20. Mai 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Es ist einfach fabelhaft, was du über mich zu sagen wußtest. Ich habe alles mit einem halb erschrockenen, halb erfreuten und gerührten Herzen gelesen: erschrocken, weil ich mehr als durch einen weiteren Doktorhut mich aufgerufen und verpflichtet fühlte, den großen Konturen, in denen ich mich da plötzlich gezeichnet sah, auch irgendetwas Entsprechendes in der Existenz gegenüberzustellen, erfreut, weil ich deine treue Freundschaftshand hier am Werke sah, mich herzurichten und in |884 Erz zu gießen. Ich habe auch die allerlei Mahnungen an den hier Dargestellten, das gewisse leise geführte Privatgespräch, das du hier zu mir hin geführt hast, durchaus gehört, die gewissen trefflichen Retouchierungen wohl gesehen, die an den gefährdeten Stellen des hier der Nachwelt zu Überliefernden und natürlich im besten Lichte zu Überliefernden vorgenommen werden mußten. Wirklich, so muß es gemacht werden, so liebevoll und doch umsichtig, wenn denn das fragliche Geschäft der Erstellung einer vita unternommen werden soll. Karl, du bist auch in dieser Sache meisterlich zu Werke gegangen. Ich habe dein opus sofort schamhaft versteckt, aber Marguerite hat es mir abgenommen und als ihren eigensten Privatbesitz erklärt. Es wird nun wohl hie und da einigen besonders Erlesenen zur Betrachtung überreicht werden. Und wer weiß, vielleicht liest es Marguerite selber in allen den Stunden, wo der hier Dargestellte ihr in der Existenz etwas fraglich vorkommt. Was werden die Amerikaner erst davon sagen? Es steht zu befürchten, daß theologische Weltreisende nun den Münsterplatz in ihre Tournee aufnehmen, um den neuen dialektischen Heiligen auch in Person zu sehen.

Dein Brief — ach, wie wollte er uns nicht aufs tiefste und nachdrücklichste bewegt haben. Ich verstehe dich völlig. Und zwar dahin, daß du wirklich alle, auch die letzten Möglichkeiten ausschöpfen mußt, ehe wirklich der Vorhang über der gegenwärtigen Bühne fallen und ein neuer Akt etwas weiter oben am Rheine beginnen kann. Hartenstein und Heiner Gelzer, denen ich im Vertrauen die Sache unterbreitete, haben bewegten Herzens beigestimmt: wenn die Kirche, wirklich die Kirche rufen sollte, und zwar in einer nicht nur verwegenen, sondern auch sinnreichen Weise, wie solltest du da nicht hören müssen, da doch dieser Ruf aus einer letzten Bedrängnis herauskommt! Aber Karl: ich rechne trotzdem ganz nüchtern weiter mit Basel und habe dies auch Ernst Staehelin gesagt, ich kann nicht glauben, daß «es» geht, wirklich geht! Nero wird sein Wort dazu auch sagen! Warten wir ab! Nur hoffentlich nicht zu lange. Aber natürlich mußt du nun zunächst so weitergehen. Eure innere Lage stellt sich mir so dar, daß sie eigentlich für hier spricht, gerade sie für hier spricht: denn ich würde für N. einfach eine Entlastung erwarten, und das wäre viel wert. Doch auch das sei alles dahin gestellt, wohin es gehört, in den größeren Zusammenhang deiner Führung, deines Gerufenseins. Alles, alles kann hoffentlich in Kürze |885 auf dem Bergli in Ruhe erwogen werden. Oder dann hier in Basel. Natürlich wird bei wirklicher Verzögerung hier allerlei zu erklären und zu bedeuten1 sein, damit die auf dich Hoffenden dich doch auch verstehen lernen. Auch das müssen wir dann mündlich erwägen.

Gestern habe ich einen sorgenvollen und betrübten Sonntag verbracht, und zwar sorgenvoll und betrübt wegen einer einfach unerlaubt untauglichen Predigt, die unser Schüler Lackmann in der Kirche deines Großvaters Sartorius2 gehalten hat. Das war einfach durch und durch Epigonentum, zweite Generation in übelster Gestalt, die hier zu vernehmen war. Es kam alles, alles, was an sich gut und wahr wäre, aber so heillos schematisch, so abgeklappert und zugleich so anmaßend, daß es zum Drauslaufen war. Und das Schlimme: eben zum Drauslaufen vor der eigenen Drehorgel! Ach, Karl, was tun? Bewahre uns Gott vor unseren Schülern! Ich saß mit meinem ganzen Seminar in der Kirche, und dieser Eleve wird etwas zu hören bekommen. Aber andererseits spielt er sich so als «echtrussischer Mann» auf, das heißt so als dein Spezialschüler und angehender Lizentiat, daß natürlich unser Name doch etwas stinkend geworden3 ist. Aber laß du ihn in Ruhe, ich werde das Nötige schon an ihn ausrichten. Nur eines: dieser Jüngling sollte eine Generalsperre für alle unsere literarischen Auftretmöglichkeiten erhalten, bis er sich durch neue Proben als etwas demütiger und wissender ausgewiesen hat. Ich weiß schon, «es» ist mit ihm durchgegangen, er hat ganz sicher seine Predigt auch nicht richtig geschrieben und gelernt, er kann eben loslegen, solche Leiern kann man gar nicht lernen: aber ich hätte ihn auch schlicht für ein wenig begabter gehalten! Irgendwo hat er mich auch wieder einfach gedauert.

Und dabei hätte er doch an deinen letzten vier Predigten4 schlechthin Musterbeispiele gehabt für das, was wahre Homilie ist. Wir alle sind einfach mitgenommen von deiner Predigt über die Stillung des Sturmes.5 Ich habe sie auch rein technisch als eine Predigt genossen, |886 der sachlich nur noch die Homilien Luthers und Calvins selbst an der Seite stehen.

Und nun sei mit Lollo und Nelly herzlich gegrüßt! Sobald du im Bergli eingetroffen sein wirst, laß es mich wissen.

Dein
Eduard

Übrigens: Karl Ludwig kommt nun mit Sicherheit — menschlich geredet — auf den Stuhl von Goetz. Die Kuratel schlägt ihn vor.6 Es scheint alles glatt zu gehen. Doch ist das ganz neu und noch nicht öffentlich — du mußt ihm noch nicht gratulieren!

Sachfußnoten

1
D. h. «anzudeuten», «zu verstehen zu geben».↩
2
D. h. in der Basler Elisabethenkirche, an der Karl Achilles Sartorius (1824–1893) 1851–1892 Pfarrer war; vgl. Busch, S. 15f. und Abb. 4 📖.↩
3
Vgl. Gen. 34,30; Ex. 5,21; 1.Sam. 13,4; 27,12 u. ö. in der Lutherbibel (zuletzt in der Fassung von 1912) 📖.↩
4
K. Barth, Vier Predigten (ThExh 22), München 1935 📖; vgl. Pr. 1921-1935, S. 383–417.428-440. 📖 ↩
5
Predigt über Mt. 8,23–27, in: Pr. 1921-1935, S. 403–417. 📖 ↩
6
In dem Gutachten, das die theologische Fakultät am 5.4.1935 an die für die Besetzung des zum SS 1935 freiwerdenden neutestamentlichen Lehrstuhls zuständige Expertenkommission sandte, war Schmidt noch — nach M. Dibelius und vor H. Schlier — an zweiter Stelle vorgeschlagen worden. Schmidts wissenschaftliche Eignung sei zwar vorhanden, doch: «Was sonst seine Persönlichkeit anbelangt, so wurde von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen, dass er sich in Deutschland durch die Art seiner universitätspolitischen Betätigung in akademischen Kreisen mancherorts unbeliebt gemacht habe. Das verhindert die Mehrheit der Fakultät, ihn an erster Stelle vorzuschlagen» (Staatsarchiv Basel-Stadt, Signatur: UA VII 5,3 Goetz, Karl). Die Kuratel beschloß nach entsprechenden Voten mehrerer Mitglieder — darunter M. Gerwigs und des Vorsitzenden Thalmann — in ihrer Sitzung vom 20.5.1935, Schmidt zur Berufung zu empfehlen. Regierungsrat Hauser wies u. a. darauf hin, daß für «die Basler Behörden … auch gewisse moralische Verpflichtungen gegenüber Herrn Prof. Schmidt» vorlägen (Protokollbuch der Kuratel 1930–1935, S. 525f. Staatsarchiv Basel-Stadt). Am 12.7.1935 beschloß der Regierungsrat Schmidts Berufung (Dokument im Staatsarchiv Basel-Stadt, Signatur: UA VII 5,3 Schmidt, Karl Ludwig). Vgl. Mühling, S. 172. 📖↩