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17. Dezember 1934
Vor dem 20. mußt du doch einen direkten Gruß und Zuruf erhalten, so wenig es an indirekten in diesen Tagen gefehlt hat. Wenn ich einmal gewünscht hätte, in all den letzten Monaten, ganz in der Nähe zu sein, so jetzt, wo sich schließlich alle geistigen Kämpfe zu dieser Verhandlung in Köln zuspitzen.1 Soll das wirklich ein Ende werden? Immer noch denke ich, es könnte doch eine Wendung geben, die eine restauratio wäre, obwohl wir euch wahrhaftig gern genug irgendwo anders und irgendwo näher hätten. Aber wenn es doch noch weiterginge, so müßten ja alle diese Wünsche und neuen und vielleicht auch nicht schlechteren Wege zurücktreten. Hoffentlich fällt wirklich der Entscheid am 20. und weiß man dann, wo man dran ist. Um dir alle Deckung zu verschaffen, die unter Umständen nötig werden könnte, hat also Koechl. in ausgezeichneter Weise Dinichert avisieren lassen.2 In einem nötig werdenden |787 Falle kann man sich sofort an ihn wenden. Daß Sartorius seine Sache gut gemacht hat3, wirst du gesehen haben. Aber nun mußt du selber auf alle Fälle in die Verhandlung hineingehen, und es wird dir nach Matth. 10,19 widerfahren müssen. Und daran wird alles hängen. Du hast, Ihr habt sorgenvolle Tage und Wochen. O wenn du, wenn Ihr doch, sobald dieser Tunnel einmal hinter euch liegt, einen Augenblick herausfahren könntet, würdet! Faß es doch ja ins Auge! Wir würden und Ruedis würden die Arme weit auftun für euch, und an ein wenig Aufatmen und Verschnaufen sollte es euch dann bei uns wahrhaftig nicht fehlen! Und alles, alles Weitere wäre dann in Ruhe zu erwägen. Doch, noch ist es nicht so weit. Und wichtiger als alle solchen Ausblicke ist jetzt der Augenblick, in dem die Pfeife nicht ausgehen darf und der Atem und die innere Zuversicht. Daß dein Weg restlos gut ist, daß du keinen Schritt anders hast gehen können, als du ihn gegangen bist, das steht so klar und unerschütterlich vor mir wie der blaue Winterhimmel in diesen Tagen. Und daß es für alle, einfach für alle, für die ganze Kirche unerhört nötig und gut war, daß du die Frage so einfach und präzis gestellt hast. Ich habe es mit einem wahren inneren Aufatmen aufgenommen, als ich es sah, auf welche Linie du dich gestellt hast. Und das ausgezeichnete Echo, das es im Reformierten Bund gefunden hat, das ist doch wahrhaftig auch etwas wert. Du tust, was du gewagt hast, nicht umsonst. Mag es sich wenden, wie es will, es hat Frucht geschafft jetzt schon. Es mußte jetzt einfach alles so gehen, wie es ging. Und darum kann man ganz einfach ruhig sein. Hoffentlich hast du dir in der auferlegten Pause auch wirklich ein klein wenig Ruhe verschaffen können mitten in allen Sorgen. Deine Mutter haben wir auf |788 der Rückreise nicht mehr gesehen, aber sie scheint irgendwie zufrieden, wenn auch mitbeschwert, zurückgekehrt zu sein. Sie schrieb ein paar Worte, freilich nur an Fränzeli.
Gelt, eines darf ich euch doch noch ans Herz legen: daß Ihr Basel in allen kommenden, vielleicht nötig werdenden Überlegungen trotz dem im Brief an Ruedi Gesagten4 nicht außer Betracht lasset. Es ist hier wirklich guter Wille aufgebrochen bei Leuten, bei denen man es sonst nicht gerade vermutet. Und glaubt mir, die hiesige Möglichkeit wäre — ich weiß um eure Bedenken — doch nicht die letzte. Gerade von nahem besehen nicht! Während umgekehrt die Genfer Möglichkeit vielleicht von weitem eher verlockender aussieht, als sie — vielleicht! —, alles überlegt, von nahem wäre. Ich bin so oder so mit allem einverstanden, aber es liegt mir daran, daß die Wege noch wirklich offen bleiben. Es tut mir in diesem Zusammenhang ganz leid, und ich schäme mich fast, daß ich überhaupt ein Wort davon geschrieben habe: die Brunnersache euch serviert zu haben. Das ist wirklich nur eine Seite der Sache. Die anderen Stimmen sind weiß Gott stark und gut auch da, der Dank für die Klärung, das Wissen um das, was notwendig ist und gesagt werden mußte. Gerade hier hat ja Br. einfach kein Echo, das ihm in der Sache irgendwie recht gäbe. Und auch in Zürich selbst bei seinen eigenen Studenten ist bei weitem nicht alles eindeutig auf seiner Seite, keine Rede. Ich lege dir den Brief eines St. Galler Studenten bei, der das deutlich zeigt.5 Dein Weg wird gesehen, deine Stimme gehört, da hättest du gar nichts zu fürchten. Jedenfalls möchte ich die Deutschschweizer nicht weniger als zuverlässige und willige Hörer ansehen als die Welschen! Im Gegenteil! Daß die Schweiz eben die Schweiz ist und bleibt hier wie dort, das ist ja nicht zu ändern. Daß die Leute bei euch draußen, wenn sie einmal für die Kirche aufgewacht sind, zehnmal besser hören als hier, das kann ich allerdings auch nur mit einer stillen Sehnsucht nach |789 solchem besseren Hören bei uns hier sehen. Freiwillig wird man die einen gegen die anderen sicher nicht abtauschen wollen. Aber wenn es denn sein muß, so ist auch die hiesige Möglichkeit voll ins Spiel zu werfen.
Lollos Brief hat mir viel gesagt. Er ist von beinahe kirchengeschichtlichem Gewicht. Ich habe ihn ganz aufgeschlossen gelesen — gut, einfach gut, daß wir uns in einem kritischen Moment auch einmal so schreiben dürfen und können! So bleibt die Türe einfach restlos offen trotz aller Weite und Verschiedenheit der Lage, aus der heraus wir zu einander zu reden haben. Gelt, ich habe doch nicht etwa mit meinem Brief Peters Schrift abgestoppt, ich bin beinahe unruhig, daß sie noch nicht da ist. Es muß, es muß die Calvindarstellung des strittigen Punktes herauskommen, das ist mir nie in Frage gewesen. Man wartet darauf auch hier, ja, beim historischen Sinn der Schweizer gerade darauf mit einer gewissen Spannung.
Mit Lackmann haben wir ein sehr nettes und klares Verhältnis bekommen. Er war bei uns, und er ist in meinem Seminar eigentlich in guter Weise zugleich zurückhaltend und an der Hecke. Es scheint, daß auch die anderen Studenten ihn langsam besser annehmen. Ich habe mit dem einen und anderen geredet. Letzten Freitag hatte ich im Klub Heiners zu reden über die von Heiner formulierte Frage: «Wie ist christliches Leben im Neuen Testament begründet?»6 Es ging gut aus, wenn natürlich auch die nie zuzudeckende Divergenz (Heiner fragte wiederum sehr nachdrücklich nach dem «Sein» des Christen und legte dabei die Stelle Galater 4,1–7 ausführlich und natürlich in seinem Sinne aus, berief sich sogar auf das «Gleichgestaltetwerden» von Phil. 3,10) zu Tage trat. Aber gerade Heiners Votum war so gewichtig und christlich-ernst, daß eine gewisse Ergriffenheit herrschte ob diesem Zeugnis eines «Laien», und so kam Heiner auf alle Fälle wirklich zu Gehör. Und im übrigen kam mir zu Statten, daß Heiner von Brunners Baslervortrag7 auch richtig enttäuscht war und so keinerlei Anlaß sah, meiner Polemik an dieser Stelle entgegenzutreten. Das nächste Mal soll nun aber auf Heiners Antrag einmal ausdrücklich über «Natur und Gnade
📖» geredet werden, und Heiner will die Einleitung übernehmen. Sehen wir zu!
790 Am Donnerstag abend so nach 9 Uhr werden wir bei Euch anfragen. Läutet uns, wenn es nicht nötig ist, nicht vorher an, da ich noch eine Bibelstunde habe. Ich bin augenblicklich ganz merkwürdig in Schuß gekommen mit dem Jakobusbrief. Karl, auch das ist eine schlechthin fabelhafte Vorlesung8. Ich bin ganz weg davon und [von] dem Lichte, das sie auf den Text wirft. Ich würde am liebsten an Hand deiner Erklärung Woche für Woche auslegen. Und meine Leute gehen auch mit wie fast noch in keinem Winter. Daß du doch auch wieder einmal so etwas, wenn auch nur bruchstückweise9, herausgeben könntest! Ich denke ja manchmal, gerade in deinen Auslegungen verstehe ich dich besser und brennender als viele Andere. Auf alle Fälle: da sind Bergwerke eröffnet, neben denen ich alle anderen Auslegungen liegen lasse.
Und nun seid alle herzlich gegrüßt! Max Zellweger sitzt eben bei Fränzeli, die ihm einfach in bester Weise anhängt und ihm sicher schon ganz selten viel ist, wie sie auch von ihm viel zu empfangen scheint. Sie freuen sich natürlich auf die Reise zu Euch. Noch eine Frage: ist es nicht möglich, deine letzten Predigten zu erhalten? Wir denken an euch, Marguerite und ich!