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21. April 1935
Euer Matthis ist gestern wohlbehalten hier angelangt, und nun hört man seine männlich tiefe und doch noch so unbesorgte Stimme da und dort im Hause erschallen als willkommenen Zeugen seiner Gegenwart, in der ja nun etwas von euch und vom Münsterplatz leibhaftig in unserer Mitte ist. Er ist sichtlich interessiert für Alles, weiß auch über kirchliche Dinge schon diese und jene Auskunft zu geben, wie es dem Sohne eines Antistes1 wohl ansteht, und hat als Jünglingsgestalt meinen ganzen Beifall.
860 Dein Handschreiben hat er mir prompt übermittelt, und weil morgen der Christoph nach Bern zurückkehrt2, soll er gleich die nötigste Antwort mitnehmen.
Eine grundsätzliche Verschiebung in meinen Absichten hinsichtlich der Zukunft hat sich seit meinem letzten Besuch in Basel nicht ereignet. Ich habe damals Thalmann und Hauser gesagt, ich würde ihnen, sobald die Prozeßentwicklung so weit gediehen sei, die nötigen Nachrichten zukommen lassen und auf einen dann zu erlassenden Ruf hin — natürlich unter dem selbstverständlichen Vorbehalt irgendwelcher schlechterdings nicht vorauszusehender Zwischenfälle — annehmen. Dabei bin ich auch grundsätzlich geblieben. Das relativ Neue, was seither dazugekommen ist, besteht eigentlich nur in der unerwarteten Tatsache, daß das Berliner Oberverwaltungsgericht nicht so rasch vorwärts macht, wie es nach allen Anzeichen vorauszusehen war. Über diese Seite der Sache habe ich natürlich keine Macht. Während sie läuft, den Basler Ruf bereits annehmen und womöglich schon umziehen, würde bedeuten, daß ich sie mitten in diesem ihrem Lauf wieder aufgebe. Denn daß ich als Beamter diesen Prozeß führe und meine Eigenschaft als Beamter bereits freiwillig aufgegeben habe und anderswo Beamter geworden bin, das ist eben logisch und technisch unmöglich. Ich würde damit eo ipso von der Möglichkeit, den Prozeß zu führen, zurücktreten. Ob nun dieser Prozeß überhaupt geführt werden muß, darüber kann man gewiß in guten Treuen verschiedener Meinung sein. In der Verteidigungsschrift von Bleibtreu die Gründe, die dafür sprechen, zu finden, durftest du natürlich nicht erwarten. Dich von irgend etwas zu überzeugen, konnte ihre Absicht gewiß nicht sein, sondern hinter ihr steht unausgesprochen die Hypothese, daß es sinnvoll sei, das Experiment des Prozesses noch zu machen, bevor man sich mit der Tatsache der Absetzung zufrieden gibt, und interessant kann sie nur unter der Voraussetzung sein, daß man diese Hypothese in ihrer ganzen Fragwürdigkeit als solche wichtig findet. (Ich sehe jetzt erst, daß ich wahrscheinlich einen Fehler gemacht habe damit, dir und Rudi und meiner Mutter diese Verteidigungsschrift überhaupt zu schicken, weil ihr die Dialektik dieser Angelegenheit von Weitem gar nicht durchschauen konntet und euch darum bei der Lektüre vermutlich nur verwundert und gelangweilt habt, was die juristisch |861 nach allseitigem Urteil sehr gediegene Arbeit nun wirklich nicht verdient.) Ich war ja nun anfangs auch sehr unfreudig zu diesem zweiten Prozeß. Aber es ist mir unisono von allen Seiten zugerufen worden: 1. ich dürfe nicht durch Unterlassung der Revision meinerseits zugeben, daß meine Absetzung «rechtens» gewesen sei, 2. ich dürfe keinen Schritt unterlassen, um meiner Entfernung aus Deutschland entgegenzuwirken, 3. ich dürfe dem Staat die Gelegenheit, ein Fehlurteil vielleicht wieder gut zu machen, nicht mechanisch wegnehmen. Diesen Erwägungen habe ich mich im Februar — ich denke, wissend um Alles, was sich dagegen sagen läßt — angeschlossen. Auf sie ist die Verteidigungsschrift aufgebaut. Mag praktisch Alles so aussichtslos wie möglich sein — wir täuschen uns hier darüber nun wirklich nicht!! —, so wäre es mir doch, Alles wohl überlegt, irgendwie brutal vorgekommen, jene Erwägungen mit der mich ursprünglich beherrschenden Empfindung: Ich mag nicht mehr! Ich gehe! unter den Tisch zu wischen. War ihnen aber einmal ein relatives Recht zugestanden, dann mußte und muß die Sache nun eben ordentlich durchgefochten sein. Daß es jetzt nicht rascher vorwärts geht, ist darum erstaunlich, weil wir aus bester Quelle wußten, daß die Regierung selbst auf möglichste Beschleunigung dieses Verfahrens dränge.3 Es scheint aber, daß die Verteidigungsschrift doch etwas mehr Eindruck gemacht hat, als wir annehmen konnten. Und wenn auch 99,99% Wahrscheinlichkeit dafür sprechen, daß der Erfolg schließlich doch so oder so negativ sein wird, so hat es doch sicher seinen Wert auch für später, jetzt Alles getan und auch das Gericht bzw. die Regierung noch einmal allen Ernstes mit dem ganzen Problem beschäftigt zu haben. Darum würde ich es doch für etwas leichtfertig halten, jetzt ohne ersichtlichen Grund die Geduld zu verlieren. Umso mehr, als ich ja auch die Basler Archonten darauf aufmerksam gemacht habe, daß es noch so oder so lange dauern könne.
Der gegenwärtige Aufenthalt auf dieser Station bringt es nun natürlich mit sich, daß ich auch immer wieder in die auf- und absteigenden Wellen der Überlegungen und Gespräche über die zu gründende freie theologische Hochschule hineingezogen werde. Die Notwendigkeit ei|862ner solchen Sache drängt sich einem ja sehr auf, wenn man z. B. die hiesigen Zustände nach der Zerstörung der bisherigen Fakultät und der Einführung der Jirku, Gogarten, Kohlmeyer4 und wie das Alles heißt, ansieht. Es war schon in Ordnung, daß an der reformierten Synode beschlossen wurde, mit den Lutheranern zusammen an die nötigen Vorbereitungen zu gehen. Aber es zeigt sich jetzt schon, daß die Ausführung schwieriger ist, als man es sich zuerst gedacht hatte. Vor dem Herbst will jetzt sogar Immer ein solches Institut nicht auftun.5 Und nach meiner Beteiligung rufen jetzt eigentlich nur noch Einzelne — wie merkwürdiger Weise jetzt auf einmal mein hiesiger Kollege Weber und noch mehr seine Frau6!
Es sieht also tatsächlich nüchtern betrachtet durchaus so aus, daß der Prozeß wirklich die letzte Möglichkeit ist, formal noch einmal zu versuchen, meine Existenz im Raume der deut|863schen evangelischen Kirche zu behaupten, und daß nachher etwas Anderes praktisch gar nicht in Betracht kommen wird als eben Basel. (Ich bekam zwar dieser Tage eine offenbar ernst gemeinte Anfrage von St. Andrews in Schottland.7 Ach Eduard, wenn ich an die Plagen denke, die im Zusammenhang mit der größeren Nähe der verschiedenen Familien in Basel über uns hereinbrechen können, könnte mein alter Mensch wohl Lust bekommen, einen Englischkurs nach dem anderen zu nehmen und dann an jenem nördlichen Meeresstrand zu verschwinden. Aber das kommt in der Tat nicht ernstlich in Betracht.) Wiederum mußt du oder müßt ihr verstehen, daß die Stimmungen, Eindrücke und Unterhaltungen über das Kommende hier bei uns immer wieder auf und ab, hin und her gehen, daß ich mich nicht eben in der Verfassung eines Mannes befinde, der nun eben seine Rechnung mit diesem merkwürdigen Volk und Land fürs Erste abgeschlossen hat und getrost den Staub von seinen Füßen schütteln [vgl. Mt. 10,4 par.] kann, um anderswo seine Hütte neu aufzubauen. Ist es einmal so weit, dann wird es eben geschehen. Solange ich noch hier bin, ohne den entscheidenden Pfiff zum Abmarsch empfangen zu haben, muß ich wohl Alles immer wieder ansehen und überdenken, was hier so gänzlich problematisch hinter mir zurückbleiben soll, nachdem es mich bis jetzt so ernstlich in Anspruch genommen hatte. Da es weithin auch einfach in persönlichen Gestalten und Schicksalen besteht, kann ich es dir im Einzelnen schwer klar machen in dem Gewicht, das es nun einmal für mich hat und haben muß, und inwiefern es mir den Entschluß, es sich selbst zu überlas|864sen und meiner Wege zu gehen, so schwer macht. Du würdest es aber, wenn du hier das Einzelne sehen und mitempfinden könntest, sicher auch als ungehörig [emp]finden, wenn ich jetzt einfach darum, weil es mir zu dumm wird, etwas brüskieren und also z. B. den Prozeß schwimmen lassen würde. Ein wenig jedermann und ich selber nicht zuletzt müßte das als eine allzu billige Lösung empfinden. Glaubst du nicht auch, daß auch hinsichtlich Basels Alles gerade dann aufs Beste herauskommen und sich fügen wird, wenn ich mich jetzt nicht verlocken lasse zu hüpfen, sondern nach wie vor, so gut es geht, schreite? Sei nur ganz sicher: sobald es so weit ist — und es weisen wirklich alle Zeichen darauf hin, daß es soweit kommen wird —, so werde ich mich mit aller Liebe und Aufmerksamkeit nun eben der Basler Aufgabe zuwenden. Und wenn auf die jetzt dort so gut stehenden Sterne einiger Verlaß ist, so werden sie auch dann wieder gut stehen, wenn ich jetzt nichts Eigenmächtiges bzw. Ungeduldiges tue, sondern die Dinge eins nach dem anderen an mich herankommen lasse. Es wird aber für alle Teile mehr Segen auf meiner künftigen Basler Existenz ruhen, wenn es manifest ist, daß ich hier die Schanze wirklich erst nach Verfeuern der letzten Patrone geräumt habe. Die großen Feueraugen Hartensteins werden mir dann nichts vorzuwerfen haben, sondern umgekehrt werde ich dann legitimiert sein, ihm hinsichtlich der Basler Kirche einiges Weitere zu sagen, wenn er das Letzte noch nicht beherzigt haben sollte.8
Und so fasset denn auch ihr, lieber Eduard und liebe, offenbar noch lebhafter bewegte Marguerite, eure Herzen in Geduld [vgl. Lk. 21,19]! Bedenkt immer wieder, daß wir hier auf einem sehr unübersichtlichen und wie eine Urweltlandschaft immer wieder sich verändernden Gelände leben, wo man kaum Pläne, sondern immer wieder nur Entschlüsse fassen kann. Aber «wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf’ mit Macht herein».9 Das wird auch in dieser Sache so oder so in Erfüllung gehen.
Die um sich greifende Verfolgung hat zur Wirkung gehabt, daß die Marahrensgruppe scheinbar jetzt auch etwas mehr Mumm in die Knochen bekommen hat und sogar dem grimmigen Niemöller so befriedigende Erklärungen abgegeben haben soll, daß eine neue Konsolidie|865rung des Bruderrates nicht außer Bereich des Möglichen steht.10
Stoevesandt ist nach 14 Tagen Haft wieder frei, dafür haben sie nun dort den Pfarrer Greiffenhagen eingesperrt11. Der Reibi hat auch dies Jahr eine große, ungemein wässerig daherplätschernde Passions- und Osterbotschaft ausgehen lassen.12 Im Übrigen hat er sich nun die ganzen Monate tot gestellt, um erst bei der Hochzeit von Göring wieder in Erscheinung zu treten.13 Der Stand der Verteidigungsschlacht seitens der Bekenntniskirche ist lokal sehr verschieden, am besten offenbar dort, wo am heftigsten angegriffen wird. Unsere hiesigen Pfarrer schlagen sich ziemlich schlecht. Hier im Rheinland ist die kirchenpolitische Lage technisch ganz besonders kompliziert. In Düsseldorf wird zwischen den 2-3-4 Gewalten, die da existieren, nahezu Räuberlis gespielt mit geschnappten Schlüsseln und dergl.14 Am nächsten Sonntag findet in Bar|866men-Elberfeld ein «Gemeindetag unter dem Wort» statt, zu dem aufs neue die Autobusse aus dem ganzen Rheinland anrollen sollen. In 15 Kirchen gleichzeitig Predigt über Off. 1.9–18, nachher überall ein Vortrag über das Thema «Bekennende Kirche im Sturm»(!).15 Gewisse Unverwüstlichkeiten sind, wie du siehst, auch jetzt noch nicht ausgestorben und sind wohl auch als Gewand der Niedrigkeit nicht zu entbehren. Am Donnerstag haben wir in Elberfeld Moderamenssitzung: bei den Reformierten ist nämlich immer wieder Hausstreit.16
Es steht zu |867 befürchten, daß ich in derselben Sache noch einmal in die Grafschaft Bentheim, wenn nicht gar nach Ostfriesland fahren muß.17 In der Himmelfahrtswoche bin ich für die Leitung eines Bibelkurses am Diakonissenhaus Detmold vorgesehen.18 So Gott will und wir leben [vgl. Jak. 4,15]; denn durch das alles kann ja die mir so aufmerksam zugewandte Gestapo diesen oder jenen und alle möglichen Striche ziehen.
Das von Lollo erwähnte Buch über das Apostolikum (Utrechter Vorlesungen) wird wahrscheinlich die Liberalen aufs neue meinethalben aufheulen lassen, weil ich da nur in ziemlicher Kürze und darum wohl etwas aufreizend bestätigen konnte, daß sich alles so verhalte, wie es im Apostolikum geschrieben steht. Vermutlich wird auch Emil darin einen neuen Beweis meiner völligen orthodoxen Erstarrung sehen. A propos: ist dieses neue Buch von Emil, das du in den B. N. angezeigt hast, wirklich so gut?19 Die Rezension hat in den Kreisen des hiesigen Laboratoriums20 einiges Aufsehen und Verwundern erregt.
868 Ich habe übrigens im Augenblick nicht weniger als drei Gegenschriften von Erlanger Kollegen hier liegen: von Sasse wegen der Union21 und von Althaus und Elert wegen der natürlichen Theologie22. In jener Ecke bin ich wirklich eine wenig beliebte Gestalt und wird man über meinen Abgang heilfroh sein. Es erscheint nun aber in der nächsten Nr. der «Ev. Theol.» doch noch ein Vortrag von mir über die Union23,
leider nicht ganz 18-karätig (auch und gerade nach Lollos Urteil!!), weil bloß die Nachschrift einer frei gehaltenen Rede. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, daß ich noch einmal ausgerechnet wegen der preußischen Union so beschimpft werden solle, wie es mir nun durch Sasse widerfahren ist24. Die Lutheraner beklagen sich dauernd aufs bit|869terste über Tyrannei, ja «Terror» seitens der «Calvinisten», wobei dann immer ich gemeint bin und mich getroffen fühlen sollte. Eine ganz undurchsichtige Politik macht nach wie vor unser alter Freund Georg, dessen Stimme man gelegentlich aus den Wolken der Bodelschwingh-Mystik, der er ganz verfallen ist, behaupten hört, daß für ihn weder Apollos noch Kephas noch Paulus, sondern allein Christus maßgebend sei [vgl. 1.Kor. 1,12]. Was dann aber bei ihm wie bei so vielen praktisch auf eine saftige Bejahung Hitlers und des Landeskirchentums hinausläuft. Hast du gelesen, daß unser anderer alter Freund Wolf Meyer nun Rektor der Universität Jena geworden ist?25 Hört da nicht Alles und jedes auf?
Möchtest du gute Tage haben in Glion! Du hesch’s sicher wieder emol verdient, Edi!26 Ob und wann wir im Mai in die Schweiz kommen, steht noch dahin. Lollo ist in elfter Stunde zur Bonner Gemeindeverordneten aufgerückt, und diese Behörde hat am 6. Mai eine wichtige Sitzung, an der wir beide — ich als Presbyter und Fraktionshaupt! — nicht fehlen dürfen.27 Ich kann mir vorstellen, wie komisch euch das |870 vorkommt. Was soll uns das Budget der evangelischen Gemeinde Bonn 1935/36, nicht wahr? Aber eben: wir sind jetzt noch da und also …!
Seid beide herzlich gegrüßt
Was euren Sohn Matthis betrifft, so habe ich Anlaß, euch zu gratulieren zu seiner sicher schon recht erfreulich entwickelten Boxkunst. Er hätte mich heute durch einen Schlag auf die Oberlippe beinahe knock out gemacht. Ich habe noch jetzt an den Folgen zu saugen, und daß ich nicht «auf die Bretter» gehen mußte, war Alles!