12. November 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier in Abschrift den soeben eingetroffenen Brief von Brunner.1 Das geht doch nicht, oder? Ist da nicht etwas Krankhaftes dran, auch in der unerlaubt saloppen Art, in der er immerhin so wichtige Briefe schreibt? K. L. Schmidt wußte an Wolf zu melden, daß das «Nein 📖» wie eine Bombe eingeschlagen habe in Zürich.2 —

752 Und noch etwas: Gerty schreibt mir heute aus London von einem Artikel in den B. N. über die «Neukonstituierung der D.E.K.», in dem anscheinend das Kabinett Breit schon namentlich genannt war.3 Diese Nummer — ich glaube 8. November — haben wir nie bekommen. Könntest du sie uns in einem Umschlag zuschicken? Wir wären dir sehr dankbar.

Dank für Marguerites Karte. Wir erwarten Nelly also morgen Abend. Wie gut wäre es, wenn in der Tat durch Fränzelis Schritt in ihrem (Nellys) Leben eine neue Dimension aufginge, die ihr neuen Mut gibt und die hier entlastet. Wir wären so dankbar dafür. — Grüße Alle. Karl ist sorgenvoll, auch um die Auswirkung aller Beschlüsse für alle die Pfarrer draußen im Lande. Es kann für den Einzelnen sehr schwer werden. Morgen versammelt er die hiesigen Pfarrer um sich, um alle Detailfragen mit ihnen zu besprechen. Sie baten ihn darum. Soeben hielt Hellmut Traub die Aufnahmeprüfung ins Seminar4, es waren etwa 100 zugegen, mehr als je. Und nun gehen wir zusammen an die Durchsicht und Auslese der 30 Bevorzugten, während Karl ununterbrochen über Offenbarung und Religion5 nachdenkt!!

Lieber Eduard, seid gegrüßt von uns, herzlich und dankbar.

Deine, eure
Lollo

Sachfußnoten

1
Undatierter Brief über Barths Streitschrift Nein! …, a.a.O. (S. 669, Anm. 8), in dem Brunner schreibt, Barth habe zu seiner Beruhigung nur ein «Zerrbild» widerlegt, den eigentlichen, mit Calvin in einer Front stehenden Brunner aber nicht getroffen. «Das einzige, was bei mir materiell falsch ist, ist der Satz am Schluß, die th[eologia] nat[uralis] sei ‹die Aufgabe› unserer Generation. Es sollte heißen: eine wichtige Aufgabe» (s. Bw.Br., S. 268–270 📖; vgl. E. Brunner, Natur und Gnade …, a.a.O. [S. 629, Anm. 4], S. 44 📖; in: O.W. I, S. 375 📖).↩
2
Die erschütterte erste Reaktion seines Vaters schildert H. H. Brunner a.a.O. (S. 253, Anm. 1), S. 89f. 📖 Im Gegensatz dazu hatte Brunner selbst geschrieben: «Heute kam die Schrift von KB. Ich habe sie natürlich, trotzdem ich keine Zeit hatte, in einem Zuge durchgelesen und erleichtert aufgeatmet. Ich kann wirklich nichts darin finden, was mich trifft. Sie wimmelt von beweisbaren Mißverständnissen und ganz groben Entstellungen. ZB spricht K immer wieder mit Entsetzen von meinem Ausdruck ‹Offenbarungsmächtigkeit des Menschen›, der wirklich schauderhaft wäre — wenn er in meinem Büchlein stünde. Statt dessen heißt es: Offenbarungsmächtigkeit der Werke Gottes, ganz im Sinn von Röm 1, dh im Sinn der hypothetischen Möglichkeit für den Nichtchristen, der positiven Möglichkeit für den Christen. Und so vieles andere. Ich werde sehr gut schlafen und habe keine Spur böser Empfindungen gegen Karl. Das kommt mir selbst ganz merkwürdig vor. Den Emil Brunner, den er bekämpft, kann man in der Tat nicht scharf genug drannehmen. Ich freue mich diebisch, daß ich’s nicht bin» (Brief an Thurneysen, datiert auf den «9.IX.1934» [vermutlich richtig: «9.XI.1934»]; Nachlaß Thurneysen 📖).↩
3
Briefkarte vom 10.11.1934. Ein Artikel, in dem, wie G. Pestalozzi schrieb, G. Merz und H. Breit als Mitglieder einer neuen DEK-Kirchenleitung genannt würden, ist im fraglichen Zeitraum nicht in den Basler Nachrichten erschienen.↩
4
Die schriftliche Aufnahmeprüfung für Barths Seminare, auf Grund derer etwa 30 ordentliche Mitglieder zugelassen wurden, wurde gewöhnlich von Barth selbst durchgeführt. Im WS 1934/35 behandelte er in seinem Seminar «Die Lehre vom Abendmahl». Im Karl Barth-Archiv ist der Durchschlag einer Protokollabschrift über die erste Seminarsitzung am 15.11. erhalten.↩
5
Vgl. KD I/2, § 17: Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion, S. 304–397 📖. — Wegen seiner Suspendierung am 26.11.1934 trug Barth diesen Paragraphen jedoch erst im folgenden WS in Basel vor.↩