19. April 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

848
Lieber Karl,

Wenn einmal, so ist heute abend ein Kurier fällig, Matthys darf ja morgen bei euch einrücken und kann darum selber als solcher gelten. Er freut sich riesig, und wir freuen uns mit ihm und für ihn. Er wird mit großer Munterkeit und guter Naivität alles aufnehmen und einsaugen und um vieles bereichert von dieser ersten größeren Ausfahrt wieder zurückkehren. Wir Eltern danken es euch jedenfalls sehr von Herzen, daß ihr ihm die Freude macht. Und daß er gerade zu euch kommen darf, ist besonders schön. Er wird ja irgendwie auch die geistliche Luft ein wenig einsaugen, von den kirchlichen und theologischen Dingen etwas wittern. Er ist nicht verschlossen dafür. Im Unterricht, der ja |849 nun eben hinter ihm liegt, bin ich gut mit ihm gefahren, und auch vor ihm steht irgendwie das Ziel, Theologe zu werden — obwohl da noch manches dazwischen kommen kann.

Aber nun zu euch! Glaube ja nicht, daß nicht täglich die Gedanken zu euch hinübergehen. Auch wenn es mit dem Schreiben nicht weit her war. Man hat ständig das Gefühl, das, was man schreiben möchte, könne und möge man doch nicht zu Papier bringen, und läßt es dann bleiben. Das ist sicher nicht gut. Denn ein Zuruf wäre ja doch immer möglich. Doch auch da denkt man leicht: man möge als Zuschauer nicht dreinrufen, während Ihr selbst in den schwierigsten Dingen drin steckt. Ich kann aber anführen, daß heute durch mein Anregen und unter Beigabe von Briefen, die ich aus Leipzig erhielt und die unerhört offen und verwegen Schwerwiegendes von den Verhaftungen und Leiden der Gefangenen erzählten1, in allen Basler und Baselbieter Kirchen für die |850 Prediger und Kirchen draußen bei euch gebetet worden ist. Koechlin und Lukas haben es angeordnet.2 Wir sind also ganz gewiß innerlich nicht ferne von euch und allem, was bei euch geht, soweit wir’s sehen können. Wenn wir nur irgendetwas Mehreres tun könnten! Aber, Karl, was mir nun am meisten am Herzen liegt, ist dieses: ich möchte dich allen Ernstes bitten, nicht mehr zu lange zu zögern mit deinem Zeltabbruch draußen. Ist es nicht im Grunde doch so, daß alle Zeichen nun für den Weiterweg in Basel sprechen, wenigstens für ein paar nächste Jahre? Und sollte da nicht alles noch so naheliegende Sich-ans-Draußen-Gebundenwissen hinter diese klare Sachlage zurückgestellt werden, daß dir in Basel doch eine Türe offen steht, während sie in Deutschland faktisch zugeschlagen ist? Ich verstehe, daß du mehr als je gerade um der Bedrängnisse willen, die über alle dir Nahestehenden und von dir |851 Geführten hereinbrechen, gar nicht dran denken magst, jetzt die Schritte zu tun, die zum Verlassen des Feldes führen. Aber nützest du nicht gerade diesen Menschen und eurer gemeinsamen Sache dadurch mehr, daß du nun in Basel dein Lebenswerk zu Ende bringst oder wenigstens entscheidend förderst, als wenn du dich draußen festhalten und verbrauchen lässest? Ich rede da vielleicht insofern ins Leere, als du durchaus auch meiner Meinung bist und gar nicht daran denkst, dich draußen doch wieder binden zu lassen. Aber ich weiß nicht, ich habe manchmal das Gefühl, daß du innerlich wieder weiter weggerückt seiest von dem Basler Plan. Versteh mich recht: im Augenblick, wo du mir sagst, daß einfach draußen unabweisbar die Pflicht vor dir stehe, zu bleiben, zugleich mit einer klaren Möglichkeit, dies irgendwie durchzuführen, wenn auch in aller Unsicherheit und Bedrängnis, so will ich gern schweigen. Ich dachte, als ich durch Koechlin die Dokumente bekam, die von der Gründung einer freien theologischen Hochschule sprechen, vielleicht werde versucht, dich doch wieder dafür zu gewinnen.3 Und ich kann es ja eben von weitem und ohne nähere briefliche |852 Orientierung durch dich — sie ist ja auch deinerseits nicht wohl möglich — nicht beurteilen und will gern für alles offen bleiben. Ich möchte dir nur zwei Erwägungen sagen: einmal was deinen Prozeß betrifft — ist das nicht alsgemach4 eine etwas faul werdende Sache? Ich frage mich, ob sie dich einfach wie seinerzeit unseren Freund Helmi5 draußen hinhalten, es auf sich nehmen, dir einstweilen dein Gehalt noch zu zahlen, dafür dich einfach nicht aburteilen, um dann eines schönen, aber späten Tages dich doch vor die Türe zu setzen. Solltest du ihnen nicht Beine machen? Oder wenn das nicht geht, eben, Prozeß hin oder her, nach Basel zusagen? Denn: das ist das zweite: auf das Wintersemester solltest du hier anfangen können! Schon jetzt ist des Fragens nach dir kein Ende. Und das Sommersemester ist kurz. In Bälde wird wieder der neue Lektionskatalog6 erstellt werden müssen — wäre es da nicht gut, deine Situation bis dahin abgeklärt zu haben? Sieh, ich sehe nach wie vor die wirklich gute Bereitwilligkeit Basels auch für etwas irgendwie Providentielles an, das man nicht zu lange sollte hinhalten müssen. Es ist für mein Sehen etwas wie eine gute Sternstunde über den Basler Häuptern gewesen und ist immer noch da, daß sie so ohne langes Hin und Her dich riefen. In der Mitte des Sommers oder lieber noch früher sollte, so denke ich, dieser Stunde Versprechen realisiert werden können. Aber wieder: wenn du Gegengewichte einzuhängen hast, die eine neue, andere Stunde anzeigen, so ziehe ich wirklich meine Mahnung zurück. Ich sehe ganz gewiß alles nur von meiner Seite. Sieh, ich hatte letzte Woche ein langes Gespräch mit dem Fremdling und seiner Frau. Er hatte einen Ruf in eine Berner Gemeinde7 und kam ziemlich aufgewühlt und erschüttert und hin- und hergezogen eines Abends zu mir, was er wohl tun solle. Deutschland verlassen? Die schöne und stille Landgemeinde |853 annehmen? Mit den Buben8 aus der Großstadt weg und in die Ruhe? Oder draußen bleiben? Den Drangsalen ausgesetzt? Auch er war ja kurz verhaftet!9 Ich habe alles ins Feld geführt, was für die Schweiz sprach, wirklich alles — aber das Gespräch lief so, daß von ihm und von seiner Frau (ich habe sie wirklich bewundert, denn als Mutter zog es sie ganz |854 und gar nach der Schweiz) immer wieder das Doch-nicht-Weggehenkönnen und -dürfen da war, eindeutig, stark und klar. Und da habe ich, als ich das sah, nachgegeben und gesagt: ich sehe, ihr dürft jetzt nicht weg. Und wir haben von meinem Studierzimmer aus der Berner Gemeinde abgesagt. Es war mir in diesem Falle ganz klar, daß dies das Rechte sei. Und es ist mir auch nachher kein Schwanken gekommen. Aber bei dir sehe ich es einfach anders. Vielleicht würde ich im Gespräch ebenfalls einen neuen Eindruck empfangen. Aber jetzt muß ich auf alle Fälle noch für dein Kommen, und zwar dein baldiges Sich-zum-Kommen-Entschließen plädieren. Auch der Einwand mit dem unerledigten Prozeß ist mir einfach nicht ganz durchschlagend. Ich erwarte von diesem Prozeß nicht mehr viel. Vielleicht sehe ich auch da falsch, ich weiß es nicht. Die Klagebeantwortung10 habe ich erhalten und natürlich gelesen. Aber gerade sie hat mir das ganz tief Notwendige dieser neuen Prozeßführung nicht eindrücklich gemacht. Aber natürlich kann man das auch von solch einem für die Juristen bestimmten Dokument nicht erwarten. Die eigentlichen Gründe liegen ja in der Lage selbst, die man von draußen nie ganz deutlich einsehen kann, die sich ja auch immer neu verschiebt.

Ich selbst — ja, ich habe eben den Konfirmationssonntag und heute die Karfreitagsmorgenpredigt11 hinter mir. Es kommt euch bei euren größeren Sorgen wohl klein vor, was darin für mich an Sorge und Arbeit gelegen ist. Jene 60 Besuche, von denen ich sagte, als wir am Bahnhof nach Fränzelis Hochzeit Abschied nahmen, die 60 Kinder selbst, die alle irgendwie doch auch einzeln einen in diesen letzten Wochen noch einmal angehen und beschäftigen, dann die Predigten selbst, heute war das Minschter wirklich wieder einmal träubelvoll12, und die |855 Abendmahlsfeier ging bis gegen 12 Uhr. Nun kommt noch eine Osternachmittagspredigt13. Man kommt so in die Jahre, wo man denkt, es sei jede Predigt etwas wie eine Gelegenheit, die man nicht verpassen dürfe — aber das wirkliche Ergehen und Laufen des Wortes [vgl. 2.Thess. 3,1] hat man weniger als je in seiner Hand. Und doch wäre es das größte, was geschehen kann, wenn es wirklich, wirklich laufen würde, sein Werk täte, Menschen bewegte, die Kirche baute! Und es ist keine Frage: auch bei uns in der ruhigen Schweiz und im immer noch gesicherten Basel sind die Menschen irgendwie nicht ganz unbereit zu hören, wo und wann es etwas Wirkliches zu hören gibt. Ich war heute noch selber unter Kanzel in einer einfach vollen Nachmittagspredigt bei Lüthi.14

Am Ostermontag gehe ich mit Marguerite wieder einmal mehr ein Retourbillet lang15 an den Genfersee. Mit 1. Mai sind wir wieder zur Stelle. Das Semester beginnt ja schon nächste Woche und ist reichlich kurz. Ich hoffe sehr, euch bei euerm Besuch im Mai wenigstens kurz zu sehen. Es liegt mir vor allem auch an einer Unterredung mit Lollo. Ich kann nicht gut schreiben, was mich beschäftigt, seitdem ich in Aarau an der Konferenz einen Brief las, den Lollo an Lindts geschrieben hat16 — ach, er liegt ja für sie schon ganz weit zurück, aber ich bin nicht ganz fertig damit innerlich. Wann werdet Ihr wohl eintreffen? Durchreisen?

Ich bin augenblicklich in der Verlegenheit, daß ich zu viele Anmeldungen für den neuen Unterrichtsjahrgang bekommen habe. Während neben mir Kollegen sitzen, die viel zu wenige haben, ohne daß die Möglichkeit bestünde, sie einfach an sie zu überweisen. Das heillose |856 Personalsystem überhaupt — die Ordnung oder vielmehr Unordnung in der Kirche hier ist groß und schwer zu tragen! Und wie soll man sie ändern? Sie kann nur von innen her anders werden. Und dieses Inwendige zu bewegen, ist ja nicht einfach in unserer Hand. Immerhin läuft auch da einiges. So ist z. B. unsere von mir ins Leben gerufene Pfarrerbibelstunde wirklich weiterhin recht im Lauf. Und ich denke bereits an weiteres, etwa an eine einmal durchzuführende kurze Freizeit für die Pfarrer und ihre Frauen, wie wir sie im Januar im Aargau hatten.17 Auch Lukas ist der Sache nicht abgeneigt. Daneben arbeiten wir also an einer neuen Liturgie.18 Und da ist der von dir gedrillte Eberhard eine wirklich wertvolle Stütze und Kraft.

Schluß! Du mußt nicht antworten, sondern alles aufs Mündliche versparen.19 Sicher bist du weiter und weiter angespannt genug nach außen und noch mehr nach innen. Grüße Lollo herzlich von mir. Sei selber herzlich gegrüßt. Marguerite schließt sich allen meinen Grüßen an. Wir gedenken Euer! Des könnt Ihr gewiß sein. Nelly lasse ich gleich|857falls herzlich grüßen. Marguerite wird ihr noch ein paar Spezialzeilen20 beilegen. Daß Matthys Geld auch in kleinem Betrage für Fränzeli mit zurücknehme, geht wirklich nicht. Die Kontrolle ist so, daß er damit unweigerlich hereinflöge.

Euer Eduard

Heute morgen [20.4.]. Lieber Karl, Marguerite hat gestern abend diesen Brief noch gelesen und gefunden, ich habe dir viel zu sanft, viel zu wenig energisch zugerufen, du sollest doch draußen abbrechen. Ich weiß nicht, ob das wirklich auch für dich so sanft tönt, was ich geschrieben habe. Marguerite hört natürlich meine Reden in dieser Sache, die ungenierter tönen mögen. Ich war vielleicht gestern abend so ein wenig schachmatt durch den langen Tag und was er brachte, noch eher: ich wollte dir nicht eigentlich dreinreden. Aber nimm auf alle Fälle alles hier Geschriebene für Basel als unterstrichen. Ich meine es wirklich ganz eindeutig so: draußen ist dein Weg als abgebrochen und verrammelt anzusehen, hier ist die Tür geöffnet. Alles spricht dafür, daß du nun durch diese Türe, und zwar bald, bald, draußen ausgehen und hier eingehen solltest. Und dies vor allem wegen der Kirche selbst, die deiner Arbeit bedarf. Du mußt dein Fundament zu Ende legen können. Und dies weiter wegen der aktuellen Lage auch bei uns in der Heimat — zum mindesten darf unser Bedürfen dafür sprechen, daß du auch hier nicht einfach unnötig bist. Und dies endlich [um] deiner Freunde willen, Karl, die wir auf dich warten und uns eures Kommens freuen!

Vale! Der Kurier steht gesattelt!
dein getreuer
E.

Sachfußnoten

1
Im Karl Barth-Archiv erhalten ist ein Exemplar (Vervielfältigung) der Beilage zu L. Christs Schreiben an die Pfarrer des Kantons Basel-Landschaft (s. Anm. 2) «Aus dem Briefe eines deutschen Amtsbruders vom 9. April 1935», die wohl auf den von Thurneysen genannten Briefen basiert. Dieser Briefauszug bezieht sich auf die Verhaftung von drei Leipziger Pfarrern, die im Konzentrationslager «A…» (= Sachsenburg) festgehalten wurden, weil sie trotz polizeilichen Verbots die bekenntniskirchliche Kanzelerklärung gegen das Neuheidentum und eine Fürbitte für die hessischen Verhafteten (vgl. oben S. 845, Anm. 5) verlesen hatten (vgl. unten Anm. 9). «X… [Oskar Meder, Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche] ist baltischer Flüchtling. Y… [Ernst Lewek, Pfarrer an der Leipziger Nicolaikirche] Kriegsteilnehmer, Inhaber des eisernen Kreuzes, mit schwerer Verwundung, durch die er gelähmt ist und an Rheumatismus leidet. Seine Frau erwartet in diesen Tagen ihr siebentes Kind: drei von den sechs liegen krank. Sie hat keine Hilfe. Beide Pfarrer [und Pfr. Georg Walther] kamen in Polizeigewahrsam, wo sie ganz als Sträflinge gehalten werden, obgleich ihnen bis heute nichts nachgewiesen wurde» und obwohl die «Ministerien vor allem erklärten, daß sofort Freilassung erfolgen solle». Doch weder eine Befreiung noch auch nur ein Rechtsverfahren konnte bewirkt werden. «Die Frauen warten in Berlin und weichen nicht. Am Sonntag wird ausdrücklich jede Fürbitte für die Gefangenen verboten, von alters her Recht und Pflicht der Kirche. Man sagte den Theologen, unsre Religion ist der Nationalsozialismus. Hitler ist unser Heiland. Palmsonntag haben alle drei zu konfirmieren, jeder hat ein eigenes Kind dabei. Niemand weiß, was werden soll. Aber als die Eltern anfragten und um Befreiung baten, sagte man ihnen, das sei Aufruhr; niemand dürfe etwas sagen oder tun.» Angesichts dieser Not bat der Schreiber: «liebe Schweizer Brüder, betet für uns und sagt es der Welt, daß wir zueinander gehören. So ein Glied leidet, leiden alle Glieder.» Zusammenfassung des Briefes durch A. Koechlin in einem Brief vom 12.4.1935 in: Bell/Koechlin, S. 213–214 📖; vgl. Gauger III, S. 485.491 📖; Meier II, S. 350 📖; J. Fischer, Die sächsische Landeskirche im Kirchenkampf 1933-1937 (AGK 8), Göttingen 1972, S. 37 📖 (Identifizierung der Personen oben im Zitat nach diesem Buch).↩
2
Der Jahresbericht der Basler Kirche vermerkt über die Aktion: «Als Mitte April die Nachrichten über den deutschen Kirchenkampf und vor allem die Verhaftungen von Pfarrern sehr ernst lauteten, hat der Kirchenrat [dessen Präsident Koechlin seit 1933 war] in seiner Sitzung vom 15. April beschlossen, den Pfarrämtern einen dem Kirchengebet einzufügenden Text zuzusenden, welcher der Gefangenen und unter schwerem Druck Stehenden gedachte» (XXV. Jahresbericht der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt pro 1935 [Zweiundsechzigster Jahresbericht der vormaligen evangelisch-reformierten Landeskirche], der Synode vom Kirchenrate vorgelegt am 13. Mai 1936, S. 31 📖). Ein in «Pratteln, am 17. April 1935» verfaßter, zweifellos von L. Christ stammender Brief an die Mitglieder des reformierten Pfarrkonventes Basel-Landschaft verwies mit Hilfe des beigelegten Briefauszugs (s. Anm. 1) auf die bedrängte Lage der deutschen Amtsbrüder und die darin ausgesprochene Bitte um Fürbitte. Daran anknüpfend schlug er «eine mit den Kirchenbehörden andrer Kantone vereinbarte gemeinsame Fassung unsrer Fürbitte» vor, die «am Karfreitag, Ostern und den folgenden Sonntagen ins Kirchengebet einzufügen» sei: «Herr unser Gott, wir bitten dich um deinen Beistand für alle Glaubensgenossen, die heute um deiner Ehre willen Verfolgung leiden. Insbesondere wollest du mit deinem Machtschutze den Verkündigern deines Wortes in Deutschland nahe sein, die wegen ihres Bekenntnisses zu unserm Herrn Christus Bedrängnis, Not und Gefängnis erdulden müssen. Verleihe ihnen Beständigkeit im Gehorsam des Glaubens. Erneuere auch unsre Kirche durch deinen Geist» (Vervielfältigung ohne Unterschrift samt der Beilage im Karl Barth-Archiv); Abdruck des Gebets unter dem Stichwort «Schweiz» und der Einleitung: «In mehreren Schweizer Kantonen wurde folgende Fürbitte in die Liturgie eingefügt» in: 18. Vertraulicher Rundbrief [für Mitglieder des Reformierten Bundes] vom 10.5.1935 📖.↩
3
Wahrscheinlich sind die Beschlüsse der reformierten Synode in Siegen gemeint, die Koechlin unmittelbar nach der Synode von einem befreundeten Teilnehmer erhalten haben wird (vgl. Koechlins Brief an Bell vom 29.3.1935 in: Bell/Koechlin, S. 206f. 📖). Die Synode beschloß die Gründung einer «Kirchlichen Hochschule für reformatorische Theologie» mit der «Aufgabe, die künftigen Prediger und Lehrer der Kirche für die Verkündigung des göttlichen Wortes in den Gemeinden des reformierten und lutherischen Bekenntnisses vorzubereiten. Die Erforschung und die Prüfung der kirchlichen Lehre soll durch gemeinsame Arbeit der Lehrer beider evangelischen Bekenntnisse gefördert werden.» Ein von der Synode bestellter Ausschuß wurde bevollmächtigt, deswegen Kontakt zu anderen Gremien der Bekennenden Kirche aufzunehmen und «sofort alle geeigneten Schritte zur Errichtung der Hochschule zu tun» (Zweite Freie Reformierte Synode …, a.a.O. [S. 846, Anm. 7], S. 56 📖; Schmidt 1935, S. 82f. 📖; vgl. Gauger III, S. 499 📖; S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf …, a.a.O. [S. 438, Anm. 6], S. 222.226.233 📖). — Im Namen dieses Ausschusses, der eine Eröffnung der Hochschule — im Zusammenhang mit der Theologischen Schule Elberfeld — bis Anfang Mai zu ermöglichen hoffte, richtete K. Immer an Barth die vorläufige Anfrage, «ob Sie, verehrter Herr Professor, in der Lage sind, im Sommersemester an einem oder einigen Tagen der Woche an der Hochschule Vorlesungen zu halten. Der Vorschlag für eine solche vorläufige Lösung kam aus dem Kreise der Bonner Professoren» (Brief vom 2.4.1935). Barth antwortete nach Beratungen mit seinem Anwalt, er könne, da er noch immer besoldeter Beamter sei, vor der Entscheidung im Revisionsverfahren unmöglich an der Hochschule mitwirken. «Ferner würde ich damit dem Gericht gegenüber, bei dem meine Sache jetzt hängt, zum vornherein zugeben, daß ich meine Position für unhaltbar halte und gar nicht ernstlich den Anspruch erhebe, in meine Bonner Stellung wieder eingesetzt zu werden. Aus demselben Grund habe ich auch bis jetzt nicht nur keinen Ruf nach Basel angenommen, sondern dort auch gebeten, daß ein solcher noch gar nicht an mich ergehe» (Brief an Immer vom 10.4.1935). Vgl. W. Schneider, Vorspiel in Bonn, Barmen und Berlin, in: Aschermann/Schneider, S. 46–54 📖 (Abdruck des Briefes von Immer an Barth dort S. 52, eines Ausschnittes von Barths Antwort dort S. 53).↩
4
= nachgerade.↩
5
Vgl. oben S. 507f., Anm. 6; S. 652f., Anm. 3 und 5.↩
6
= Vorlesungsverzeichnis.↩
7
Ursenbach, Dorf im Norden des Kantons Bern (briefliche Auskunft von Frau D. de Quervain vom 23.8.1994).↩
8
Paul Fredi (1926–1992) und Reinhold de Quervain (geb. 1930).↩
9
Über de Quervains Verhaftung berichtet Gauger III, S. 483 📖: «Im Rheinland werden am Samstag [= 16.3.] viele Pfarrer verhaftet, aber nur für kurze Zeit. In Barmen sind es 15 Pfarrer, denen im Gefängnis die Hosenträger abgenommen werden (V[ertrauliche] R[undbriefe für Mitglieder des Reformierten Bundes für Deutschland] 16). Bemerkenswert ist, daß in Elberfeld auch Pfarrer Lic. de Quervain verhaftet wird, obgleich er überhaupt nicht zur Landeskirche gehört, sondern der niederländisch-reformierten Gemeinde dient (VR 13).» In Aufzeichnungen für seine Familie schrieb de Quervain über diesen Tag: «Als ich … verhaftet worden war, schlug der Kirchmeister Hans Langen Anna [de Quervains Gattin] vor, daß, wenn ich am Sonntag noch im Gefängnis sei, der 2. und 3. Psalm — nach der bei uns üblichen Bereimung von Jorissen — gesungen werden sollte. Nach einem Gebet würde die Gemeinde nach Hause gehen. Sie solle es merken, daß ihr Pfarrer gefangen sei. Aber ich wurde noch am Samstag Abend entlassen und konnte predigen. Der Kriminalkommissar und der Polizist, die mich verhafteten, waren übrigens so ratlos über diese ungewohnte Verhaftung, daß ich ihnen das Protokoll über meine Verhaftung diktieren mußte» («Unser gemeinsamer Lebensweg», S. 22 — Exemplar im Karl Barth-Archiv). — Die Verhaftungen waren veranlaßt durch das von der zweiten Bekenntnissynode der Kirche der altpreußischen Union am 4./5.3.1935 in Berlin-Dahlem beschlossene Wort an die Gemeinden gegen das Neuheidentum, zu dessen Verlesung im nächsten Gottesdienst die Pfarrer in den Amtlichen Mitteilungen des Präses vom 7.3. verpflichtet wurden, wobei die Frist bis Sonntag, den 10.3., für viele zu kurz war. Da die Kundgebung wegen ihrer Aussagen über das Verhältnis der Kirche zu Staat und Volk von Reichsinnenminister Frick verboten wurde, wurden alle altpreußischen Pfarrer am 16. oder 17. März von einem polizeilichen Besuch zu einer schriftlichen Verzichterklärung auf die Verlesung gedrängt, was aber von den meisten verweigert wurde. Die daraufhin erfolgte Aktion, in deren Verlauf etwa 500 Pfarrer, meist nur kurz, inhaftiert und andere unter Hausarrest gestellt wurden, erregte großes Aufsehen. Nach einem Gespräch einer Abordnung der Vorläufigen Kirchenleitung mit Frick am 21.3. konnte die Erklärung mit der zusätzlichen Bemerkung, es gehe ihr nur um die Abwehr des Neuheidentums und «der hier für Volk und Staat drohenden Gefahr», im Bereich der altpreußischen Kirche ohne staatliche Einmischung verlesen werden. Vgl. Gauger III, S. 481.483 (Zitat dort S. 483); Hermelink, S. 250–256 📖; Meier II, S. 24f. 📖; W. Niesel, Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933-1945 (AGK Erg. 11), Göttingen 1978, S. 61–64 📖; Die Preußensynode zu Dahlem …, a.a.O. (S. 835, Anm. 7), S. 16–58 📖; Abdruck der Erklärung in: Zweite Bekenntnissynode …, a.a.O. (ebda.), S. 63–65 📖; Gauger III, S. 479.481; Schmidt 1935, S. 70f. 📖; Hermelink, S. 250–252. ↩
10
Abdruck bei Prolingheuer, S. 306–326. 📖 ↩
11
Laut «Kirchenzettel» der Basler Nachrichten vom 17.4.1935 (Jg. 91 [1935], Nr. 106, 4. Beilage 📖) hatte Thurneysen seinen Konfirmationsgottesdienst am Nachmittag des Palmsonntag (14.4.1935, «3 Uhr») gehalten (den Morgentermin hatte sein liberaler Kollege Wolfer für die Konfirmation seiner Gruppe wahrgenommen); unveröffentlichtes Manuskript (Durchschlag) seiner Predigt über Röm. 12,12 in der Predigtforschungsstelle Heidelberg (Signatur: PF Thur 0011/07). Am Karfreitag, dem 19.4.1935, hielt Thurneysen um 9 Uhr einen Abendmahlsgottesdienst (Wolfer am Nachmittag). Eine Vervielfältigung von Thurneysens Karfreitagspredigt über Lk. 23,33.39–43 (58. DIN A4) befindet sich im Karl Barth-Archiv.↩
12
Wohl: gedrängt voll.↩
13
Am Ostersonntag hielt Thurneysen um 17.00 Uhr im Münster Gottesdienst (sein Kollege Wolfer um 9 Uhr morgens; vgl. Kirchenzettel, a.a.O. [Anm. 11]); unveröffentlichtes Manuskript (Durchschlag) seiner Predigt über Lk. 24,1–9 und 1.Kor. 5,7–8 in der Predigtforschungsstelle Heidelberg (Signatur: PF Thur 0011/09). ↩
14
W. Lüthis Gottesdienst am Ostersonntag fand um 15.00 Uhr in dem neugebauten Oekolampadhaus im Westen Basels statt.↩
15
Siehe oben S. 301, Anm. 33.↩
16
Thurneysen hatte an der 38. Aarauer Christlichen Studentenkonferenz (11.-13.3.1935) einen Vortrag über «Die Notwendigkeit der Kirche» gehalten (veröffentlicht unter dem Titel Kirche und Offenbarung in: In Extremis, ‹Jg. 1› [1935], S. 105–113.173-183 📖). Es ist anzunehmen, daß Karl Lindt, der dort den Eröffnungsgottesdienst hielt, Thurneysen während der Konferenz Ch. von Kirschbaums Brief an seine Frau vom 27.2.1935 (s. oben S. 836–840) zu lesen gab.↩
17
Auf diese Freizeiten bezieht sich vielleicht M. Thurneysens Erinnerung «an ein paar Tagungen, Arbeitsgemeinschaften, an denen auch wir Frauen teilnahmen: der Brestenberg am Hallwilersee in der ‹alten Heimat› mit Pfarrern aus dem Aargau; das heimelige damals noch altmodische Bad Ramsach für die Basler und Baselbieter Pfarrerschaft» (Typoskript, S. 18).↩
18
Thurneysen war — mit seinen Basler Kollegen Buxtorf, Eya und Täschler sowie vier Pfarrern des Kantons Basel-Landschaft (darunter R. Eberhard) — Mitglied einer von E. Staehelin präsidierten Kommission, die der Basler Kirchenrat «entsprechend dem Auftrag der Synode vom 13. Juni 1934» bestellt hatte. Ihre Aufgabe war, da «der Vorrat an Liturgien (Agenden) der letzten Ausgabe 1911 [Kirchenbuch für die evangelisch-reformierten Gemeinden der Kantone Basel-Stadt und Basel-Land, Basel 1911 📖] nahezu erschöpft» sei, die Ausarbeitung einer neuen Ausgabe des Kirchenbuches. Zugleich mit der Einsetzung der Kommission teilt der kirchliche Jahresbericht für 1934 mit: «Die Arbeit erweist sich als sehr weitschichtig und dürfte längere Zeit in Anspruch nehmen.» XXIV. Jahresbericht der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt pro 1934 (Einundsechzigster Jahresbericht der vormaligen evangelisch-reformierten Landeskirche), der Synode vom Kirchenrate vorgelegt am 5. Juni 1935, S. 18 📖. In späteren Jahresberichten wird diese Kommission nicht mehr erwähnt.↩
19
Wie Thurneysen am 24.4.1935 an Ch. von Kirschbaum schrieb, rechnete er zu diesem Zeitpunkt noch damit, daß sie und Barth «spätestens nächste Woche» in die Schweiz reisen würden (s. unten S. 870). Der Termin dieser Reise war jedoch auch am 21.4. noch ungewiß (s. unten S. 858). Schließlich reisten Barth und Ch. von Kirschbaum erst am 21.5.1935 von München aus auf das Bergli. Vgl. unten S. 886, Anm. 1, und S. 887, Anm. 3.↩
20
Nicht erhalten.↩