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11. November 1934
Es ist nicht viel Neues zu berichten. Karl kam gestern Nachmittag etwas abgekämpft heim, trank einen starken Kaffee, nahm ein Bad und begab sich in die Bruderratssitzung der Stadt Bonn, die Alles in Allem einen befriedigenden Eindruck hinterließ und in der, wie schon die letzten Male, Karl ein gutes Vertrauen entgegengebracht wird.1 Wir schätzen es nicht gering, daß durch die Ereignisse der letzten Jahre das ganze Verhältnis zu den hiesigen Pastoren ein sehr anderes geworden ist und Karl nun wirklich nicht mehr im «leeren Raum»2 seine Dogmatik hier liest, sondern in engem Kontakt steht mit den Pfarrern und dadurch auch Gemeinden des Ortes. — (Während er sich übrigens in dieser verdienstlichen Weise um die Kirche bemühte, sah ich mit H. Traub einen der besten Filme der letzten Zeit: Abschiedswalzer oder Frauen um Chopin3, ein Film, den ich euch unbedingt empfehlen möchte!!) —
In Berlin hat sich das Gleiche wiederholt wie das letzte Mal: Mühsames Ringen zwischen süddeutschen Lutheranern und Bruderrat, der diesmal in Vollzahl anwesend war. Es ergab sich, daß der das letzte Mal von einigen Mitgliedern des Rates4 bereits voreilig zugesagte Schritt in |749 Richtung eines lutherischen Spitzenkomitees vom Bruderrat nicht akzeptiert wurde (Preußen lehnte geschlossen ab), obwohl sogar Koch und Asmussen sich in großzügigster Weise auf die Seite der Lutheraner stellten und die Führung weitgehend abgeben wollten.5
So kam es, daß die Bischöfe: Meiser, Wurm, Marahrens bzw. deren Vertreter, zornig den Schauplatz verließen, als sie sahen, daß ihre Wünsche sich gegen eine starke Opposition durchsetzen müßten. Was nun weiter geschieht, ist noch nicht abzusehen. Es sind alle Möglichkeiten offen, auch natürlich die, daß die Bischöfe zu Sonderaktionen schreiten. Zum Glück wird ihnen das von der D. C.-Seite sehr erschwert. Denn auch diese Brüder haben wieder Oberwasser gewonnen durch Fricks Erlaß6 und sehen den sicheren Sieg vor Augen. Wir haben in dieser Richtung Einblicke tun können in das rheinische Konsistorium, die humorvoll und erschütternd zugleich sind. Auf jeden Fall werden sie Müller nicht opfern und werden es anscheinend überhaupt so begnadet ungeschickt anfangen, die Wege zum «Frieden» zu ebnen, daß auch ein Meiser nicht gut in die ausgestreckte Hand einschlagen kann!! — Aber das Eine dürfte in jeder Beziehung feststehen: daß wir erst am Anfang eines ganz schwierigen Weges stehen, der noch die überraschendsten Wendungen |750 nehmen kann. Hinter den D.C. tritt ja immer spürbarer — Rosenberg sitzt im Kultusministerium!7 — die Glaubensbewegung8 hervor, die mit einem Schlag die Fronten noch einmal völlig verschieben kann. Gerade dann aber wird es so bitter nötig sein, daß eine grundsätzlich klare und saubere Kirche, die weiß, was sie will, auf dem Posten ist. Vielleicht werden die Lutheraner erst an diesem Gegner zur Einsicht kommen und dann noch einmal froh sein um die Linie Barmen-Dahlem, die sie jetzt im Begriff stehen stückweise zu verraten. — Preußen steht im Augenblick unentwegt, und das ist ja wirklich viel. —
Vernimmst du etwas von dem «Echo» auf das «Nein»? Neben allem gehen Karls Gedanken doch auch immer wieder zu diesem seinem jüngsten Kind und manchmal auch recht besorgt zu Freund Emil. — Die letzten Nummern der B. N. waren erfreulich, und wir sind sehr dankbar dafür, insbesondere auch dir für deinen Einsatz in dieser Sache. Es lohnte sich doch. Und nimm auch herzlichen Dank noch für dein Brieflein und von Karl für das letzte Schreiben, das ich ihm als Eilbrief nach Berlin nachsandte, damit er gleich dort die Frage des Berichterstatters ordnen könnte. Das ist nun doch noch nicht geschehen. Günther D. wäre ja vielleicht etwas zu schwerfällig, wir dachten eher an den jungen Pfr. Hildebrandt9, der sich sehr eignete für eine solche Aufgabe. Aber vielleicht bedarf es dieses Eingriffs nun nicht mehr. —
751 Heute — Sonntag — sitzt Karl nun unentwegt an seiner Vorlesung, die in dieser Woche nun mit Ernst beginnen muß. Schon murren die Studenten leise. —
Lebt wohl. Sobald etwas Hörenswertes sich begibt, wirst du es von uns hören. — Grüße dein ganzes Haus und sei selbst von uns beiden ganz besonders gegrüßt.