652
23. Mai 1934
wie erfreut nahm ich den Brief aus Bonn entgegen, der am Morgen nach Pfingstmontag plötzlich da lag! Das Diktat für den Abend mit dem Papisten Fehr wurde sofort abgebrochen, und Bonn grüßte Basel. Ich las aus dem Ganzen des Briefes eine gewisse Getrostheit nach innen und nach außen, die darauf hinzuweisen scheint, daß trotz aller Bedrängnis nicht alles einfach lätz1 geht. Wie sollte sich auch die feste Haltung, wie sie wieder im Vorwort zum Guten Hirten2 so kräftig hervortritt, nicht doch schließlich lohnen, ihre Frucht bringen auch schon im kleinen Streit des Tages, endlich will’s Gott auch in der ganzen schweren Sache. Und nun wirst du also kometartig zwar nur, aber doch leibhaftig kommen. Ausgezeichnet. Wir werden am Bahnhof sein. Und zwar also am Freitag — du schreibst: Freitag, den 2. Juni, der 2. ist aber der Samstag. Ich rechne also mit dem Freitag.
Ich fürchte, daß ich es nicht nur mit Georg, sondern mit Bethel überhaupt irgendwie verdorben habe, sogar mit Helmi wird es nicht ganz einfach sein. Denn ich las gestern etwas erstaunt seine Berichtigung, in der er sich schützend vor seinen Freund Bodelschwingh stellt.3
|653 Obgleich ich dabei bleiben muß, daß diese Betheler sich richtig gspässig4 verhalten haben. Ein volles Jahr ist nun Helmi ohne Arbeit und ohne Bescheid geblieben. Und das Kuratorium hat dem einfach zugesehen — kann man da von unaufhörlichen Bemühungen reden zu Gunsten Helmis? Ich verstehe das nicht. Aber ich sehe, daß auch Helmi in einer merkwürdigen Weichheit Bodelschwingh gegenübersteht. Was muß da für ein Zauber walten in diesem Bethel! Frau Vischer hat mir in aufgeregtem Baseldeutsch am Telefon gesagt, es herrsche eine tiefe Traurigkeit in Bethel wegen meiner angriffigen Fragen an Bodelschwingh.5 Der Vater Eberhard freilich meinte, es werde nicht so tragisch zu neh|654men sein, und im übrigen sei es doch gut, daß ein Wort gesagt worden sei.
Gestern abend war also das Treffen mit Fehr, wenigstens ein erster Gang. Ja, wirklich, es war nicht sehr gemütlich, diesen schwarzen Vogel sich gegenüber sitzen zu haben, der auch sofort nach mir zu hacken begann, wenn auch in bester, freundlichster Weise. Ich hatte deine beiden Aufsätze, den über die Frage an uns6 und den aus Münster über die7, ganz genau gelesen gehabt und dann an Adam8 vor allem seinen Naturalismus gerügt und ein paar Fragen in dieser Richtung aufgeworfen. Fehr wollte alles verharmlosen, sprach von der Schwierigkeit des Sprechens über diese Dinge überhaupt und warf sich dann auf Joh. 15[, 1-8]: Weinstock und Rebe und Bleiben an Ihm und sagte, er finde da denselben «Naturalismus», wie ich mich ausgedrückt habe. Und das «Bleiben an Ihm» — es sei ihm nie klar geworden, wie man das von dir her wirklich aufnehmen könne: da sei einfach eine Lebenswirklichkeit gemeint, in die man eingehen könne — nicht nur das Wort und das, wie er sagte, punktuelle Hören und Hören und wieder Hören. Ein Sein — kein bloßes («intellektuelles») Vernehmen. Ich suchte ihm möglichst zurückhaltend, ohne auszuspielen, durch Gegenfragen Klar zu machen, daß er da bei uns mit jedem Worte etwas ein ganz klein wenig verdrehe. Heiner blieb sozusagen ganz in der Reserve. Ob Fehr weiter kommt, weiß ich nicht. Warum können wir nicht eindeutiger losfahren gegen diese so einladend vorgebrachten römischen Sätze? Wir sehen den Haken so schwer, der immer drinsteckt. Es war aber ein lehrreicher Abend.
Wir hatten einen strahlenden Pfingstmontag im Bergli. Fränzeli gefiel es so, daß sie bis zum Dienstag morgen blieb. Ruedi scheint ein klein wenig ermüdet zu sein von seiner Reise. Viel haben sie nicht davon erzählt. Dafür — «parlez moi …!!»9
Herzlich!