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22. Dezember 1934
In 10 Minuten will Fränzeli das Haus verlassen, da gibt es nur einen ganz kurzen Weihnachtsgruß an Euch. Ich komme eben aus dem Unterricht, wo ich ganz auf dem unteren Känzelein etwas von dem zu sagen hatte, was du auf sehr viel höheren Kanzeln und Stufen unermüdlich auszukündigen und darzulegen hast. Aber wie könnten wir auf unseren kleineren Känzelein etwas Rechtes sagen, wenn nicht deine hohe und große Lehrkanzel aufgerichtet wäre, wo du unter viel Mühen und Sorgen, mit Schwert und Kelle [vgl. Neh. 4,11f.] um die Geheimnisse bemüht bist, die dann weit herum in der Kirche zur Speise und zum Trank alles Volkes werden dürfen. Dessen darfst du sicher und gewiß |791 sein: deine Arbeit ist nicht umsonst. Deine Kämpfe gehen nicht ins Leere. Du dienst wahrlich der Weihnachtsbotschaft, die allem Volke widerfahren soll [vgl. Lk. 2,10]. Wie es jetzt in dir und um dich her aussehen mag?1 Ich weiß es nicht, aber ich möchte doch des einen sicher und zuversichtlich gewiß sein, daß etwas von dem «großen Frieden» um dich und in dir ist mitten in allem Streit, in den du gestellt bist.
Wohin wird dein Weg weiter gehen? Mir läge eigentlich einfach das eine am Herzen, daß du einerseits dein Werk auf der Lehrkanzel weitertreiben dürftest. Und dabei zugleich auch nach außen wirken könntest. Wenn das in Genf besser geht als in Basel, dann Genf! Wenn es sich aber umgekehrt erweisen sollte, dann Basel! Die Kirche ist allüberall heute ohne Dach, da muß der Zimmerplatz auf alle Fälle aufgeschlagen werden, auf dem dies neue Dach wieder hergerichtet und zugerüstet wird. Denn was auch in der Welt kommen möge: die Kirche muß ihr Dach wieder bekommen! Hier bei uns ist viel guter Wille auf alle Fälle da, dich zu rufen. Man soll ja auch in diesen Dingen den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber sicher ist, daß die Fakultät, der ich eher etwas mit Sorge gedachte, diese Woche einstimmig und ohne jeden Widerspruch, sogar «freudig», wurde mir gesagt, die Bemühungen der Behörden um deine Gewinnung begrüßt und bejaht habe. Sicher ist, daß Thalmann, der Präsident der Kuratel, die Studenten ermuntert hat, eine Eingabe zu machen zu deinen Gunsten und daß da etwa 600 Unterschriften aus allen Fakultäten zusammengekommen sind.2 Sicher ist, daß auch Hauser, der Reg.rat, sich für dich ausgesprochen hat im Scho|792ße des Erziehungsrates.3 Und daß Gerwig, der in der Kuratel sitzt, sich gestern abend mit mir deinetwegen besprochen hat.4
Fränzeli kommt! Karl, ich muß abbrechen. Viele Grüße an alle, alle!