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20. Mai 1934
Ich danke dir für deinen hochwillkommenen Brief! Es ist Pfingstsonntagnachmittag, und ich möchte nicht zögern, deine Begrüßung zu erwidern. Wie rauscht doch der Strom der Zeit weiter und weiter mit einem, durch Wirbel und unter Brücken hindurch, vorbei an ehrbaren Dörfern und verdächtigen Zigeunerlagern, Träger so manches vertrauten oder auch seltsamen anderen Kahnes, allmählich breiter und weniger eilig werdend: immer derselbe und doch nie derselbe. Aber du hast mir einmal berichtet von einer ausgezeichneten Tischrede, die du über |639 dieses in Basel so beliebte Thema «Fluß» gehalten hast und deren Pointe, wenn ich mich recht erinnere, die war, das Beste am Fluß seien doch die unbeweglichen Berge, zwischen denen er seinen Weg nehme. Und so will ich dich lieber angesichts jener Berge grüßen, statt etwa auf jene Fährte zu geraten, die Lollo so wenig liebt, wo zuletzt von den nicht mehr so fernen «alten Tagen» gerührt einige Bilder entworfen oder doch angedeutet werden. Es ist sicher das Beste, wenn man sich immer wieder bestärkend darauf aufmerksam macht, daß es jenseits von allem Juheh! und Haarus!1 und O weh!, das nun einmal das unvermeidliche Wellengeräusch jenes Flusses ausmacht, etliche unbewegliche Dinge gibt, an die zu denken und auf die hinzuweisen sich unter allen Umständen lohnt.
Noch habe ich dir gar nie geschrieben, wie froh ich war darüber, daß du dich dann endlich doch dazu bewegen ließest, jene drei Predigten drucken zu lassen.2
Sie haben, wie ich von mancher Seite hörte und las, weit herum Trost und Mahnung verbreitet, und ich möchte dich doch sehr gebeten haben, schon jetzt darauf bedacht zu sein, bei erster Gelegenheit wieder ein solches Zeichen aufzurichten. Asmussen, den du ja vor einiger Zeit auch wieder gesehen hast, sagte mir, er habe bei diesem Anlaß Alles, Alles, was er mir damals über dich gesagt, bestätigt gefunden, und ich habe ihn dann mit einigen Erzählungen aus deinem Leben bereichern und erfreuen dürfen. Weißt du, daß ich dem amerikanischen Herausgeber deiner Vorträge versprochen habe, ein Vorwort dazu zu schreiben?3 Es soll und wird mir das geradezu eine Lust sein, und |640 ich werde mich bei diesem Anlaß einmal eingehend und grundsätzlich über den Begriff des «Johanneischen» verbreiten und auch nicht versäumen, die Welt auf deine noch ausstehenden weiteren Werke geziemend vorzubereiten.
Es ist mir tröstlich zu hören, daß du zu meinem Kind Fränzeli im Ganzen eine so positive Stellung einnehmen kannst. Du wirst ja gewiß auch den Eindruck haben, daß sie erst im Begriff ist, so richtig aus sich herauszukommen und das Leben an irgend einem Zipfel im Ernst anzupacken. Ihre Briefe hieher klingen alle sehr freudig und künden von einem lebhaft umgetriebenen Dasein, wie sie es hier wohl so nie hatte. Ich bin sehr froh, daß sie diese neue Wegstrecke gerade unter deinem Einfluß und Zuspruch begehen darf, und ich brauche dir nicht zu sagen, wie dankbar ich dir und Marguerite bin für jede hilfreiche Bewegung ihr gegenüber. Ich mußte und muß gerade bei ihr oft an das denken, was in der alten Basler Taufliturgie zu lesen steht: daß «es mit unserm Kinder-Ziehen nichts ist, wann Gott sein Gedeyen darzu nicht gibet». Die Fortsetzung lautet: «Lasset uns also bätten …!»4
Item freue ich mich auch für die so gewaltig daherbrausende, aber irgendwo doch auch sehr lädierte Lili S., daß sie bei euch aus- und eingehen darf. Sie ist ein tüchtiger und gerade gewachsener Mensch, aber sie wird dir für jede väterliche Betreuung, die du ihr angedeihen lassen kannst, dankbar sein.
Unterdessen hat Markus in Bern sein Studium begonnen. Die Freude scheint eine etwas gemischte zu sein, weil es, wie ich ja wohl wußte, mit der dortigen Fakultät eine mehr als üblich bedenkliche Sache ist und weil er bis jetzt auch unter seinen Mitstudenten wenig Gemein|641schaft gefunden hat. Immerhin will er nun, meinen Spuren folgend, Zofinger werden. Ich hoffe, er schlägt sich durch. Immerhin möchte ich ihn einmal sehen und sprechen, und das hat mir denn auch wesentlich den Elan zu dem Entschluß gegeben, Ende der nächsten Woche nach Bern ans Universitätsjubiläum und vor Allem (bewaffnet mit einem vergilbten weißen Hut nebst Band) an einen großen Aufmarsch der Berner Altzofingia zu fahren.5 Es ist ja ein wenig verrückt, mitten in meine hiesige wahrlich aufregende Arbeit und mitten in die mich auch dauernd in Anspruch nehmenden Kirchenkämpfe ein solches «Ritterfest» im arglosen Bern einzuschalten. Aber es muß jetzt sein. Irgend eine verklungene Stimme aus der Jugendzeit ruft mich; die schönen Zehnten, die sich aus der Theol. Existenz heute ergeben6, machen die Sache äußerlich möglich, und so wird man mich denn dort zu den bekannten Klängen des Centralmarsches7 wieder einmal mittrampen8 und auch einem Kommers assistieren9 sehen. Noch hängt die Sache freilich ab von der Einwilligung … unseres Kurators der Universität10. Man hat mich nämlich in einen merkwürdigen kleinen Bann getan11, |642 über den ich dir dann Näheres erzählen werde. Wenn Alles gut geht, komme ich Freitag 2. Juni abends 5.36 in Basel B. B. an, um 6.55 SBB12 weiterzufahren. Da würde sich, wenn du Zeit hast, auf dem Tram durch die Stadt und bei einem besinnlichen Kaffee im Bahnhofbuffet das Nötigste schön austauschen lassen.
Daß es im Westen einige so gute Gestalten gibt wie Maury und Genossen, ist wirklich ein Trost! Weißt du übrigens, daß auch in Italien, nämlich in Fiume, ein sehr tüchtiger Mann, Valdo Vinay, aufs rüstigste am Werk ist?13 Ich kann seine Zeitung allerdings nur durch vages Erraten verstehen, sehe aber, daß er mit umfassenden Mitteilungen ins Zeug geht, und da ich ihn von einem hier verbrachten Semester kenne, traue ich ihm allerhand Gutes zu. Und ich vermute, daß du nun auch in England schon auf eine wesentlich bessere Situation stoßen wirst als ich vor 4 Jahren. Aber es wird doch immer entscheidend darauf ankommen, ob und vor Allem wie es gelingt, hier in Deutschland durchzustoßen. Und da geht eben das sehr Hoffnungsvolle und das äußerst Trostlose dauernd ganz durcheinander.
Ich war vergangene Woche zwei Tage in Frankfurt, wo ich in einem Zimmer des Basler Hofs mit Asmussen und dem Oberkirchenrat Breit14 aus München Tag und Nacht gearbeitet habe — an was? Ja, an |643 nichts weniger als an einem lutherisch-reformiert-unierten kleinen Bekenntnis, das nun demnächst, wenn nichts dazwischen kommt, aus größtem Geschütz abgeschossen werden soll.15 Dieser Breit erwies sich als ein unerwartet ordentlicher Mann, und da das Zusammenwirken mit Asmussen denkbar gut war, ging das Ganze wirklich erfreulich schön. Ich werde aber, da in dem Skriptum nun nur ein Satz — du wirst ihn seinerzeit schon entdecken — nicht von mir redigiert ist16, eine ziemliche Verantwortung zu tragen habe. Sag vorläufig niemandem etwas davon. Ich war neulich wütend zu sehen, daß eine wichtige Nachricht, die wir hier alle für uns behalten, von den verwünschten amerikanischen Journalisten in Berlin doch erwischt worden ist und breit in den Basl. Nachr. zu lesen stand!!17 Das sollten sie, wenn es sich um be|644absichtigte Unternehmungen der kirchlichen Opposition handelt, eben nicht machen. Hoffentlich werde ich dir an jenem Freitag Einiges von guten geschehenen Dingen erzählen können.
Von Georg wissen auch wir gar nichts Direktes. Ich muß wohl fürchten, mir mit meiner letzten Flankendiversion gegen Bodelschwingh18 seine letzten Sympathien verscherzt zu haben, und angesichts dessen, was in den Basl. Nachr. à propos Helmi Vischer zu lesen war — irre ich mich, wenn ich da dich reden hörte?19 —, könnte sich das mangelnde Plus leicht in ein Minus uns allen gegenüber verwandeln.20 Er scheint wirklich sonderbar dran zu sein. Aber der Fehler ist nicht jetzt, sondern wie noch bei so und so viel anderen vor 14 Jahren passiert, wo er viel zu unbesehen bei uns Anschluß suchte und wo wohl auch wir nicht wachsam genug prüften, was für Koalitionen wir da eingingen. Es kommt jetzt schließlich nur heraus, daß er, vor die Wahl gestellt, trotz aller freundschaftlicher Bindungen in dunklem Drang eben doch für Althaus, Heckel und wie die alle heißen optieren muß. — Fast zum Bedauern muß Gogarten dran sein, der sich irgendwie zwischen alle Stühle gesetzt hat21, neulich in Berlin bei einem Vortrag nach einem sehr ab|645lehnenden Bericht der Frankf. Zeitung einen halbleeren Saal hatte22 und nun auch noch von seinen eigenen (deutsch-christlichen!) Breslauer Studenten in einem Atem mit den stehengebliebenen «alten Theologieprofessoren» überhaupt aufs Übelste angegriffen wurde.23 Es erhebt
|647 sich in deren durch ganz Deutschland verschicktem Aufruf nun bereits das schlimme Ignorantentum der jungen Leute, die so sehr nur noch S. A.-Leute sind, daß sie es gar nicht mehr für der Mühe wert halten, auch nur die fatalsten Bildungslücken wenigstens ein bißchen zu verstecken. Dieses Genus haben wir hier noch nicht, oder es ist doch nicht in der Lage, sich geltend zu machen.24 Aber es geht jetzt wirklich «um die Wurst», wie Georg in besseren Tagen zu sagen pflegte. Wenn es nicht gelingen wird, diesem Wesen Einhalt zu tun, so werden wir in ein paar Jahren nur noch schreiende Idioten auf den Kanzeln haben. — Die Antrittsvorlesung von Wolf Meyer muß nach einem brieflichen Bericht von Debrunner noch viel schlimmer gewesen sein, als es in jener Zeitung sichtbar wurde. Er hat sich u. a. vor jener ganzen Corona in aller Ausführlichkeit gerühmt, er, Wolf M., habe mir schon 1920 in Safenwil gesagt, er wolle lieber mit seinem Volk in die Hölle kommen als in den Himmel, dessen Schlüssel ich in Händen habe! Nach Debrunner hätten dazu doch nur ein paar Fanatiker getrampelt.25 Übrigens hat er eine |648 kleine Schrift veröffentlicht «Kirche und Sekte», in welcher er den unglücklichen bayerischen Landesbischof Meiser dazwischen nimmt und ihn beschuldigt, das Luthertum an die Reformierten und speziell an die dialektische Theologie (in welcher der Satan in die Theologie eingezogen sei!) verraten und also in der «Fremdenlegion» Dienste genommen zu haben.26 Er ist wirklich vollständig aus der Fasson gekommen. Ich |649 möchte nicht dabei sein, wenn einmal alle diese Besoffenen aufwachen. Oder vielmehr: es wird dereinst fast krankenschwesterlicher Eigenschaften bedürfen, um das rechte Wort zu finden gegenüber dieser ganzen Mannschaft, die sich ja jetzt wirklich so benimmt, daß man sie für ein für alle mal «erledigt» ansehen möchte — wenn das eine christliche Kategorie wäre. Du hast dem Wolf mit großer seelsorgerlicher Weisheit und Würde gesprochen. Vielleicht mußt du dereinst eine große Tournée durch ganz Deutschland machen, um überall den Leuten, denen es dann schlecht sein wird, in dieser Weise zum Herzen zu reden. — Wenn es dann nur auch unserem Freund Emil in Zürich endlich einmal schlecht würde. Seine neue Schrift gefällt mir gar, gar nicht. Was soll ich damit anfangen? Vielleicht warte ich mit einer Antwort darauf bis auf die mir brieflich angezeigte zweite Schrift, in der er sich dann auch noch hinsichtlich der Oxfordbewegung losstrampeln will.27 Vielleicht gebe ich ihm überhaupt erst später Bescheid, oder ich verzweifle ganz an der Möglichkeit, dieses Kind noch einmal ordentlich zu wickeln, oder ich antworte mit einer kleinen Darlegung über die Jungfrauengeburt.28 Da steckt ja oder da signalisiert sich jedenfalls der eigentliche Schaden seiner Systematik, der Schaden, um den er mit 1000 Calvinstellen doch nur herumreden kann, ohne etwas besser zu machen.29
650 Aber wie soll man das einem Menschen, der so im Schuß ist und für die eigentlich geistlichen Auslegungen und Erwägungen gar keinen Sinn hat, klar machen?
Die beabsichtigte Sitzung eurer phil. theol. Gesellschaft unter Assistenz des kleinen Papisten Fehr halte ich allerdings auch für eine nicht ungefährliche Sache. An deiner Stelle würde ich es, um Ärgernis zu vermeiden, tunlichst Heiner überlassen, nun einmal seine Grenzen nach dieser Seite deutlich abzustecken, um mir Alles, was da an den Tag kommt, gut zu merken und dann ein anderes Mal, wenn der Papist nicht dabei ist, Auskunft zu verlangen. Wenn ihr euch nämlich vor den Ohren dieses sehr gut geschulten (und N. B. mit meinen Gedankengängen bis in alle Winkel vertrauten — er hat den Doktor über mich gemacht30!!) kleinen Mannes verzankt, so könnte es peinliche Situationen geben, die er gewiß nach beiden Seiten ausspielen würde, um euch zum Schluß alle zur «Heimkehr» einzuladen.
Hier hat Alles endlich — erst am 7. Mai! —, aber ordnungsmäßig beginnen können. Ich habe an Hörern keinerlei Einbuße erlitten, und alle scheinen ruhig und ordentlich dabei zu sein. Das Thema ist zunächst und noch für eine Weile eben — die Jungfrauengeburt, zu der mir noch allerhand aufgegangen ist und die hoffentlich in dieser neuen Fassung ebenso positiv, aber etwas geschützter als das erste Mal dastehen wird.31 Für die neu Hinzugekommenen ist es gewiß eine harte Nuß, daß sie nun ihr Dogmatikstudium z. T. gerade mit dieser Sache beginnen müssen, nicht zum wenigsten für einen kleinen Japaner, der, selber Heide, von seinem heidnischen Philosophieprofessor in Tokio direkt hieher ge|651schickt worden ist, weil der «Römerbrief» die richtige Philosophie sei32. Oha! Ja, der Römerbrief kommt mir überhaupt jetzt gelegentlich als Knüppel zwischen die Füße, und irgend einmal in meinem Leben sollte ich dann doch auch noch dazu Zeit finden, ihn ein drittes Mal so auszulegen, daß er nicht einfach von glatten Heiden geschluckt werden kann. An Schweizern sollen nicht weniger als 18 da sein, darunter eine muntere Gruppe von Welschen. Ein Deutschschweizer, dessen Name mir entfallen ist, hat gleich bei seinem Antrittsbesuch sehr warm für die Oxfordsache plädiert.
Die Biblischen Zeugnisse verlangen für die Predigten sicher keine Übersetzungsgebühr, da ich sie ihnen auch ohne Honorar gegeben habe. Lempp soll das eben auch lassen.33 Wir wollen hier sehen, die Texte zusammenzubringen, und werden sie dir dann schicken. Sag, wollen wir die bewährte Sache mit der Halbanonymität wirklich aufgeben, weil die Neugierigen da drüben durchaus «vergleichen» wollen? Ich würde ihnen das gerne vorenthalten, aber wenn du Gesichtspunkte für diesen Vorschlag geltend zu machen hast, so will ich mich auch damit zufrieden geben.34
Ich habe das Reiten wieder aufgenommen und, weil ich es sonst ganz |652 allein betreiben müßte, sowohl Lollo als auch Wolf überredet, es auch zu erlernen. Das wird nun geschehen. Überdies erzählte mir gestern der Reitmeister, bei ihm hätten sich nicht weniger als sieben schweizerische Theologiestudenten zur Erlernung dieser Kunst angemeldet. Man wird also später die Vertreter der reinen Lehre daran erkennen, daß sie gelegentlich im Galopp durch ihre Gemeinden sausen.
Grüße Marguerite und deine Kinder! Und grüße meine Tochter Franziska! Sie solle aller empfangenen väterlichen Belehrung hinsichtlich der verschiedenen Lebensmöglichkeiten eingedenk sein, und irgend einmal werde auch sie einen Brief von mir erhalten.
Von Herzen!