24. Dezember 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

792
Lieber Eduard!

Gruß zuvor und eine fröhliche und gesegnete Weihnacht! Die schwierigen Zeiten und Umstände, in denen wir uns befinden, haben es ja wirklich an sich, daß man immer besser versteht, daß und warum Alles so sein muß, wie es in der Bibel geschrieben steht, und wenn dazu auf der einen Seite das bedrängte Geschrei etwa in den Psalmen gehört, so doch auf der anderen noch viel mehr das Lob Gottes aus dem Munde der himmlischen Heerscharen Luk. 2[,14]. Und also und in dieser Bekräftigung kann und soll nun erst recht Weihnacht gefeiert werden als Etappe auf einem Weg, der wunderlich, aber friedlich, gänzlich unübersichtlich, aber auch ganz bestimmt jenseits von allem Bitten und Verstehen [vgl. Eph. 3,20] einem guten und lichten Ziel entgegenführt.

Ich habe dir wohl seit der Suspension noch gar nicht geschrieben, obwohl ich doch Anlaß hatte, dir für so manches gute Wort und für so Vieles, was du dort in meiner Sache getan hast, sehr dankbar zu sein. Entnimm daraus nur, daß ich eben in dieser Zeit trotz des Wegfalls der Kollegarbeit fast noch mehr als sonst in Anspruch genommen war. Es |793 ist wirklich schade, daß ich seit dem Oktober, da ich das letzte Mal aus der Schweiz zurück kam, nicht Tagebuch geführt habe, denn es drängte und drängt wirklich Eines das Andere. Nachträglich sieht es sich nun an wie ein einziger Wogenschwall von Diskussionen, Telephongesprächen, Stößen von Briefen, Eisenbahnfahrten usw., der sich als Ganzes nur schwer rekonstruieren läßt. Zumal ja Alles im Fluß ist und weiter und weiter bedacht, besprochen und behandelt sein will, wie es eben von jedem Tag herbeigebracht wird.

So will ich dir nur ein wenig von der letzten Woche schreiben. Die Gerichtssitzung samt Absetzung am Mittwoch war darin ja nur ein Ereignis unter anderen, von denen jedes seine besondere Aufmerksamkeit forderte. Am Sonntag vor 8 Tagen wurde ich zu einer Tagung der (mit den gleichnamigen Schweizern nicht zu verwechselnden) Jung-Reformierten in Düsseldorf gerufen.1 Im reformierten Lager ist ja eben auch Alles in Bewegung, und es galt dort einerseits den an der Tagung in Detmold — ich weiß nicht, ob du diese Dinge verfolgt hast — gewonnenen Ansatz zu behaupten, andererseits unnötige Spaltungen zu verhindern. Ein Stück weit ging Alles gut, aber als ich dann abends sieben Uhr wegen anderweitiger Beschäftigung das Lokal verlassen mußte, haben die Leute — ich mußte an die Geschichte von Konrad dem Daumenlutscher2 denken — hinter meinem Rücken sofort wieder Dummheiten beschlossen. Das ist immer das Bild, Eduard! Man kann darob immer aufs neue verzweifeln und muß sich dann immer aufs neue wieder mit Geduld wappnen. Am Montag darauf war Sitzung des refor|794mierten Moderamens in Elberfeld, das seit Detmold wieder fester im Sattel sitzt und einen ganz ordentlichen Aufruf an alle reformierten Gemeinden herausbrachte, aber auch schwierige Personalfragen zu klären wenigstens versuchen mußte.3 Holla, das ist eine Sache, in einer solchen Zeit auch nur eine Sache wie den reformierten Bund einigermaßen zu steuern. Die durchschnittliche Menschheit ist ja wirklich ein auffallend unbegabtes und schwerfälliges Gebilde, innerhalb dessen die Kirche einfach jeden Augenblick wieder zu versacken droht! Und da ist das regimen ecclesiae tatsächlich eine Kunst, die noch einmal besonders gelernt sein will, wenn man allerhand Anderes schon zu wissen und zu können meint. Ich habe nun wirklich seltsame Erfahrungen hinter mir auf diesem Gebiet. Am Montag Abend hatte ich in der Gemarker Kirche in Barmen eine Bibelstunde zu halten, die angesichts des großen |795 Raumes und der großen versammelten Gemeinde zusehends zu einer Predigt wurde.4 Den Abschluß des Tages bildete ein Zusammensein mit dem Fremdling und seiner Frau5.

Als ich am Dienstag früh nach Bonn zurückkehrte, war gerade die Bekanntmachung der kirchlichen Erklärungen zur Eidesfrage in den B. N.6 (im «Alphorn», wie man in Bekenntniskreisen am Telephon |796 sagt!) eingelaufen und damit jener Brief an den Rektor7 fällig geworden. (Die Erklärung der Marahrensregierung hat übrigens eine lange Vorgeschichte; sie war nämlich eine wahre Zangengeburt, die den Leuten nur aufs mühsamste und zunächst nur in Form einer ganz inoffiziellen Äußerung zu entlocken war, deren Aufmachung, wie sie dann in den B. N. erschien, wohl ein bißchen an die Emserdepesche8 erinnern könnte und die ihnen nun nachträglich bereits wieder leid geworden zu sein scheint. Ganz ehrlich gemeint war nur die reformierte Erklärung! Aber es war durchaus am Platze, die M.-Leute öffentlich festzunageln, und wenigstens Präses Koch hatte dazu auch die förmliche Erlaubnis gegeben.9) |797 Am Abend hatte ich dann hier meine Studentenbibelstunde und am Mittwoch deren Fortsetzung. Es handelte sich um eine Serie von vier Abenden über Luk. 1. Lollo hat sie nachgeschrieben, und vielleicht läßt sich ein weiteres Existenzheft daraus machen.10

Am Donnerstag fuhren wir dann also — ich erwachte an diesem Tage mit dem mir sofort zuhandenen Reim: «Karl ist kein Bösewicht, und doch muß er vor Gericht!» — Lollo, Traub, mein sehr wackerer jugendlicher Anwalt Bleibtreu11 und ich, nach dem heiligen Köln. Leider spielte |798 sich die Sache nicht öffentlich ab, aber dennoch in feierlicher Veranstaltung: drei irgendwie etwas verlegene Richter12 hinter einem halbmondförmigen Tisch auf einer Estrade, ihnen zur Seite der «Beamte der Staatsanwaltschaft», ein grüner Jüngling, der wohl bei dieser Sache seine ersten Sporen verdiente13, auf der anderen Seite der Gerichtsschreiber14, ein braver Mann, der in der Pause zu erkennen gab, auf welcher Seite seine Sympathien seien, endlich gegenüber auf einer unteren Ebene in gehörigem Abstand hinter einem Tisch ich selbst und mein Verteidiger.15 In der nun einsetzenden Befragung passierte kaum etwas Erhebliches. Hübsch war die Frage: Ob ich überwiegend bejahend oder verneinend zum heutigen Staat stehe? Das sei ihnen nämlich für die Urteilsfindung wesentlich!! Ich erwiderte, daß ich gerne bereit sei, dem Herrn Vorsitzenden nachher in einem Café darüber Bescheid zu geben, daß es mir aber gerade wesentlich sei, daß das Urteil abgesehen von meiner Antwort auf diese Frage gefunden werde.16 Sehr verwunderlich war den Richtern die von mir vorgetragene Lehre, daß eine theologische Vorlesung durchaus als eine gottesdienstliche Aktion im weiteren Sinn zu betrachten sei.17 In der mündlichen Urteilsbegründung nach|799her wurde mir dann eröffnet, daß dem nicht so sei!! Das Wichtigste war dann die Rede des kleinen Staatsanwalts. Er führte zum Eid aus: irgend eine Einschränkung der Verpflichtung auf den Führer sei unstatthaft. Dem heutigen Staat genüge nicht mehr die Loyalität gegen ihn als «Obrigkeit». Was er verlange, sei der unmittelbare und unbedingte persönliche Einsatz für den Nationalsozialismus. Der Eid habe also in der Tat einen unbegrenzten Inhalt, indem er den zu Beeidigenden statt auf einen toten Buchstaben auf eine lebendige Persönlichkeit verpflichte. Die Erinnerung an Gott könne nicht bedeuten, daß dem Beamten eine selbständige Prüfung der Frage nach dem, was vor Gott recht ist, überlassen bleibe. Eine solche Prüfung bedeute vielmehr schon eine schwerwiegende Verfehlung. Der Führer verlange eo ipso nichts, was gegen das Gebot Gottes sei. Der Beamte habe ihm in dieser Hinsicht ein unbegrenztes Vertrauen entgegen zu bringen und also bedingungslosen Gehorsam zu schwören.18 Mein Brief an den Rektor bedeute offenbar nicht ein Abweichen von meiner entgegengesetzten irrigen, ja verwerflichen Meinung. Also sei ich als Beamter unmöglich. Darauf bekam mein Herr Bleibtreu das Wort und suchte, so gut er nur konnte, zu retten, was da juristisch zu retten war. Er sprach über den noch bestehenden preußischen Kirchenvertrag und über die altehrwürdige Doppelstellung des theologischen Universitätslehrers.19 Endlich, nach einer |800 Replik des Staatsanwalts, war die Reihe an mir, meine erste forensische Rede zu halten. Ein ganz neues Genus, Eduard, in welchem ich mich bei diesem Anlaß nicht ohne Lust versucht habe. Ich sah sofort ein, daß und warum schon die Alten auf diesem Feld ohne einigen Aufwand von Rhetorik nicht auskamen: gilt es doch dabei, einige bestimmte Menschen in ganz konkreter Richtung zu beeindrucken, und wäre es auch nur — wie in meinem Fall —, ihnen auf den Weg zu ihrem sichtlich schon beschlossenen falschen Urteil eine gewisse Unruhe mit auf den Weg zu geben. So protestierte ich zunächst, nicht ohne Faustschlag auf den Tisch, dagegen, daß ich in der Anklageschrift als des einem Beamten notwendigen Vertrauens unwürdig bezeichnet werde: «Dazu sage ich Nein! Das ist nicht wahr!» Ich verlange vielmehr, daß ich vom Gericht als jenes Vertrauens besonders würdig bezeichnet und in der pflichtmäßigen Ausübung meines Amtes, in der ich gerade in den mir zur Last gelegten Punkten begriffen gewesen sei, geschützt werde. Und dann zückte ich eine — Platonausgabe und las den Leuten aus der Apologie des Sokrates folgende Stellen vor:

«Ich bin euch, ihr Athener, zwar zugetan und Freund, gehorchen aber werde ich dem Gotte mehr als euch … Ich meinesteils glaube, daß noch nie größeres Gut dem Staate widerfahren ist als dieser Dienst, den ich dem Gotte leiste … Daher auch jetzt, ihr Athener, ich weit entfernt bin, um meiner selbst willen mich zu verteidigen, wie einer wohl denken könnte, sondern um euretwillen, damit ihr euch nicht gegen des Gottes Gabe an euch versündigt durch meine Verurteilung!»20
Indem der Staat die Kirche anerkenne, bejahe er um seiner selbst willen die ihm als Staat gesetzte Grenze, und der staatliche Theologieprofessor sei der vom Staat selbst eingesetzte Wächter dieser Grenze, auch und gerade gegenüber dem Einbruch von solchen Staatstheorien wie der gegenwärtig umlaufenden und vom Staatsanwalt verkündigten. In der Eidessache wie in der Frage des Hitlergrußes in der Vorlesung hätte ich nur getan, was ich im Auftrag des Staates selbst tun mußte. Sie, die Richter, sollten nun im Interesse des Staates erklären, daß es mit jener Totalität nichts sei, und also meine und die kirchliche Stellungnahme bestätigen. Wenn sie das nicht tun, sondern mich verurteilen wollten, |801 so müßten sie sich klar sein darüber, daß sie damit Hitler zu einem inkarnierten Gott machten, gegen das erste Gebot aufs schwerste verstießen und viele Tausende von evangelischen Christen endgültig an der heutigen Staatsform irre machten. Europa und der übrige Erdball warteten nun auf ihr gerechtes Urteil! Es war natürlich etwas schwierig, angesichts der drei alten Sünder da droben, für die längst Alles entschieden war — der Vorsitzende hatte sich nach dem Plädoyer des Staatsanwalts vorsorglich erkundigt, ob die Auffassung des Staatsanwalts auch die des Herrn Ministers sei —, das alles noch einmal im Ernst zu sagen. Aber das Wort muß ja bekanntlich manchmal auch ganz objektiv erschallen, und so habe ich es mich nicht reuen lassen, einige Perlen vor die Säue zu werfen, um dann auch richtig von ihnen zertreten zu werden [vgl. Mt. 7,6]. Es gab dann eine Pause, in der wir im Flur friedlich mit dem kleinen Staatsanwalt zusammen standen, eine Pfeife rauchten und Schokolade aßen. Ich sagte ihm, daß ich über seine falsche, aber formell ganz richtige Auffassung und Darstellung der Lage entzückt gewesen sei und daß es nur schade sei, daß immer noch so viele Leute nicht wüßten, daß das und nichts Anderes nun eben der Nationalsozialismus sei. Der gute Gerichtsschreiber gab seitab zu verstehen, das vom ersten Gebot, was der Herr Professor gesagt habe, habe er auch immer gedacht, aber er habe eben viele Kinder und sei nur ein einfacher Mann … Schon nach kaum 20 Minuten hatten die drinnen ihr Urteil fertig, wir wurden hereingerufen, um es uns unter den üblichen Floskeln anzuhören, hatten dann noch einmal den an dieser Stätte unvermeidlichen Hitlergruß zu machen und befanden uns dann wieder, von Lollo und Traub erwartet, auf der Straße und bald darauf bei einem nährenden Schweinekotelett in einem Restaurant, wo uns alsbald der Reporter der New York Times, extra von Berlin herbeigeeilt21, aufsuchte, um von mir platonisch und von Bleibtreu juristisch über die ganze Sache aufgeklärt zu werden zwecks eines Kabeltelegramms, das dann alsbald über den Ozean gehen sollte. Es ist ja Alles so seltsam, so be|802denklich und auch wieder so erheiternd, Eduard, von den schemenhaften Gestalten jenes Gerichtsgebäudes bis zu den zeigenden Händlein in den Basl. Nachr., die dem zeigenden Finger Johannes des Täufers so unähnlich und doch auch wieder so ähnlich sind.22 Wohin, wohin zeigt das alles? Als ich abends in Bonn noch einmal über Alles nachdachte, erscholl unten in der Diele, von etwa 25 herbeigeeilten Studenten und Studentinnen angestimmt: «Nun lob mein Seel den Herren, was in mir ist den Namen sein …»23, und das Weihnachtslied: «Nun singet und seid froh …»24 (eine gute, die beste Antwort, nicht?), und alle kamen herauf ins Studierzimmer und hörten sich gefaßt und entschlossen, wie sie sich in den ganzen Wochen gezeigt hatten25, an, was zu erzählen war. Und dann tat ich einen gründlichen Schlaf.

803 Am folgenden Morgen, Freitag, mußte ich früh wieder heraus, um nunmehr nach Uelsen in der Grafschaft Bentheim zu eilen, wohin ich als eine Art Schiedsrichter in dem Streit zwischen dem dortigen (d. h. dem ostfriesischen) Kirchenregiment und der Bekenntnisgemeinschaft gerufen war.26 Eine Autofahrt von 80 Kilometer von Münster bis dorthin durch die winterliche westfälische Landschaft war erquickend; dann war in einer Sitzung von nachmittags 3 Uhr bis nachts 1 1/2 Uhr zu arbeiten, d. h. eine Menge von gegenseitigen Mißverständnissen und auch von tatsächlichen Irrtümern und Fehlern allseitig auszuräumen. Um ein Uhr verfertigte ich ein Protokoll von 5 Punkten, das dann am folgenden Tag nach nochmaliger Beratung von vier dort wichtigen Personen und von mir unterschrieben wurde und nun hoffentlich als Instrument des Friedens und der Wahrheit zugleich seinen Dienst tun wird.27 Wenn |804 nicht irgendwelche jetzt noch unübersehbare Verwicklungen und Dummheiten diese harten ostfriesischen und grafschaftlichen Köpfe aufs neue durcheinander bringen. Sie wollten mich dann gleich gewinnen, als Pastor mit allerhand Vorrechten an die große Kirche von Emden mich wählen zu lassen.28 Und irgendwie, weißt du, Eduard, gehe ich aufrichtig ungern aus diesem Deutschland weg, wo es nun doch einmal und trotz Allem gute Möglichkeiten gibt wie vielleicht nirgends sonst. Auf der Heimreise auf dem Bahnhof in Münster — (ich ließ mich dort im Auto rasch noch einmal durch die Himmelreichallee29 führen) kaufte ich mir die Basl. Nachr., aus denen mich wieder einmal mein eigenes Gesicht anschaute30: «Ich bin von Natur ein sanftes Wesen…»31 — die in der Grafschaft hatten mir übrigens gesagt, das gehe gegen den Katechismus, weil es dort heißt: ich bin von Natur geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen»32!! Als ich endlich und zuletzt wieder in Bonn war, waren daselbst gerade Söhne, Tochter und Schwiegersohn aus der Schweiz eingetroffen, um den abgesetzten, doch immer noch rüstigen Vater gebührend in Empfang zu nehmen. Und unterdessen haben wir nun in angemessener Weise Weihnacht gefeiert. — Mein Leben ist also wirklich auch in diesem Zeitabschnitt keinesfalls langweilig gewesen.

Und nun? Ja, und nun! Es fragt sich zunächst, ob ich von der Möglichkeit, gegen das Urteil Revision einzulegen, Gebrauch machen soll. Viele wünschen es, um den Staat zu einem letzten Wort in dieser Sache zu veranlassen.33 Ich selbst meine vorläufig, daß das keine interessante |805 Sache sei und daß es sogar vor einer zweiten Instanz zwar zu keinem anderen Urteil, wohl aber zu einer Verschleierung der jetzt sehr offenkundigen Sachverhalte kommen könnte. Und warum soll ich mir das von der «Unwürdigkeit»34 noch von einigen weiteren Justizkulis ähnlichen Kalibers bestätigen lassen? Doch ich will zunächst noch das schriftliche Urteil abwarten, bis zu dem noch einige Wochen verstreichen können. Und von Schritten für die Zukunft lasse ich mich unterdessen natürlich nicht abhalten. Aber das ist nun die große Frage: für welche Zukunft? Ich deutete eben an: ist es wohl nicht mehr das Denken und Empfinden des alten als des neuen Adam, wenn ich jetzt, naiv gesagt, lieber in die Schweiz ginge, statt mich länger in einem Lande aufzuhalten, in welchem ich mir ja längst vorkomme wie in einem Irrenhaus oder in einer Räuberhöhle und in welchem ich ja nun auch in der Tat entsprechende Erfahrungen gemacht habe? Aber schon auf der Ebene der irdisch-menschlichen Dinge kann ich ja gleichzeitig unmöglich übersehen, wie gut ich es hier in diesen 13 Jahren — und eigentlich doch in steigendem Maße — gehabt habe, wenn man bei diesem Guthaben an das denkt, was doch wichtiger ist als die äußere Unangefochtenheit: die Aufnahme, das Gehör und den Widerhall bei unabsehbar vielen gutwilligen und dankbaren Menschen. Ich bekomme jetzt jeden Tag ganze Stöße von Briefen, die mir das von neuem vor Augen führen. Wenn mir Einer schreibt: «Unzählige Millionen stehen hinter Ihnen!» (und dann nicht einmal zu unterzeichnen wagt)35, wenn ein Anderer, der nun gerade Anlaß hätte, ein bißchen Laut zu geben, das Psalmwort zitiert: «Ich will stille sein und meinen Mund nicht auftun!» [Ps. 39,10]36 und |806 wieder ein Anderer gar die Worte des Elisa an den gen Himmel fahrenden Elia: «Wagen Israels und seine Reuter» [2.Kön. 2,12]!37, so sieht man ja deutlich auch die humoristische Seite, aber hinter und in Allem ist doch auch so viel deutsche Treue im besten Sinn — ich brauche bloß an meine hiesigen Studentlein zu denken —, daß ich mich wohl frage, ob ich nun wirklich weglaufen darf. Umso mehr, als sich ja der Horizont mehr und mehr zu verdüstern scheint, politisch und kirchenpolitisch und hier vor Allem in der Bekenntniskirche, wo Alles so aussieht, als sollte ich mit den Befürchtungen, in denen ich mich im November dem Marahrensregiment entgegenstellte, in der schrecklichsten Weise recht behalten: in Berlin wird aufs greulichste gekompromisselt, Wurm in Stuttgart hat die Bekenntnisfront glatt an die Nazis verraten (er ist nach bestimmten Nachrichten der Mann, der die Frick-Rede38 auf dem |807 Gewissen hat, indem er zu einem staatlichen Mittelsmann gesagt hat: «Schützen Sie uns vor der Reaktion!»). Meiser hat sich in der Eidfrage völlig halt- und gewissenlos benommen39, Marahrens selber hat einen Weihnachtsbrief40 veröffentlicht, den ich, wenn nicht sein Name darüber stünde, schlicht für ein Werk aus der Küche Ludwig Müllers gehalten hätte. Kurz, es stinkt allenthalben gen Himmel von Angst, Verrat und Reaktion, und allenthalben sind die Gerechten in großer Bedrängnis und Bekümmerung — von den umgehenden finsteren Drohungen wegen einer neuen Mordnacht41 noch ganz abgesehen: das Elend in der |808 Kirche gerade an den Stellen, wo sie sich, von weitem gesehen, am bekenntnistreusten gebärdet hat, ist ja wirklich schlimmer als die Möglichkeit, daß noch einmal die Revolver etc. losgehen könnten! Und nun mitten aus dem allem weggehen? Es ist mir aber andererseits auch dies klar, daß ich jetzt nur hierbleiben kann und darf, wenn ich dazu irgend einen einigermaßen glaubwürdigen Ruf habe. Ich fahre morgen ins Wuppertal, um darüber mit den dortigen Entschlossenen zu beraten.42 Bis jetzt sieht es nicht so aus, als ob es dazu kommen werde. Aber immerhin muß ich mich, solange es geht, auch nach dieser Seite offen halten. Kommen dann die schweizerischen Möglichkeiten, voran Basel und Genf. Basel ist für mich insofern weiter in den Vordergrund gerückt, als ich eben sehr gerne eine möglichst geordnete Arbeit vor mir hätte und eine solche, bei der ich die deutschen Dinge, denen ich nun einmal verhaftet bin und bleiben werde, möglichst wenig aus den Augen verlöre, was ja in Basel schon optisch unmöglich wäre. Vor der Genfer Sache schreckt mich irgend ein Gerüchlein von internationalvölkerbündlicher Vielgeschäftigkeit (das Adolf Kellerische!) zurück, aber wiederum schreibt mir von dort Visser ’t Hooft in einer so feinen |809 und vornehmen Weise43, daß ich unmöglich annehmen könnte, es sei nicht auch dort ernst und es könnte nicht auch ein kleiner Einmarsch in die Welt des Westens das nunmehr Gebotene sein. Sehr seltsam kommt zu Allem eine Einladung von … Emil Brunner, ich möchte ihn diesen Sommer in Zürich vertreten, während er Urlaub nimmt, um ein Buch (ich fürchte aufs neue über natürliche Theologie) zu schreiben.44 |810 Ja, das alles will nun überlegt sein! Von Regierungsrat Hauser liegt übrigens bereits eine Präliminaranfrage vor mit der Aufforderung, zu einer Aussprache dorthin zu kommen.45 Ich denke, daß es etwa in der ersten Woche Januar so weit sein wird, daß die Dinge so oder so ins Rollen kommen können. Und jedenfalls bin ich innerlich auch damit beschäftigt, mich in Gedanken in der Schweiz, und sei es denn also in Basel, zurechtzusetzen. Ich stelle es mir ungefähr so vor wie die Rückkehr eines alten Troupiers aus neapolitanischen Diensten46, dem es dann immerhin beschieden sein könnte, in einem Gefecht an der Hülftenschanze47 oder gar in einem kleinen Sonderbundskrieg48 seine ausländischen Kriegserfahrungen dem Vaterlande dienstbar zu machen. Bei diesem Bilde ist gleich zu erwähnen, daß die schweizerischen Antimilitaristen auf keinen Fall auf meine Unterstützung würden rechnen dürfen, daß |811 ich vielmehr für Militärgesetze, Befestigungen (besonders auch an der Nordgrenze!) und dergl. mehr an meinem Ort nachdrücklich eintreten würde. In diesen Zeiten, da der liebe jüngste Tag49 wieder einmal besonders nahegerückt erscheint, bedarf es neben einer Kirche mit einem Ja und Nein deutlich aussprechenden Bekenntnis, mit einem brauchbaren Gesangbuch50, mit ordentlich arbeitenden Synoden, mit einem unbeugsam auf die Sache gerichteten Kirchenregiment, neben unerbittlich auf Exegese, Dogmatik und Predigt zielender Theologie vor Allem auch einer starken Armee, die barbarische Einbrüche zu verhindern weiß. Das eherne Zeitalter ist angebrochen.

Unterdessen ist es längst der 26. Dezember geworden, und dieser lange Brief mag seinem Ende entgegen gehen. Max Zellweger, der heute zurückfährt, wird ihn mitnehmen und noch heute Nacht bei dir einwerfen. Grüße Koechlin, Hartenstein, Lukas Christ. Es hat mich gerührt und erfreut, daß sich Bundesrat Motta in eigener Person für mich in Bewegung gesetzt hat, und ich lasse Koechlin besonders danken, daß er sich so lebhaft darum bemüht hat.51 Wenn Hartenstein je einmal württembergischer Bischof wird, so soll und wird er es gewiß besser ma|812chen als dieser unselige Wurm: seinen Freund Pressel habe ich nun leider als eine ganz unzuverlässige Gestalt kennen lernen müssen; er denkt wie ein Stehaufmännchen immer wieder säkular statt von der Kirche her. Lukas Christ hat mir erquickende Trostbriefe geschrieben52, für die ich ihm ebenfalls auf diesem Wege danken lasse. Wieviel ich dir zu danken habe, weißt du wohl. Dieser Tage war übrigens Lackmann hier und hat seinen Anpfiff bezogen. — Mir fallen noch alle möglichen kleinen Denkwürdigkeiten und Seltsamkeiten ein, die zu erzählen wären, aber der Brief könnte darüber zu einem Büchlein werden. Vielleicht bietet sich ja bald die Gelegenheit, mündlich Einiges nachzuholen. Laut B. N. ist der Film «So endete eine Liebe 📖» nun auch dort zu sehen. Sieh dir besonders den Metternich genau an.53 Vielleicht muß ich dieser Tage wieder nach Berlin, um den rechten Flügel stark zu machen.54 Die Nat. Zeitung hatte ganz recht, als sie neulich sagte, Deutschland sei z. Z. ein wahres Kaleidoskop, in welchem wir alle als Steinchen wunderlich beleuchtet und leuchtend hin- und herrasseln, kein Mensch kann wissen, wo und wie im nächsten Augenblick.55 Aber es kommt hier wohl nur zum Vorschein, wie wir im Grunde alle dran sind.

Alle grüßen Alle! Du kannst dir denken, daß das Leben in der Vati|813kanstadt56 hier im oberen Stock in diesen Zeiten besonders bewegt ist. Aber auch drunten passiert dauernd dies und das. Hansjoggeli z. B. handhabt sachkundig ein richtiges Mikroskop und studiert Magenwände von Salamandern und Ähnliches, wovon ich mir nie etwas träumen ließ. Er könnte es nach fachmännischem Urteil bald mit einem jüngeren Mediziner aufnehmen. So erfüllt eben jeder seines Schicksals Kreise.57

Sei herzlichst gegrüßt von deinem
Karl

Sachfußnoten

1
Barth war am 11.12.1934 von dem Arzt H. Alvermann — einem der vier Nicht-Theologen unter den 14 Unterzeichnern der Düsseldorfer Thesen vom 20.5.1933 — im Namen zweier weiterer Mitglieder um «beratende Teilnahme» an dem Treffen des «Jungreformierten Freundeskreises» vom 16.12. gebeten worden. Bei der geplanten Aussprache solle geklärt werden, ob die seit Beginn des Kirchenkampfes bestehende Spaltung des Kreises, die eine gemeinsame theologisch fruchtbare Arbeit unmöglich mache, in bereits vorher unerkannt vorhandenen theologischen Differenzen begründet sei und wie man gegebenenfalls «wieder zu der Einheit im Bekenntnis und im Bekennen» zurückfinden könne, «um gemeinsam wieder an die eigentliche sachliche Arbeit gehen zu können». Zu dem Treffen am 16.12. vgl. die Notiz in: RKZ, Jg. 84 (1934), S. 439. 📖 — Zu den schweizerischen «Jungreformierten» vgl. oben S. 40, Anm. 8.↩
2
Figur aus dem Kinderbuch «Der Struwwelpeter» von Heinrich Hoffmann 📖. Trotz Verbots steckt Konrad sofort, als die Mutter aus dem Haus geht, seinen Daumen in den Mund.↩
3
In der auf der Hauptversammlung des Reformierten Bundes am 29./30.11. in Detmold (vgl. oben S. 763f., Anm. 2) beschlossenen Erklärung hatte der Bund in Anschluß an die Beschlüsse von Barmen und Dahlem seine Mitglieder aufgefordert, «sich von jeder Zusammenarbeit mit dem falschen, deutsch-christlichen Kirchenregiment zurückzuziehen», auf die Sammlung der Reformierten als besondere Aufgabe des Bundes hingewiesen und abschließend erklärt: «Wir halten es um der Arbeitsfähigkeit des Moderamens willen für nötig, daß ihm nur solche Männer angehören, die diese Beschlüsse billigen und durchzuführen bereit sind» (Abdruck bei Schmidt 1934, S. 177 📖). Die darauf folgenden Auseinandersetzungen führten kurz vor der Dezembersitzung zum Austritt Hollwegs und Bredts aus dem Moderamen und dem Reformierten Bund (vgl. S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf …, a.a.O. [S. 438, Anm. 6], S. 218f. 📖) Am 17.12.1934 fand in Elberfeld eine Moderamenssitzung statt, zu der die dem Detmolder Beschluß kritisch gegenüberstehenden Mitglieder Langenohl und Lang nicht erschienen. Behandelt wurden die Tagesordnungspunkte: «1. Erklärungen der Moderamensmitglieder zum Detmolder Beschluß», «2. Rundschreiben an die Reformierten in Deutschland auf Grund des Detmolder Beschlusses», «3. Stellungnahme zur Eidesfrage» und «4. Stellung zum Vorläufigen Kirchenregiment». Das verabschiedete Rundschreiben (Punkt 2) empfahl im Anschluß an die Dahlemer Botschaft ein Abrücken von jeder Zusammenarbeit mit den deutsch-christlichen Behörden, aber auch eine abwartende Haltung gegenüber der Vorläufigen Kirchenleitung, und schloß mit der Bitte an alle evangelischen Gemeinden der Deutschen Evangelischen Kirche, «die sich heute auf ihre reformierte Herkunft besinnen oder die heute zu ihrer reformierten Verantwortung aufwachen und die im Heidelberger Katechismus 📖 das für sie richtunggebende Glaubenszeugnis der Väter sehen, sich dem reformierten Bund für Deutschland anzuschließen» und in und mit ihm zur Verantwortung der nach Gottes Wort reformierten Kirche in Deutschland aufzurufen (Rundschreiben und Protokoll der Moderamenssitzung [im Protokollbuch des Moderamens 1933–1938] im Landeskirchlichen Archiv Detmold).↩
4
Alfred de Quervain bemerkte später über die Bibelstunde: Die Kirche «war voll, voll von Menschen, die fragten nach dem revolutionären Wort von Gottes Hilfe, von Gottes Gnade und Gericht in Jesus Christus» («Unser gemeinsamer Lebensweg», hektographisch vervielfältigt, o. J., Teil II, S. 20 📖). Da de Quervain die «Auslegung des Lobgesanges der Maria» als Thema nannte (a.a.O.), ist zu vermuten, daß Barths Studentenbibelstunde über Lk. 1,39–56 am 18.12. in Bonn eine Wiederholung der Gemarker Veranstaltung war (irrtümliche Annahme der umgekehrten Reihenfolge in: Pr. 1921-1935, S. 508, Anm. 24; Text dort S. 508–521 📖).↩
5
Anna de Quervain, geb. Wolf (1899–1993), gelernte Kindergärtnerin, vor ihrer Eheschließung (1923) zeitweise als Sozialarbeiterin in der Sozialen Arbeitsgemeinschaft von Fr. Siegmund-Schultze in Berlin mit verwahrlosten Kindern beschäftigt.↩
6
Siehe oben S. 787, Anm. 3. Die Vorläufige Kirchenleitung erklärte in ihrer Stellungnahme, der Eid auf Hitler schließe «durch die Berufung auf Gott ein Tun aus, das wider das in der Heiligen Schrift bezeugte Gebot Gottes ist». Die Erklärung wurde z. T. mit Zusätzen verbreitet, die aber weder in der ersten, halboffiziellen Fassung, die am 6.12. dem Theologiestudenten Harms mitgeteilt wurde [s. Anm. 9], noch im Abdruck in den Basler Nachrichten enthalten waren (vgl. z. B. Gauger III, S. 439 📖: «… Wie bei jeder Anrufung Gottes, so ist auch beim Eid unmittelbar eingeschlossen, daß vor Gott nichts versprochen und bekräftigt und zu nichts seine Hilfe erbeten werden kann, was seinem geoffenbarten Willen widerspricht. Diese grundsätzliche christliche Auffassung vom Eid erübrigt Zusätze oder Einschränkungen oder Vorbehalte bei der Ablegung des Eides»; weiteres Beispiel s. Anm. 9; zur Bedeutung der Zusätze für Barths Haltung s. ebd.). — An der Entstehung der reformierten Erklärung vom 14.12. und an ihrer Vermittlung an die Basler Nachrichten war Barth nicht beteiligt gewesen: «Ohne mein Zutun hatten dann Hesse und Immer jene reformierte Erklärung abgefaßt. Sie gaben mir telephonisch davon Nachricht, und ich erklärte auf dem gleichen Wege mein Einverständnis. Wiederum ohne mein Vorwissen, aber mit meiner nachträglichen Billigung wurden dann beide Stücke, das Proklama der Vorl. Kirchenleitung und das der Reformierten samt dem Ihnen bekannten Kommentar von einer dritten Stelle telephonisch nach Basel durchgegeben» (Brief an Breit vom 30.12.1934. Vgl. Prof. Barth und die Eidesfrage, in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 345 vom 17.12.1934 📖; Prolingheuer, S. 87–90 📖 ). Der redaktionelle Rahmentext in den Basler Nachrichten behauptete, die allgemein gehaltene «Verlautbarung der Bekenntnisgemeinschaft» wolle und könne nur im Sinne der reformierten Erklärung verstanden werden. Im Namen der Vorläufigen Kirchenleitung dementierte Marahrens die sachliche Übereinstimmung der Stellungnahmen in einem Brief an Hesse vom 29.12.1934, dessen Abschrift an Reichskultusminister Rust ging. Abdruck bei Prolingheuer, S. 107f. (Abschrift im Karl Barth-Archiv).↩
7
Am 18.12. hatte Barth sich — bezugnehmend auf die Veröffentlichung in den Basler Nachrichten vom 17.12.1934 — Rektor H. Naumann gegenüber für in der Lage erklärt, den Eid in der vorgeschriebenen Form zu leisten. Sein Brief wurde durch hektographierte Abzüge, die Barth nach der Bibelstunde am 18.12 unter seinen Studenten verteilte, und durch Flugblätter der Bekenntniskirche verbreitet und nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung auch in den Basler Nachrichten (unter dem Titel Karl Barth in Bonn abgesetzt!, in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 349 vom 21.12.1934 📖) abgedruckt. Abdruck bei Schmidt 1934, S. 177f. 📖; Prolingheuer, S. 90f.285 (Faksimile eines Flugblattes) 📖; vgl. Scherffig I, S. 165. 📖 ↩
8
Siehe oben S. 502, Anm. 10.↩
9
Die Vorläufige Kirchenleitung hatte sich trotz zahlreicher dringlicher Anfragen (vgl. oben S. 773, Anm. 5) lange geweigert, offiziell zur Eidesfrage Stellung zu nehmen. Den Entwurf für ihre grundsätzliche Stellungnahme hatte Prof. Fr. Horst, inzwischen Mitglied des Bruderrates der Bonner Bekenntnisgemeinschaft, verfaßt (s. unten Zitat aus Barths Brief an Breit; Prolingheuer, S. 67 📖, nennt H. E. Weber als Autor des Entwurfs, jedoch ohne Beleg [s. dort S. 67; aufgenommen in: H. Assel, «Barth ist entlassen …», a.a.O. ‹S. 628, Anm. 1›, S. 466f. 📖]; auch ein Brief Webers an Barth vom 28.11.1934 mit der dringenden Bitte, «nicht auf dem Zusatz zu bestehen, sondern sich mit einer protokollarischen Erklärung zufrieden zu geben» spricht gegen dessen Urheberschaft). Am 30.12.1934 faßte Barth die Entwicklung in einem Brief an Oberkirchenrat Breit, inzwischen lutherisches Mitglied der Vorläufigen Kirchenleitung, zusammen: «Die Formulierung der Erklärung der Vorl. Leitung der D.E.K. stammte bekanntlich in ihrer Substanz von meinem hiesigen Kollegen Horst, der sie mit mir durchgesprochen und dem gegenüber ich sie nach Einfügung zweier für mich entscheidender Ergänzungen (Erwähnung des Namens Hitler, Bezeichnung des ‹Gebotes Gottes› als ‹in der Schrift bezeugt›) als für mich tragbar erklärt hatte. Ich wiederholte diese Erklärung in einem Telephongespräch mit Humburg [dem reformierten Mitglied der Vorläufigen Kirchenleitung], in welchem ich erfuhr, daß man inzwischen in Berlin die beiden wesentlichen Bestandteile der Formel (begrenzende und positive Bedeutung der Erinnerung an Gottes Gebot) umgekehrt hatte, obwohl sie damit eine Gestalt gewonnen hatte, die für mich die Grenze des eben noch Möglichen bedeutete.» Die Vorläufige Kirchenleitung ließ die Stellungnahme jedoch am 6.12.1934 zunächst nur dem Göttinger Theologiestudenten Heinrich Harms zukommen mit dem Zusatz: «Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß unsere Erklärung eine vorläufige, deshalb für die Öffentlichkeit nicht bestimmte ist …» (vgl. Prolingheuer, S. 73f.; Zitat dort S. 74). Weitere Durchschläge dieses Schreibens, vom Präses des Reichsbruderrates und Mitglied der Vorläufigen Kirchenleitung Karl Koch «persönlich abgezeichnet», wurden mit Begleitbrief vom 7.12. «I.A.» (wohl in Kochs Auftrag, Briefkopf der Vorläufigen Kirchenleitung) durch Lic. Kurt Frör verschickt (Prolingheuer, S. 78f.; Zitate dort S. 79). Am 8.12. schickten die Professoren Weber und Horst die Erklärung direkt an Reichskultusminister Rust (Prolingheuer, S. 80f.) Erst mit Datum vom 12.12. wurde sie auch offiziell von Marahrens, dem Leiter der Vorläufigen Kirchenleitung, an Rust gesandt (vgl. Assel, «Barth ist entlassen …», a.a.O., S. 466–468). — Am Abend des 12.12. erfuhr Barth von Humburg telephonisch, «daß das Marahrensregiment sich nun doch zu einer öffentlichen Erklärung in der Eidessache aufschwingen will, nachdem sie ‹ganze Packen› von Eingaben dazu erhalten hätten» (Brief Barths an W. Niesel vom 13.12.1934), war jedoch erst unter der Bedingung dazu bereit, den Eid in unveränderter Form abzulegen, daß «jener Beschluß nicht nur dem Minister mitgeteilt, sondern auch in der heute sinnvollen Weise in die Öffentlichkeit gebracht ist, d. h. wenn er in den Basler Nachrichten für Alle, die sich um diese Dinge interessieren, zu lesen steht und überdies durch die Organe der Bekenntniskirche (Rundbriefe etc.) ordentlich bekannt gemacht ist. Ich kann jene Erklärung nicht abgeben, bevor ich sicher bin, daß die Vielen, die diese Sache angeht, nicht etwa nur von der nackten Tatsache, daß ich nun schwöre, sondern auch von der den Kommentar dazu gebenden kirchlichen Erklärung unterrichtet sind.» Er hege allerdings keine Hoffnung, daß eine solche Erklärung seinem Verfahren noch nützen könne (Brief an Hannah Weber vom 14.12.1934). Dennoch teilte er dem Rektor nach der Veröffentlichung der Erklärungen zur Eidesfrage in den Basler Nachrichten seine Bereitschaft, den unveränderten Eid zu leisten, mit (s. Anm. 7).↩
10
Zur Bibelstunde am 18.12. s. oben Anm. 4; am 19.12. legte Barth Lk. 1,57- 80 (Pr. 1921-1935, S. 521–532 📖) aus.↩
11
Otto Bleibtreu (1904–1959), 1932–1935 (Entlassung wegen Zugehörigkeit zur SPD) Hilfsrichter an den Land- und Amtsgerichten in Bonn und Köln, seit 23.7.1933 für die von Barth angeführte Liste «Für die Freiheit des Evangeliums» Mitglied der größeren Gemeindevertretung der evangelischen Kirchengemeinde in Bonn. — Zur Verhandlung vgl. den Abdruck des schriftlichen Urteils bei Prolingheuer, S. 286–296 📖. ↩
12
Als Vorsitzender fungierte Oberregierungsrat Dr. Walter Scheerbarth, als richterlicher Beisitzer der Landrat Dr. Helmut Groeger, als Beamtenbeisitzer der Kölner Landgerichtsrat Dr. Franz Ernst.↩
13
Landgerichtsrat Hans Kasper.↩
14
Regierungsinspektor Engelke.↩
15
Im Karl Barth-Archiv befindet sich ein Blatt mit einer Skizze der Sitzordnung der Anwesenden und Notizen (Bleistift) von Barths Hand aus der Verhandlung sowie ein Exemplar des Urteils mit zahlreichen Randbemerkungen und Korrekturen (Bleistift) von Bleibtreu, vermutlich eingetragen auf Grund von dessen stenographischem Protokoll des Verhandlungsverlaufs (im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf; vgl. Assel, a.a.O. [Anm. 9], S. 471, Anm. 91 📖; s. auch unten Anm. 18).↩
16
Nach der Urteilsschrift sagte Barth auf die Frage nach seiner Haltung zum NS-Staat u. a. : «… bei anderer Gelegenheit, etwa bei einem Zusammensein im Cafe, könne er die Frage natürlich glatt beantworten; hier bestehe jedoch die Gefahr, daß er sich durch Beantwortung der Frage ‹seine Situation verpfusche›» (Prolingheuer, S. 290 📖). An dieser Stelle vermerkte Bleibtreu am Rand: «Ist meines Wissens nicht gesagt worden! Bl.».↩
17
Neben Barths Verweigerung des Eides und seinen Äußerungen im Hause Jacobi am 31.10.1933 (vgl. oben S. 532, Anm. 15, und S. 626f., Anm. 3) bezog sich die Anklage auch auf den unterlassenen Hitlergruß im Kolleg (vgl. oben S. 537, Anm. 4, S. 563, Anm. 8, und S. 576, Anm. 6). Barth verwies zu diesem Punkt auf seine seit dem SS 1931 zu Beginn jeder Vorlesungsstunde gehaltenen Kurzandachten (vgl. oben S. 141, Anm. 2); vgl. Prolingheuer, S. 290. 📖 ↩
18
Kaspers Ausführungen wurden von Bleibtreu teils aus dem Gedächtnis, teils nach stenographischen Aufzeichnungen rekonstruiert und in hektographierter Form mit dem Vermerk «vertraulich» verbreitet; Original im Karl Barth-Archiv, Abdruck bei Prolingheuer, S. 96 📖; Ablehnung von Barths Argument in der Urteilsschrift dort S. 292. H. Assels Untersuchung über W. Stapels und E. Hirschs Einfluß auf Barths Entlassung ergibt, daß zwischen der Eidestheologie E. Hirschs und «der im Prozeß gegen Karl Barth maßgeblichen staatlichen Eiddefinition» «mindestens indirekt» ein Zusammenhang erkennbar ist. Möglicherweise benutzte Kasper bei der Vorbereitung seiner Anklagerede ein (nicht erhaltenes) Gutachten Hirschs zur Eidesfrage, ausgearbeitet am 13.12., das im Reichs- und Preußischen Kultusministerium zur Vorbereitung auf den Prozeß gegen Barth dienen sollte. Vgl. Assel, a.a.O., S. 469–474; Zitate dort S. 471 📖.↩
19
Im Mai 1931 geschlossener Vertrag zwischen dem preußischen Freistaat und den evangelischen Landeskirchen. In Preußen mußte die Kirchenbehörde bei Berufungen von Theologieprofessoren bereits seit 1855 in einem Gutachten gehört werden. Vgl. Bw.B.1, S. 119f., Anm. 2 📖; Bw.B.2, S. 114, Anm. 2. 📖 ↩
20
Platon, Apologie, 29d-30d (Übersetzung von Fr. Schleiermacher) 📖.↩
21
H. A. Ross war Barth von Guido E. Enderis, dem Chefredakteur der Berliner Redaktion der New York Times, am 18.12.1934 brieflich avisiert worden. Mit dem Vermerk «Wireless to The New York Times / Cologne, Germany. Dec. 20.» erschien am 21.12.1934 ein anonymer Artikel, in dem die Argumente von Anklage, Verteidigung und Urteilsbegründung dargestellt werden: Barth loses Post by Court’s Verdict, in: New York Times vom 21.12.1934, S. 9, Sp. 1. 📖 ↩
22
Auf der Titelseite der Basler Nachrichten vom 21.12. wiesen kleine Hände mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Meldung von Barths Verurteilung in der Titelrubrik «Neuestes» und auf zwei Stellen des Artikels Prof. Karl Barth in Bonn abgesetzt! 📖, nämlich auf die Meldungen von seiner Amtsenthebung und von bereits unternommenen Schritten, Barth für Basel zu gewinnen (in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 349 vom 21.12.1934). Das Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald, das als Kunstdruck spätestens seit 1919 (vgl. Bw.Th. I, S. 332 📖) über Barths Schreibtisch hing, zeigt den Täufer, wie er mit überlangem Zeigefinger auf den Gekreuzigten weist. Diese Geste verstand Barth als Sinnbild der Aufgabe der Kirche und in ihr des Theologen; vgl. K. Barth, Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke (Vortrag, [gehalten an der 24.] Aarauer Studenten-Konferenz, [17.] April 1920), in: ders., Das Wort Gottes und die Theologie (Gesammelte Vorträge [Bd. I]), München 1924, S. 70–98 (s. dort S. 79f.) 📖; KD I/1, S. 115.277; KD I/2, S. 138 📖; Busch, S. 128 📖; R. Marquard, Karl Barth und der Isenheimer Altar (Arbeiten zur Theologie 80), Stuttgart 1995, zur Stelle dort S. 48f. 📖 ↩
23
Von Johannes Gramann (1487–1541), EG 289; RG 59 🎵. ↩
24
EG 35; RG 385 🎵. ↩
25
Bereits seit Beginn des Semesters führten die meisten der Bekennenden Kirche nahestehenden Studenten einen Veranstaltungsboykott gegen diejenigen Professoren und Dozenten durch, die sich nicht offen zu den Dahlemer Beschlüssen bekannten. Als Rektor Naumann am 7.12.1934 vor einer Studentenversammlung die Einsetzung von Professor Johann Wilhelm Schmidt-Japing als Barths Vertreter bekanntgab, verlas ein Kommilitone unter großen Beifallskundgebungen eine von den Studenten Martin Eras, Siegfried Hajek und Heinrich Quistorp verfaßte Erklärung, in der die Fortsetzung von Barths Veranstaltungen durch einen Vertreter grundsätzlich abgelehnt wurde. Kurz darauf wurde Naumann eine notariell beglaubigte Abschrift der Erklärung mit den Unterschriften von 204 Studenten zugeleitet. Vgl. Scherffig I, S. 162–165. 168f. 📖; Hinz-Wessels, S. 179–181 📖; Prolingheuer, S. 74f. 83f. 📖 (Protokoll der Konfrontation mit Naumann); Abdruck der Erklärung auch in: RKZ, Jg. 84 (1934), S. 425. 📖 Zum Veranstaltungsboykott in Bonn und an anderen Fakultäten vgl. C. H. Meisiek, Evangelisches Theologiestudium im Dritten Reich (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, Bd. 481), Frankfurt a. M. u. a. 1993, S. 258–262.271f. 📖 ↩
26
Zur Vorgeschichte s. oben S. 719f., Anm. 17. — Am 25.10.1934 hatten 38 Pastoren und 13 Hilfsprediger und Kandidaten in einer öffentlichen Erklärung ihre Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit der Reichskirche formuliert und den konfessionellen Sonderweg der Landeskirchenleitung, welche ihre Haltung am 15.11. ausführlich rechtfertigte, kritisiert. Auch auf der Hauptversammlung des Reformierten Bundes in Detmold am 29./30.11.1934 hatte die angestrebte endgültige Klärung nicht erreicht werden können (vgl. oben S. 763f., Anm. 2, und S. 794, Anm. 3). Am 12.12.1934 bat Pastor Peter Schumacher Barth brieflich, sich angesichts der drohenden Spaltung der Landeskirche zu einem Gespräch mit Landessuperintendent Hollweg in seinem Pfarrhaus in Uelsen (Grafschaft Bentheim) bereitzufinden (mit Abschrift eines Briefes von P. Schumacher an den Landeskirchenvorstand vom 5.12.1934 im Karl Barth-Archiv). Barth sagte zu, bat jedoch um Hinzuziehung eines Vertreters der in Bildung befindlichen Bentheimer Bekenntnisgruppe (Brief an Schumacher vom 14.12.1934). Diesem Wunsch kam Schumacher nach, lud aber den Bekenntnisvertreter, Pastor Friedrich Middendorff, mit Rücksicht auf Hollweg erst für den 22.12. ein (Brief an Barth vom 17.12.1934). Literatur s. Anm. 27.↩
27
Die Gespräche fanden am 21. und 22.12. im Uelsener Pfarrhaus statt. Die überwiegend von Barth formulierten 5 Punkte «über die gegenwärtige kirchliche Lage, insonderheit die unserer Landeskirche» wurden von Barth, Hollweg, Landeskirchenrat Pastor Carl Otto Voget, Middendorff und Schumacher unterschrieben. Zum Uelsener Treffen und zur Bedeutung der Thesen vgl. R. Steiner, Der Weg der reformierten Kirchen und Gemeinden …, a.a.O. (S. 719f., Anm. 17), S. 228–422, dort 252-265 📖; Fr. Middendorff, Der Kirchenkampf in einer reformierten Kirche …, ebd., S. 16f.36.79-82 📖 (Abdruck der Thesen dort S. 262 bzw. S. 17); S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf …, a.a.O., S. 219–221 📖; H.-G. Ulrichs, «Ihrem reformierten Bekenntnis entsprechend wesentlich notwendig …». Vor 60 Jahren schrieb Karl Barth das Uelsener Protokoll, in: RKZ, Jg. 136 (1995), S. 82–89 📖; Meier I, S. 493–498 📖; Abdruck bei Schmidt 1935, S. 33. 📖 ↩
28
Im Januar 1935 wurde Barth offiziell nach Emden berufen (Brief des Vorsitzenden des Presbyteriums, Riedlin, vom 11.1.1935), lehnte aber mit der Begründung ab, er wolle sich doch zwischen jenen zwei ihm vorliegenden Angeboten entscheiden, die ihm die Fortsetzung seiner akademischen Tätigkeit ermöglichten (Brief an Riedlin vom 17.1.1935).↩
29
Familie Barth hatte in Münster in der Himmelreichallee gewohnt.↩
30
Auf der Titelseite der Basler Nachrichten 📖 vom 21.12.1934 (s. Anm. 22) erschien auch eine Photographie von Barth.↩
31
Erster Satz von Barths Nein! …, a.a.O., S. 4 📖, bzw. in: «Dialektische Theologie», S. 208 📖. ↩
32
Antwort auf die 5. Frage des Heidelberger Katechismus, BSRK 684, 2f. 📖 ↩
33
So z. B. Emil Grobe (Brief vom 22.12.1934), Verwaltungsrat Walter Kolb, der Barth wie schon für die erste Verhandlung seinen — unentgeltlichen — rechtlichen Beistand anbot (Brief vom 22.12.1934), und Günther Dehn (Brief vom 23.12.1934).↩
34
In der Anklageschrift vom 7.12.1934 wurde Barth beschuldigt, «die Pflichten verletzt zu haben, die ihm sein Amt auferlegt, und durch sein Verhalten im Amte sich der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens, die sein Beruf erfordert, unwürdig gezeigt zu haben …» (vgl. Prolingheuer, S. 287 📖); s. oben S. 800.↩
35
Siehe oben S. 777, Anm. 12.↩
36
Friedrich Joseph Frick (1880–1952), 1925–1950 Pfarrer in Bonn, schrieb Barth am 24.12.1934: «Wie sehr ich betrübt und traurig bin über diesen Ausgang und Allem [sic] Drum und Dran: kann ich Ihnen nicht sagen. Hier heißt es für uns: ‹Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun: Denn Du hast es getan›» (Briefkarte). — In seinem Abschiedsbrief an H. A. Hesse vom 30.6.1935 schrieb Barth über Frick: «Der führende Bekenntnispfarrer in Bonn hat es nach meiner Suspension flugs für richtig gehalten, mir seine Kanzel zu verweigern, obwohl ich doch sogar Mitglied des Presbyteriums war» (Prolingheuer, S. 347 📖; Hinz-Wessels, S. 190 📖). Nach Aussage von Werner Koch gab Frick als Grund an, «man könne der Gemeinde nicht zumuten, ‹Gottes Wort› von einem Manne anzunehmen, gegen den zumindest ein Großteil der Gemeinde die schwersten Vorbehalte habe. Gemeint waren natürlich die politischen» (Brief Kochs an H. Prolingheuer vom 4.2.1975; Zitat in: Prolingheuer, S. 109, Anm. 45). Zu Frick und seiner Haltung im Kirchenkampf vgl. Hinz-Wessels, S. 61f.187-192. ↩
37
Pfarrer i. R. Hermann Bartels schrieb Barth am 23.12.1934: «Ihre Absetzung hat mich [mit] tiefster Trauer um Kirche und Vaterland erfüllt. Freilich, Ihre letzte Tat war noch ein Dienst der Wahrheit, wie immer hinaufweisend, und wenn Sie wirklich von uns fahren sollten, muß ich mit zahllosen deutschen evangelischen Christen rufen: Wagen Israels und seine Reuter!»↩
38
Anfang Dezember hatte Reichsinnenminister Frick in einer Rede für die Reichskirchenregierung Partei genommen, die nach zeitweise «etwas zu stürmisch[em]» Vorgehen auf den Boden der Rechtmäßigkeit zurückgekehrt sei (s. oben S. 761, Anm. 12). «Der Staat denkt nicht daran, sich in kirchliche Dinge zu mischen. Aber es besteht der leider sehr begründete Anlaß zu der Feststellung, daß sich unter dem Deckmantel christlicher Belange hier alle möglichen staatsfeindlichen und landesverräterischen Elemente sammeln, um auf angeblich rein kirchlichem Gebiet ihre Politik zu treiben und auf diesem Wege dem dritten Reich Schwierigkeiten zu bereiten. Ich erkläre hierzu, daß die Reichsregierung nicht gewillt ist, dieses Treiben bis ins Endlose mitanzusehen, sondern daß sie entschlossen ist, dort, wo es die politischen Notwendigkeiten erfordern, auch gegen solche Staatsfeinde und Landesverräter durchzugreifen.» Zudem habe sie kein Interesse daran, Kirchen, die «nur Zank und Streit ins Volk tragen, mitzufinanzieren». Abdruck eines Auszugs aus der Rede (mit unterschiedlichen Angaben über Ort [Wiesbaden, Stuttgart] und Datum [5., 7., 8.12.]) in: Gauger III, S. 430.432 (Zitat dort mit Hervorhebungen) 📖; Kretschmar/Nicolaisen II, S. 231f 📖; Michaelis/Schraepler, S. 366 📖; Hermelink, S. 227. 📖 ↩
39
H. Meiser hatte am 23.12.1934 in einem Gespräch mit den Vikaren Walter Stadelmann und Walther Fürst H. A. Hesse vorgeworfen, die vertrauliche Erklärung der Vorläufigen Kirchenleitung zur Eidesfrage durch «gewisse Manipulationen … unverantwortlicherweise an die Öffentlichkeit gebracht» zu haben, auf die sich «nun Barth, lediglich um einen prozessualen Vorteil zu gewinnen», berufen habe. «Wie aber komme Barth überhaupt dazu, nachdem er sich von diesem Kirchenregiment geschieden habe, es nun auf einmal doch als für ihn verbindliche Lehrautorität in Anspruch zu nehmen. Der Grund, warum es bedenklich sein müßte, sich in den Fall Barth verstricken zu lassen, sei doch der, daß von so viel Theologieprofessoren ausgerechnet nur Barth, dessen politische Anschauung im übrigen hinreichend bekannt sei, diesen für jeden evangelischen Christen selbstverständlichen Vorbehalt meinte aussprechen zu müssen. … Das Vorgehen Barths sei darum bedenklich, weil er mit der Aussprache des Vorbehalts den Verdacht äußere, daß bei den verantwortlichen Entscheidungen eines Staatsoberhauptes wie Adolf Hitler ein Konflikt mit Gottes Gebot immerhin möglich und zu erwarten sei.» Hätte Barth «auf eine Unterstützung durch das Kirchenregiment gerechnet und in kirchenpolitischer Verantwortung gehandelt», dann hätte er seine Entscheidung mit dieser abstimmen müssen. Die Vikare zeichneten Meisers Äußerungen unmittelbar nach dem Gespräch auf. Eine Durchschrift sandte H. Traub an Präses Koch. In demselben Sinne äußerte sich Meiser auch in einem Gespräch mit Traub am 27.12. (laut Barths Brief an Breit vom 30.12.1934, dem Barth eine Abschrift der Aufzeichnungen beilegte). Vgl. Prolingheuer, S. 103–105 (Abdruck der Äußerungen dort S. 103f.) 📖; hektographiertes Exemplar im Karl Barth-Archiv.↩
40
A. Marahrens, Fragen an die Kirche. Aufgaben der Kirche im neuen Jahr, in: Hannoversches Sonntagsblatt, Jg. 67 (1934), Nr. 52 📖 (konnte nicht eingesehen werden; Literaturangabe aus: Meiser, Aufzeichnungen I, S. 500 📖); Abschrift (mit einem Durchschlag) «Das neue Jahr und die Kirche, von Landesbischof D. Marahrens. Fragen an die Kirche — Aufgaben der Kirche» (2 S.) im Karl Barth-Archiv. Barth äußerte seine Kritik an der Neujahrsbotschaft auch bei der Sitzung des Reichsbruderrates am 3.1.1935 in Berlin, zu der auch die ausgetretenen Mitglieder Barth, Hesse, Immer und Niemöller sowie Marahrens eingeladen waren (vgl. Prolingheuer, S. 113f. 📖). ↩
41
Die erste «Mordnacht» war der sog. Röhm-Putsch. Am 30.6.1934 hatte Hitler die gesamte SA-Führung (und einige politische Gegner) wegen angeblicher Putschgefahr verhaften und ohne Gerichtsverhandlung ermorden lassen. Die Aktion wurde mit einem Gesetz vom 3.7.1934 nachträglich als «Staatsnotwehr» legalisiert.↩
42
Am 27.11.1934 fand bei dem Fabrikanten Karl Frowein, dem Kirchmeister der Gemeinde Barmen-Gemarke, eine Besprechung statt, bei der — nach Eindruck des Pfarrers Peter Bockemühl — «die gemeinsame Überzeugung die war, daß alles getan werden müsse, um festzustellen, ob die Bekenntniskirche bereit sei, die Frage der Freien Fakultät anzufassen» (Brief an Barth vom 22.1.1935). Wohl auf Grund dieser Beratungen ließ H. A. Hesse Präses Koch am 31.12.1934 für die Sitzung des Reichsbruderrates am 3.1.1935 einen Antrag zugehen, nach dem der Bruderrat, unter Berufung auf den im preußischen Landeskirchenvertrag garantierten staatlichen Schutz für die freie Ausübung des evangelischen Glaubens, Barth bitten sollte, gegen das Urteil vom 20.12. beim preußischen Oberlandesgericht in Berlin Berufung einzulegen. Sollte Barths Dienstentlassung «wegen dieses einzigen Vorbehaltes, der für jeden evangelischen Christen bei einem von ihm geforderten Eide notwendig ist, rechtskräftig werden, so begrüßt der Reichsbruderrat die Gründung einer rheinisch-westfälischen theologischen Fakultät der bekennenden Kirche». Auf Grund staatlicher Vorschriften könnten von den acht Pflicht-Semestern zwei auf einer kirchlichen Hochschule absolviert werden (Durchschlag des Briefes von Hesse an Koch mit Original-Unterschrift im Karl Barth-Archiv; im Wortlaut abweichender Antrag auch bei Prolingheuer, S. 112 📖). ↩
43
Briefe vom 15. und vom 23.12.1934. Sein zweiter Brief, in dem Visser ’t Hooft Genaueres über eine mögliche Anstellung Barths mitteilte, enthielt auch den Vorschlag der Bildung eines Ausschusses aus einigen «Freunde[n] und Mitarbeiter[n] (ich denke etwa an Thurneysen, Pestalozzi, Maury und mirselbst [sic]), der einerseits die finanzielle Verantwortung für Ihre Arbeit unternehmen [sic] würde und andererseits mit Ihnen die Pläne für Ihre [Vortrags-] Reisen besprechen würde. Dieser Ausschuß würde auch Abmachungen treffen mit dem Ökumenischen Seminar und mit den Fakultäten über die finanziellen Verpflichtungen.» Ein definitiver Ruf könne vor der Gründung des Seminars noch nicht ergehen, diese wiederum sei erst möglich, «wenn man die Sicherheit hat, daß wir mit der Mitarbeit von guten Lehrern (und zwar besonders mit Ihrer Mitarbeit) rechnen können. … Dieser Brief ist also eine offizielle Frage an Sie, ob Sie bereit sein würden, einen solchen Ruf zu erwägen.» Barth teilte Visser ’t Hooft am 27.12.1934 mit, er müsse die Entscheidung über das Genfer Angebot zunächst zurückstellen, weil er zuvor mögliche weitere Angebote aus Deutschland und dann einen Ruf an einen solchen Ort in Erwägung ziehen müsse, «von wo aus ich wenigstens die höchste Möglichkeit habe, mit der bedrängten deutschen evangelischen Kirche in nahem Kontakt zu bleiben». Diese Möglichkeit biete sich eher in Basel als in Genf; eine endgültige Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen.↩
44
Brunners Brief vom 21.12.1934 stellte eine inoffizielle Voranfrage dar. «Auf alle Fälle möchte ich dir sagen, daß wir in Zürich uns alle herzlich freuen würden, wenn du kämest. Ich würde mich irgendwohin in die Stille verziehen und an dem ‹großen Buch› schreiben, das du mir als Pensum aufgegeben hast» (Bw.Br., S. 273 📖). Auf Grund einer Nachricht, daß Brunner auf einer Vortragsreise in Kopenhagen «eine neue, die Reformation verbessernde Lehre vom Heiligen Geist angekündigt» habe, hatte Barth Brunner in einem Brief vom 1.10.1934 dringend dazu geraten, diesen Plan nur dann auszuführen, wenn er seiner Sache «diesmal» (d. h. anders als in seiner Schrift «Natur und Gnade 📖») «auch im Ausdruck restlos sicher» sei. «Wenn du etwas Neues und Gediegenes über den Heiligen Geist weißt, dann sag es uns in einem großen Buch, in das dann am besten auch die damit so sehr zusammenhängende Sache mit der theologia naturalis in geklärter Gestalt hineinverarbeitet wird. Gerade dieser Zusammenhang macht mich, wie ich offen gestehe, gegen die Broschüre, die du jetzt offenbar vorhast, im voraus mißtrauisch» (a.a.O., S. 260f.). In seinem Brief vom 12.11.1934 forderte Barth Brunner erneut dazu auf, seine Position eindeutiger und besser fundiert als in «Natur und Gnade» darzulegen (a.a.O., S. 271f.). — Einen Durchschlag seines die Stellvertretung betreffenden Briefes an die Zürcher Fakultät hatte Brunner Thurneysen bereits am 18.12. zugesandt. «Ich hoffe, sie wird ihn gutheißen … Ob Karl Barth einwilligt, ist natürlich ungewiß. Aber vielleicht könntest du da auch noch ein gutes Wort einlegen.» Und nach Mitteilung der Fertigstellung der zweiten Auflage seiner Schrift «Natur und Gnade» fuhr er fort: «Ich würde mich ungeheuer freuen, wenn diese unglückliche Sache durch Karls Stellvertretung abgeschlossen werden könnte. Er hat ja auch einmal Urlaub genommen und weiß, daß das zur Förderung der theologischen Arbeit sehr dienlich ist» (Brief vom 18.12.1934; Nachlaß Thurneysen 📖 [ohne den erwähnten Durchschlag]). In demselben freundschaftlichen Ton, den Brunner angeschlagen hatte, dankte Barth ihm für das Angebot, lehnte aber angesichts der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren im Hinblick auf seine Zukunft ab (Brief an Brunner vom 26.12.1934; Bw.Br., S. 274–276).↩
45
In seinem Brief vom 22.12.1934 bestätigte Hauser als Leiter des Erziehungsdepartements Basel-Stadt das Interesse des Kantons, Barth für Basel zu gewinnen, und regte ein erstes Treffen an.↩
46
1735–1789 standen ununterbrochen vier Schweizerregimenter in neapolitanischen Diensten. Die letzten Schweizer Truppen in Neapel wurden erst 1859/61 aufgelöst.↩
47
Der blutige Kampf an der Hülftenschanze bei Frenkendorf (Kanton Basel-Landschaft) am 3.8.1833 war Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Basel und den Bewohnern der zu ihr gehörigen ländlichen Gebiete, die 1830 mit einem Aufstand der Landschaft wegen des Übergewichts der Vertreter der Stadt im Großen Rat begonnen hatte. Der Niederlage der Baselstädter folgte am 26.8.1833 der Beschluß zur bis heute bestehenden Teilung des Kantons in die Halbkantone Basel-Stadt (mit den Gemeinden Basel, Riehen und Bettingen) und Basel-Landschaft.↩
48
Der 26 Tage währende Sonderbundskrieg von 1847 wurde durch die Weigerung eines 1845 als Schutz gegen radikale Freischaren gegründeten katholischen Sonderbundes (der katholischen Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis), sich selbst aufzulösen, ausgelöst und endete mit dessen Niederlage gegen Truppen der eidgenössischen Tagsatzung.↩
49
Siehe oben S. 149, Anm. 8.↩
50
Die Erarbeitung eines neuen schweizerischen Gesangbuchs, an der auch L. Christ beteiligt war, hatte bereits 1931 angefangen; die endgültige Fassung (GERS 📖) erschien jedoch erst 1952. Siehe oben S. 292, Anm. 7.↩
51
Vgl. oben S. 786f., Anm. 2. — Guiseppe Motta (1871–1940), 1911–1940 Bundesrat, in dieser Eigenschaft seit 1920 Vorsteher des Politischen Departements, hatte Koechlin am 18.12.1934 geantwortet (Abschrift im Karl Barth-Archiv). Er empfahl Barth, der sich bereits im September 1933 persönlich in Bern nach den Möglichkeiten schweizerischer Unterstützung erkundigt habe, das für ihn zuständige Kölner Schweizerische Generalkonsulat um Rat zu fragen, das auch bei einer Verhaftung sofort verständigt werden sollte, um ein offiziöses Eingreifen zu ermöglichen. Maßnahmen könnten aber erst nach einer Verhaftung oder Behinderung seiner Rückkehr in die Schweiz ergriffen werden. Die Berliner Gesandtschaft sei informiert und ermächtigt, gegebenenfalls nötige Schritte zu unternehmen. (Koechlins Dankesschreiben an Motta vom 22.12.1934 befindet sich im Schweizerischen Bundesarchiv, Bern.) Tatsächlich übergab daraufhin der schweizerische Gesandte in Berlin, P. Dinichert, dem Staatssekretär im Reichsaußenministerium, Bernhard Wilhelm von Bülow, am 22.12.1934 eine auf den Vortag datierte «Notiz», in der unter Hinweis auf Barths schweizerische Staatsangehörigkeit «der Erwartung Ausdruck gegeben [wird], daß von Zwangsmaßnahmen gegen seine Person abgesehen und ihm nötigenfalls der erforderliche Schutz gegen tätliche Angriffe seitens unverantwortlicher Elemente zuteil werde» (vgl. Prolingheuer, S. 98–100; Zitat dort S. 99). 📖↩
52
L. Christ hatte Barth am 27.11.1934 eine Postkarte und am 29.11. und 22.12. Briefe geschrieben.↩
53
Die Basler Premiere des Filmes (vgl. oben S. 721, Anm. 18) fand am 26.12.1934 im «Alhambra» statt. Laut Voranzeige zeigte Gustaf Gründgens’ Darstellung den Fürsten Metternich «schillernder, federnder als man je diese Figur gesehen hat, grandios, unerhört beherrscht und diszipliniert, eine glänzende Figur — aus Eis!» (Anzeige in: NZ, Jg. 92 [1934], Nr. 596 vom 24./25.12.1934, S. 6 📖).↩
54
Anspielung auf die bekannte Äußerung des Generalfeldmarschalls Graf Alfred von Schlieffen (1833–1913): «Macht mir den rechten Flügel stark!» Sie bezieht sich auf seine Strategie für einen Feldzug des deutschen gegen das französische Heer. Vgl. G. Büchmann, Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz, bearbeitet von W. Hofmann, Frankfurt a. M. / Berlin 199037, S. 392. 📖↩
55
Eine Meldung umgehender Gerüchte über den möglicherweise bevorstehenden Rücktritt des Reichsbischofs, als dessen Nachfolger Marahrens im Gespräch sei, war in der Nationalzeitung vom 21.12. mit folgenden Sätzen eingeleitet worden: «Nicht nur der Kirchenkampf, die ganze deutsche Politik erscheint wie im Kaleidoskop gesehen: die Zustände und Verfügungen ändern sich täglich. Was gestern bestimmt galt, gilt heute längst nicht mehr, und was heute gilt und als unumstößliche Tatsache hingestellt wird, ist morgen schon überholt und vergessen» (Reichsbischof Müller doch vor dem Fall?, in: NZ, Jg. 92 [1934], Nr. 591 vom 21.12.1934, S. 1 📖).↩
56
Scherzhafte Bezeichnung der Arbeitsräume Barths und Ch. von Kirschbaums.↩
57
Vgl. J. W. von Goethes Gedicht «Das Göttliche», 6. Strophe 📖:
Nach ewigen, ehrnen
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
↩