753
ich möchte doch Nelly nicht ziehen lassen, ohne ihr einen Boten an euch mitzugeben, der euch unsere Grüße sagt und unser immer gleiches Gedenken. Eben im Augenblick erhalte ich Eure Nachricht. Der Brunnerbrief — er zeigt, so wie ich Emilen kenne, die Schutzwand, hinter der er sich birgt, aber zugleich auch die Schutzlosigkeit, in der er deine Nackenschläge empfangen hat, den Rückzug, den er antreten muß in der kläglichen Gestalt von Zurückweisungen deines «Mißverständnisses» von ihm. Das ist ja menschlich … Mir ist es ein mich peinlich berührendes Geschehen. Aber grad als krank erklären würde ich ihn noch nicht, wenn ich allerdings die psychische Labilität sehe, das wankende Gemäuer, aus dem heraus das alles kommt! Auslachen darf man ihn aber sicher nicht wegen seines Geständnisses am Schluß des Briefes.2 Das ist bei ihm vielleicht das Wahrste und Echteste, was er schreibt. Da liegt, wenn auch in uns fremder und merkwürdiger Gestalt, eine Wendung vor seines Lebens, die ich durchaus ernst nehme und die mir gerade die Hoffnung noch nicht ganz ausgehen läßt, daß er auch theologisch wieder einmal zurechtkommen kann. Was die Meldung von der Bombe in Zürich durch Karl Ludwig betrifft, so glaube ich das nicht. Die Meldungen und Zuschriften, die mir zugehen, laufen alle etwa in der Richtung des beiliegenden Briefleins von Lutz in Bern3.
754 Übrigens: gestern habe ich eine eigentlich restlos gute Stunde verlebt über der Lektüre des offenen Briefes von Tillich in den Theologischen Blättern Karl Ludwigs.4 Was hältst du davon? Ich habe ihn einfach restlos mit Freude gelesen. Natürlich bleibt Tillich, wer er ist, aber das zugegeben — was für eine neue Einsicht, was für eine offene und tapfere Sprache Emanuel gegenüber! Wie nah kommt er an dich, an uns heran! Wie gut die einfache Wendung zur Schrift hin als einziger Offenbarungsquelle, so unbegründet es auch im sonstigen theologischen Zusammenhang drin anmuten mag! Ein Ninive des Modernismus tut Buße unter dem Druck der Verfolgung [vgl. Jona 3]! Wa? Oder siehst du es anders? Auch daß er seine religiös-soziale Stellung selber nicht preisgibt trotz aller offensichtlichen Niederlage nach außen, daß er sein politisches Urteil nicht revidiert, daß er am Ausweichraum festhält, daß er Hirsch auf der ganzen Front aufrollt — wie gut das alles! Oder nicht? Ich habe bei der Lektüre unvermeidlich an Emil gedacht — ich bin eigentlich überzeugt, daß auch er, wenn der Druck härter und ganz hart werden sollte, trotz seiner unguten Theologie im entscheidenden Augenblick nicht anders sich schlüge, als es hier Tillich tut. Aber ich bin ebenso überzeugt, daß allerlei andere Leute, die sich jetzt noch ganz hinter den Büschen halten, dann versagten … ich denke an gewisse Basler Kollegen auf der Universität.
Am Sonntag war Markus hier mit Stöffeli zusammen. Ich habe nach der Predigt5 einen langen Gang mit Markus gemacht. Und er hat mir viel erzählt. Unter anderem kam er auch auf Peter in Madiswil zu sprechen. Und zwar so: ich hatte Abendmahlsfeier, Markus blieb und sagte mir, er habe zum ersten Mal am Abendmahl teilgenommen. Ich war erstaunt. Ja, sagte er, in Madiswil hätte er auch schon Gelegenheit gehabt, aber es sei ihm unmöglich gewesen, einmal wegen allerhand scharfen Gesprächen, die gerade vorangegangen seien, und dann wegen Peters Predigt selbst. Und nun erzählte er mir manches, was mich eigentlich erschreckte. Peter muß doch weiter und weiter durchaus in Geländen lehren und predigen, die nicht weniger fernab von Calvin liegen als al|755les, was Emil lehrt und treibt. So daß ich eigentlich seiner Brunnerwiderlegung6 mit Sorge entgegensehe, nicht darum, weil ich nicht glaube, daß er Calvin ganz korrekt darstellen wird, aber darum, weil es etwas nicht ganz Ehrliches sein wird. Denn was mir Markus von Peters Predigtauffassung und dergleichen Dingen sagte, das könnte Brunner glatt übernehmen oder selber gesagt haben, nur mit dem Unterschied, daß es Emil pietistisch sagt, was Peter rationalistisch sagt. Wobei mir Brunner, im Fall ich zu wählen hätte, noch näher läge. Aber das Grundübel ist dasselbe. Und denk, ich habe schon bei der Lektüre vom «Nein
📖» gleich bedauert, daß du den Calvinabschnitt7 so gekürzt hast. Da liegt für mich beinahe die wichtigste Stelle der ganzen Schrift. Warum hast du das Peter überlassen? Warum hast du die viel breiteren und ausgezeichneten Ausführungen aus der Vorlesung nicht tel quel übernommen?8
Hat dir Homrighausen die große Arbeit auch geschickt, die er über uns als Prediger angestellt hat9? Eine merkwürdige Sache mit diesen Amerikanern. Brunner hat er völlig durchschaut und abgeseilt, außer uns bleibt überhaupt nichts übrig. Alles ist auf einfachste Linien gebracht, so einfach, daß man ganz überzeugt wird, daß wir wirklich ganz allein recht haben. Wahrscheinlich wird deine Theologie, wenn sie Amerika erobert, in dieser Sonntagsschulform dann auf tausend Seminarien einmal eingehämmert und durchgetrieben werden! Ich habe mich daran gefreut und habe diesen wackeren gradlinigen Mann aufs neue gern bekommen.
Karl — die Sorgen stehen weiter und weiter drohend genug über dir. Laß dich nicht erdrücken. Alles in allem geht’s doch einfach erstaunlich rasch klaren Entscheidungen entgegen. Wäre, ach, wäre doch Bonn nur ein klein wenig näher! Wie würde man sich von Zeit zu Zeit richtig zu|756sammensetzen können! Könnten, ach könnten wir doch von hier aus ein wenig besser helfen!
Ich muß schließen. Nelly will gehen. Bald wieder einmal mehr und vor allem herzlichen Dank für alle Nachrichten von euch her.