21. April 1935

Karl Barth an Eduard Thurneysen

859
Lieber Eduard!

Euer Matthis ist gestern wohlbehalten hier angelangt, und nun hört man seine männlich tiefe und doch noch so unbesorgte Stimme da und dort im Hause erschallen als willkommenen Zeugen seiner Gegenwart, in der ja nun etwas von euch und vom Münsterplatz leibhaftig in unserer Mitte ist. Er ist sichtlich interessiert für Alles, weiß auch über kirchliche Dinge schon diese und jene Auskunft zu geben, wie es dem Sohne eines Antistes1 wohl ansteht, und hat als Jünglingsgestalt meinen ganzen Beifall.

860 Dein Handschreiben hat er mir prompt übermittelt, und weil morgen der Christoph nach Bern zurückkehrt2, soll er gleich die nötigste Antwort mitnehmen.

Eine grundsätzliche Verschiebung in meinen Absichten hinsichtlich der Zukunft hat sich seit meinem letzten Besuch in Basel nicht ereignet. Ich habe damals Thalmann und Hauser gesagt, ich würde ihnen, sobald die Prozeßentwicklung so weit gediehen sei, die nötigen Nachrichten zukommen lassen und auf einen dann zu erlassenden Ruf hin — natürlich unter dem selbstverständlichen Vorbehalt irgendwelcher schlechterdings nicht vorauszusehender Zwischenfälle — annehmen. Dabei bin ich auch grundsätzlich geblieben. Das relativ Neue, was seither dazugekommen ist, besteht eigentlich nur in der unerwarteten Tatsache, daß das Berliner Oberverwaltungsgericht nicht so rasch vorwärts macht, wie es nach allen Anzeichen vorauszusehen war. Über diese Seite der Sache habe ich natürlich keine Macht. Während sie läuft, den Basler Ruf bereits annehmen und womöglich schon umziehen, würde bedeuten, daß ich sie mitten in diesem ihrem Lauf wieder aufgebe. Denn daß ich als Beamter diesen Prozeß führe und meine Eigenschaft als Beamter bereits freiwillig aufgegeben habe und anderswo Beamter geworden bin, das ist eben logisch und technisch unmöglich. Ich würde damit eo ipso von der Möglichkeit, den Prozeß zu führen, zurücktreten. Ob nun dieser Prozeß überhaupt geführt werden muß, darüber kann man gewiß in guten Treuen verschiedener Meinung sein. In der Verteidigungsschrift von Bleibtreu die Gründe, die dafür sprechen, zu finden, durftest du natürlich nicht erwarten. Dich von irgend etwas zu überzeugen, konnte ihre Absicht gewiß nicht sein, sondern hinter ihr steht unausgesprochen die Hypothese, daß es sinnvoll sei, das Experiment des Prozesses noch zu machen, bevor man sich mit der Tatsache der Absetzung zufrieden gibt, und interessant kann sie nur unter der Voraussetzung sein, daß man diese Hypothese in ihrer ganzen Fragwürdigkeit als solche wichtig findet. (Ich sehe jetzt erst, daß ich wahrscheinlich einen Fehler gemacht habe damit, dir und Rudi und meiner Mutter diese Verteidigungsschrift überhaupt zu schicken, weil ihr die Dialektik dieser Angelegenheit von Weitem gar nicht durchschauen konntet und euch darum bei der Lektüre vermutlich nur verwundert und gelangweilt habt, was die juristisch |861 nach allseitigem Urteil sehr gediegene Arbeit nun wirklich nicht verdient.) Ich war ja nun anfangs auch sehr unfreudig zu diesem zweiten Prozeß. Aber es ist mir unisono von allen Seiten zugerufen worden: 1. ich dürfe nicht durch Unterlassung der Revision meinerseits zugeben, daß meine Absetzung «rechtens» gewesen sei, 2. ich dürfe keinen Schritt unterlassen, um meiner Entfernung aus Deutschland entgegenzuwirken, 3. ich dürfe dem Staat die Gelegenheit, ein Fehlurteil vielleicht wieder gut zu machen, nicht mechanisch wegnehmen. Diesen Erwägungen habe ich mich im Februar — ich denke, wissend um Alles, was sich dagegen sagen läßt — angeschlossen. Auf sie ist die Verteidigungsschrift aufgebaut. Mag praktisch Alles so aussichtslos wie möglich sein — wir täuschen uns hier darüber nun wirklich nicht!! —, so wäre es mir doch, Alles wohl überlegt, irgendwie brutal vorgekommen, jene Erwägungen mit der mich ursprünglich beherrschenden Empfindung: Ich mag nicht mehr! Ich gehe! unter den Tisch zu wischen. War ihnen aber einmal ein relatives Recht zugestanden, dann mußte und muß die Sache nun eben ordentlich durchgefochten sein. Daß es jetzt nicht rascher vorwärts geht, ist darum erstaunlich, weil wir aus bester Quelle wußten, daß die Regierung selbst auf möglichste Beschleunigung dieses Verfahrens dränge.3 Es scheint aber, daß die Verteidigungsschrift doch etwas mehr Eindruck gemacht hat, als wir annehmen konnten. Und wenn auch 99,99% Wahrscheinlichkeit dafür sprechen, daß der Erfolg schließlich doch so oder so negativ sein wird, so hat es doch sicher seinen Wert auch für später, jetzt Alles getan und auch das Gericht bzw. die Regierung noch einmal allen Ernstes mit dem ganzen Problem beschäftigt zu haben. Darum würde ich es doch für etwas leichtfertig halten, jetzt ohne ersichtlichen Grund die Geduld zu verlieren. Umso mehr, als ich ja auch die Basler Archonten darauf aufmerksam gemacht habe, daß es noch so oder so lange dauern könne.

Der gegenwärtige Aufenthalt auf dieser Station bringt es nun natürlich mit sich, daß ich auch immer wieder in die auf- und absteigenden Wellen der Überlegungen und Gespräche über die zu gründende freie theologische Hochschule hineingezogen werde. Die Notwendigkeit ei|862ner solchen Sache drängt sich einem ja sehr auf, wenn man z. B. die hiesigen Zustände nach der Zerstörung der bisherigen Fakultät und der Einführung der Jirku, Gogarten, Kohlmeyer4 und wie das Alles heißt, ansieht. Es war schon in Ordnung, daß an der reformierten Synode beschlossen wurde, mit den Lutheranern zusammen an die nötigen Vorbereitungen zu gehen. Aber es zeigt sich jetzt schon, daß die Ausführung schwieriger ist, als man es sich zuerst gedacht hatte. Vor dem Herbst will jetzt sogar Immer ein solches Institut nicht auftun.5 Und nach meiner Beteiligung rufen jetzt eigentlich nur noch Einzelne — wie merkwürdiger Weise jetzt auf einmal mein hiesiger Kollege Weber und noch mehr seine Frau6! Es sieht also tatsächlich nüchtern betrachtet durchaus so aus, daß der Prozeß wirklich die letzte Möglichkeit ist, formal noch einmal zu versuchen, meine Existenz im Raume der deut|863schen evangelischen Kirche zu behaupten, und daß nachher etwas Anderes praktisch gar nicht in Betracht kommen wird als eben Basel. (Ich bekam zwar dieser Tage eine offenbar ernst gemeinte Anfrage von St. Andrews in Schottland.7 Ach Eduard, wenn ich an die Plagen denke, die im Zusammenhang mit der größeren Nähe der verschiedenen Familien in Basel über uns hereinbrechen können, könnte mein alter Mensch wohl Lust bekommen, einen Englischkurs nach dem anderen zu nehmen und dann an jenem nördlichen Meeresstrand zu verschwinden. Aber das kommt in der Tat nicht ernstlich in Betracht.) Wiederum mußt du oder müßt ihr verstehen, daß die Stimmungen, Eindrücke und Unterhaltungen über das Kommende hier bei uns immer wieder auf und ab, hin und her gehen, daß ich mich nicht eben in der Verfassung eines Mannes befinde, der nun eben seine Rechnung mit diesem merkwürdigen Volk und Land fürs Erste abgeschlossen hat und getrost den Staub von seinen Füßen schütteln [vgl. Mt. 10,4 par.] kann, um anderswo seine Hütte neu aufzubauen. Ist es einmal so weit, dann wird es eben geschehen. Solange ich noch hier bin, ohne den entscheidenden Pfiff zum Abmarsch empfangen zu haben, muß ich wohl Alles immer wieder ansehen und überdenken, was hier so gänzlich problematisch hinter mir zurückbleiben soll, nachdem es mich bis jetzt so ernstlich in Anspruch genommen hatte. Da es weithin auch einfach in persönlichen Gestalten und Schicksalen besteht, kann ich es dir im Einzelnen schwer klar machen in dem Gewicht, das es nun einmal für mich hat und haben muß, und inwiefern es mir den Entschluß, es sich selbst zu überlas|864sen und meiner Wege zu gehen, so schwer macht. Du würdest es aber, wenn du hier das Einzelne sehen und mitempfinden könntest, sicher auch als ungehörig [emp]finden, wenn ich jetzt einfach darum, weil es mir zu dumm wird, etwas brüskieren und also z. B. den Prozeß schwimmen lassen würde. Ein wenig jedermann und ich selber nicht zuletzt müßte das als eine allzu billige Lösung empfinden. Glaubst du nicht auch, daß auch hinsichtlich Basels Alles gerade dann aufs Beste herauskommen und sich fügen wird, wenn ich mich jetzt nicht verlocken lasse zu hüpfen, sondern nach wie vor, so gut es geht, schreite? Sei nur ganz sicher: sobald es so weit ist — und es weisen wirklich alle Zeichen darauf hin, daß es soweit kommen wird —, so werde ich mich mit aller Liebe und Aufmerksamkeit nun eben der Basler Aufgabe zuwenden. Und wenn auf die jetzt dort so gut stehenden Sterne einiger Verlaß ist, so werden sie auch dann wieder gut stehen, wenn ich jetzt nichts Eigenmächtiges bzw. Ungeduldiges tue, sondern die Dinge eins nach dem anderen an mich herankommen lasse. Es wird aber für alle Teile mehr Segen auf meiner künftigen Basler Existenz ruhen, wenn es manifest ist, daß ich hier die Schanze wirklich erst nach Verfeuern der letzten Patrone geräumt habe. Die großen Feueraugen Hartensteins werden mir dann nichts vorzuwerfen haben, sondern umgekehrt werde ich dann legitimiert sein, ihm hinsichtlich der Basler Kirche einiges Weitere zu sagen, wenn er das Letzte noch nicht beherzigt haben sollte.8

Und so fasset denn auch ihr, lieber Eduard und liebe, offenbar noch lebhafter bewegte Marguerite, eure Herzen in Geduld [vgl. Lk. 21,19]! Bedenkt immer wieder, daß wir hier auf einem sehr unübersichtlichen und wie eine Urweltlandschaft immer wieder sich verändernden Gelände leben, wo man kaum Pläne, sondern immer wieder nur Entschlüsse fassen kann. Aber «wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf’ mit Macht herein».9 Das wird auch in dieser Sache so oder so in Erfüllung gehen.

Die um sich greifende Verfolgung hat zur Wirkung gehabt, daß die Marahrensgruppe scheinbar jetzt auch etwas mehr Mumm in die Knochen bekommen hat und sogar dem grimmigen Niemöller so befriedigende Erklärungen abgegeben haben soll, daß eine neue Konsolidie|865rung des Bruderrates nicht außer Bereich des Möglichen steht.10 Stoevesandt ist nach 14 Tagen Haft wieder frei, dafür haben sie nun dort den Pfarrer Greiffenhagen eingesperrt11. Der Reibi hat auch dies Jahr eine große, ungemein wässerig daherplätschernde Passions- und Osterbotschaft ausgehen lassen.12 Im Übrigen hat er sich nun die ganzen Monate tot gestellt, um erst bei der Hochzeit von Göring wieder in Erscheinung zu treten.13 Der Stand der Verteidigungsschlacht seitens der Bekenntniskirche ist lokal sehr verschieden, am besten offenbar dort, wo am heftigsten angegriffen wird. Unsere hiesigen Pfarrer schlagen sich ziemlich schlecht. Hier im Rheinland ist die kirchenpolitische Lage technisch ganz besonders kompliziert. In Düsseldorf wird zwischen den 2-3-4 Gewalten, die da existieren, nahezu Räuberlis gespielt mit geschnappten Schlüsseln und dergl.14 Am nächsten Sonntag findet in Bar|866men-Elberfeld ein «Gemeindetag unter dem Wort» statt, zu dem aufs neue die Autobusse aus dem ganzen Rheinland anrollen sollen. In 15 Kirchen gleichzeitig Predigt über Off. 1.9–18, nachher überall ein Vortrag über das Thema «Bekennende Kirche im Sturm»(!).15 Gewisse Unverwüstlichkeiten sind, wie du siehst, auch jetzt noch nicht ausgestorben und sind wohl auch als Gewand der Niedrigkeit nicht zu entbehren. Am Donnerstag haben wir in Elberfeld Moderamenssitzung: bei den Reformierten ist nämlich immer wieder Hausstreit.16 Es steht zu |867 befürchten, daß ich in derselben Sache noch einmal in die Grafschaft Bentheim, wenn nicht gar nach Ostfriesland fahren muß.17 In der Himmelfahrtswoche bin ich für die Leitung eines Bibelkurses am Diakonissenhaus Detmold vorgesehen.18 So Gott will und wir leben [vgl. Jak. 4,15]; denn durch das alles kann ja die mir so aufmerksam zugewandte Gestapo diesen oder jenen und alle möglichen Striche ziehen.

Das von Lollo erwähnte Buch über das Apostolikum (Utrechter Vorlesungen) wird wahrscheinlich die Liberalen aufs neue meinethalben aufheulen lassen, weil ich da nur in ziemlicher Kürze und darum wohl etwas aufreizend bestätigen konnte, daß sich alles so verhalte, wie es im Apostolikum geschrieben steht. Vermutlich wird auch Emil darin einen neuen Beweis meiner völligen orthodoxen Erstarrung sehen. A propos: ist dieses neue Buch von Emil, das du in den B. N. angezeigt hast, wirklich so gut?19 Die Rezension hat in den Kreisen des hiesigen Laboratoriums20 einiges Aufsehen und Verwundern erregt.

868 Ich habe übrigens im Augenblick nicht weniger als drei Gegenschriften von Erlanger Kollegen hier liegen: von Sasse wegen der Union21 und von Althaus und Elert wegen der natürlichen Theologie22. In jener Ecke bin ich wirklich eine wenig beliebte Gestalt und wird man über meinen Abgang heilfroh sein. Es erscheint nun aber in der nächsten Nr. der «Ev. Theol.» doch noch ein Vortrag von mir über die Union23, leider nicht ganz 18-karätig (auch und gerade nach Lollos Urteil!!), weil bloß die Nachschrift einer frei gehaltenen Rede. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, daß ich noch einmal ausgerechnet wegen der preußischen Union so beschimpft werden solle, wie es mir nun durch Sasse widerfahren ist24. Die Lutheraner beklagen sich dauernd aufs bit|869terste über Tyrannei, ja «Terror» seitens der «Calvinisten», wobei dann immer ich gemeint bin und mich getroffen fühlen sollte. Eine ganz undurchsichtige Politik macht nach wie vor unser alter Freund Georg, dessen Stimme man gelegentlich aus den Wolken der Bodelschwingh-Mystik, der er ganz verfallen ist, behaupten hört, daß für ihn weder Apollos noch Kephas noch Paulus, sondern allein Christus maßgebend sei [vgl. 1.Kor. 1,12]. Was dann aber bei ihm wie bei so vielen praktisch auf eine saftige Bejahung Hitlers und des Landeskirchentums hinausläuft. Hast du gelesen, daß unser anderer alter Freund Wolf Meyer nun Rektor der Universität Jena geworden ist?25 Hört da nicht Alles und jedes auf?

Möchtest du gute Tage haben in Glion! Du hesch’s sicher wieder emol verdient, Edi!26 Ob und wann wir im Mai in die Schweiz kommen, steht noch dahin. Lollo ist in elfter Stunde zur Bonner Gemeindeverordneten aufgerückt, und diese Behörde hat am 6. Mai eine wichtige Sitzung, an der wir beide — ich als Presbyter und Fraktionshaupt! — nicht fehlen dürfen.27 Ich kann mir vorstellen, wie komisch euch das |870 vorkommt. Was soll uns das Budget der evangelischen Gemeinde Bonn 1935/36, nicht wahr? Aber eben: wir sind jetzt noch da und also …!

Seid beide herzlich gegrüßt
von eurem
Karl

Was euren Sohn Matthis betrifft, so habe ich Anlaß, euch zu gratulieren zu seiner sicher schon recht erfreulich entwickelten Boxkunst. Er hätte mich heute durch einen Schlag auf die Oberlippe beinahe knock out gemacht. Ich habe noch jetzt an den Folgen zu saugen, und daß ich nicht «auf die Bretter» gehen mußte, war Alles!

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 43, Anm. 2.↩
2
Vgl. oben S. 659, Anm. 2.↩
3
Nach einer Aktennotiz der Reichskanzlei vom 27.1.1935 und einem Vermerk Rusts vom 5.3.1935 rechnete der Reichskultusminister mit einem Verhandlungstermin etwa im April 1935 (vgl. Prolingheuer, S. 153.157 📖). Auf welchem Weg Barth von diesem Zeitplan Kenntnis erhielt, konnte nicht ermittelt werden.↩
4
Anton Jirku (1885–1972), 1922–1934 a.o. Professor für Altes Testament in Breslau, von dort zum 1.11.1934 nach Greifswald strafversetzt, lehrte ab dem 1.4.1935–1945 (Ruhestand) in Bonn. — Gogarten wurde zum 2.4.1935 als Vertreter für das SS auf Barths bisherigen Lehrstuhl nach Bonn berufen. — Ernst Kohlmeyer (1882–1959), seit 1930 Professor für Kirchengeschichte (2. Lehrstuhl) in Halle, lehrte ab dem 1.4.1935 (bis 1944) in Bonn — gewissermaßen im Austausch mit E. Wolf, der zum 6.3.1935 nach Halle versetzt worden war.↩
5
Der vom Rat der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union berufene lutherische Ausschuß für die Errichtung einer kirchlichen Hochschule konnte seine Arbeit nicht aufnehmen, nachdem G. Merz «aus grundsätzlichen Erwägungen Vorsitz und Mitarbeit abgelehnt» hatte. Er halte es für richtiger, eine theologische Schule «in der Art aufzubauen wie die hier in Bethel, daß sie einen lutherischen bzw. reformierten Grundcharakter trägt, aber, wie es bei uns in Bethel der Fall war, auch einmal einem reformierten bzw. lutherischen Dozenten Raum gibt und in ihrer ganzen Art dem Rechnung trägt, was wir in Barmen und Dahlem beschlossen haben …» Eine solche lutherisch geprägte Schule plane der lutherische Rat in Ostpreußen (vgl. Gauger III, S. 535 📖). Merz’ Absage führte Immer zu dem Schluß: «Im Augenblick sehe ich nicht, wie es zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit dem bestellten lutherischen Ausschuß ohne D. Merz kommen wird. Jedenfalls ist mir an diesem und an manchem anderen deutlich geworden, daß eine Eröffnung der Hochschule erst im Sommer, resp. Herbst in Frage kommt» (Abdruck von Immers Brief an «die Herren Professoren und Dozenten» — mit dem Zitat von Merz — vom 11.4.1935 in: W. Schneider, Vorspiel in Bonn, Barmen und Berlin, in: Aschermann/Schneider, S. 53f. 📖). Vgl. oben S. 851, Anm. 3.↩
6
Hannah Weber, geb. Schrader (1891–1962), beteiligte sich aktiv in der Bekennenden Kirche und wirkte zumindest im Sommersemester 1935 auch als Dozentin in einer in ihrer Wohnung stattfindenden dogmatischen Sozietät — einer «verschleierte[n] Vorlesung» — für Studenten der Bekennenden Kirche. Vgl. Scherffig I, S. 173 (Zitat dort) 📖; Bizer, S. 260 📖.↩
7
Dem Brief von Reverend Professor George S. Duncan aus St. Andrews vom 11.4.1935 lag eine auf den 26.3.1935 datierte gedruckte Beschreibung des vakanten «Chair of Divinity» im zur Universität gehörigen St. Mary’s College bei. Über den auf Basis eines Stipendiums in Swansea/Wales arbeitenden O. Piper hatte Barth erfahren, daß er bei einer Berufung auf diesen Lehrstuhl sehr gute Chancen hätte. Er sei zwar «in erster Linie für die philosophischen Probleme, die mit der Theologie zusammenhängen, bestimmt … Es wird aber auch auf diesem freien Lehrstuhle möglich sein, wirklich theologische Vorlesungen zu halten, wie man mir versicherte. Die theologische Fakultät ist winzig, kaum mehr als einige 30 Studenten.» Piper bat um Auskunft, ob Barth sich in St. Andrews bewerben wolle, weil er es andernfalls selber versuchen wolle (Brief vom 10.4.1935). Barth lehnte das Angebot am 25.4. dankend ab. Er sehe die Gefahr der «Zersplitterung im Verhältnis zu meiner eigentlichen Aufgabe», der Dogmatik 📖, wenn er eine neue Sprache lernen und sich in neue Verhältnisse einfinden müsse, empfehle aber, Pipers Bewerbung aufmerksam zu erwägen (Brief an Duncan vom 25.4.1935).↩
8
Vgl. oben S. 824, Anm. 25.↩
9
Anfang der 6. Strophe des Liedes «Gott will’s machen, daß die Sachen …» von Johann Daniel Herrnschmidt (1675–1723), GERS 285 🎵.↩
10
Nach einer ersten Unterredung mit Bischof Marahrens am 27.2.1935 in Berlin war es zu einer Annäherung von Reichsbruderrat und Vorläufiger Kirchenleitung gekommen. Letztere sprach sich am 7.3. eindeutig für die Barmer und Dahlemer Beschlüsse als Grundlage für eine kirchliche Neuordnung aus (s. Schmidt 1935, S. 73f. 📖; vgl. Gauger III, S. 471.473 📖). Auf dem von Marahrens initiierten Treffen von Reichsbruderrat und Vertretern der Landeskirchen am 10.4. in Leipzig wurden von allen beteiligten Gremien Grundsätze über «Kirche, Recht und Staat» beschlossen, die auch Niemöller gutheißen konnte (s. unten S. 875, Anm. 4 und 5). Vgl. J. Schmidt, Martin Niemöller im Kirchenkampf, a.a.O. (S. 695, Anm. 15), S. 280–282 📖; Meier II, S. 44. 📖↩
11
Dr. Gustav Greiffenhagen (1902–1968), seit 1931 Pfarrer in Bremen und Vertreter einer kompromißlosen Auslegung des umstrittenen Punktes III, 3 der Dahlemer Erklärung (vgl. oben S. 716f., Anm. 11), war vom 18. bis 21.4. in Haft, denn er hatte einem SA-Mann, der von einem DC-Pastor getraut werden wollte, das Dimissoriale verweigert, weil er die deutsch-christliche Kirche nicht als gleichberechtigt anerkannte. Zu den Umständen von Greiffenhagens Verhaftung vgl. A. Meyer-Zollitsch, Nationalsozialismus …, a.a.O., S. 158, Anm. 98. 📖↩
12
Karfreitags- und Osterwort des Reichsbischofs, in: Gesetzesblatt der Deutschen Evangelischen Kirche, Nr. 12 vom 17.4.1935, S. 31–33. 📖↩
13
L. Müller hatte H. Göring und die Schauspielerin Emmy Sonnemann, gesch. Köstlin (1898–1973), am 10.4.1935 im Berliner Dom getraut. Für die Predigt standen ihm 5 Minuten zur Verfügung (vgl. D. Irving, Göring, Hamburg/ München 19872 S. 230, sowie Abbildung zwischen S. 320 und 321 📖).↩
14
= Räuber und Gendarm. — Düsseldorf war seit September 1934 Sitz des rheinischen Konsistoriums. Eine dort bzw. im Rheinland spielende «Schlüssel»-Szene ließ sich nicht ermitteln. Vielleicht liegt eine Verwechslung mit einer Begebenheit in Hessen vor, die im rheinischen 34. Brief zur Lage vom 27.3.1935 berichtet wird: «In Schornsheim erschien am 10. März bei dem Kirchenvorstand der SA.-Sturmbannführer Reicherten voller Uniform und forderte von dem Kirchenvorstand die Schlüssel zur Kirche. Der Kirchenvorstand hat dieser Aufforderung nicht Folge geleistet. Darauf erschien der in Schornsheim stationierte Polizeiwachtmeister und forderte die Herausgabe der Kirchenschlüssel unter Androhung von Verhaftung und Haussuchung. Unter diesem polizeilichen Zwange wurden die Schlüssel herausgegeben.» Als daraufhin ein ortsfremder Dekan noch am selben Tag einen Vikar, der das zweite theologische Examen noch nicht abgelegt hatte, in der Kirche ordinierte und als neuen Pfarrer einsetzte, beschloß der Schornsheimer Kirchenvorstand, «einen Gottesdienst der bekennenden Gemeinde festzusetzen. Der Wachtmeister erhielt unterdes telephonischen Auftrag, den gerade in der Sitzung des Kirchenvorstandes befindlichen Justizrat D. Schmidt-Knatz zu verhaften und ihn in Verwahrung zu bringen. / Ungefähr zwanzig Minuten danach erschien das Ueberfallkommando mit einer Abteilung der Staatspolizei. Justizrat Schmidt-Knatz erhielt einen Verweis und wurde von dem Ueberfallkommando wieder in Freiheit gesetzt. Der Gottesdienst, der um 1.30 Uhr stattfinden sollte, wurde um 1 Uhr verboten» (abgedruckt bei Beckmann, S. 280 📖).↩
15
Anläßlich des Gemeindetages am 28.4.1935 mit etwa 25000 Abgesandten der rheinischen und westfälischen Bekennenden Kirche fanden in 20 Wuppertaler Kirchen Gottesdienste statt. Nach den Gottesdiensten war, wie Immer am 9.4.1935 an Barth geschrieben hatte, «unter dem Thema ‹Bekennende Kirche im Sturm› [ein] Bericht über Lage und Aufgabe der Kirche a. in Deutschland, b. in Westfalen» geplant. Barth hatte seine Antwort auf Immers Anfrage, ob er eine der Predigten übernehmen könne, unter Hinweis auf das Redeverbot zunächst offen gelassen (Brief vom 10.4.1935). Vgl. Kurzbericht im 36. rheinischen Brief zur Lage vom 6.5.1935; abgedruckt in: Beckmann, S. 2 📖.↩
16
R. W. Siebel hatte am 2.4.1935 Hesse brieflich seinen Rücktritt erklärt und Barth einen Durchschlag dieses Schreibens zukommen lassen. Sein Motiv für die Mitarbeit im Moderamen sei immer die Begründung einer einigen reformierten Kirche in Deutschland gewesen, ein Ziel, das er angesichts der Siegener Beschlüsse, die er nicht mittragen könne, endgültig als unerreichbar betrachten müsse (Durchschlag einer Abschrift des Briefes im Karl Barth-Archiv). Auch Barth gegenüber, der Siebel um ein Überdenken seiner Entscheidung bat (Brief vom 9.4.1935), bekräftigte er seinen Entschluß (Brief an Barth vom 24.4.1935), verließ das Moderamen jedoch erst 1936. Differenzen gab es auch mit den Moderamensmitgliedern Hollweg und Langenohl; auf der Tagesordnung für die Moderamenssitzung vom 26.4.1935 in Elberfeld ist als 1. Punkt genannt: «Mitglieder des Moderamens (Korrespondenz mit D. Dr. Hollweg und Pastor Langenohl sowie mit der Französisch-reformierten Kirche in Berlin)» (Tagesordnung im Karl Barth-Archiv). Hollweg hatte bereits im Dezember 1934 seinen Austritt aus dem Moderamen und dem Reformierten Bund erklärt, war jedoch u. a. von Barth mehrfach gebeten worden, seine Entscheidung zurückzunehmen (s. oben S. 794, Anm. 3); nach der Siegener Synode erklärte er jedoch endgültig seinen Austritt. Vgl. S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf …, a.a.O. (S. 438, Anm. 6), S. 218.240f.244.268f.273. 📖↩
17
In der Evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover war es zu neuen Auseinandersetzungen der Bekenntnisgemeinschaft mit Vertretern der Kirchenleitung gekommen, da diese sich weigerte, sich dem in Siegen beschlossenen Aufruf zur Sammlung der bekennenden reformierten Gemeinden anzuschließen und den endgültigen Bruch mit der Reichskirchenregierung zu vollziehen. Vgl. Fr. Middendorff, Der Kirchenkampf in einer reformierten Kirche …, a.a.O. (S. 719, Anm. 17), S. 19f.74-76 📖; S. Lekebusch, a.a.O., S. 235–240 📖; Meier II, S. 364 📖; s. oben S. 803f., Anm. 26 und 27.↩
18
Die Oberin des reformierten Diakonissenhauses, Martha Coerper, hatte Barth um die Übernahme der morgendlichen Bibelarbeiten und der Predigt am Himmelfahrtstag auf der «Gemeindeschwestern-Conferenz» mit etwa 90-100 Schwestern am 27.-31.5.1935 gebeten (Brief vom 5.4.1935). Barth erklärte sich zunächst grundsätzlich dazu bereit, ließ aber die Entscheidung in Anbetracht der unklaren Entwicklung seiner Lage zunächst noch offen (Brief an M. Coerper vom 8.4.1935). Am 25.4.1935 sagte er seine Teilnahme ab, da er sich Ende Mai vielleicht nicht in Deutschland aufhalten würde (Brief an Pastor Jürgens).↩
19
E. Brunner, Unser Glaube. Eine christliche Unterweisung, Bern 1935 (Zürich 199217 📖). Thurneysen hatte das Buch als eine Schrift charakterisiert, «die sich in ganz besonders hervorragender Weise für unsere Konfirmanden eignet». Die ursprünglich für den zürcherischen Kirchenboten verfaßten Betrachtungen «tragen das Gepräge kurzer Anrufe an den Menschen von heute. Sie räumen Glaubenshindernisse aus dem Wege. Sie ermuntern und trösten, und machen gewiß und rütteln auf» und seien zudem «ganz und gar frei von allem Frömmelnden, von allem falschen Kirchenstil» geschrieben, so daß das Buch als Geschenk für Konfirmation oder Ostern sehr zu empfehlen sei (E. Thurneysen, Eine Buchanzeige für unsere Konfirmanden, in: BN, Jg. 91 [1935], Nr. 102 vom 13./14.4.1935, 2. Beilage 📖).↩
20
Siehe oben S. 346, Anm. 1.↩
21
H. Sasse, Konfessionelle Unbußfertigkeit? Ein Wort zum Verständnis des lutherischen Konfessionalismus, in: AELKZ, Jg. 68 (1935), Sp. 245–249.266-274. 📖 Vgl. unten Anm. 24.↩
22
P. Althaus, Ur-Offenbarung, in: Luthertum. Neue Folge der «Neuen Kirchlichen Zeitschrift», Jg. 45 (1935), S. 4–24 📖; s. dort besonders S. 24 (Sonderdruck mit zahlreichen Lesespuren im Karl Barth-Archiv). — W. Elert, Karl Barths Index der verbotenen Bücher (Theologia militans. Schriften für lutherische Lehre und Gestaltung 2), Leipzig 1935 📖 (Das Exemplar im Karl Barth-Archiv mit Lesespuren trägt auf dem Titelblatt in Barths Handschrift die Aufschrift: «Frl. Käthe Seifert: ‹Die Erlanger Fakultät entwickelt sich zu einer Pestbeule!› 18. April 1935»).↩
23
K. Barth, Die Möglichkeit einer Bekenntnis-Union (Vortrag, gehalten am 11.2.1935 vor einer Versammlung von Aeltesten und Gemeindegliedern zu M[önchen]-Gladbach, wiedergegeben nach einem Stenogramm), in: EvTh, Jg. 2 (1935), S. 26–44. 📖↩
24
Vgl. H. Sasse, a.a.O., Sp. 270–274. 📖 Seinen Ausführungen gegen die Union, die er mit Bekenntnislosigkeit gleichsetzt (Sp. 266 u.ö.) und die deshalb vor der Alternative stehe, entweder sich zu einer eigenen Konfession auszubauen oder sich selbst aufzulösen, folgt je ein «persönliches Wort» an H. E. Weber und besonders K. Barth als Verfechter des Unionsgedankens (S. 269). Darin bezieht sich Sasse zunächst auf die auch von Barth und Weber unterschriebenen, in Frageform formulierten «Theologischen Bedenken zum Kampf um die Union» vom Februar 1935 (in: Schmidt 1935, S. 69 📖). Wo Barth — wie nach Sasse seit der Barmer Theologischen Erklärung geschehen — «von der evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland fordert, daß sie aufhöre, als Kirche zu existieren», müsse seine Theologie ihren Einfluß auf das deutsche Luthertum verlieren. «Die Forderungen, die er an uns stellte, waren die Forderungen eines Mannes, der sich zur Reformation unserer Kirche berufen glaubt, einer Kirche, der er selbst gar nicht angehört, in der er kein Amt bekleidet, die er von Hause aus nicht kennt und um deren Verständnis er sich offenbar auch nicht ernsthaft bemüht hat. Aber so aufmerksam wir den Theologen Barth gehört haben, als Reformator vermögen wir ihn nicht anzuerkennen» (Sp. 273). Das unterschiedliche Abendmahlsverständnis sei zwar zur Zeit nicht Thema der Auseinandersetzungen, bleibe jedoch «eine ganz große, Kirchen und Konfessionen trennende Frage». Das Gegenteil könne nur «ein deutscher Studierstubentheologe» meinen, «der nichts von den kirchlichen Nöten und den konfessionellen Auseinandersetzungen in der Christenheit der Welt weiß» (Sp. 274).↩
25
W. Meyer-Erlach war von April 1935 bis Oktober 1937 Rektor der Universität Jena.↩
26
Vgl. oben S. 44, Anm. 4.↩
27
Ch. von Kirschbaum, die bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 in der Liste «Für die Freiheit des Evangeliums» kandidiert hatte, rückte nach der Versetzung Prof. G. Hölschers zum 30.3.1935 in die größere Gemeindevertretung nach (Prolingheuer, S. 215, Anm. 12 📖; dort irrtümlich auf das Presbyterium bezogen); s. oben S. 578, Anm. 12. Die laut Presbyteriumsbeschluß vom 1.4.1935 auf den 6.5.1935 festgesetzte Sitzung der Gemeindevertretung scheint nicht stattgefunden zu haben (es ist kein Protokoll vorhanden); der Haushaltsplan wurde der Gemeindevertretung erst am 28.6.1935 vorgelegt (Protokoll im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn).↩