1. März 1935

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

eben kam dein Brief an Fränzeli. Und nun habe ich einfach von mir aus doch an Nelly geschrieben1, wie es auch Fränzeli selbst in dringli|843cher Weise getan hat. Ich kann mir einfach nicht denken, daß Nelly bei ihrer Einstellung bleibt. Es wäre verheerend. Denn für uns alle läge dann ein ganz schwerer Schatten über dem Tage Fränzelis. Von Karl ganz zu schweigen. Es ist unausdenklich, wie sich Nelly hier so hat vergreifen können. Und nun möchte ich doch schnell zu dir kommen und dir sagen: Lollo, wenn es eine auch nur geringe, irgendwie für dich tragbare Möglichkeit gibt, deinen Entschluß zurückzunehmen und doch zu kommen, so tu es! Gelt, beharre nun ja nicht deinerseits auf dem Beschlusse, der dir ja leichter fallen muß nach allem Vorausgegangenen als das Kommen. Aber tu es uns allen zulieb, vor allem Karl selbst und auch Nelly, und komm, wenn es irgend geht. Nelly wird — ich kann es mir nicht anders denken — zurückziehen. Ihr inneres Gebäude wird zusammenfallen, sie wird einsehen, daß, was sie da in einsamen Stunden für sich selber überlegt hat, sie ganz falsch führt, etwas Intellektuelles ist, das fern ist von allem realen Leben. Und dann, Lollo, mach es nicht schwer, den Weg zu finden zu einem gemeinsamen Kommen! Ich sehe einen ganz unmöglichen Hochzeitstag voraus, wenn du fernbleibst. Fränzeli ist alles verdorben dadurch! Sie hat sehr erschüttert an Nelly geschrieben. Und sie wird vorläufig an Zellwegers nichts weitergeben. Möglicherweise gibt es nun für Nelly einen Zusammenbruch, daß ihr sie auflesen müßt. Aber tu alles, alles, um die Lage zu retten. Doch ich muß dir das gewiß gar nicht erst sagen, du tust schon von dir aus, was geschehen muß auf euerm gemeinsamen Schiff.2 Wir gedenken euer herzlich! Hab allen Dank für den gestrigen Brief.3 Ich war froh darum, eure Nachricht zuerst zu bekommen.

Herzlich!
Eduard

Sachfußnoten

1
Nicht erhalten.↩
2
Aus Ch. von Kirschbaums Taschenkalender geht hervor, daß sie an der Hochzeit teilnahm.↩
3
Nicht erhalten.↩