848
Karfreitag abend [19. April 1935]
Wenn einmal, so ist heute abend ein Kurier fällig, Matthys darf ja morgen bei euch einrücken und kann darum selber als solcher gelten. Er freut sich riesig, und wir freuen uns mit ihm und für ihn. Er wird mit großer Munterkeit und guter Naivität alles aufnehmen und einsaugen und um vieles bereichert von dieser ersten größeren Ausfahrt wieder zurückkehren. Wir Eltern danken es euch jedenfalls sehr von Herzen, daß ihr ihm die Freude macht. Und daß er gerade zu euch kommen darf, ist besonders schön. Er wird ja irgendwie auch die geistliche Luft ein wenig einsaugen, von den kirchlichen und theologischen Dingen etwas wittern. Er ist nicht verschlossen dafür. Im Unterricht, der ja |849 nun eben hinter ihm liegt, bin ich gut mit ihm gefahren, und auch vor ihm steht irgendwie das Ziel, Theologe zu werden — obwohl da noch manches dazwischen kommen kann.
Aber nun zu euch! Glaube ja nicht, daß nicht täglich die Gedanken zu euch hinübergehen. Auch wenn es mit dem Schreiben nicht weit her war. Man hat ständig das Gefühl, das, was man schreiben möchte, könne und möge man doch nicht zu Papier bringen, und läßt es dann bleiben. Das ist sicher nicht gut. Denn ein Zuruf wäre ja doch immer möglich. Doch auch da denkt man leicht: man möge als Zuschauer nicht dreinrufen, während Ihr selbst in den schwierigsten Dingen drin steckt. Ich kann aber anführen, daß heute durch mein Anregen und unter Beigabe von Briefen, die ich aus Leipzig erhielt und die unerhört offen und verwegen Schwerwiegendes von den Verhaftungen und Leiden der Gefangenen erzählten1, in allen Basler und Baselbieter Kirchen für die |850 Prediger und Kirchen draußen bei euch gebetet worden ist. Koechlin und Lukas haben es angeordnet.2 Wir sind also ganz gewiß innerlich nicht ferne von euch und allem, was bei euch geht, soweit wir’s sehen können. Wenn wir nur irgendetwas Mehreres tun könnten! Aber, Karl, was mir nun am meisten am Herzen liegt, ist dieses: ich möchte dich allen Ernstes bitten, nicht mehr zu lange zu zögern mit deinem Zeltabbruch draußen. Ist es nicht im Grunde doch so, daß alle Zeichen nun für den Weiterweg in Basel sprechen, wenigstens für ein paar nächste Jahre? Und sollte da nicht alles noch so naheliegende Sich-ans-Draußen-Gebundenwissen hinter diese klare Sachlage zurückgestellt werden, daß dir in Basel doch eine Türe offen steht, während sie in Deutschland faktisch zugeschlagen ist? Ich verstehe, daß du mehr als je gerade um der Bedrängnisse willen, die über alle dir Nahestehenden und von dir |851 Geführten hereinbrechen, gar nicht dran denken magst, jetzt die Schritte zu tun, die zum Verlassen des Feldes führen. Aber nützest du nicht gerade diesen Menschen und eurer gemeinsamen Sache dadurch mehr, daß du nun in Basel dein Lebenswerk zu Ende bringst oder wenigstens entscheidend förderst, als wenn du dich draußen festhalten und verbrauchen lässest? Ich rede da vielleicht insofern ins Leere, als du durchaus auch meiner Meinung bist und gar nicht daran denkst, dich draußen doch wieder binden zu lassen. Aber ich weiß nicht, ich habe manchmal das Gefühl, daß du innerlich wieder weiter weggerückt seiest von dem Basler Plan. Versteh mich recht: im Augenblick, wo du mir sagst, daß einfach draußen unabweisbar die Pflicht vor dir stehe, zu bleiben, zugleich mit einer klaren Möglichkeit, dies irgendwie durchzuführen, wenn auch in aller Unsicherheit und Bedrängnis, so will ich gern schweigen. Ich dachte, als ich durch Koechlin die Dokumente bekam, die von der Gründung einer freien theologischen Hochschule sprechen, vielleicht werde versucht, dich doch wieder dafür zu gewinnen.3 Und ich kann es ja eben von weitem und ohne nähere briefliche |852 Orientierung durch dich — sie ist ja auch deinerseits nicht wohl möglich — nicht beurteilen und will gern für alles offen bleiben. Ich möchte dir nur zwei Erwägungen sagen: einmal was deinen Prozeß betrifft — ist das nicht alsgemach4 eine etwas faul werdende Sache? Ich frage mich, ob sie dich einfach wie seinerzeit unseren Freund Helmi5 draußen hinhalten, es auf sich nehmen, dir einstweilen dein Gehalt noch zu zahlen, dafür dich einfach nicht aburteilen, um dann eines schönen, aber späten Tages dich doch vor die Türe zu setzen. Solltest du ihnen nicht Beine machen? Oder wenn das nicht geht, eben, Prozeß hin oder her, nach Basel zusagen? Denn: das ist das zweite: auf das Wintersemester solltest du hier anfangen können! Schon jetzt ist des Fragens nach dir kein Ende. Und das Sommersemester ist kurz. In Bälde wird wieder der neue Lektionskatalog6 erstellt werden müssen — wäre es da nicht gut, deine Situation bis dahin abgeklärt zu haben? Sieh, ich sehe nach wie vor die wirklich gute Bereitwilligkeit Basels auch für etwas irgendwie Providentielles an, das man nicht zu lange sollte hinhalten müssen. Es ist für mein Sehen etwas wie eine gute Sternstunde über den Basler Häuptern gewesen und ist immer noch da, daß sie so ohne langes Hin und Her dich riefen. In der Mitte des Sommers oder lieber noch früher sollte, so denke ich, dieser Stunde Versprechen realisiert werden können. Aber wieder: wenn du Gegengewichte einzuhängen hast, die eine neue, andere Stunde anzeigen, so ziehe ich wirklich meine Mahnung zurück. Ich sehe ganz gewiß alles nur von meiner Seite. Sieh, ich hatte letzte Woche ein langes Gespräch mit dem Fremdling und seiner Frau. Er hatte einen Ruf in eine Berner Gemeinde7 und kam ziemlich aufgewühlt und erschüttert und hin- und hergezogen eines Abends zu mir, was er wohl tun solle. Deutschland verlassen? Die schöne und stille Landgemeinde |853 annehmen? Mit den Buben8 aus der Großstadt weg und in die Ruhe? Oder draußen bleiben? Den Drangsalen ausgesetzt? Auch er war ja kurz verhaftet!9 Ich habe alles ins Feld geführt, was für die Schweiz sprach, wirklich alles — aber das Gespräch lief so, daß von ihm und von seiner Frau (ich habe sie wirklich bewundert, denn als Mutter zog es sie ganz |854 und gar nach der Schweiz) immer wieder das Doch-nicht-Weggehenkönnen und -dürfen da war, eindeutig, stark und klar. Und da habe ich, als ich das sah, nachgegeben und gesagt: ich sehe, ihr dürft jetzt nicht weg. Und wir haben von meinem Studierzimmer aus der Berner Gemeinde abgesagt. Es war mir in diesem Falle ganz klar, daß dies das Rechte sei. Und es ist mir auch nachher kein Schwanken gekommen. Aber bei dir sehe ich es einfach anders. Vielleicht würde ich im Gespräch ebenfalls einen neuen Eindruck empfangen. Aber jetzt muß ich auf alle Fälle noch für dein Kommen, und zwar dein baldiges Sich-zum-Kommen-Entschließen plädieren. Auch der Einwand mit dem unerledigten Prozeß ist mir einfach nicht ganz durchschlagend. Ich erwarte von diesem Prozeß nicht mehr viel. Vielleicht sehe ich auch da falsch, ich weiß es nicht. Die Klagebeantwortung10 habe ich erhalten und natürlich gelesen. Aber gerade sie hat mir das ganz tief Notwendige dieser neuen Prozeßführung nicht eindrücklich gemacht. Aber natürlich kann man das auch von solch einem für die Juristen bestimmten Dokument nicht erwarten. Die eigentlichen Gründe liegen ja in der Lage selbst, die man von draußen nie ganz deutlich einsehen kann, die sich ja auch immer neu verschiebt.
Ich selbst — ja, ich habe eben den Konfirmationssonntag und heute die Karfreitagsmorgenpredigt11 hinter mir. Es kommt euch bei euren größeren Sorgen wohl klein vor, was darin für mich an Sorge und Arbeit gelegen ist. Jene 60 Besuche, von denen ich sagte, als wir am Bahnhof nach Fränzelis Hochzeit Abschied nahmen, die 60 Kinder selbst, die alle irgendwie doch auch einzeln einen in diesen letzten Wochen noch einmal angehen und beschäftigen, dann die Predigten selbst, heute war das Minschter wirklich wieder einmal träubelvoll12, und die |855 Abendmahlsfeier ging bis gegen 12 Uhr. Nun kommt noch eine Osternachmittagspredigt13. Man kommt so in die Jahre, wo man denkt, es sei jede Predigt etwas wie eine Gelegenheit, die man nicht verpassen dürfe — aber das wirkliche Ergehen und Laufen des Wortes [vgl. 2.Thess. 3,1] hat man weniger als je in seiner Hand. Und doch wäre es das größte, was geschehen kann, wenn es wirklich, wirklich laufen würde, sein Werk täte, Menschen bewegte, die Kirche baute! Und es ist keine Frage: auch bei uns in der ruhigen Schweiz und im immer noch gesicherten Basel sind die Menschen irgendwie nicht ganz unbereit zu hören, wo und wann es etwas Wirkliches zu hören gibt. Ich war heute noch selber unter Kanzel in einer einfach vollen Nachmittagspredigt bei Lüthi.14
Am Ostermontag gehe ich mit Marguerite wieder einmal mehr ein Retourbillet lang15 an den Genfersee. Mit 1. Mai sind wir wieder zur Stelle. Das Semester beginnt ja schon nächste Woche und ist reichlich kurz. Ich hoffe sehr, euch bei euerm Besuch im Mai wenigstens kurz zu sehen. Es liegt mir vor allem auch an einer Unterredung mit Lollo. Ich kann nicht gut schreiben, was mich beschäftigt, seitdem ich in Aarau an der Konferenz einen Brief las, den Lollo an Lindts geschrieben hat16 — ach, er liegt ja für sie schon ganz weit zurück, aber ich bin nicht ganz fertig damit innerlich. Wann werdet Ihr wohl eintreffen? Durchreisen?
Ich bin augenblicklich in der Verlegenheit, daß ich zu viele Anmeldungen für den neuen Unterrichtsjahrgang bekommen habe. Während neben mir Kollegen sitzen, die viel zu wenige haben, ohne daß die Möglichkeit bestünde, sie einfach an sie zu überweisen. Das heillose |856 Personalsystem überhaupt — die Ordnung oder vielmehr Unordnung in der Kirche hier ist groß und schwer zu tragen! Und wie soll man sie ändern? Sie kann nur von innen her anders werden. Und dieses Inwendige zu bewegen, ist ja nicht einfach in unserer Hand. Immerhin läuft auch da einiges. So ist z. B. unsere von mir ins Leben gerufene Pfarrerbibelstunde wirklich weiterhin recht im Lauf. Und ich denke bereits an weiteres, etwa an eine einmal durchzuführende kurze Freizeit für die Pfarrer und ihre Frauen, wie wir sie im Januar im Aargau hatten.17 Auch Lukas ist der Sache nicht abgeneigt. Daneben arbeiten wir also an einer neuen Liturgie.18 Und da ist der von dir gedrillte Eberhard eine wirklich wertvolle Stütze und Kraft.
Schluß! Du mußt nicht antworten, sondern alles aufs Mündliche versparen.19 Sicher bist du weiter und weiter angespannt genug nach außen und noch mehr nach innen. Grüße Lollo herzlich von mir. Sei selber herzlich gegrüßt. Marguerite schließt sich allen meinen Grüßen an. Wir gedenken Euer! Des könnt Ihr gewiß sein. Nelly lasse ich gleich|857falls herzlich grüßen. Marguerite wird ihr noch ein paar Spezialzeilen20 beilegen. Daß Matthys Geld auch in kleinem Betrage für Fränzeli mit zurücknehme, geht wirklich nicht. Die Kontrolle ist so, daß er damit unweigerlich hereinflöge.
Heute morgen [20.4.]. Lieber Karl, Marguerite hat gestern abend diesen Brief noch gelesen und gefunden, ich habe dir viel zu sanft, viel zu wenig energisch zugerufen, du sollest doch draußen abbrechen. Ich weiß nicht, ob das wirklich auch für dich so sanft tönt, was ich geschrieben habe. Marguerite hört natürlich meine Reden in dieser Sache, die ungenierter tönen mögen. Ich war vielleicht gestern abend so ein wenig schachmatt durch den langen Tag und was er brachte, noch eher: ich wollte dir nicht eigentlich dreinreden. Aber nimm auf alle Fälle alles hier Geschriebene für Basel als unterstrichen. Ich meine es wirklich ganz eindeutig so: draußen ist dein Weg als abgebrochen und verrammelt anzusehen, hier ist die Tür geöffnet. Alles spricht dafür, daß du nun durch diese Türe, und zwar bald, bald, draußen ausgehen und hier eingehen solltest. Und dies vor allem wegen der Kirche selbst, die deiner Arbeit bedarf. Du mußt dein Fundament zu Ende legen können. Und dies weiter wegen der aktuellen Lage auch bei uns in der Heimat — zum mindesten darf unser Bedürfen dafür sprechen, daß du auch hier nicht einfach unnötig bist. Und dies endlich [um] deiner Freunde willen, Karl, die wir auf dich warten und uns eures Kommens freuen!
Vale! Der Kurier steht gesattelt!