22. Dezember 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

In 10 Minuten will Fränzeli das Haus verlassen, da gibt es nur einen ganz kurzen Weihnachtsgruß an Euch. Ich komme eben aus dem Unterricht, wo ich ganz auf dem unteren Känzelein etwas von dem zu sagen hatte, was du auf sehr viel höheren Kanzeln und Stufen unermüdlich auszukündigen und darzulegen hast. Aber wie könnten wir auf unseren kleineren Känzelein etwas Rechtes sagen, wenn nicht deine hohe und große Lehrkanzel aufgerichtet wäre, wo du unter viel Mühen und Sorgen, mit Schwert und Kelle [vgl. Neh. 4,11f.] um die Geheimnisse bemüht bist, die dann weit herum in der Kirche zur Speise und zum Trank alles Volkes werden dürfen. Dessen darfst du sicher und gewiß |791 sein: deine Arbeit ist nicht umsonst. Deine Kämpfe gehen nicht ins Leere. Du dienst wahrlich der Weihnachtsbotschaft, die allem Volke widerfahren soll [vgl. Lk. 2,10]. Wie es jetzt in dir und um dich her aussehen mag?1 Ich weiß es nicht, aber ich möchte doch des einen sicher und zuversichtlich gewiß sein, daß etwas von dem «großen Frieden» um dich und in dir ist mitten in allem Streit, in den du gestellt bist.

Wohin wird dein Weg weiter gehen? Mir läge eigentlich einfach das eine am Herzen, daß du einerseits dein Werk auf der Lehrkanzel weitertreiben dürftest. Und dabei zugleich auch nach außen wirken könntest. Wenn das in Genf besser geht als in Basel, dann Genf! Wenn es sich aber umgekehrt erweisen sollte, dann Basel! Die Kirche ist allüberall heute ohne Dach, da muß der Zimmerplatz auf alle Fälle aufgeschlagen werden, auf dem dies neue Dach wieder hergerichtet und zugerüstet wird. Denn was auch in der Welt kommen möge: die Kirche muß ihr Dach wieder bekommen! Hier bei uns ist viel guter Wille auf alle Fälle da, dich zu rufen. Man soll ja auch in diesen Dingen den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber sicher ist, daß die Fakultät, der ich eher etwas mit Sorge gedachte, diese Woche einstimmig und ohne jeden Widerspruch, sogar «freudig», wurde mir gesagt, die Bemühungen der Behörden um deine Gewinnung begrüßt und bejaht habe. Sicher ist, daß Thalmann, der Präsident der Kuratel, die Studenten ermuntert hat, eine Eingabe zu machen zu deinen Gunsten und daß da etwa 600 Unterschriften aus allen Fakultäten zusammengekommen sind.2 Sicher ist, daß auch Hauser, der Reg.rat, sich für dich ausgesprochen hat im Scho|792ße des Erziehungsrates.3 Und daß Gerwig, der in der Kuratel sitzt, sich gestern abend mit mir deinetwegen besprochen hat.4

Fränzeli kommt! Karl, ich muß abbrechen. Viele Grüße an alle, alle!
dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Die Verhandlung vom 20.12.1934 hatte mit einem Schuldspruch geendet, auf Grund dessen Barth unter Verweigerung eines Pensionsanspruches entlassen und ihm eine «Unterstützung in Höhe der Hälfte des gesetzlichen Ruhegeldes auf die Dauer eines Jahres» gewährt worden war. Vgl. unten S. 797–802.↩
2
Mit Begleitschreiben vom 18.12.1934 leitete der Rektor, Prof. Dr. med. A. Labhardt, einen an ihn gerichteten, von mehr als 200 Studierenden unterschriebenen Brief an E. Thalmann weiter. Angesichts der Tatsache, daß Barth nach seiner Suspension voraussichtlich «jede Tätigkeit innerhalb der deutschen Kirche und Öffentlichkeit verunmöglicht» werde, zeigten sich die Studierenden überzeugt, «daß sich unsere Universität diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen darf, diesen weit über die Grenzen seiner Fakultät hinaus bedeutenden Gelehrten zu berufen», und forderten die Regierung dazu auf, Barth «im Falle einer endgültigen Entlassung sofort einen Lehrstuhl an der Basler theologischen Fakultät anzubieten, unter Umständen einen zu errichten» (Brief an den Rektor ohne Datum; Kopie beider Schreiben im Karl Barth-Archiv)↩
3
Am 22.12.1924 hatte Hauser dem Regierungsrat laut dessen Beschluß vom selben Tag «berichtet …, nachdem Herr Prof. D. Karl Barth … kürzlich in seinem Lehramt an der Universität Bonn suspendiert worden sei, … habe der Kuratelpräsident die hiesige theologische Fakultät ersucht, den Genannten zu veranlassen, sich nötigenfalls wegen der Frage seiner eventuellen Berufung an die hiesige Universität mit den hiesigen Behörden in Verbindung zu setzen [vgl. oben S. 781, Anm. 2]. Da inzwischen der Genannte seines Lehramts verlustig erklärt worden sei, sollte nun das Erziehungsdepartement ermächtigt werden, sich schriftlich an ihn zu wenden» (Akten des Erziehungsdepartements, Signatur: Y 16, Staatsarchiv Basel-Stadt). Vgl. unten S. 810, Anm. 45.↩
4
Bereits vor Barths Verurteilung hatte Gerwig der Kuratel «ersucht, der Berufungsangelegenheit Prof. Dr. Karl Barth volle Aufmerksamkeit zu schenken. / Der Präsident nimmt diesen Wunsch entgegen» (Protokoll der Kuratel-Sitzung am 17.12.1934, Protokollbuch der Kuratel 1930–1935, S. 484; Staatsarchiv Basel-Stadt).↩