21. April 1935

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Den Anlaß, daß Stöffeli dir einen ausführlichen Brief von Karl1 entgegenträgt, will ich doch nicht vorübergehen lassen, ohne euch auch |858 meinerseits zu grüßen, dies umso mehr, als ich nun unter dem Schatten der Beunruhigung stehe, daß du mit mir nicht zufrieden bist!! Was habe ich versiebt mit meinem Brief an Lindts? War dir das Grundsätzliche darin nicht recht oder seine Haltung? Ich habe ihn nicht mehr ganz genau in Erinnerung, aber immerhin noch das, daß mich beim Schreiben der Einspruch aus Bern und noch mehr aus Basel (Heiner B.) wurmte, so daß es gut möglich ist, daß Einiges darin versteifter ist, als ich es wohl bei ruhigem Überlegen halten möchte. Aber es könnte wohl auch sein, daß einige Entschiedenheiten doch in mir entschiedener sind, als du vermutest. Und darüber möchte ich wohl gern mit dir reden. — Es ist sehr ungewiß, wann wir aufs Bergli fahren. Ob du mir nicht doch lieber schreibst? Aber du hast gewiß viel zu tun, und es geht hier gewiß nicht um etwas, was nicht auch noch später besprochen sein kann.

Daß euch Karls Zuwarten beunruhigt, verstehe ich gut. Es ist aber nicht so, daß die Gegenseite nicht mit ihm beschäftigt wäre. Unser Anwalt ist sogar überrascht, mit welch konkreter Weise.2 Daß es wohl trotzdem bei dem negativen Ausgang bleiben wird, dürfte nach der Gesamtlage so gut wie sicher sein. — Stoevesandt ist übrigens freigelassen.3 Am Mittwoch erwarten wir Lili S. auf der Durchreise, die euch dann in Basel wohl auch Details dieses auch sie sehr bewegenden Zwischenfalles |859 berichten wird.4 — Ihr müßt euch unsere persönliche Existenz hier aber nicht zu bedrängend und auch nicht zu unnütz denken. Ein schönes Buch über das Apostolikum mit beigefügter Diskussion5 wird euch demnächst zeigen, daß der Meister am Werk ist!! — Auch Erwin Reisner hat seine Antwort bekommen6, nach Wolfs Urteil so «mild» wie das «Nein 📖» scharf!!

Lieber Eduard, liebe Marguerite, habt schöne Tage in Glion, laßt mir die Sonne eurer Gunst auch durch Wolken strahlen und seid sehr herzlich gegrüßt

von eurer
Lollo

Sachfußnoten

1
Ch. von Kirschbaums Erwähnung von Barths Brief von demselben Datum (der im folgenden abgedruckt wird) läßt zunächst vermuten, daß dieser vor ihrem geschrieben wurde. Doch entstand ihr Brief wahrscheinlich als erster, denn Barth verweist auf eine Stelle aus Ch. von Kirschbaums Brief (s. unten S. 867), muß diesen Brief also gekannt haben, als er an Thurneysen schrieb. Dagegen setzt Ch. von Kirschbaums Bemerkung nicht zwingend voraus, daß Barth seinen Brief an Thurneysen bereits abgefaßt hatte, sondern nur, daß sie von einer entsprechenden Absicht Barths wußte.↩
2
Barths Anwalt war am 17.4.1935 die Berufungserwiderung des Staatsanwaltes Kasper vom 11.3.1935 zugegangen, die Bleibtreus — bis zum 14.3.1935 noch ohne schriftliche Begründung — vorliegenden Berufungsantrag als unbegründet zu verwerfen empfahl. Seine Erwiderung auf Kaspers Einspruch schickte Bleibtreu am 8.6.1935 an das Berliner Oberverwaltungsgericht. Vgl. Prolingheuer, S. 123.189.304-306.329-331 📖. ↩
3
K. Stoevesandt, 1934–1945 Vorsitzendet des Bruderrates in Bremen und seit Frühjahr 1935 Mitglied des Reichsbruderrates, war vom 6. bis 16.4.1935 verhaftet, weil er die Botschaft der altpreußischen Synode gegen das Neuheidentum vom 5.3. — nach deren staatlicher Freigabe — in einem Rundbrief an die Mitglieder der Bekennenden Kirche veröffentlicht hatte. Vgl. K. Stoevesandt, Bekennende Gemeinden und deutschgläubige Bischofsdiktatur (AGK 10), Göttingen 1961, S. 65f. 📖; A. Meyer-Zollitsch, Nationalsozialismus und Evangelische Kirche in Bremen (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen 51), Bremen 1985, S. 158f. (dort Angabe der Inhaftierungszeit Stoevesandts: 13.–25.4.1935) 📖. ↩
4
Nach vierwöchigen Ferien bei einer Freundin in Bremen im Anschluß an ihren Aufenthalt in Paris reiste L. Simon über Bonn (24./25.4.1935) zurück nach Basel.↩
5
Siehe oben S. 844, Anm. 1.↩
6
K. Barth, Antwort an Erwin Reisner, in: EvTh, Jg. 2 (1935), S. 51–66 📖, bezieht sich auf: E. Reisner, Zwei Fragen an Karl Barth zum Problem der natürlichen Theologie, in: EvTh, Jg. 1 (1934/35), S. 396–402 📖. — Erwin Reisner (1890–1966), ehemaliger österreichischer Offizier, Privatgelehrter ohne Abitur, auf Grund einer Sondergenehmigung 1931 in Marburg zum Dr. phil. promoviert, lebte von einer kleinen Pension im rumänischen Hermannstadt, im zweiten Halbjahr 1935 Sekretär beim Internationalen Missionsrat in Wien, später Examen und Hilfsgeistlicher in Postdam bei der Bekennenden Kirche, 1945 Dozent, 1949–1960 Professor für Philosophie an der Kirchlichen Hochschule Berlin (vgl. J. Günther, Gedenken für Erwin Reisner, in: Theologia Viatorium X. Jahrbuch der Kirchlichen Hochschule Berlin 1965/66, Berlin 1966, S. 1–10 📖).↩