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Es ist längst wieder ein Brief an dich fällig geworden, ohne daß es in der merkwürdigen beschäftigten Unbeschäftigtheit, in der ich z. Z. existiere, dazu hätte kommen wollen. Gestern ist der Lobgesang auf dich, der, wenn er noch rechtzeitig kommt, dem amerikanischen Buch deiner Vorträge vorangehen soll, nach Kanada und an dich und aufs Bergli abgegangen.2 Lollo freute sich des neuen Genre der «Heiligenbiographie», in dem ich mich da versucht habe, und ich muß gestehen, daß ich es mit besonderer Lust getan habe, hoffentlich so, daß sich auch Marguerite mit mir zufrieden erklären kann.
Am 14. Juni wird nun mein zweiter Termin in Berlin stattfinden.3 Ich werde nicht selbst hingehen, sondern mich durch den inzwischen zum vollgültigen Rechtsanwalt vorgerückten Herrn Bleibtreu vertreten lassen. Es ist gut, das Datum der Entscheidung nun jedenfalls mit Bestimmtheit herannahen zu sehen. Aber nun ist inzwischen — und eben deshalb hätte ich dir längst schreiben sollen — ein ganz neuer Faktor auf den Plan getreten, der bis zum selben Datum auch noch eine Gestalt annehmen kann, die meine Zukunft nochmals in einer anderen als der vorgesehenen Richtung bestimmen würde. Wir hatten am Ende April eine rheinische Synode in Barmen, bei der es unvorhergesehener Weise zu einem Vorstoß hinsichtlich meiner kam, auf den die ganze Kirche voll Leute durch spontanes Aufstehen von den Plätzen reagierte und |880 der nun praktisch weiter vorgetrieben wird. Es handelt sich darum, daß — diesmal nun nicht nur die reformierte Gruppe im Wuppertal, sondern die ganze Bekenntniskirche im Rheinland und in Westfalen mir Auftrag und Besoldung gibt, hier in Bonn selbst in irgend einem Saal das Dozieren fortzusetzen.4 Noch ist es nicht heraus, ob das — was der Staat dazu sagen wird, bleibt vorläufig eingeklammert! — finanziell möglich ist und ob sich die beiden Kirchenkörper in ihrem derzeitigen Zustand wirklich dazu entschließen, mir diesen Auftrag zu geben und sich damit vor Gott und der Welt mit mir solidarisch zu erklären. Ich habe verlangt, daß beides und besonders das Letztere bis zum 14. Juni ganz durchsichtig sein müsse, damit ich es dann zugleich mit dem Bescheid des Gerichts als Material für meine Entschließung vor mir habe.
Ich wollte menschlich geredet wohl, daß das — fünf Minuten vor zwölf, wie es in Barmen hieß — nun nicht noch gekommen wäre. Aber nun ist es eben gekommen und damit noch einmal das mich nun seit dem November so beunruhigende Problem, ob ich nicht eben doch hier bleiben und dem immer dichter werdenden Unwetter als «Lehrer der Kirche», wie der vielberufene Titel lautet, mit standhalten muß. Die Stellung der Kirche im Ganzen wird von Tag zu Tag problematischer und gerade auch die Situation innerhalb der Bekenntniskirche — mit dem kleinen Lichtblick, von dem ich dir wohl in einem meiner letzten Briefe meinte schreiben zu können, war es alsbald wieder nichts — immer verworrener. Und die Situation der studentischen Jugend wird, wie man schon in diesem Semester konstatieren kann, eine fast trostlose |881 (ich halte privatim eine kleine Sozietät5), und [man] kann es schon mit Händen greifen, wie das Niveau abzusinken beginnt: wenn die Speisung, die die Leute nötig haben, dauernd ausbleibt, wird aus dem Nachwuchs, soweit er nicht häretisch oder heidnisch wird, eine sehr eifrige, aber auch sehr unkultivierte Bekenntniskaplanschaft werden, die den kommenden Entwicklungen unmöglich gewachsen sein wird. Es hängt nun ganz gewiß nicht an mir, daß da eine Errettung eingreift. Ich bin sehr vielen gerade von den kirchlichen Problemen, die sich jetzt immer drängender stellen, auch nicht gewachsen, besonders seit sich durch die unselige Marahrens-Lösung6 Alles noch einmal kompliziert hat. Aber die Frage, ob man irgendwelche Aussichten hat bei seinem Tun, wird jetzt fast sekundär gegenüber der Frage, ob man aufhören darf, an seiner Stelle wenigstens zu tun, was man kann? ob man seinen Posten, wie verloren er immer aussehen mag, verlassen darf, bevor man eben daraus vertrieben ist? Ich will nicht davon reden, wie viele Stimmen immer wieder fast flehentlich an mich dringen: Bleiben Sie bei uns in Deutschland!7 Aber verstehst du, daß ich, wenn nun wirklich die Kirche wirklich ernstlich mir das zurufen würde, vielleicht doch noch einmal ernstlich daraufhören müßte? Aber ohne Farel — obwohl inzwischen auch ein Mann bei mir war, der nun wirklich im Stile Farels fast sechs Stunden lang auf mich eingeredet hat!8 Ich würde ja das heutige |882 Deutschland ums Leben gern hinter mir lassen und nie mehr sehen müssen. Aber was hat eine solche unmittelbare Empfindung mit Pflicht und Gebot zu tun, wenn diese nun vielleicht gerade dahin lauten sollten, in diesem Deutschland auszuhalten? Und was mit all den deutschen Menschen, die mir Treue gehalten haben und nun einfach von mir verlangen, daß ich ihnen, solange ich auch nur einen Schatten von Möglichkeit dazu habe, auch wieder Treue halte? Und was vor Allem mit der Sache der Kirche, die hier in einen so bösen Engpaß geraten ist, daß wirklich jede noch so schwache und ungeschickte Hand nötig und angefordert ist, um den Karren vielleicht doch noch einmal flott zu machen? Über dem allem kann ich mich wirklich noch so gar nicht dabei sehen, Möbel und Bücher zusammenzupacken und nun eben doch über die Grenze zu gehen. Und Basel?, wirst du fragen. Glaub mir, daß ich keinen Augenblick übersehe und überhöre, was auch dort nötig wäre und was mich auch dorthin ruft. Sowie ich sehen würde, daß es den Leuten hier, nämlich denen, die für ein solches Unternehmen schließlich die Verantwortung mit müßten tragen wollen, wenn es nicht ein Räuberstücklein sein soll, [nicht] ernst ist, dann würde ich sicher sofort — und sogar mit einer gewissen psychologischen Erleichterung — in Basel zusagen.9 Noch ist ja nichts entschieden, ob es nicht doch dazu kommt, wenn ich auch heute Ernst Staehelin geschrieben habe, sie sollten den Lektionskatalog zunächst ohne Rücksicht auf mich fertig machen.10 Aber nicht wahr, wenn — ja wenn die Sache nun hier doch ein Gesicht bekäme, daß sie mir unausweichlich würde, dann könnte und würde doch alles das noch einmal in Kraft treten, was seiner Zeit in Basel und |883 in Barmen über eure Offenheit für die wirklichen Erfordernisse der deutschen Lage gesagt wurde? Mit den Basler Regierungsleuten habe ich ja immer so geredet, daß ich sie auf unerwartete Eventualitäten vorbereitete. Wie weit es gelingen würde, auch weiteren Kreisen klar zu machen, daß ich eben rebus sic stantibus nicht der freie Mann bin, der ein zu berufender Professor in normalen Verhältnissen zu sein pflegt, und mir also ihr Wohlwollen a conto einer früheren oder späteren weiteren Unglückszeit zu erhalten, das kann ich nicht übersehen. Aber man wird doch gewiß auch in Basel eine Empfindung davon haben, daß die Weltordnung im Ganzen (wahrlich nicht nur in Deutschland) wieder einmal im Begriff steht, aus allen Fugen zu gehen, und daß darum außerordentliche Maßnahmen und Wendungen nicht an sich als etwas Unerhörtes aufgefaßt werden dürfen.
Nächste Woche soll eine Reichssynode in Augsburg stattfinden, bei der ich als rheinischer Synodaler und als Mitglied des theologischen Ausschusses (ein Gremium, in dem am anderen Flügel auch Georg sitzt, neben Sasse usw.!) auch wieder teilnehmen werde. Im Anschluß daran kommen wir dann zum Ausschnaufen 10 Tage aufs Bergli (von München her). Du mußt dann auch einmal dorthin kommen, um dir Alles mit uns durch den Kopf gehen zu lassen.
Magst du den Brief an Rudis weitergeben, damit auch sie das alles bereits gehört haben, bevor wir kommen? Nein, das Leben ist nicht leicht, sondern eine zum Aus-der-Haut-Fahren schwierige und dialektische Angelegenheit.
Sei indes mit Marguerite herzlich gegrüßt von deinem