlich so zornig, daß ich am liebsten, dem Vorbild meines Urgroßvaters Lotz20 folgend, einen Stuhl in die Hand genommen, den gräßlichen Thorwaldsen-Christus21, der segnend im Hintergrund stand, umgeworfen und das Lokal geräumt hätte. Aber ich habe mich durch meinen Berliner Vortrag22 nun ohnehin vielleicht endgültig stinkend gemacht23 und will bis auf Weiteres mit Gewalttaten sparsam umzugehen mich bemühen. — Leb wohl, lieber Eduard. Es ist spät in der Nacht, und es ist an der Zeit, daß wir zu Bett gehen. Grüße Marguerite. Wir hoffen, daß sie völlig genesen und auch das Kindlein auf guten Wegen sei. — Lollo, die den Brief schreibt, grüßt dich mit mir.
Von Herzen