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3. Dezember 1934
Es hat mich alle diese Tage gedrängt, dir ein Wort zu sagen. Ich kam nicht mehr dazu, es Karls Brief beizulegen. Ich konnte nicht an eure Situation denken, ohne daran zu denken, daß sie in einer besonderen Schwere auf dir liegt. Aber du wirst die innere Zuversicht zu diesem Wege mit Karl keinen Augenblick verloren haben. Und das Äußere wird sich zur gegebenen Stunde finden. Ich möchte dir nur sagen, daß wir auch diese Sorge mit euch tragen, so sehr ich gerade in diesen stürmischen Tagen die Ferne empfinde, die es verhindert, daß wir mit euch so gut und rasch zusammenkommen können, wie es in der vergangenen Woche mit Ruedis der Fall war. Ich bin auch hier herum übrigens auf so viel Zeichen bewegter Anteilnahme an euerm Wege gestoßen, wie viel mehr wird euch das draußen widerfahren sein! Das ist das Gute an solchen Kampfstunden. Es wird auch euch etwas bedeutet haben. Auch für die eventuell kommenden Fragen der Regelung eures Weiterweges finde ich hier eine merkwürdige und lebendige Bereitschaft. Selbst wenn wir ihrer gar nicht bedürften, wäre es etwas wert, darum zu wis|779sen. Allerlei in diesen Dingen zuständige Leute haben deswegen von sich hören lassen, ihre Hilfe angeboten. Du, Ihr müßtet nach keiner Richtung fürchten, hier, wenn es denn sein müßte, etwa nicht auf einen wirklich für Karl offenen Boden zu stoßen. Ich bin jetzt, wo man alles ein wenig konkreter überlegt, überzeugter als auch schon, daß es einfach ginge und sicher nicht weniger gut als anderswo. Ich würde in dieser Hinsicht keine besonderen Besorgnisse haben, im Gegenteil eine gute Zuversicht. Die Einsicht, daß wir Kräfte wie die Euren dringend nötig hätten, ist einfach da.
Das ist’s, was ich dir sagen wollte. Ich bin übrigens um einen Brief von dir gekommen, wie mir Karl gemeldet hat. Laß mir ihn doch noch zugehen! Warum hieltst du ihn zurück? Traust du mir so wenig Offenheit und Sachlichkeit zu, daß ich «ein leidenschaftlich freies Wort»1 etwa nicht mehr entgegenzunehmen im Stande sei? Wahrscheinlich wäre es sehr nötig gewesen für mich, es zu hören. Vielleicht holt es mein Ärgerbrief vom Samstag doch noch heraus! Oder dann kann ich auch meinerseits solch offene Worte nicht mehr an euch gehen lassen. Nur das nicht zwischen uns einreißen lassen! Sonst ist plötzlich die Isolierung doch da, die ja immer trotz allem guten Willen droht, wenn man auf so verschiedenen Meeren fahren muß und sich nur durch solche Botschaften ein wenig anrufen kann. Am Willen, an der letzten inneren Bereitschaft, meinen Kurs hier mit euch zu halten, fehlt es bei mir wahrhaftig keinen Augenblick. Ich bin ganz im Kleinen und unvergleichbar Karls Lage im Großen in unserem Weiher ebenso allein dran, wie Ihr zu zweit es seid. Ich lebe für mich von sozusagen keinen anderen Speisen als denen, die mir durch deine Hefte und Durchschläge und eure Mitteilungen alle zukommen. Karl hat natürlich restlos recht: das Schlamassel ist hier, wenn auch noch verdeckter, nicht weniger groß als irgendwo. Und daß Brunner daran beteiligt ist, ist Klar und bedarf keines Wortes. Das habe ich selbstverständlich auch ihm gesagt. Er weiß ganz genau, daß ich sachlich restlos zum «Nein
📖» stehe.
Richtig Sorge bereitet mir Lackmann. Er ist ein wirklich netter Mensch, ist theologisch auch gut eingeschossen, immerhin nur in einer ganz bestimmten Richtung, also der Systematik. Ich habe ihn im Semi|780nar2 neben mir, er hat auch schon referiert. Im Moment, wo er zu einem freien Worte ausholen muß, zeigt sich aber eine ganz eigene Befangenheit, wenn nicht sogar Verworrenheit. Bei den Mitstudenten, und zwar auch bei den aus Bonn Kommenden wie Stickelberger, ist er darum sehr unbeliebt, weil er ein richtig fanatisches Wesen zur Schau trägt. Ich halte ihn bei aller Begabtheit und allem Eifer richtig für ein ganz klein wenig aus dem Gleichgewicht geraten. Er wird noch von sich reden machen, das kann ich mir sehr wohl denken, denn er übersteigt das Mittelmaß, aber fast ebenso sicher wird zu sagen sein, daß er entweder sich überschlägt oder zum mindesten ein Kauz wird. Basel regt ihn sichtlich auf, weil das Kampfgetriebe fehlt, weil er, wie er selber sagt, sich «ein größeres Forum wünschen müsse», um richtig gehört zu werden. Er müßte einfach zur Ruhe kommen und die paar Schweizer Semester restlos zu Studien benützen, ohne nach dem «größeren Forum» zu schielen, wie er es natürlich aus innerem ernstem Drange heraus tut. Ich weiß nicht, ob er euch gelegentlich schreibt, vermute es aber. *3 Dann tut ihm doch den Dienst, ihn ein wenig zur Ruhe zu rufen. Es droht hier bereits, daß ihm die Mitstudenten nächstens einmal eine Produktion4 widmen, was bei seiner absolut humorlosen Art unter Umständen eher eine Katastrophe bedeuten könnte. Er würde mich dauern. Ich kann nicht viel machen. Er zeigte sich bei mir bisher nicht außer bei Anlaß jenes unglücklichen Besuches, bei dem er Visser ’t Hooft eines besseren belehren wollte.
Liebe Lollo, laßt wieder von euch hören! Ich darbe, wenn eure Quellen nicht fließen. Was geht jetzt eigentlich vor sich um Marahrens?
Sei herzlich gegrüßt mit Karl
781 Ich schicke extra noch das Dokument von Alphons, das ich im letzten Briefe erwähnte.5
* Er macht manchmal so geheimnisvolle Andeutungen von Stellen, wo er besser gehört und verstanden werde als hier.