17. Januar 1935

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

ich denke, Karl habe dir schon mitgeteilt1, daß eine kleine Expedition in die Wege geleitet werden soll, bestehend aus Ruedi und mir, um den wackeren Reformierten in Elberfeld zu sagen, daß auch wir hier ernste innere Gründe haben, Karl zu uns zu rufen, und andererseits, um uns zu Handen Basels sagen zu lassen, wie dringend der Ruf sei, der |814 von Elberfeld an Karl ergeht. Ich habe nun bereits mit Dr. Hesse vereinbart, daß wir am kommenden Samstag, 19. Januar, abends nach Elberfeld kommen. Am Sonntag würden wir wieder am frühen Nachmittag zurückfahren, um am Abend wieder in Basel zu sein. Nun haben wir, Karl, Ruedi und ich, ausgemacht, dich zu bitten, uns doch zu dieser Besprechung zu begleiten. Also, Lollo, tu’s doch, es wird für uns sehr wesentlich sein, auch dich in dieser ganzen Sache zu hören, wie es vielleicht auch dir dienen kann, die Unterredung in Elberfeld mitzumachen. Wir fahren hier in Basel am Samstag morgen ab: 9.10 und sind in Köln: 17.10. Der Zug hält leider nicht in Bonn. Du mußt also in Köln zu uns stoßen. Wir würden dich einfach am Bahnhof am Zuge selbst erwarten. Ich weiß nicht genau, wann es in Köln weitergeht nach Wupperthal-Elberfeld, ich weiß nur, daß wir 18.17 in Wupperthal-Elberfeld sein werden. Langen Aufenhalt haben wir also auf alle Fälle nicht in Köln. Du würdest wohl an der Sperre auf uns warten, und wir würden gleich zum weiteren Zuge gehen.

Liebe Lollo, ich hoffe sehr, du könntest unseren Wunsch erfüllen. Es wäre eine gute Sache, sich so schnell zu sehen und zu begegnen. Hesse hat mir geschrieben, er lade auf Samstag abend in sein Unterrichtszimmer einen ganzen Kreis von Ältesten und Theologen ein, um diese Aussprache fruchtbar zu machen. Da wäre auch ganz abgesehen von der Freude, dich zu sehen, deine Mitwirkung sicher sehr erwünscht. Wir hatten eine solche Aussprache, wie Karl geschrieben haben wird, am letzten Samstag bei mir im Studierzimmer.2 Und ich glaube, sie war auch für Karl selbst wertvoll. Schade, daß der Zug in Bonn nicht hält, |815 und schade, daß wir so rasch wieder zurückfahren müssen. Aber ich kann der Unterrichtsstunden wegen nicht mehr Zeit geben, und auch Ruedi steckt irgendwie in Geschäftsabschlußarbeiten drin und ist froh, wenn er rasch wieder umkehren kann. So müssen wir uns eben mit dieser Blitzfahrt begnügen. So können wir auch Nelly nicht begrüßen. Erklär es ihr doch! Sie wird uns sicher begreifen.

In Eile, aber fest darauf zählend, daß du kommen wirst, dein

Eduard

Sachfußnoten

1
Mitteilung auf einer Postkarte aus Basel vom 13.1.1935. Barth befand sich seit dem 11.1. auf einer Schweizerreise, die ihn von Basel über Wabern am 16.1. nach Grindelwald (Kanton Bern), von dort wieder nach Wabern, Basel und am 1.2. zurück nach Bonn führte. — Den Hauptgrund der Deutschlandreise Thurneysens und Pestalozzis bildete ein Beschluß des Kuratoriums der 1928 gegründeten Theologischen Schule Elberfeld vom 4.1.1935, Barth für den Fall, daß er auch in zweiter Instanz verurteilt würde, «als Leiter der Theologischen Schule Elberfeld zu berufen» (zitiert nach Prolingheuer, S. 115 📖). Zur 1928 eröffneten Theologischen Schule vgl. S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf …, a.a.O. (S. 438, Anm. 6), S. 18, Anm. 47 📖; H. Vorländer, Aufbruch und Krise. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Reformierten vor dem Kirchenkampf (Beiträge zur Geschichte und Lehre der Reformierten Kirche 37), Neukirchen-Vluyn 1974, S. 16f. 📖; zur weiteren Entwicklung unten S. 851f., Anm. 3. Zu dem Besuch siehe unten S. 815–822.↩
2
Am 12.1.1935 traf sich, wie Koechlin am 17.1.1935 an Bischof Bell schrieb, eine «repräsentative Gruppe von Pfarrern und Laien aus Basel … mit Karl Barth, um ihm zu sagen, wie einmütig der Wunsch sei, ihn hier zu haben, aber daß man sich nicht in der Lage fühle, ihn unter Druck zu setzen, den Ruf anzunehmen, wenn sein Gewissen ihm befehle, fest in Deutschland auf seinem gefährlichen und unsicheren Posten zu bleiben». In dem Gespräch legte Barth offenbar seine Überlegungen zu einer möglichen Berufung durch die Bekenntniskirche, durch die Basler Universität und durch das Genfer Ökumenische Seminar sowie seine Einschätzung der deutschen kirchlichen Lage dar (vgl. Bell/Koechlin, S. 197–200 📖; Zitat dort S. 198; Teilabdruck des Briefes bei Prolingheuer, S. 122 📖). Anwesend waren außer Thurneysen u. a. L. Christ, G. Benz, K. Hartenstein und W. Lüthi (nach Christs Brief an Barth vom 13.1.1935); vgl. unten S. 824, Anm. 25. Zu den möglichen Anstellungen Barths in Genf und Basel vgl. oben S. 781, Anm. 2 und 3, und S. 808–810, Anm. 42, 43 und 45.↩