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24.[- 26.] Dezember 1934
Gruß zuvor und eine fröhliche und gesegnete Weihnacht! Die schwierigen Zeiten und Umstände, in denen wir uns befinden, haben es ja wirklich an sich, daß man immer besser versteht, daß und warum Alles so sein muß, wie es in der Bibel geschrieben steht, und wenn dazu auf der einen Seite das bedrängte Geschrei etwa in den Psalmen gehört, so doch auf der anderen noch viel mehr das Lob Gottes aus dem Munde der himmlischen Heerscharen Luk. 2[,14]. Und also und in dieser Bekräftigung kann und soll nun erst recht Weihnacht gefeiert werden als Etappe auf einem Weg, der wunderlich, aber friedlich, gänzlich unübersichtlich, aber auch ganz bestimmt jenseits von allem Bitten und Verstehen [vgl. Eph. 3,20] einem guten und lichten Ziel entgegenführt.
Ich habe dir wohl seit der Suspension noch gar nicht geschrieben, obwohl ich doch Anlaß hatte, dir für so manches gute Wort und für so Vieles, was du dort in meiner Sache getan hast, sehr dankbar zu sein. Entnimm daraus nur, daß ich eben in dieser Zeit trotz des Wegfalls der Kollegarbeit fast noch mehr als sonst in Anspruch genommen war. Es |793 ist wirklich schade, daß ich seit dem Oktober, da ich das letzte Mal aus der Schweiz zurück kam, nicht Tagebuch geführt habe, denn es drängte und drängt wirklich Eines das Andere. Nachträglich sieht es sich nun an wie ein einziger Wogenschwall von Diskussionen, Telephongesprächen, Stößen von Briefen, Eisenbahnfahrten usw., der sich als Ganzes nur schwer rekonstruieren läßt. Zumal ja Alles im Fluß ist und weiter und weiter bedacht, besprochen und behandelt sein will, wie es eben von jedem Tag herbeigebracht wird.
So will ich dir nur ein wenig von der letzten Woche schreiben. Die Gerichtssitzung samt Absetzung am Mittwoch war darin ja nur ein Ereignis unter anderen, von denen jedes seine besondere Aufmerksamkeit forderte. Am Sonntag vor 8 Tagen wurde ich zu einer Tagung der (mit den gleichnamigen Schweizern nicht zu verwechselnden) Jung-Reformierten in Düsseldorf gerufen.1 Im reformierten Lager ist ja eben auch Alles in Bewegung, und es galt dort einerseits den an der Tagung in Detmold — ich weiß nicht, ob du diese Dinge verfolgt hast — gewonnenen Ansatz zu behaupten, andererseits unnötige Spaltungen zu verhindern. Ein Stück weit ging Alles gut, aber als ich dann abends sieben Uhr wegen anderweitiger Beschäftigung das Lokal verlassen mußte, haben die Leute — ich mußte an die Geschichte von Konrad dem Daumenlutscher2 denken — hinter meinem Rücken sofort wieder Dummheiten beschlossen. Das ist immer das Bild, Eduard! Man kann darob immer aufs neue verzweifeln und muß sich dann immer aufs neue wieder mit Geduld wappnen. Am Montag darauf war Sitzung des refor|794mierten Moderamens in Elberfeld, das seit Detmold wieder fester im Sattel sitzt und einen ganz ordentlichen Aufruf an alle reformierten Gemeinden herausbrachte, aber auch schwierige Personalfragen zu klären wenigstens versuchen mußte.3 Holla, das ist eine Sache, in einer solchen Zeit auch nur eine Sache wie den reformierten Bund einigermaßen zu steuern. Die durchschnittliche Menschheit ist ja wirklich ein auffallend unbegabtes und schwerfälliges Gebilde, innerhalb dessen die Kirche einfach jeden Augenblick wieder zu versacken droht! Und da ist das regimen ecclesiae tatsächlich eine Kunst, die noch einmal besonders gelernt sein will, wenn man allerhand Anderes schon zu wissen und zu können meint. Ich habe nun wirklich seltsame Erfahrungen hinter mir auf diesem Gebiet. Am Montag Abend hatte ich in der Gemarker Kirche in Barmen eine Bibelstunde zu halten, die angesichts des großen |795 Raumes und der großen versammelten Gemeinde zusehends zu einer Predigt wurde.4 Den Abschluß des Tages bildete ein Zusammensein mit dem Fremdling und seiner Frau5.
Als ich am Dienstag früh nach Bonn zurückkehrte, war gerade die Bekanntmachung der kirchlichen Erklärungen zur Eidesfrage in den B. N.6 (im «Alphorn», wie man in Bekenntniskreisen am Telephon |796 sagt!) eingelaufen und damit jener Brief an den Rektor7 fällig geworden. (Die Erklärung der Marahrensregierung hat übrigens eine lange Vorgeschichte; sie war nämlich eine wahre Zangengeburt, die den Leuten nur aufs mühsamste und zunächst nur in Form einer ganz inoffiziellen Äußerung zu entlocken war, deren Aufmachung, wie sie dann in den B. N. erschien, wohl ein bißchen an die Emserdepesche8 erinnern könnte und die ihnen nun nachträglich bereits wieder leid geworden zu sein scheint. Ganz ehrlich gemeint war nur die reformierte Erklärung! Aber es war durchaus am Platze, die M.-Leute öffentlich festzunageln, und wenigstens Präses Koch hatte dazu auch die förmliche Erlaubnis gegeben.9) |797 Am Abend hatte ich dann hier meine Studentenbibelstunde und am Mittwoch deren Fortsetzung. Es handelte sich um eine Serie von vier Abenden über Luk. 1. Lollo hat sie nachgeschrieben, und vielleicht läßt sich ein weiteres Existenzheft daraus machen.10
Am Donnerstag fuhren wir dann also — ich erwachte an diesem Tage mit dem mir sofort zuhandenen Reim: «Karl ist kein Bösewicht, und doch muß er vor Gericht!» — Lollo, Traub, mein sehr wackerer jugendlicher Anwalt Bleibtreu11 und ich, nach dem heiligen Köln. Leider spielte |798 sich die Sache nicht öffentlich ab, aber dennoch in feierlicher Veranstaltung: drei irgendwie etwas verlegene Richter12 hinter einem halbmondförmigen Tisch auf einer Estrade, ihnen zur Seite der «Beamte der Staatsanwaltschaft», ein grüner Jüngling, der wohl bei dieser Sache seine ersten Sporen verdiente13, auf der anderen Seite der Gerichtsschreiber14, ein braver Mann, der in der Pause zu erkennen gab, auf welcher Seite seine Sympathien seien, endlich gegenüber auf einer unteren Ebene in gehörigem Abstand hinter einem Tisch ich selbst und mein Verteidiger.15 In der nun einsetzenden Befragung passierte kaum etwas Erhebliches. Hübsch war die Frage: Ob ich überwiegend bejahend oder verneinend zum heutigen Staat stehe? Das sei ihnen nämlich für die Urteilsfindung wesentlich!! Ich erwiderte, daß ich gerne bereit sei, dem Herrn Vorsitzenden nachher in einem Café darüber Bescheid zu geben, daß es mir aber gerade wesentlich sei, daß das Urteil abgesehen von meiner Antwort auf diese Frage gefunden werde.16 Sehr verwunderlich war den Richtern die von mir vorgetragene Lehre, daß eine theologische Vorlesung durchaus als eine gottesdienstliche Aktion im weiteren Sinn zu betrachten sei.17 In der mündlichen Urteilsbegründung nach|799her wurde mir dann eröffnet, daß dem nicht so sei!! Das Wichtigste war dann die Rede des kleinen Staatsanwalts. Er führte zum Eid aus: irgend eine Einschränkung der Verpflichtung auf den Führer sei unstatthaft. Dem heutigen Staat genüge nicht mehr die Loyalität gegen ihn als «Obrigkeit». Was er verlange, sei der unmittelbare und unbedingte persönliche Einsatz für den Nationalsozialismus. Der Eid habe also in der Tat einen unbegrenzten Inhalt, indem er den zu Beeidigenden statt auf einen toten Buchstaben auf eine lebendige Persönlichkeit verpflichte. Die Erinnerung an Gott könne nicht bedeuten, daß dem Beamten eine selbständige Prüfung der Frage nach dem, was vor Gott recht ist, überlassen bleibe. Eine solche Prüfung bedeute vielmehr schon eine schwerwiegende Verfehlung. Der Führer verlange eo ipso nichts, was gegen das Gebot Gottes sei. Der Beamte habe ihm in dieser Hinsicht ein unbegrenztes Vertrauen entgegen zu bringen und also bedingungslosen Gehorsam zu schwören.18 Mein Brief an den Rektor bedeute offenbar nicht ein Abweichen von meiner entgegengesetzten irrigen, ja verwerflichen Meinung. Also sei ich als Beamter unmöglich. Darauf bekam mein Herr Bleibtreu das Wort und suchte, so gut er nur konnte, zu retten, was da juristisch zu retten war. Er sprach über den noch bestehenden preußischen Kirchenvertrag und über die altehrwürdige Doppelstellung des theologischen Universitätslehrers.19 Endlich, nach einer |800 Replik des Staatsanwalts, war die Reihe an mir, meine erste forensische Rede zu halten. Ein ganz neues Genus, Eduard, in welchem ich mich bei diesem Anlaß nicht ohne Lust versucht habe. Ich sah sofort ein, daß und warum schon die Alten auf diesem Feld ohne einigen Aufwand von Rhetorik nicht auskamen: gilt es doch dabei, einige bestimmte Menschen in ganz konkreter Richtung zu beeindrucken, und wäre es auch nur — wie in meinem Fall —, ihnen auf den Weg zu ihrem sichtlich schon beschlossenen falschen Urteil eine gewisse Unruhe mit auf den Weg zu geben. So protestierte ich zunächst, nicht ohne Faustschlag auf den Tisch, dagegen, daß ich in der Anklageschrift als des einem Beamten notwendigen Vertrauens unwürdig bezeichnet werde: «Dazu sage ich Nein! Das ist nicht wahr!» Ich verlange vielmehr, daß ich vom Gericht als jenes Vertrauens besonders würdig bezeichnet und in der pflichtmäßigen Ausübung meines Amtes, in der ich gerade in den mir zur Last gelegten Punkten begriffen gewesen sei, geschützt werde. Und dann zückte ich eine — Platonausgabe und las den Leuten aus der Apologie des Sokrates folgende Stellen vor:
«Ich bin euch, ihr Athener, zwar zugetan und Freund, gehorchen aber werde ich dem Gotte mehr als euch … Ich meinesteils glaube, daß noch nie größeres Gut dem Staate widerfahren ist als dieser Dienst, den ich dem Gotte leiste … Daher auch jetzt, ihr Athener, ich weit entfernt bin, um meiner selbst willen mich zu verteidigen, wie einer wohl denken könnte, sondern um euretwillen, damit ihr euch nicht gegen des Gottes Gabe an euch versündigt durch meine Verurteilung!»
20 Indem der Staat die Kirche anerkenne, bejahe er um seiner selbst willen die ihm als Staat gesetzte Grenze, und der staatliche Theologieprofessor sei der vom Staat selbst eingesetzte Wächter dieser Grenze, auch und gerade gegenüber dem Einbruch von solchen Staatstheorien wie der gegenwärtig umlaufenden und vom Staatsanwalt verkündigten. In der Eidessache wie in der Frage des Hitlergrußes in der Vorlesung hätte ich nur getan, was ich im Auftrag des Staates selbst tun mußte. Sie, die Richter, sollten nun im Interesse des Staates erklären, daß es mit jener Totalität nichts sei, und also meine und die kirchliche Stellungnahme bestätigen. Wenn sie das nicht tun, sondern mich verurteilen wollten, |801 so müßten sie sich klar sein darüber, daß sie damit Hitler zu einem inkarnierten Gott machten, gegen das erste Gebot aufs schwerste verstießen und viele Tausende von evangelischen Christen endgültig an der heutigen Staatsform irre machten. Europa und der übrige Erdball warteten nun auf ihr gerechtes Urteil! Es war natürlich etwas schwierig, angesichts der drei alten Sünder da droben, für die längst Alles entschieden war — der Vorsitzende hatte sich nach dem Plädoyer des Staatsanwalts vorsorglich erkundigt, ob die Auffassung des Staatsanwalts auch die des Herrn Ministers sei —, das alles noch einmal im Ernst zu sagen. Aber das Wort muß ja bekanntlich manchmal auch ganz objektiv erschallen, und so habe ich es mich nicht reuen lassen, einige Perlen vor die Säue zu werfen, um dann auch richtig von ihnen zertreten zu werden [vgl. Mt. 7,6]. Es gab dann eine Pause, in der wir im Flur friedlich mit dem kleinen Staatsanwalt zusammen standen, eine Pfeife rauchten und Schokolade aßen. Ich sagte ihm, daß ich über seine falsche, aber formell ganz richtige Auffassung und Darstellung der Lage entzückt gewesen sei und daß es nur schade sei, daß immer noch so viele Leute nicht wüßten, daß das und nichts Anderes nun eben der Nationalsozialismus sei. Der gute Gerichtsschreiber gab seitab zu verstehen, das vom ersten Gebot, was der Herr Professor gesagt habe, habe er auch immer gedacht, aber er habe eben viele Kinder und sei nur ein einfacher Mann … Schon nach kaum 20 Minuten hatten die drinnen ihr Urteil fertig, wir wurden hereingerufen, um es uns unter den üblichen Floskeln anzuhören, hatten dann noch einmal den an dieser Stätte unvermeidlichen Hitlergruß zu machen und befanden uns dann wieder, von Lollo und Traub erwartet, auf der Straße und bald darauf bei einem nährenden Schweinekotelett in einem Restaurant, wo uns alsbald der Reporter der New York Times, extra von Berlin herbeigeeilt21, aufsuchte, um von mir platonisch und von Bleibtreu juristisch über die ganze Sache aufgeklärt zu werden zwecks eines Kabeltelegramms, das dann alsbald über den Ozean gehen sollte. Es ist ja Alles so seltsam, so be|802denklich und auch wieder so erheiternd, Eduard, von den schemenhaften Gestalten jenes Gerichtsgebäudes bis zu den zeigenden Händlein in den Basl. Nachr., die dem zeigenden Finger Johannes des Täufers so unähnlich und doch auch wieder so ähnlich sind.22 Wohin, wohin zeigt das alles? Als ich abends in Bonn noch einmal über Alles nachdachte, erscholl unten in der Diele, von etwa 25 herbeigeeilten Studenten und Studentinnen angestimmt: «Nun lob mein Seel den Herren, was in mir ist den Namen sein …»23, und das Weihnachtslied: «Nun singet und seid froh …»24 (eine gute, die beste Antwort, nicht?), und alle kamen herauf ins Studierzimmer und hörten sich gefaßt und entschlossen, wie sie sich in den ganzen Wochen gezeigt hatten25, an, was zu erzählen war. Und dann tat ich einen gründlichen Schlaf.
803 Am folgenden Morgen, Freitag, mußte ich früh wieder heraus, um nunmehr nach Uelsen in der Grafschaft Bentheim zu eilen, wohin ich als eine Art Schiedsrichter in dem Streit zwischen dem dortigen (d. h. dem ostfriesischen) Kirchenregiment und der Bekenntnisgemeinschaft gerufen war.26 Eine Autofahrt von 80 Kilometer von Münster bis dorthin durch die winterliche westfälische Landschaft war erquickend; dann war in einer Sitzung von nachmittags 3 Uhr bis nachts 1 1/2 Uhr zu arbeiten, d. h. eine Menge von gegenseitigen Mißverständnissen und auch von tatsächlichen Irrtümern und Fehlern allseitig auszuräumen. Um ein Uhr verfertigte ich ein Protokoll von 5 Punkten, das dann am folgenden Tag nach nochmaliger Beratung von vier dort wichtigen Personen und von mir unterschrieben wurde und nun hoffentlich als Instrument des Friedens und der Wahrheit zugleich seinen Dienst tun wird.27
Wenn
|804 nicht irgendwelche jetzt noch unübersehbare Verwicklungen und Dummheiten diese harten ostfriesischen und grafschaftlichen Köpfe aufs neue durcheinander bringen. Sie wollten mich dann gleich gewinnen, als Pastor mit allerhand Vorrechten an die große Kirche von Emden mich wählen zu lassen.28 Und irgendwie, weißt du, Eduard, gehe ich aufrichtig ungern aus diesem Deutschland weg, wo es nun doch einmal und trotz Allem gute Möglichkeiten gibt wie vielleicht nirgends sonst. Auf der Heimreise auf dem Bahnhof in Münster — (ich ließ mich dort im Auto rasch noch einmal durch die Himmelreichallee29 führen) kaufte ich mir die Basl. Nachr., aus denen mich wieder einmal mein eigenes Gesicht anschaute30: «Ich bin von Natur ein sanftes Wesen…»31 — die in der Grafschaft hatten mir übrigens gesagt, das gehe gegen den Katechismus, weil es dort heißt: ich bin von Natur geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen»32!! Als ich endlich und zuletzt wieder in Bonn war, waren daselbst gerade Söhne, Tochter und Schwiegersohn aus der Schweiz eingetroffen, um den abgesetzten, doch immer noch rüstigen Vater gebührend in Empfang zu nehmen. Und unterdessen haben wir nun in angemessener Weise Weihnacht gefeiert. — Mein Leben ist also wirklich auch in diesem Zeitabschnitt keinesfalls langweilig gewesen.
Und nun? Ja, und nun! Es fragt sich zunächst, ob ich von der Möglichkeit, gegen das Urteil Revision einzulegen, Gebrauch machen soll. Viele wünschen es, um den Staat zu einem letzten Wort in dieser Sache zu veranlassen.33 Ich selbst meine vorläufig, daß das keine interessante |805 Sache sei und daß es sogar vor einer zweiten Instanz zwar zu keinem anderen Urteil, wohl aber zu einer Verschleierung der jetzt sehr offenkundigen Sachverhalte kommen könnte. Und warum soll ich mir das von der «Unwürdigkeit»34 noch von einigen weiteren Justizkulis ähnlichen Kalibers bestätigen lassen? Doch ich will zunächst noch das schriftliche Urteil abwarten, bis zu dem noch einige Wochen verstreichen können. Und von Schritten für die Zukunft lasse ich mich unterdessen natürlich nicht abhalten. Aber das ist nun die große Frage: für welche Zukunft? Ich deutete eben an: ist es wohl nicht mehr das Denken und Empfinden des alten als des neuen Adam, wenn ich jetzt, naiv gesagt, lieber in die Schweiz ginge, statt mich länger in einem Lande aufzuhalten, in welchem ich mir ja längst vorkomme wie in einem Irrenhaus oder in einer Räuberhöhle und in welchem ich ja nun auch in der Tat entsprechende Erfahrungen gemacht habe? Aber schon auf der Ebene der irdisch-menschlichen Dinge kann ich ja gleichzeitig unmöglich übersehen, wie gut ich es hier in diesen 13 Jahren — und eigentlich doch in steigendem Maße — gehabt habe, wenn man bei diesem Guthaben an das denkt, was doch wichtiger ist als die äußere Unangefochtenheit: die Aufnahme, das Gehör und den Widerhall bei unabsehbar vielen gutwilligen und dankbaren Menschen. Ich bekomme jetzt jeden Tag ganze Stöße von Briefen, die mir das von neuem vor Augen führen. Wenn mir Einer schreibt: «Unzählige Millionen stehen hinter Ihnen!» (und dann nicht einmal zu unterzeichnen wagt)35, wenn ein Anderer, der nun gerade Anlaß hätte, ein bißchen Laut zu geben, das Psalmwort zitiert: «Ich will stille sein und meinen Mund nicht auftun!» [Ps. 39,10]36 und |806 wieder ein Anderer gar die Worte des Elisa an den gen Himmel fahrenden Elia: «Wagen Israels und seine Reuter» [2.Kön. 2,12]!37, so sieht man ja deutlich auch die humoristische Seite, aber hinter und in Allem ist doch auch so viel deutsche Treue im besten Sinn — ich brauche bloß an meine hiesigen Studentlein zu denken —, daß ich mich wohl frage, ob ich nun wirklich weglaufen darf. Umso mehr, als sich ja der Horizont mehr und mehr zu verdüstern scheint, politisch und kirchenpolitisch und hier vor Allem in der Bekenntniskirche, wo Alles so aussieht, als sollte ich mit den Befürchtungen, in denen ich mich im November dem Marahrensregiment entgegenstellte, in der schrecklichsten Weise recht behalten: in Berlin wird aufs greulichste gekompromisselt, Wurm in Stuttgart hat die Bekenntnisfront glatt an die Nazis verraten (er ist nach bestimmten Nachrichten der Mann, der die Frick-Rede38 auf dem |807 Gewissen hat, indem er zu einem staatlichen Mittelsmann gesagt hat: «Schützen Sie uns vor der Reaktion!»). Meiser hat sich in der Eidfrage völlig halt- und gewissenlos benommen39, Marahrens selber hat einen Weihnachtsbrief40 veröffentlicht, den ich, wenn nicht sein Name darüber stünde, schlicht für ein Werk aus der Küche Ludwig Müllers gehalten hätte. Kurz, es stinkt allenthalben gen Himmel von Angst, Verrat und Reaktion, und allenthalben sind die Gerechten in großer Bedrängnis und Bekümmerung — von den umgehenden finsteren Drohungen wegen einer neuen Mordnacht41 noch ganz abgesehen: das Elend in der |808 Kirche gerade an den Stellen, wo sie sich, von weitem gesehen, am bekenntnistreusten gebärdet hat, ist ja wirklich schlimmer als die Möglichkeit, daß noch einmal die Revolver etc. losgehen könnten! Und nun mitten aus dem allem weggehen? Es ist mir aber andererseits auch dies klar, daß ich jetzt nur hierbleiben kann und darf, wenn ich dazu irgend einen einigermaßen glaubwürdigen Ruf habe. Ich fahre morgen ins Wuppertal, um darüber mit den dortigen Entschlossenen zu beraten.42 Bis jetzt sieht es nicht so aus, als ob es dazu kommen werde. Aber immerhin muß ich mich, solange es geht, auch nach dieser Seite offen halten. Kommen dann die schweizerischen Möglichkeiten, voran Basel und Genf. Basel ist für mich insofern weiter in den Vordergrund gerückt, als ich eben sehr gerne eine möglichst geordnete Arbeit vor mir hätte und eine solche, bei der ich die deutschen Dinge, denen ich nun einmal verhaftet bin und bleiben werde, möglichst wenig aus den Augen verlöre, was ja in Basel schon optisch unmöglich wäre. Vor der Genfer Sache schreckt mich irgend ein Gerüchlein von internationalvölkerbündlicher Vielgeschäftigkeit (das Adolf Kellerische!) zurück, aber wiederum schreibt mir von dort Visser ’t Hooft in einer so feinen |809 und vornehmen Weise43, daß ich unmöglich annehmen könnte, es sei nicht auch dort ernst und es könnte nicht auch ein kleiner Einmarsch in die Welt des Westens das nunmehr Gebotene sein. Sehr seltsam kommt zu Allem eine Einladung von … Emil Brunner, ich möchte ihn diesen Sommer in Zürich vertreten, während er Urlaub nimmt, um ein Buch (ich fürchte aufs neue über natürliche Theologie) zu schreiben.44
|810 Ja, das alles will nun überlegt sein! Von Regierungsrat Hauser liegt übrigens bereits eine Präliminaranfrage vor mit der Aufforderung, zu einer Aussprache dorthin zu kommen.45 Ich denke, daß es etwa in der ersten Woche Januar so weit sein wird, daß die Dinge so oder so ins Rollen kommen können. Und jedenfalls bin ich innerlich auch damit beschäftigt, mich in Gedanken in der Schweiz, und sei es denn also in Basel, zurechtzusetzen. Ich stelle es mir ungefähr so vor wie die Rückkehr eines alten Troupiers aus neapolitanischen Diensten46, dem es dann immerhin beschieden sein könnte, in einem Gefecht an der Hülftenschanze47 oder gar in einem kleinen Sonderbundskrieg48 seine ausländischen Kriegserfahrungen dem Vaterlande dienstbar zu machen. Bei diesem Bilde ist gleich zu erwähnen, daß die schweizerischen Antimilitaristen auf keinen Fall auf meine Unterstützung würden rechnen dürfen, daß |811 ich vielmehr für Militärgesetze, Befestigungen (besonders auch an der Nordgrenze!) und dergl. mehr an meinem Ort nachdrücklich eintreten würde. In diesen Zeiten, da der liebe jüngste Tag49 wieder einmal besonders nahegerückt erscheint, bedarf es neben einer Kirche mit einem Ja und Nein deutlich aussprechenden Bekenntnis, mit einem brauchbaren Gesangbuch50, mit ordentlich arbeitenden Synoden, mit einem unbeugsam auf die Sache gerichteten Kirchenregiment, neben unerbittlich auf Exegese, Dogmatik und Predigt zielender Theologie vor Allem auch einer starken Armee, die barbarische Einbrüche zu verhindern weiß. Das eherne Zeitalter ist angebrochen.
Unterdessen ist es längst der 26. Dezember geworden, und dieser lange Brief mag seinem Ende entgegen gehen. Max Zellweger, der heute zurückfährt, wird ihn mitnehmen und noch heute Nacht bei dir einwerfen. Grüße Koechlin, Hartenstein, Lukas Christ. Es hat mich gerührt und erfreut, daß sich Bundesrat Motta in eigener Person für mich in Bewegung gesetzt hat, und ich lasse Koechlin besonders danken, daß er sich so lebhaft darum bemüht hat.51
Wenn Hartenstein je einmal württembergischer Bischof wird, so soll und wird er es gewiß besser ma|812chen als dieser unselige Wurm: seinen Freund Pressel habe ich nun leider als eine ganz unzuverlässige Gestalt kennen lernen müssen; er denkt wie ein Stehaufmännchen immer wieder säkular statt von der Kirche her. Lukas Christ hat mir erquickende Trostbriefe geschrieben52, für die ich ihm ebenfalls auf diesem Wege danken lasse. Wieviel ich dir zu danken habe, weißt du wohl. Dieser Tage war übrigens Lackmann hier und hat seinen Anpfiff bezogen. — Mir fallen noch alle möglichen kleinen Denkwürdigkeiten und Seltsamkeiten ein, die zu erzählen wären, aber der Brief könnte darüber zu einem Büchlein werden. Vielleicht bietet sich ja bald die Gelegenheit, mündlich Einiges nachzuholen. Laut B. N. ist der Film «So endete eine Liebe
📖» nun auch dort zu sehen. Sieh dir besonders den Metternich genau an.53 Vielleicht muß ich dieser Tage wieder nach Berlin, um den rechten Flügel stark zu machen.54
Die Nat. Zeitung hatte ganz recht, als sie neulich sagte, Deutschland sei z. Z. ein wahres Kaleidoskop, in welchem wir alle als Steinchen wunderlich beleuchtet und leuchtend hin- und herrasseln, kein Mensch kann wissen, wo und wie im nächsten Augenblick.55 Aber es kommt hier wohl nur zum Vorschein, wie wir im Grunde alle dran sind.
Alle grüßen Alle! Du kannst dir denken, daß das Leben in der Vati|813kanstadt56 hier im oberen Stock in diesen Zeiten besonders bewegt ist. Aber auch drunten passiert dauernd dies und das. Hansjoggeli z. B. handhabt sachkundig ein richtiges Mikroskop und studiert Magenwände von Salamandern und Ähnliches, wovon ich mir nie etwas träumen ließ. Er könnte es nach fachmännischem Urteil bald mit einem jüngeren Mediziner aufnehmen. So erfüllt eben jeder seines Schicksals Kreise.57
Sei herzlichst gegrüßt von deinem