11. November 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Es ist nicht viel Neues zu berichten. Karl kam gestern Nachmittag etwas abgekämpft heim, trank einen starken Kaffee, nahm ein Bad und begab sich in die Bruderratssitzung der Stadt Bonn, die Alles in Allem einen befriedigenden Eindruck hinterließ und in der, wie schon die letzten Male, Karl ein gutes Vertrauen entgegengebracht wird.1 Wir schätzen es nicht gering, daß durch die Ereignisse der letzten Jahre das ganze Verhältnis zu den hiesigen Pastoren ein sehr anderes geworden ist und Karl nun wirklich nicht mehr im «leeren Raum»2 seine Dogmatik hier liest, sondern in engem Kontakt steht mit den Pfarrern und dadurch auch Gemeinden des Ortes. — (Während er sich übrigens in dieser verdienstlichen Weise um die Kirche bemühte, sah ich mit H. Traub einen der besten Filme der letzten Zeit: Abschiedswalzer oder Frauen um Chopin3, ein Film, den ich euch unbedingt empfehlen möchte!!) —

In Berlin hat sich das Gleiche wiederholt wie das letzte Mal: Mühsames Ringen zwischen süddeutschen Lutheranern und Bruderrat, der diesmal in Vollzahl anwesend war. Es ergab sich, daß der das letzte Mal von einigen Mitgliedern des Rates4 bereits voreilig zugesagte Schritt in |749 Richtung eines lutherischen Spitzenkomitees vom Bruderrat nicht akzeptiert wurde (Preußen lehnte geschlossen ab), obwohl sogar Koch und Asmussen sich in großzügigster Weise auf die Seite der Lutheraner stellten und die Führung weitgehend abgeben wollten.5 So kam es, daß die Bischöfe: Meiser, Wurm, Marahrens bzw. deren Vertreter, zornig den Schauplatz verließen, als sie sahen, daß ihre Wünsche sich gegen eine starke Opposition durchsetzen müßten. Was nun weiter geschieht, ist noch nicht abzusehen. Es sind alle Möglichkeiten offen, auch natürlich die, daß die Bischöfe zu Sonderaktionen schreiten. Zum Glück wird ihnen das von der D. C.-Seite sehr erschwert. Denn auch diese Brüder haben wieder Oberwasser gewonnen durch Fricks Erlaß6 und sehen den sicheren Sieg vor Augen. Wir haben in dieser Richtung Einblicke tun können in das rheinische Konsistorium, die humorvoll und erschütternd zugleich sind. Auf jeden Fall werden sie Müller nicht opfern und werden es anscheinend überhaupt so begnadet ungeschickt anfangen, die Wege zum «Frieden» zu ebnen, daß auch ein Meiser nicht gut in die ausgestreckte Hand einschlagen kann!! — Aber das Eine dürfte in jeder Beziehung feststehen: daß wir erst am Anfang eines ganz schwierigen Weges stehen, der noch die überraschendsten Wendungen |750 nehmen kann. Hinter den D.C. tritt ja immer spürbarer — Rosenberg sitzt im Kultusministerium!7 — die Glaubensbewegung8 hervor, die mit einem Schlag die Fronten noch einmal völlig verschieben kann. Gerade dann aber wird es so bitter nötig sein, daß eine grundsätzlich klare und saubere Kirche, die weiß, was sie will, auf dem Posten ist. Vielleicht werden die Lutheraner erst an diesem Gegner zur Einsicht kommen und dann noch einmal froh sein um die Linie Barmen-Dahlem, die sie jetzt im Begriff stehen stückweise zu verraten. — Preußen steht im Augenblick unentwegt, und das ist ja wirklich viel. —

Vernimmst du etwas von dem «Echo» auf das «Nein»? Neben allem gehen Karls Gedanken doch auch immer wieder zu diesem seinem jüngsten Kind und manchmal auch recht besorgt zu Freund Emil. — Die letzten Nummern der B. N. waren erfreulich, und wir sind sehr dankbar dafür, insbesondere auch dir für deinen Einsatz in dieser Sache. Es lohnte sich doch. Und nimm auch herzlichen Dank noch für dein Brieflein und von Karl für das letzte Schreiben, das ich ihm als Eilbrief nach Berlin nachsandte, damit er gleich dort die Frage des Berichterstatters ordnen könnte. Das ist nun doch noch nicht geschehen. Günther D. wäre ja vielleicht etwas zu schwerfällig, wir dachten eher an den jungen Pfr. Hildebrandt9, der sich sehr eignete für eine solche Aufgabe. Aber vielleicht bedarf es dieses Eingriffs nun nicht mehr. —

751 Heute — Sonntag — sitzt Karl nun unentwegt an seiner Vorlesung, die in dieser Woche nun mit Ernst beginnen muß. Schon murren die Studenten leise. —

Lebt wohl. Sobald etwas Hörenswertes sich begibt, wirst du es von uns hören. — Grüße dein ganzes Haus und sei selbst von uns beiden ganz besonders gegrüßt.

Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Konnte nicht nachgewiesen werden.↩
2
Daß er im «leeren Raum» Theologie treibe, war Barth nach Veröffentlichung seiner Schrift Theologische Existenz heute! 📖 (s. oben S. 458, Anm. 1) dem Sinne nach mehrfach vorgeworfen worden, wörtlich von Fr. Tügel (Unmögliche Existenz! Ein Wort wider Karl Barth, Hamburg 1933, S. 6) 📖: «Theologie an und für sich, Gottesgelahrtheit im luftleeren Raum», und von Max Gerber (in: Der Aufbau, Jg. 14, Nr. 43 vom 15.8.1933 📖): «Die Theologie im luftleeren Raum ist eine Erfindung neuerer Zeit. Ich bin überzeugt, daß die ‹Theologische Existenz heute› nicht die von morgen sein wird, denn ich glaube an den Sieg der Menschlichkeit — sogar in der Theologie.» Barth verwahrte sich gegen diesen Vorwurf u. a. in seiner Erläuterung der 3. These seiner Erklärung auf der Freien reformierten Synode in Barmen am 3.1.1934, vgl. Bekenntnis der freien Kirchensynode, in: Freie reformierte Synode zu Barmen-Gemarke am 3. und 4. Januar 1934. Vorträge, Verhandlungen, Entschließungen, i.A. des Coetus reformierter Prediger Deutschlands hrsg. von K. Immer, Privatdruck, Wuppertal/Barmen/Wichl[inghausen] o. J. [1934], S. 23 📖; vgl. auch Vorwort vom 13.9.1934 in: Der Christ als Zeuge (ThExh 12), München 1934, S. 3f. 📖↩
3
Spielfilm mit Wolfgang Liebeneiner, Hanna Waag, Sibylle Schmitz u. a., Regie: Geza von Bovary 📖.↩
4
Ursprünglicher Wortlaut: «das letzte Mal vom Rat bereits zugesagte»; «von einigen Mitgliedern» und «voreilig» sind Korrekturzusätze am Briefrand. Anpassung des Kasus entsprechend dem ersten Zusatz von der Hrsgn.↩
5
In der Sitzung des Bruderrates vom 9.11.1934 vertraten die lutherischen Mitglieder, besonders Bischof Meiser, die Auffassung, die Deutsche Evangelische Kirche müsse ein kirchlich-legitimes Regiment erhalten. (Als solches erkannten sie die Bekenntnissynode demnach nicht an.) Nur so könne es weiteren Kreisen, die sich der Synode nicht unterstellen würden, ermöglicht werden, sich der Bekenntnisfront anzuschließen. Personelle Vorschläge für die neue Spitze lagen bereits vor. Für weitere Unruhe sorgte die inoffizielle Nachricht, der Staat werde ein auf ein Jahr begrenztes Notkirchenregiment unter Führung eines Mannes anerkennen. In der dadurch ausgelösten Personaldiskussion um das Leitungsamt, in der u. a. Koch und Bodelschwingh genannt wurden, wurde Marahrens als der einzige für die staatliche Seite akzeptable Anwärter bezeichnet. Die erhoffte staatliche Anerkennung der schließlich am 22.11.1934 gebildeten Vorläufigen Kirchenleitung blieb trotz der Entscheidung für Marahrens aus. Vgl. W. Niemöller, Von der Dahlemer Synode bis zur Gründung der ersten Vorläufigen Kirchenleitung, in: EvTh, Jg. 21 (1961), S. 68–92 📖; dort S. 73–78.85; vgl. Meisers Protokoll der Sitzung in: Meiser, Aufzeichnungen I, S. 348–357 📖; s. auch Meier I, S. 514–518. 📖↩
6
Am 6. und 7.11.1934 verhängte Reichsinnenminister Frick eine Nachrichtensperre, auf Grund derer nur noch die amtlichen Stellen der Reichskirchenregierung Nachrichten über den Kirchenstreit veröffentlichen durften; vgl. Gauger II, S. 366 📖; Kretschmar/Nicolaisen II, S. 213 📖; Meier I, S. 512. 📖↩
7
Alfred Rosenberg (1893–1946), seit 1923 Schriftleiter des «Völkischen Beobachters», Verfasser des weitverbreiteten programmatischen Buches Der Mythus des 20. Jahrhunderts, München 1930 📖, 1933 Reichsleiter der NSDAP (Leiter des Außenpolitischen Amtes), 1934 als Beauftragter des Führers verantwortlich für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP, 1941–1945 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Vgl. Scholder I, S. 240f. 📖; Scholder II, S. 134–136 📖; Meier II, S. 31f. und S. 543, Anm. 223 📖; Beispiele für Äußerungen Rosenbergs in: Gauger II, S. 218.300. 📖 ↩
8
Die Deutsche Glaubensbewegung, im Mai 1934 aus der im Juli 1933 gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung hervorgegangen, unter Führung des Tübinger Professors für Indologie und Religionswissenschaft Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962), wirkte für die Verbreitung einer germanisch-völkischen Gläubigkeit. Vgl. Scholder I, S. 573–575.671f. 📖; Scholder II, S. 367 📖; Meier I, S. 124. 📖 ↩
9
Franz Hildebrandt (1909–1985), naher Freund D. Bonhoeffers und bis Ende 1933 mit diesem zusammen Pfarrer in London, ab Januar 1934 Geschäftsführer des Pfarrernotbundes und Pfarrer in Berlin-Dahlem, 1935 Dozent an der Kirchlichen Hochschule Berlin, 1937 nach einer Gefängnishaft als «Nichtarier» Emigration nach Großbritannien, nach — später methodistischen — Pfarrämtern in London, Cambridge und Edinburgh 1953–1967 Professor an der Drew University Madison (New Jersey). Vgl. H. Roggelin, Franz Hildebrandt. Ein lutherischer Dissenter in Kirchenkampf und Exil (AKIZ, Reihe B, Bd. 31), Göttingen 1999. 📖↩