4. Dezember 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

ich muß dir vom Stand der Dinge hier kurz Nachricht geben. Ich hatte heute ein langes Telefongefecht mit Karl Ludwig. Durch Hächler hatte er von meiner Beschwerde gegen ihn erfahren und läutete mir an. Er verteidigte seine unmögliche Auffassung deines Falles: alle anderen haben das Verlangte geleistet, du allein nicht, ergo liegen bei dir Sondergründe in der bekannten Richtung vor. Man werde doch nicht alle anderen unter den Verdacht stellen wollen, als ob sie … Übrigens habe er auch tiefere theologische Erwägungen, die dafür sprechen, daß man so wie du jetzt nicht argumentieren könne. Und so habe er denn die auf seinen Mitteilungen beruhende Notiz des evangel. Pressebureaus auch — in die eben erscheinende Nummer der Theolog. Blätter übernommen! Ich war starr und habe nun mit allen Mitteln ihn bestürmt, er dürfe und dürfe das nicht laufen lassen, deine von dir selber bezeichnete Linie müsse so gehalten werden, wie du es angegeben habest. Er ließ sich erweichen und wird nun nur den Text aus den «Basler Nachrichten»1 bringen. Obwohl alles schon gesetzt sei und es für ihn ein un|784angenehmes Opfer bedeute. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Er ist sicher ein guter Kerl und will nichts Dummes anrichten, aber er ist ganz bestimmt von seinen persönlichen Erwägungen und seiner Taktik. Und irgendwo hat er deine Stunde schon lange schlagen gehört und läßt es sich jetzt nicht nehmen, seinen Kommentar dazu durchzusetzen.

Auch eine Aussprache mit Lackmann hat heute stattgefunden. Er ist persönlich wirklich ein netter, fast kindlicher Mensch, aber irgendwo «schwärmt» er aus, bricht los, fiebert mit, haßt und liebt, verachtet und preist er. Bonn ist ihm die heilige Stätte, Basel enttäuscht ihn. Und auf alle Fälle kann er es nicht lassen, zu schreiben, so wie ein anderer seine Räusche hat. Nun gut, ich habe ihm gesagt, er solle doch um Gottes willen seine Stunde abwarten, sie werde kommen, und zwar desto eher und gefüllter mit wirklichem Auftrage, je weniger er sich vorher seine eigenen prophetischen Aufträge selber erteilt habe. Sonst wird er sich einfach verbrauchen und ausgegeben haben, bevor er nur fertig studiert hat. Daß er auch seiner so heiß geliebten «Sache» durch sein Berufskämpfertum schadet, das kann man ihm kaum erklären, dafür hat er kein Sensorium. Ich habe jetzt durch ihn selber vernommen, daß er 1. an Prof. Wolf eine theologische Arbeit geschickt hat2, 2. an dich ein weiteres Kampfheft zur Lage. Ich möchte dir nicht dreinreden. Aber ich denke bei mir selber so: Die Arbeit für Wolf wird wohl theologisch gut gearbeitet sein, die wäre also gut und zur Veröffentlichung reif. Aber was das neue Heft betrifft, so habe ich ihm selber gesagt, vielleicht werde das nun doch nicht ohne weiteres gedruckt werden können. Das schade ja nichts, er habe es sich eben von der Seele schreiben müssen, und damit sei auch etwas geschehen. Ob du nicht auch so denkst? Ich wäre ganz abgesehen vom Inhalt für ihn selber sehr dankbar, wenn es nicht gedruckt würde. Ich kenne den Inhalt ja nicht, aber ich kann mir ihn denken und den Stil dazu. Nach seinen Aussagen soll ihn Wolf ermuntert haben, den Streit mit Brunner auch hier in Basel aus Anlaß des gestrigen Vortrages aufzunehmen. Ich kann mir das nicht recht vorstellen, daß Wolf diesen Rat wirklich gegeben habe, gut ist er sicher |785 nicht, sondern treibt Lackmann eben auf der zu vermeidenden schwärmerischen Bahn vorwärts.

Brunner hat gestern einen Vortrag3 gehalten, der — ich muß dir wieder einmal restlos recht geben — einfach deine Prognose auf S. 63 des «Nein 📖» bestätigt hat: — «langweilig»4. Über das «Nein» hatte ich keine Gelegenheit mit ihm zu reden. Ich habe ihm meine Auffassung vorher schriftlich zugehen lassen.5 Er hat eine kleine Diskussion bestanden, in der ihm Heiner zur Seite trat, aber Wesentliches kam nicht zur Sprache. Der ganze Abend verlief einfach ein wenig matt.

Fränzelis Karte von heute morgen teilte uns einiges von eurer Seite her mit.6 Wie wird alles weiter- und schließlich ausgehen? Wie schade ist es um den kostbaren Winter, der uns den Fortgang der Dogmatik 📖 gebracht hätte — und nun diese brutale Störung! Um die Kirchensache steht es offenbar, soviel man von hier aus sehen kann, nicht gut. Geht nicht alles wieder zurück? Landeskirchen mit Bischöfen, darüber eine allerdings nicht mehr wirklich virulente Reichskirchenregierung mit |786 mehr oder weniger alter Besetzung, auf alle Fälle eine «Ruhe», die keine ist? Ob die Substanz dessen, um das die Bek. Kirche gekämpft hat, in diese neue Periode hinübergerettet werden kann? Oder ob eure Kämpfe nur eine Art tragisches Zwischenspiel waren, während einfach ein neuer Winter anbricht? Auch dann wird, was du ausgestreut hast, nicht einfach verderben, sondern wie ein Saatgut unter der Decke liegen und zu seiner Zeit aufbrechen. Aber vielleicht sehe ich die Dinge resignierter, als sie in Wahrheit zu sehen sind.

Herzlich!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Vom Amte suspendiert, in: ThBl, Jg. 13 (1934), Sp. 360 📖 (als Beilage von K. L. Schmidts Brief vom 4.12.1934 vorher an Barth gelangt; vgl. oben S. 765, Anm. 4). ↩
2
M. Lackmann, Conditio vitae est cognitio Dei. Wesen und Sinn der menschlichen Erkenntnis nach Calvins Institutio von 1559, lib. I,1, in: EvTh, Jg. 2 (1935), S. 198–230. 📖 ↩
3
Siehe oben S. 770, Anm. 20.↩
4
«Ich würde die in dieser Richtung [d. h. einer am Wort und Gebot Gottes orientierten Ethik, Seelsorge, Homiletik, Pädagogik und Dogmatik] zu suchenden ‹Erfolge› theologisch-kirchlicher Tätigkeit, falls sie zu erreichen wären, zugleich ‹geistlich› und ‹interessant›, die in der entgegengesetzten Richtung allerdings auch zu erreichenden ‹ungeistlich› und ‹langweilig› zu nennen mir erlauben» (K. Barth, Nein! …, a.a.O. [S. 669, Anm. 8], S. 63 📖, bzw. in: «Dialektische Theologie», S. 258 📖; vgl. zur Sache dort S. 57–63 bzw. S. 253–258).↩
5
In seinem per Expreßpost geschickten Brief vom 2.12.1934 hatte Thurneysen Brunner geschrieben, er habe Barth zwar «in aller Deutlichkeit und Schärfe geschrieben …: ich sei in der Art, wie er sein ‹Nein› gegen dich ausgesprochen habe, ganz und gar nicht an seiner Seite» und habe ihn darum gebeten, «zu verhindern, daß sein Bruder Peter mit seinem kleineren Kaliber nun auch noch hintendreinschieße», doch «in der Sache» sei er mit Barth einig. «Man kann eben ‹Natur und Gnade 📖› in der Richtung lesen, leider, in der es Karl gelesen hat, auch wenn er seinerseits überschärfte Konsequenzen zieht, die du ablehnst. Und mir ist auf alle Fälle Karls Leidenschaft für die eine Offenbarungsquelle als den Punkt, der unter keinen Umständen verdunkelt werden darf, innerlich ganz nahe. … Daß du deinerseits auch etwas Positives noch sagen willst und mußt, ist ebenfalls unter deiner ‹Anknüpfung› an Karl zu kurz gekommen. Ich bin, das weißt du, immer sehr offen und von Herzen dankbar für dich gewesen … Aber es dürfte allerdings nicht dazu kommen, daß nach der Seite hin, die Karl in seiner Polemik meint treffen zu müssen, etwas verschüttet wird» (Nachlaß E. Brunner, Staatsarchiv Zürich).↩
6
Nicht erhalten.↩